Bauernbund | 31.05.2013

Wenn der Handwerker mit dem Bauern ...

In der Wärmeversorgung und am Arbeitsmarkt wollen Handwerker und Bauern zukünftig verstärkt zusammenarbeiten. Im Rahmen eines gemeinsamen ESF-Projekts von SBB und LVH wurden die Potentiale in beiden Bereichen erörtert und näher beleuchtet.

Stellten das SBB-LVH-Projekt heute vor: Thomas Pardeller, Leo Tiefenthaler, Martin Haller und Siegfried Rinner.

Stellten das SBB-LVH-Projekt heute vor: Thomas Pardeller, Leo Tiefenthaler, Martin Haller und Siegfried Rinner.

Vielfältige Chancen zur Zusammenarbeit sehen Bauernbund und Landesverband der Handwerker im Energiebereich. Besonders interessant, in Südtirol aber bisher kaum bekannt, sind „Biomasse-Mikronetze“. „Handwerker und Bauern versorgen gemeinsam kleinere Wohnsiedlungen bzw. mehrere öffentliche Gebäude mit Wärme. Die Idee dahinter: Dort, wo Unternehmen oder Private nicht die Möglichkeit haben, sich an ein Fernwärmenetz anzuschließen, springen Handwerker und Landwirte als Wärmeversorger ein“, erklärte Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner auf der heutigen Pressekonferenz. Handwerker installieren die Heizanlage und kümmern sich um die Wartung, der Bauer liefert das dazugehörige Holz aus den heimischen Wäldern. Oder Handwerker und Landwirte schließen sich zusammen und treten als „Energie-Contractor“ auf: Gegen die Entrichtung eines Wärmetarifs kümmern sich Handwerker und Landwirte um sämtliche Bereiche der Wärmeversorgung, von der Finanzierung über den Bau der Anlage bis zum Betrieb und der Wartung.
Der Vorteil für die Kunden bei diesem Modell liegt auf der Hand: Die Investitionskosten sind geringer als bei Einzelanlagen. Zudem haben die Endabnehmer nur einen Ansprechpartner. Aber auch die Umwelt profitiert: Dank der kurzen Transportwege und der Nutzung erneuerbarer Energien wird die Umwelt geschont. Die Wälder werden bewirtschaftet und ihre Funktion als Schutzwald gestärkt.
Aber auch die Betriebe und die Bevölkerung selbst profitieren von Mikronetzen. „Die Wertschöpfung wird lokal erwirtschaftet und bleibt vor Ort. Zudem werden Arbeitsplätze abgesichert bzw. neue entstehen. Das stärkt die Peripherie, in der die meisten Betriebe angesiedelt sind“, erklärte Martin Haller, Vizepräsident im LVH.

Landesförderung anpassen
Um Biomasse-Mikronetze besonders in der Startphase zu unterstützen, fordern LVH und SBB eine Anpassung der Landesförderung. „Wir möchten, dass die Landesförderung für Biomasse-Mikronetze jener der Fernheizanlagen angeglichen wird und die derzeitige Ungleichbehandlung entfällt“, erklärte Rinner.
In zwei Pilotgemeinden wird derzeit untersucht, ob ein Biomasse-Mikronetz interessant sein könnte. „In Eppan sollen elf öffentliche Gebäude und private Haushalte mit einem Mikronetz versorgt werden. Derzeit werden mehrere Betriebsmodelle untersucht, in der nächsten Phase wird an die Umsetzung gegangen“, erklärte Haller. In Welschnofen sind hingegen zwei Biomasse-Mikronetze geplant. Die technischen Erhebungen und eine Haushaltsbefragung wurden bereits durchgeführt. „Das Interesse an den Mikronetzen ist sehr groß. Im nächsten Jahr können wir bereits mit dem Bau beginnen“, erklärte Vizebürgermeister Jürgen Pardeller. 
Die Ergebnisse des Projektes und viele weitere Informationen über Biomasse-Mikronetze finden Interessierte in einem Leitfaden, der sowohl im Südtiroler Bauernbund als auch im Landesverband der Handwerker erhältlich ist.

Auch der Arbeitsmarkt bietet Potential für Kooperationen
Gute Chancen für eine Zusammenarbeit sehen LVH und SBB auch auf dem Arbeitsmarkt. „Etwa 2.500 bis 3.000 Bauern sind derzeit, vorwiegend in Teilzeit, in einem Handwerksbetrieb beschäftigt – die meisten im Bau- und Holzsektor. Diese Zahl könnte noch ausgebaut werden“, ist Thomas Pardeller, Direktor im LVH, überzeugt. Obwohl der Arbeitsmarkt starr ist, bestehen mehrere Möglichkeit der Beschäftigung von Landwirten. „Bäuerinnen und Bauern können im Sinne des Berggesetzes, in Teilzeit, auf Abruf oder über Wertgutscheine beschäftigt werden“, erklärte Pardeller. Chancen für eine Zusammenarbeit gibt es aber auch, wenn Bauern Bauarbeiten am eigenen Betrieb durchführen: So kann der Landwirt in Kombination mit selbständigen Handwerkern Arbeiten ausführen oder über einen Handwerksbetrieb angestellt werden. Alternativ dazu beauftragt der Bauer einen Handwerker, bringt aber einen Teil der Leistungen in Eigenregie ein.
Die Beschäftigungsmodelle sind zwar zahlreich, erweisen sich jedoch als starr und bürokratisch. Daher fordern SBB und LVH neue Arbeitsmodelle und einfachere, klare Regelungen. Eine Entrümpelung des italienischen Arbeitsrechtes ist daher notwendig.
„Über das Potential der Zusammenarbeit am Arbeitsmarkt, die sozialrechtlichen Vor- und Nachteile und die arbeitsrechtlichen Aspekte informiert ein Leitfaden, der von LVH und SBB in Zusammenarbeit mit der Landesabteilung Arbeit, dem NISF/INPS und dem INAIL entstanden ist“, erklärte Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler, der die gute Zusammenarbeit mit dem LVH unterstrich. „Nach der sehr erfolgreichen Photovoltaikoffensive von SBB und LVH sind wir überzeugt, ein weiteres sehr erfolgreiches Projekt initiiert zu haben.“