Marketing | 13.11.2008

Mehr Freiheit, mehr Eigenverantwortung

Für Südtirols Direktvermarkter gelten neue Bestimmungen. Sie bringen eine weitere Flexibilisierung, aber auch mehr Eigenverantwortung. Vor allem für Klein- und Kleinstbetriebe können sie interessant sein: Für sie hatte sich der Einstieg in die Direktvermarktung bisher oft wegen der hohen Investitionskosten nicht gelohnt.

Das überarbeitete Direktvermarkterdekret ist am 28. Oktober im Amtsblatt veröffentlicht worden. Es ersetzt die alten Direktvermarktungsbestimmungen vollinhaltlich. Im Vergleich zu früher bringt es einige wesentlichen Neuerungen bzw. Erleichterungen.
Grundsätzlich beinhaltet es viele Anpassungen an die neue Gesetzeslage auf EU- und Staatsebene. Dort hat es in den letzten Jahren einige Liberalisierungen gegeben. Diese werden nun im Landesdekret berücksichtigt. Gleichzeitig wird die Eigenverantwortung der Betriebsinhaber gestärkt. Dies bedeutet aber auch, dass Letztere sich verstärkt mit dem Bereich Hygiene im Betrieb auseinandersetzen müssen.

Primäre und verarbeitete Produkte
Das Dekret definiert einige Begriffe neu. So wird in Zukunft zwischen landwirtschaftlichen Primärprodukten und verarbeiteten Produkten unterschieden.
Primärprodukte, die im Rahmen der Direktvermarktung verkauft werden, müssen aus Südtirol und direkt aus der Bewirtschaftung des Bodens oder der Viehzucht des Bauern stammen. Als Primärprodukte gelten auch wild wachsende Pflanzen.
Verarbeitete Produkte eigener Herstellung sind hingegen jene Produkte, die aus der Verarbeitung der vorwiegend eigenen Primärprodukte hervorgehen. Die Grundstücke hierfür dürfen auch in Provinzen liegen, die an die Provinz Bozen angrenzen. Der kleinere Teil der Rohstoffe kann also in Zukunft zur Verarbeitung zugekauft werden. Ein Verkauf von zugekauften Endprodukten hingegen ist weiterhin nicht möglich.

Erweiterter Anwendungsbereich
Neu ist: Die Verarbeitung eigener Produkte darf auch im Lohnverfahren durch Dritte erfolgen. Das Endprodukt wird dennoch als eigenes Produkt anerkannt.
Die Produkte können ab Hof, am Bauernmarkt, auf Wochenmärkten, in Form von Wanderhandel oder über den Tür an Tür-Verkauf abgesetzt werden.
Als öffentlicher Direktverkauf wird in Zukunft auch die Lieferung an Geschäfte und Wiederverkäufer verstanden. Damit wurde für die Direktvermarkter, die nicht als handwerklicher Betrieb ermächtigt wurden, eine neue Verkaufsschiene erschlossen.

Bäuerliches Handwerk
Die alten Bestimmungen haben nur die Vermarktung von Lebensmitteln geregelt. Nun wurde klargestellt, dass auch Nicht-Lebensmittel (z.B. Wollprodukte) am Hof hergestellt und im Rahmen der Direktvermarktung verkauft werden können. Voraussetzung hierfür ist, dass diese Tätigkeit nicht im Haupterwerb ausgeübt wird und dass hierfür eigene Rohstoffe wie Wolle, Wachs, Holz und ähnliche verwendet werden. Aus hygienischer Sicht müssen dabei keine besonderen strukturellen Voraussetzungen eingehalten werden.

Meldung Tätigkeitsbeginn
Die Tätigkeit der Direktvermarktung kann in Zukunft durch eine Tätigkeitsbeginnmeldung (DIA – dichiarazione inizio attività) an die territorial zuständige Gemeinde aufgenommen werden. Dabei wird auf das allgemein gültige Registrierungsverfahren zurückgegriffen. Die Gemeinde leitet die Meldung an die zuständige Sanitätsbehörde zur Registrierung weiter. Mit der Tätigkeit kann sofort begonnen werden.
Der Betriebsinhaber erklärt bereits bei Abgabe der Meldung, über alle sanitären Voraussetzungen zu verfügen. Die Verantwortung über die Einhaltung der strukturellen Voraussetzung ist also auf den Lebensmittelunternehmer abgewälzt worden. Eine Abnahme der Räume vor Tätigkeitsbeginn durch die Sanitätsbehörden ist nicht mehr notwendig. Die Behörden können das Vorhandensein der strukturellen Voraussetzungen aber im Nachhinein überprüfen.
Alle Betriebe, die bereits eine sanitäre Ermächtigung besitzen, brauchen sich nicht mehr registrieren.

Eier-Stempel nur ab 50 Hennen
Seit 1. Juli 2005 mussten auch Eier, welche auf Märkten verkauft werden, den Erzeugerkodex tragen, auch wenn die Eier nicht sortiert werden. Die EU- Bestimmungen haben den einzelnen Ländern die Möglichkeit offen gelassen, Betriebe mit wenigen als 50 Legehennen für Verkäufe auf Märkten im Produktionsgebiet von dieser Auflage zu befreien. Bedingung ist allerdings, dass am Marktstand ein Schild mit Name und Adresse des Betriebes, sowie das Aufbrauchdatum der Eier angebracht werden. Die Landesregierung hat nun diese Erleichterungen umgesetzt.

Rohmilch und Milchprodukte
Der Verkauf von Rohmilch Ab-Hof war bereits durch die alten Bestimmungen vorgesehen. Neu ist hingegen, dass die Milch in Zukunft auf Verlangen des Kunden auch zugestellt werden kann. Wanderhandel oder Hausiertätigkeit ist nach wie vor verboten. Im Dekret ist auch der Verkauf von Rohmilch mittels Abgabeautomaten vorgesehen. Aufgrund der Kosten dieser Geräte und der spezifischen Anforderungen dürften diese aber nur in einigen wenigen Ballungszentren wirtschaftlich interessant sein.
Die Milch, die verkauft werden soll, muss den allgemein vorgeschriebenen Voraussetzungen (Keimzahl, Zellzahl, usw.) entsprechen und muss bei max. +4°C aufbewahrt werden. Wird die Milch nicht thermisch behandelt, muss der Kunde mittels Schild oder Informationsblatt darauf hingewiesen werden, dass es sich um „Nicht pasteurisierte Rohmilch“ handelt.

Schlachtung von Geflügel und Kaninchen
Die Schlachtung von Kaninchen und Geflügel am Hof ist weiterhin möglich, wenn folgende Bestimmungen eingehalten werden:
- Schlachtung zeitlich getrennt nach Tierart in eigenen Schlachträumen oder in bestehenden Verarbeitungsräumen, wenn eine eigene „Schlachtecke“ eingerichtet wird. Diese müssen den hygienischen Mindestanforderungen entsprechen.
- Die Schlachtabfälle müssen gemäß den geltenden Bestimmungen über autorisierte Container entsorgt werden.
- Der Tierbestand muss unter tierärztlicher Kontrolle gehalten werden. Schlachtungstermine sind dem Tierarzt 24 Stunden vor der Schlachtung zu melden. Die Fleischbeschau muss am Tag der Schlachtung erfolgen. Der Bauer erhält eine Bescheinigung, dass das Fleisch für den menschlichen Verzehr geeignet ist (1 Kopie Tierarzt, 1 Kopie Bauer, 1 Kopie Kunde), erst dann kann das Fleisch verkauft werden.
- Zum Reinigen der Schlachtkörper dürfen keine Tücher verwendet werden.
- Das Fleisch muss bei maximal +4°C gelagert werden.
Die Mengenbegrenzung der wöchentlich und jährlich geschlachteten Tiere wurde aufgehoben. Außerdem darf das Geflügel zukünftig auch in Hälften und Vierteln angeboten, d.h. im Betrieb zerlegt werden.

Kräuter
Keine großen Neuigkeiten gibt es im Bereich Kräuteranbau. Bauern können Kräutermischungen für Aufgussgetränke selbst herstellen und verkaufen. Voraussetzung ist, dass eine Ausbildung abgeschlossen wurde, und dass sich die Betriebe durch das Versuchszentrum Laimburg ermächtigen und kontrollieren lassen.
Alle Kräuter, die für Südtirol freigegeben werden, sind im überarbeiteten Anhang des Dekretes aufgelistet. Die Herstellung von Kosmetika, Salben usw. bleibt weiterhin den Chemikern, Apothekern und Biologen (neu) vorbehalten.

Keine Mindestgrößen für Räume
Die hygienischen Voraussetzungen der Verarbeitungs-, Lager- und Verkaufsräume werden in einer Anlage des Dekretes zusammengefasst. Die wohl wichtigste Neuerung: Die Raumhöhe und vorgeschriebenen Mindestflächen sind abgeschafft. Sie müssen künftig lediglich an die ausgeübte Tätigkeit angepasst sein. Auch die eigene Küche kann für kleine Produktionsmengen als Produktionsraum herangezogen werden, sofern sie den Mindestanforderungen entspricht. Dies gilt sowohl für nicht leicht verderbliche Produkte (Marmelade, Sirupe, Honig) als auch für leicht verderbliche Produkte (Milchprodukte, Teigwaren …). Die Räume (eventuell auch die Küche) müssen folgende Mindestvoraussetzungen mitbringen:
- Fläche und Höhe der Räume müssen den auszuführenden Tätigkeiten angemessen sein.
- Mindestabstand von fünf Metern zur Mistlagerstätte.
- Keine direkte Verbindung zu den Stallungen der Tiere.
- Leicht wasch- und desinfizierbare Böden und Wände, der Anstrich der Wände mit waschbarem Material bis zu einer Höhe von zwei Metern. Bei nicht leicht verderblichen Produkten ist auch lackiertes Holz zugelassen. Bei leicht verderblichen Produkten sind Holzböden nicht zugelassen. Es muss ein Boden mit Wasserabfluss vorhanden sein.
- Decken, auch aus Holz, in sauberem und gutem Zustand. Bei leicht verderblichen Produkten müssen Holzdecken lackiert werden.
- Waschbecken mit für Lebensmittel geeignetem Wasser, ausgestattet mit einem Spender für Flüssigseife, Einweghandtüchern und einer geeigneten Warmwasser-aufbereitungsanlage.
- Falls für die Verarbeitung die Erhitzung des Produktes notwendig ist, muss über der Kochstelle eine Abzugshaube, auch mit geschlossenem Kreislauf, vorhanden sein.
- Leicht zu reinigende und zu desinfizierende lebensmitteltaugliche Arbeitsflächen.
- Müllbehälter, dessen Deckel mit Fußpedal betätigbar ist.
- Schrank, der ausschließlich zur Aufbewahrung von Lebensmitteln dient. Bei leicht verderblichen Lebensmitteln Kühlschrank mit Minimum-Maximum-Thermometeranzeige mit einer garantierten Temperatur von + 4 °C.
- Schrank, der ausschließlich zur Aufbewahrung von Putzmaterial und Desinfektionsmitteln dient.
- Angemessene Schutzvorrichtungen gegen Insekten und andere schädliche Tiere.
Abweichungen sind für Verkaufs-, Lager- und Reiferäume vorgesehen. Es wird auf jeden Fall empfohlen, die zuständigen Hygienedienste bereits in der Planungsphase zu kontaktieren und die notwendige Ausstattung abzuklären.

Bauernmarkt
Das Dekret bringt auch für die Bauernmärkte einige Neuerungen. Neben den allgemeinen Regeln für die Direktvermarktung müssen am Bauernmarkt einige spezielle Bedingungen eingehalten werden:
- Auf den Bauernmärkten in Südtirol dürfen nur Primärprodukte verkauft werden, die aus Südtirol stammen.
- Für verarbeitete Produkte müssen 75 Prozent der eingesetzten Rohstoffe aus dem eigenen Betrieb stammen.
- Auf dem Bauernmarkt ist unter Einhaltung der guten Hygienepraxis auch eine Verarbeitung und Verabreichung von Produkten ohne spezielle Meldung erlaubt
- Innerhalb von Bauernmärkten können in Zukunft auch didaktische Veranstaltungen und Vorführungen über landwirtschaftliche Produkte abgehalten werden.
- Verkaufsstände müssen gegen Sonne und Regen geschützt werden. Am Stand muss ein geeigneter Abfallbehälter mit Deckel (mittels Fußpedal betätigbar) vorhanden sein.
- Eine Kopie der Tätigkeitsbeginn-Meldung muss mitgeführt werden.
Verpacktes Fleisch kann in Zukunft am Bauernmarkt verkauft werden, sofern geeignete Voraussetzungen vorhanden sind.

Das Dekret verweist ausdrücklich darauf, dass die urbanistischen und steuerlichen Bestimmungen und die speziellen Bestimmungen im Hygienebereich (HACCP, gesetzliche Zusammensetzung der Produkte, erlaubte Zutaten, Etikettierung…) zusätzlich eingehalten werden müssen.

Weitere Auskünfte erteilen die Ansprechpartner für Zu- und Nebenerwerb in den jeweiligen Bezirksbüros des Südtiroler Bauernbundes sowie die Bauernbund-Abteilung Marketing.