Die Wirtschaftsexpertin Anja Kohl („Wirtschaft vor acht“) ist Referentin der Landesversammlung.

„Qualität und Herkunft wirtschaftlich nutzen“

Anja Kohl dürften viele aus der Wirtschaftssendung „Wirtschaft vor acht“ in der ARD kennen, wo sie regelmäßig das politische und wirtschaftliche Geschehen erklärt und kommentiert. Am 28. Februar wird die ARD-Börsenexpertin auf der Bauernbund-Landesversammlung über die Weltordnung im Wandel und die Chancen für Wirtschaft und Landwirtschaft sprechen.

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SBB

Frau Kohl, die Weltwirtschaft ist geprägt von geopolitischen Spannungen, Zöllen, Energiekrisen und fragilen Lieferketten. Welche dieser Faktoren stellt aus Ihrer Sicht aktuell die größte Herausforderung für den Wirtschaftsstandort Europa dar – und warum?
Aus meiner Sicht sind die Energie- und Rohstoffkosten und die aktuellen Importabhängigkeiten die größten strukturellen Wettbewerbsnachteile für den Standort Europa, weil sie wie ein „Preisaufschlag“ auf fast jede Wertschöpfung wirken. Der Draghi-Bericht beschreibt diese Kostenproblematik sehr deutlich - darunter die höheren Strom- und Gaspreise im Vergleich zu den USA oder China - und leitet daraus ab, dass bei Marktregeln, Netzen und Investitionen gehandelt werden muss. In der Landwirtschaft sind die schwierigen Rahmenbedingungen besonders zu spüren, da Energie nahezu überall drinsteckt – in der Bewässerung, der Lagerung bzw. Kühlung, im Gewächshaus, in der Verarbeitung und indirekt auch massiv in Stickstoffdüngern und dem Transport. Hinzu kommen geopolitische Spannungen, die die Versorgung mit Bestandteilen für die Energiewende- und Digitaltechnik erschweren und verteuern, was für Betriebe hohe Preis- und Lieferrisiken bedeutet. 
Der entscheidende Punkt ist: Europa kann darauf reagieren, in dem es seine Lieferbeziehungen diversifiziert und strategisch neu ausrichtet, auf transparente und verlässliche Partner. Für die Landwirtschaft heißt das, Energie als zentralen Produktionsfaktor zu begreifen – durch Eigenenergie, Effizienz und regionale Versorgungskonzepte. Betriebe, die einen Teil ihrer Energie selbst erzeugen und ihren Verbrauch aktiv steuern, können nicht nur Kosten reduzieren, sondern auch Planungssicherheit gewinnen. Darin liegt eine der wichtigsten Stellschrauben für die nächsten Jahre. 

Europa wird oft für seinen großen Binnenmarkt, seine Stabilität und sein Know-how gelobt. Davon spürt man derzeit aber wenig. Wie ließen sich diese Stärken besser in Wachstum übersetzen?
Europa hat eigentlich alle Voraussetzungen für Wachstum, doch sie werden zu wenig genutzt. Ideen sind genug da. Das Problem ist die mangelnde und zu langsame Umsetzung. Innovationen kommen nicht schnell genug in die Breite, Investitionen stecken in der Pipeline oder im ausufernden Staatsapparat fest. Es fehlen größere Finanzierungsrunden und auch manchmal einfach der Mut, größer zu denken und die Ideen „auf die Schiene“ zu bringen. Der Binnenmarkt wird immer noch zu selten als gemeinsamer Entwicklungsraum gedacht. Doch nur Europa als Ganzes kann in dieser neuen Weltordnung Erfolg haben. Die Lösung liegt in der Skalierung und in Kooperation. Konkret für die Landwirtschaft bedeutet dies: neue Technologien, digitale Systeme und neue Geschäftsmodelle müssen nicht von jedem Betrieb allein entwickelt werden. Das ist gerade für die kleinen Südtiroler Betriebe wichtig. Genossenschaften, regionale Netzwerke und gemeinsame Investitionen sind der Schlüssel, um Know-how tatsächlich wirtschaftlich wirksam zu machen. Europa muss seine Stärke im Miteinander nutzen, dann wird aus Stabilität neues Wachstum entstehen.

An welchen Stellen steht Europa real unter Wettbewerbsdruck – und wo haben wir vielleicht mehr politischen und wirtschaftlichen Gestaltungsspielraum, als gemeinhin angenommen wird? 
Unter Wettbewerbsdruck steht Europa dort, wo große Skaleneffekte und niedrige Kosten entscheidend sind. Das betrifft Standardprodukte und energieintensive Prozesse. Südtirol kann – und muss – diesen Wettbewerb nicht zwingend über die Menge führen, sondern über Qualität, Herkunft und Spezialisierung bzw. Diversifizierung. Seit Jahren zeigt Südtirol, dass es mit hochwertigen Produkten geschützter Herkunft und mit starken Marken international erfolgreich ist und auch, dass es Märkte erschließen kann. Dieser Weg lässt sich bestimmt weiter ausbauen, auch bei Nischenprodukten. Wenn hohe Standards nicht nur kontrolliert, sondern aktiv vermarktet werden, entstehen auf Dauer stabile Erlöse. Die Lösung liegt also nicht darin, die Anforderungen aufzuweichen, sondern seine Stärken und das Erreichte besser wirtschaftlich zu nutzen und strategisch in die Zukunft zu führen, mit einem klaren Plan.

Wenn Sie drei Prioritäten nennen müssten, um den Wirtschaftsstandort zu stärken: Welche wären das, und wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

  • Erstens: Planbare Energie. Viele Südtiroler Betriebe sind bereits aktiv und haben in Photovoltaik investiert. Die nächste Entwicklungsstufe liegt in Speicherlösungen, intelligenter Nutzung und gemeinschaftlichen Energiekonzepten.
  • Zweitens: Es braucht Investitionssicherheit. Gerade für kleine Betriebe heißt das stabile Förderprogramme, einfache Genehmigungen und langfristige Perspektiven. Dies ist entscheidend, um Investitionen überhaupt wagen zu können.
  • Drittens: Aus- und Weiterbildung. Wer neue Technologien nutzen will, braucht dazu das Wissen. Hier liegt einer der größten Hebel für Wettbewerbsfähigkeit. 

Frau Kohl, Sie haben es bereits kurz angesprochen. Eine große Wachstumsbremse ist die Überreglementierung. Was muss hier dringend geändert werden? 
Die Flut immer neuer Regeln muss gestoppt werden! Überreglementierung bindet Zeit und Energie, was zu Kosten im Betrieb führt. Standards sind gut, doch nur, wenn sie intelligent sind und den Praxistest bestehen. Helfen würde schon, wenn Betriebe stärker an ihrem Erfolg und den Ergebnissen insgesamt gemessen werden, nicht nur an der exakten Einhaltung einzelner Maßnahmen. Digitalisierung kann hier enorm helfen und leisten. Systeme zur Datenerfassung zum Beispiel, die mehrfach genutzt werden. Gleichzeitig braucht es längere Planungshorizonte, sonst werden Investitionen ständig durch die kurzfristige Änderung von Regeln entwertet. Das schafft Vertrauen – und nur mit Vertrauen wird investiert. Vertrauen ist Grundvoraussetzung für Weiterentwicklung.

Viele Unternehmen zögern derzeit bei Investitionen. Was muss getan werden, damit gerade langfristige Investitionen in Landwirtschaft, Energie und Infrastruktur wieder attraktiver werden?
Investitionen brauchen Sicherheit. Für Südtirols Landwirtschaft bedeutet das vor allem klare Rahmenbedingungen und realistische Fördermodelle. Viele Betriebe investieren bereits in Direktvermarktung oder Urlaub auf dem Bauernhof, zwei Bereiche, die wachsen und zusätzliche Einkommensquellen schaffen. Diese Entwicklungen müssen gezielt unterstützen werden, etwa durch Beratung, durch Investitionsförderung, durch stabile rechtliche Rahmenbedingungen. Betriebe müssen davon ausgehen können, dass sich Qualität, Regionalität und Diversifizierung langfristig auch wirklich rechnet. Dann investieren sie auch. 

Wo sehen Sie die größten Innovations- und Wachstumspotenziale für Unternehmen?
In der Nachhaltigkeit. Die größten Potenziale liegen dort, wo Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Nutzen bringt. Energieeffizienz, Eigen-Energie und eine sehr präzise Bewirtschaftung senken die Kosten. Dadurch wird der Betrieb widerstandfähig gegen mögliche Ausfälle und Krisen. Viele Südtiroler Höfe praktizieren dies ja bereits: sie leisten mit Photovoltaik nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern sie erhalten dadurch betriebswirtschaftliche Vorteile. Neue Chancen ergeben sich auch in der Produktion durch neue Technologien, indem Wasser, Dünger und Pflanzenschutz noch gezielter eingesetzt werden. Nachhaltigkeit sollte nicht als Anforderung oder Belastung begriffen werden, sondern als ein Schlüssel für Erfolg, als Investition in die Zukunftsfähigkeit des Betriebs. Wobei jeder Betrieb anders ist und für sich selbst seine Möglichkeiten ausloten muss. „Augen zu, interessiert mich nicht“ wäre der größte Fehler. 

Sie werden auf der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes am 28. Februar über die Landwirtschaft als strategischen Teil des Wirtschaftsstandorts sprechen. Welche Rolle spielt der „unternehmerische Bauernhof“ künftig für Ernährungssicherheit, regionale Wertschöpfung und Energieerzeugung?
Der „unternehmerische Bauernhof“ der Zukunft ist vielseitig. Er produziert Lebensmittel, nutzt erneuerbare Energien, vermarktet direkt und bietet Dienstleistungen wie Urlaub auf dem Bauernhof an. Gerade für kleinstrukturierte Regionen ist diese Diversifizierung entscheidend. Kooperationen und eine professionelle Beratung helfen, diese Vielfalt wirtschaftlich zu nutzen. Es geht nicht um Wachstum um jeden Preis, sondern man sollte sich auf den langfristigen Erfolg konzentrieren. 

Was bedeuten die aktuellen Transformationsprozesse ganz konkret für landwirtschaftliche Betriebe und welche Rahmenbedingungen brauchen sie, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben?
Digitalisierung und KI werden zu wichtigen Werkzeugen, gerade für kleinere und im Nebenerwerb geführte Betriebe. KI kann Wetter- und Krankheitsrisiken früh erkennen, Bewässerung optimieren oder Arbeitsabläufe effizienter planen. Sensortechnik kann Daten liefern und helfen, Entscheidungen fundierter zu treffen. Die große Chance liegt darin, Zeit zu sparen und Ressourcen effizienter zu nutzen. Natürlich gibt es auch Risiken: die Abhängigkeit von Plattformen, die unklare Nutzung von Daten, die mangelnde Transparenz der Algorithmen usw. Die Lösung liegt in offenen, souveränen und wenn möglich europäischen Systemen und Alternativen. Der Umgang mit Daten muss klar geregelt sein, überprüft und kontrolliert werden. Gute Schulung ist Pflicht. KI soll den Bauern unterstützen und nicht ersetzen. KI kann tausend Datenpunkte auswerten. Transformation heißt: Erfolgreich wird sein, wer Wissen und neue Technologien sinnvoll einsetzt und seinen Betrieb breit aufstellt. Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, Investitionssicherheit und starke Beratung. Der Südtiroler Bauernbund spielt hier eine zentrale Rolle, indem er Betriebe begleitet, informiert und unterstützt. Überhaupt Netzwerke, damit Südtirol als Region weiter gedeiht.

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