Bauernbund | 30.01.2013

Der Wein, der in die Ferne schweift

Die Zukunft für den Südtiroler Wein liegt in den USA, Ostasien, Osteuropa und Südamerika. Denn der Markt in Südtirol und Italien ist gesättigt bis rückläufig. Dies sagte Hauptreferent Wolfgang Raifer (Kellerei Schreckbichl) auf der heutigen Weinbautagung in Eppan.

Eines vorweg: Südtirol und Italien sind und bleiben die Hauptabsatzmärkte für die Südtiroler Weinwirtschaft: 65 bis 80 Prozent der heimischen Weine werden hier getrunken, allein 40 bis 50 Prozent in Südtirol. „Genau das“, sagte der Geschäftsführer der Kellerei Schreckbichl Wolfgang Raifer (im Bild), „ist Stärke und Risiko zugleich.“ Denn der heimische Markt ist nahe und insofern leicht zu bedienen. Aber in Südtirol ist der Markt ausgereizt, teils gesättigt und zu einem Verdrängungsmarkt geworden. In Italien ist der Konsum sogar leicht rückläufig: Er leidet unter der Wirtschaftskrise und den Sparmaßnahmen.
Die große Gefahr: Billigangebote sind im Kommen und bringen den Südtiroler Weg – Qualität zu angemessenem Preis – immer stärker in Bedrängnis. In dieses Billigsegment dürfe Südtirol nicht abrutschen, warnte Raifer, denn dann drohe mit dem ein Imageverlust ein langfristiges Problem, das sich die Südtiroler Weinwirtschaft mit ihrem Qualitätsanspruch, den kleinen Mengen und kleinbäuerlichen Strukturen nicht leisten könne.

Ferne Märkte aufnahmefähig, aber werbeintensiv
Der Ausweg liegt in der Ferne: Während die Weinvermarkter in Südtirol und Italien eher versuchen müssen, die Position zu halten, senden einige Exportmärkte sehr positive Signale. „Viele Menschen in Wachstumsmärkten sind neugierig auf Neues und bereit, dafür auch Geld auszugeben“, sagte Raifer. Dazu zählen vor allem die USA, aber auch der ostasiatische Raum von Indien bis Japan, der ehemalige Ostblock samt Russland und Südamerika. Allerdings: Es sind keine leichten Märkte! Sprachliche und kulturelle Barrieren, manchmal auch rechtliche Schwierigkeiten erfordern einen intensiven Werbeeinsatz, vor allem durch qualifizierte Mitarbeiter vor Ort, in die man das nötige Geld investieren müsse. Aber mittelfristig sieht Raifer nur hier die Möglichkeit, den heimischen Wein in seiner Qualität und preislich auf hohem Niveau zu halten.
Das heißt nicht, dass man Südtirol, Italien und die traditionellen Exportmärkte – vor allem Deutschland – aus den Augen verlieren darf. Hier muss die heimische Weinwirtschaft darauf setzen, sich noch mehr mit Qualität zu positionieren, noch enger mit dem Tourismus zusammen zu arbeiten, zusammen mit der Sommeliervereinigung und Weinakademie viel in die Ausbildung des Personals in der Gastronomie sowie in das Weinbewusstsein der Konsumenten investieren.

Starker Auftritt mit Weiß- und Blauburgunder
Raifer plädierte für wenige Leitsorten, mit denen sich Südtirol weltweit zu einem typischen und wiedererkennbaren Land machen solle. Große Stücke hält er dabei auf den Weiß- und Blauburgunder, die voll im Trend liegen. Südtirol solle sie stärker in den Mittelpunkt rücken, unter anderem mit einer Weißburgundertagung und dem Ausbau der Neumarkter Blauburgundertage.

Erstmals Vernatsch-Engpass
Erstaunliche Meldung am Rande: Aufgrund der seit Jahrzehnten rückgängigen Anbaufläche und der witterungsbedingt niedrigen Ernte 2012 gibt es erstmals in der Nachkriegsgeschichte einen Vernatsch-Engpass: „Südtirols Weinproduzenten werden 2013 die Nachfrage nach diesem Traditionswein nicht zur Gänze bedienen können!“, sagte Raifer.

Eine Lanze brach Raifer für den nachhaltigen Weinbau, der darauf zielen müsse, so bald wie möglich ohne chemische Wirkstoffe auszukommen: „Wir sind Landschaftspfleger und Landschaftsschützer – und diese Verantwortung müssen wir leben! Zudem erwarten das die Konsumenten, bei denen wir so unsere Position stärken können.“

Rosa Thaler eröffnet Weinbautagung
Eröffnet hat die Weinbautagung heuer die Regionalratspräsidentin und bäuerliche L.-Abg. Rosa Thaler, die den in Brüssel weilenden Landeshauptmann Luis Durnwalder vertrat. Sie betonte die Verantwortung, die sich aus der langen Weinbaugeschichte – als „wohl ältestes Weinbaugebiet im deutschen Sprachraum“ – ergibt. Der Weg der Qualität von der Ausbildung über die Produktion bis zum Endprodukt macht Südtirols Wein zu einer verlässlichen Konstante. Südtirols Weine sind aber auch beste Botschafter für unser Land in aller Welt, denn „überall, wo eine Flasche Südtiroler Wein geöffnet wird, entsteht nicht nur Genuss, sondern ein kleines Stück Südtiroler Lebensgefühl.“
Einen Dank richtete sie auch an Helmuth Scartezzini, der seit 1976 im Landesamt für Obst- und Weinbau tätig war und seit 1985 als dessen Direktor die Südtiroler Weinwirtschaft maßgeblich mit geprägt hat. Scartezzini ist Ende 2012 in den Ruhestand getreten.
Organisator der Weinbautagung ist der Absolventenverein Landwirtschaftlicher Schulen (ALS), dessen Obmann Andreas Graf Khuen in der Begrüßung auf ein für den Südtiroler Weinbau zufriedenstellendes Jahr 2012 zurück blickte.

Peronsopora als Schwerpunktthema
Breiten Raum räumt die Weinbautagung den Fachthemen ein, wobei nach dem außerordentlichen Peronospora-Befall 2012 ein Schwerpunkt auf diesem Bereich lag.
Auch am heutigen Nachmittag ist die Tagung noch im Gange: Dabei geht es um den Einfluss des Standortes auf die sensorischen Eigenschaften verschiedener Rebsorten, um Viruskrankheiten der Rebe, um den Nationalen Aktionsplan für den Pflanzenschutz und die Kirschessigfliege in Südtirol. Den Tag für schließt eine Verkostung von Fass- und Kostproben des Jahrgangs 2012 sowie älterer Lagrein-Jahrgänge ab. 



Ein paar Foto-Eindrücke von der Weinbautagung gibt es auf der Facebook-Seite des „Südtiroler Landwirt“