Bauernbund | 07.06.2013

Sterzinger Entscheidung scheidet die Milchgeister

Die Partnerschaft des Milchhofs Sterzing mit Milchbauern des Nordtiroler Wipptals teilt nicht nur die öffentliche Meinung in Südtirol, sondern auch innerhalb der Milchwirtschaft. Der „Südtiroler Landwirt“ hat die Meinungen zusammen getragen. von Guido Steinegger

Mit seiner Entscheidung hat der Milchhof Sterzing viel Staub aufgewirbelt: Seinen zusätzlichen Milchbedarf wird er in Zukunft durch Bauern aus dem nördlichen Wipptal decken, mit Anlieferungswegen von 15 bis 40 Kilometern. In einer Presseaussendung schreibt der Milchhof: „Die Nordtiroler werden ab 1. April 2014 als neue Liefergemeinschaft Mitglied des Milchhofs Sterzing sein.“

Wirtschaftliche Weichen gestellt
Der Milchhof Sterzing begründet seine Entscheidung mit der nötigen wirtschaftlichen Weichenstellung für die Zukunft. Im Raum Sterzing wie in ganz Südtirol sei die Milchproduktion leicht rückläufig. Zugleich aber steige die Verarbeitung dank der über die Jahre gewachsenen Nachfrage nach den Qualitätsprodukten des Milchhofs Sterzing an. Mittlerweile verarbeitet er die gesamte Menge der Milch der Genossenschaftsmitglieder. 2012 sei wieder ein neues Rekordjahr gewesen: Sowohl bei der verarbeiteten Milch als auch beim Nettoumsatz mit 70 Mio. Euro erreichte der Milchhof neue Höchststände. Zum Vergleich: 1990 hatte die Genossenschaft noch rund 15 Mio. Euro erwirtschaftet.

Von den 51,5 Mio. kg, die der Milchhof im Jahr 2012 insgesamt verarbeitet hat, stammten allerdings nur 44,7 Mio. Kg von den Genossenschaftsmitgliedern. Die restlichen 6,8 Mio. kg mussten von außen zugekauft werden. „Im Sommer wird sich dieses Problem verschärfen“, sagt Milchhof-Sterzing-Obmann Adalbert Braunhofer. „Denn dann geht die Milchproduktion generell zurück und wir können die Mengen, die wir für die Verarbeitung brauchen, kaum mehr zukaufen – außer wir nehmen dafür besonders hohe Kosten in Kauf.“ Der Milchhof aber brauche langfristige Planungssicherheit. Der in Planung befindliche Südtiroler Milchpool allein werde nicht ausreichen, um die aktuelle Situation des Milchhofs Sterzing zu entschärfen.

Die neuen Partner im nördlichen Wipptal  stellen laut Sterzinger Angaben Milch in gleicher Qualität wie jene des südlichen Wipptales her und das in ausreichender Menge. „Darüber hinaus produzieren die kleinen Höfe im nördlichen Wipptal mehr als 700.000 Kilogramm Biomilch“, betont Braunhofer. Seit Einführung der Sterzinger Biolinie im Jahr 2000 steige die Nachfrage kontinuierlich. Wie Geschäftsführer Günther Seidner schreibt, „bekommen wir in Südtirol hierfür aber kaum die notwendige Milch.“

Kritik von Bergmilch Südtirol
Deutliche Kritik kommt hingegen von Joachim Reinalter, der in diesem Fall aber offiziell als Obmann der „Bergmilch Südtirol“ und nicht als Obmann des Sennereiverbandes spricht. Reinalter kritisiert zunächst die Vorgehensweise an sich: „Der Milchhof Sterzing hat Gespräche in Nordtirol geführt, während in der Gruppe der anderen Südtiroler Milchhöfe niemand geahnt hat, dass es solche Änderungen in Kürze geben würde.“ Braunhofer entgegnet: „Wir haben im Sennereiverband sehr wohl berichtet, dass wir ein derartiges Projekt planen. Selbstverständlich gehen wir nicht damit in die Öffentlichkeit, bevor wir die generelle Machbarkeit auf allen Ebenen geprüft haben.“
Grundsätzlich hat Reinalter nichts gegen Partnerschaften innerhalb der Euregio einzuwenden, „vorausgesetzt wir verarbeiten und veredeln zuerst die gesamte überschüssige Milch aus Südtirol.“ Sobald dies erreicht sei, wäre es schon auf Grund der Nähe Sinnvoll machen, „dass wir uns gemeinsam an unsere Nordtiroler Kollegen wenden, um hier eine fruchtbringende Zusammenarbeit aufzubauen.“
Allerdings verlassen derzeit noch immer rund 40 Mio. kg Südtiroler Milch unveredelt das Land. „Diese Menge“, sagt  Reinalter, „reicht noch lange, um den Bedarf abzudecken.“
Schon lange arbeiten die Südtiroler Landwirtschaftspolitik und Bergmilch Südtirol an der Idee, diese überschüssige Milch in Form eines gemeinsamen Milchpools zusammenzufassen. Indem jeder Südtiroler Milchhof bei Bedarf zuerst auf diesen Pool zurückgreift, bevor er Milch von außerhalb zukauft – so die Idee – könne man die Wertschöpfung für alle Südtiroler Milchbauern gemeinsam auf das mögliche Maximum steigern.
Diese Idee rückt nun laut Reinalter „in weite Ferne.“ Er sieht einen „gefährlichen Präzendenzfall“, wenn Mitglieder von außerhalb der Landesgrenzen aufgenommen werden:„ Damit werden günstige Opportunitäten genutzt – sprich die Nordtiroler Milch soll frei Haus und mit einem fixen Preisabschlag geliefert werden – und die restliche Überschussmilch bleibt bei der Bergmilch zum Versenden nach Süditalien.“ Braunhofer dagegen meint, man arbeite seit Jahren am Projekt Milchpool und es sei immer noch nicht abgeschlossen. Sterzing aber sei unter Zugzwang gewesen. Selbstverständlich aber werde Sterzing weiterhin „im Rahmen unserer Möglichkeiten am Milchpool mitarbeiten.“

Glaubwürdigkeit in Gefahr?
Über die Milchpool-Diskussion hinaus sieht Reinalter die Glaubwürdigkeit bei den heimischen Konsumenten in Gefahr: „Es ist bedenklich, wenn es ein Joghurt mit der Marke Sterzing im Regal gibt, einmal mit Südtiroler Milch und Qualitätszeichen und einmal ohne Südtiroler Milch und ohne Qualitätszeichen. Wie kann da der Konsument unterscheiden?“, fragt sich Reinalter, der darin einen ersten Schritt zur Schwächung der Gemeinsamkeit und eines jahrzehntelangen Markenversprechens sieht.