Bauernbund | 19.06.2013

Milchhöfe gehen aufeinander zu

Ein einmaliger gebietsweiser Wechsel von Mitgliedern und ein Milchpool für die gesamte Südtiroler Überschussmilch: Mit diesen Zielen haben Südtirols Milchhöfe den Weg für eine gemeinsame Südtiroler Gangart geebnet. Details sind noch zu verhandeln. Immer vorausgesetzt, dass die Mitglieder zustimmen.

Am Ende stand allen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben und die gesamte Südtiroler Milchwirtschaft als Gewinner da: In groben Zügen haben sich die Milchhöfe darauf geeinigt, wie es mit ihrer Zusammenarbeit nun weiter gehen soll. Die Vereinbarung fußt auf zwei Entscheidungen: Zum einen sollen einige Mitgliedergebiete von einem Milchhof zu anderen Milchhöfen wechseln können. Zum anderen wollen alle Milchhöfe am Milchpool teilnehmen. Vorausgesetzt, dass die Mitglieder der Milchhöfe dann auch zustimmen.
Zustande gekommen ist dies bei einem Milchgipfel, zu dem Landeshauptmann Luis Durnwalder die Milchhöfe, den Sennereiverband und den Südtiroler Bauernbund nach Bozen gerufen hatte.

Die Zukunft stand auf dem Spiel
Tatsächlich stand bei dieser Aussprache viel auf dem Spiel. Konkreter Auslöser war die Entscheidung des Milchhofs Sterzing, sich die benötigte Milch von Bauern nördlich der Brennergrenze liefern zu lassen. Seitdem wird auch in der Öffentlichkeit intensiv darüber diskutiert, welcher Kurs der sinnvollste für die heimische Milchwirtschaft ist. Bauern einiger Gebiete denken laut über den Wechsel zu anderen Milchhöfen nach. Gleichzeitig drohte die Idee eines Milchpools endgültig zu platzen. Wenn aber jeder seine eigenen Wege geht, steht die Zukunft der gesamten Südtiroler Milchwirtschaft und ihrer Lieferanten auf dem Spiel.
Entsprechend machte der Landeshauptmann gleich zu Beginn klar: „Wenn jeder seine eigenen Wege geht, geht langfristig all das verloren, was die Südtiroler Milchhöfe bisher so erfolgreich aufgebaut haben: Die gemeinsame Qualitätsorientierung, der Name der Südtiroler Milch und somit das Vertrauen der Verbraucher in das „Qualitätszeichen Südtirol“. Darunter würden auf Dauer auch die Marken der einzelnen Südtiroler Milchhöfe leiden. „Die Konsumenten sind nicht dumm“, sagte Durnwalder, „Wenn sie uns nicht mehr glauben, kaufen sie unsere Produkte nicht mehr. Dann verlieren letztlich die Südtiroler Milchbauern.“
In der Folge zeigte die Vorstellung einer Milchstudie, an der alle Südtiroler Milchhöfe mitgearbeitet hatten, dass eine engere Zusammenarbeit durchaus erstrebenswert ist. Christian Gruber von ROI Team Consultant sagte: „In Zukunft wird insgesamt weniger Milch aus Südtirol zur Verfügung stehen. Alle Milchhöfe sollten ein Interesse daran haben, die verfügbare Überschussmilch gemeinsam zu verwalten.“ Auf diese Weise könne sich jeder, der Südtiroler Milch braucht, leichter daraus bedienen.

Variante 1: Ein Milchpool
Dies ist auch die Grundidee des Milchpools: Eine gemeinsame Verwaltung der gesamten, in Südtirol anfallenden Überschussmilch. Betroffen ist davon vor allem Bergmilch Südtirol, der weitaus größte Südtiroler Milchhof. Er weist jährlich rund 40 Mio. kg Überschuss auf. Der Milchpool würde vor allem ihm zugute kommen. Aber auch andere Milchhöfe haben im Winter manchmal Überschüsse und im Sommer Bedarf. Bisher gibt es zwar Verträge zwischen einzelnen Milchhöfen, mit denen sie bestimmte Mengen austauschen. So verarbeitet Brimi im Auftrag der Südtiroler Bergmilch deren Milch zu Mozzarella.
Gegenüber den Einzelverträgen hätte ein Milchpool aber eine Reihe von Vorteilen: Die Konditionen für den Kauf aus diesem Milchpool stünden von vornherein fest. Die Milchhöfe müssten also nicht in jedem Einzelfall neu verhandeln. Zudem würden alle Milchhöfe gemeinsam versuchen, die höchste Wertschöpfung aus dieser Überschussmilch zu beziehen. Sollte dennoch Milch über die Landesgrenzen verkauft werden müssen, würde man das gemeinsam tun. Auch gemeinsame Einkäufe für benötigte Milch seien denkbar. Dennoch war dieser Milchpool bei vielen Milchhöfen auf Skepsis gestoßen: Zu groß sei der Eingriff in ihre Autonomie.

Variante 2: Gebietswechsel
Daher hat sich mit der Zeit eine alternative Lösung herauskristallisiert: Ein kontrollierter Wechsel von Mitgliedern. In den vergangenen Wochen hat sich gezeigt, dass die Milchbauern einiger Gemeinden relativ geschlossen aus der Bergmilch Südtirol austreten und der Brimi bzw. dem Milchhof Meran beitreten möchten.
Ob das der entscheidende Schritt in eine gemeinsame Südtiroler Milchzukunft darstellen kann, diese Frage war der Knackpunkt des Milchgipfels. Auch Durnwalder gestand ein: „Anfänglich bin ich dieser Idee skeptisch gegenüber gestanden. Aber die Daten der Milchstudie haben mich überzeugt, dass dies ein Ausweg sein kann.“ In den für einen Wechsel in Frage kommenden Gebieten werden insgesamt rund 33 Mio. kg Milch produziert. Brimi und Meran wären bereit, diese Menge zu übernehmen. Bergmilch würde damit entlastet und könnte seinen Verarbeitungsgrad deutlich erhöhen. Dennoch betonten die Milchhöfe, die Umstellung sei mit Anstrengungen und Schwierigkeiten verbunden. Viele Details seien noch zu klären.
Doch mit gutem Willen lässt sich in jeder dieser Fragen eine Lösung finden. Diesen Willen haben die Milchhöfe am vergangenen Dienstag gezeigt und vereinbart, dass sie sowohl einem Gebietswechsel zustimmen als auch einen Milchpool schaffen wollen. Gemeinsam werden die betroffenen Milchhöfe nun die Details klären.

Letztlich entscheiden Mitglieder
Alle gemeinsam stellten dabei zwei Dinge klar: Erstens soll es sich um einen einmaligen, gemeinsam vereinbarten Wechsel von Mitgliedern aus klar definierten und möglichst geschlossenen Gebieten handeln. Ein Übertritt, der auch von der Milchmenge her für alle Milchhöfe vertretbar ist und mit dem man vermeidet, dass zwei Milchhöfe mit getrennten Milchsammelwagen in das gleiche Gebiet fahren und somit hohe Kosten haben.
Der Obmann des Sennereiverbandes Joachim Reinalter brachte es so auf den Punkt: „Es darf nicht so weit kommen, dass sich nun jeder Bauer eine neue Genossenschaft sucht.“
Zweite Klarstellung: Das letzte Wort haben die Inhaber der Genossenschaft, sprich die Mitglieder. Sie sind unmissverständlich und in allen Details über die angestrebte Vereinbarung zu informieren, damit sie sich ein klares Bild machen und dann - hoffentlich - die Entscheidung ihrer Vorstände mittragen können.