Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 06.12.2013

Bioregion braucht eine breite Basis

In der Frage über die Zukunft der Landwirtschaft im Obervinschgau taucht immer wieder der Vorschlag einer Bioregion auf. Auf einer Infoveranstaltung des Bauernbundes in Prad wurde klar: Eine Bioregion ist nicht allein Sache der Landwirtschaft, sondern muss von allen mitgetragen werden.

Lebensmittel, aber nicht nur: Eine mögliche Bioregion Obervinschgau muss von der Bevölkerung und allen Wirtschaftssektoren mitgetragen werden.

Lebensmittel, aber nicht nur: Eine mögliche Bioregion Obervinschgau muss von der Bevölkerung und allen Wirtschaftssektoren mitgetragen werden.

Der Bauernbund-Bezirk Vinschgau geht der Frage nach, ob der Ausbau des biologischen Anbaus bis hin zu einer Bioregion ein gangbarer Weg für die Landwirtschaft im Obervinschgau sein kann. Daher lud Bezirksobmann Andreas Tappeiner eine Reihe von Experten zu einem Infoabend ins Aquaprad. „Wir wollen Erkenntnisse von einer bereits bestehenden Bioregion aus dem Nachbarland gewinnen und uns zudem einen Überblick verschaffen, welche Chancen und Herausforderungen sich den Landwirten bei einem möglichen Ausbau der Bioproduktion im Obervinschgau stellen, sei es von der Anbau- wie auch von der Vermarktungsseite her“, erklärte Tappeiner eingangs.  

Potenzial bei Bio-Milch
Laimburg-Direktor Michael Oberhuber zeigte Möglichkeiten im Biolandbau auf. „Was den biologischen Apfelanbau betrifft, ist der Vinschgau bereits Vorreiter, die Herausforderungen liegen vielmehr im Steinobstbau und beim Grünland“, betonte Oberhuber. So sei der biologische Marillenanbau wegen des Verzichts auf einige Pflanzenschutzmittel mit großen Problemen verbunden, ähnlich ist die Situation im Kirschenanbau. In der Grünlandwirtschaft liegen die Herausforderungen weniger im Futteranbau als in der Organisation des Betriebes und der Anpassung der Ställe.
Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbandes und der Bergmilch Südtirol, verwies auf das große Potenzial für den Ausbau der Biomilchproduktion. „Wir könnten noch wesentlich mehr Biomilch verkaufen, denn derzeit liegt der Anteil der Biomilchproduktion in Südtirol bei weniger als zwei Prozent“, sagte Reinalter. Im Gegensatz zur Milch ist die Vermarktung von Südtiroler Bio-Obst bereits weit fortgeschritten, weshalb man hier bereits an die Grenzen der Marktnachfrage stößt, wie Gerhard Eberhöfer, Bio-Verkaufsleiter der VI.P aufzeigte. „Wir sind bereits der größte Bio-Apfelanbieter und liefern fast jeden zweiten Bio-Apfel in Europa.“ Für eine weitere Erhöhung der Bio-Apfelproduktion müsste zuerst die Nachfrage der Konsumenten steigen. Bei Gemüse, Steinobst und anderen Spezialkulturen ist ein überregionaler Absatz schwierig, da man mit großen etablierten Anbaugebieten in Konkurrenz treten müsste. Eine mögliche Bioregion sieht Eberhöfer als Vorteil für die Vermarktung.

Bioregion Mühlviertel als Beispiel
Wie eine Bioregion erfolgreich aufgebaut werden kann, zeigte Daniel Breitenfellner, Projektleiter der Bioregion Mühlviertel, in seinem Referat auf. Ein Viertel der rund 9000 Landwirtschaftsbetriebe – zumeist Grünlandbetriebe mit Milch- und Fleischproduktion – sind Biobetriebe. Die hohe Dichte der biologischen Landwirtschaft bildete die Ausgangslage für die Entwicklung des Mühlviertels zur Bioregion.
Der Entwicklungsprozess begann 2010 und war bewusst breit angelegt: „Es war uns wichtig, alle Akteure, die Bevölkerung und Wirtschaftstreibenden aller Sektoren von Anfang an einzubinden“, unterstrich der Projektleiter. Unterm Strich beteiligten sich mehr als 1200 Menschen bei Veranstaltungen, Workshops und mittels Umfragen an der Ausarbeitung der Ziele und des Konzeptes der Bioregion. Am Ende stand ein Entwicklungskonzept, in dem die Kriterien für die Marke „Bioregion Mühlviertel“ und für die teilnehmenden Betriebe definiert sind. Derzeit beteiligen sich 113 Partnerbetriebe aus Landwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie und Handwerk an den verschiedenen Projekten und Wertschöpfungsketten der Bioregion. Breitenfellner nannte das „Sonnberg Bio-Wurst-Erlebnis“ als Beispiel. Unter diesem Namen wird regionales Biofleisch in einer Schau-Fleischerei zu einer regionalen Spezialität verarbeitet und an die Gastronomie und Hotellerie der Region geliefert. Breitenfellner empfahl, eine Bioregion von Beginn an auf eine möglichst breite Basis zu stellen.

Landwirtschaft öffnet sich
Dass an eine Bioregion unterschiedliche Vorstellungen geknüpft sind, zeigten die Reaktionen aus dem Publikum bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Einige Zuhörer verbinden mit einer Bioregion die Lösung hinsichtlich der Problematik um die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln aus dem integrierten Obstbau. Ein Zuhörer stellte die Frage, ob eine Region mit „nur“ einem Viertel Bioanteil sich bereits Bioregion nennen dürfe. Breitenfellner unterstrich, dass jede Region diese Frage für sich selbst definieren müsse. Anders als bei Produkten gibt es keine rechtlich verbindlichen Kriterien, die eine Region erfüllen muss, damit sie sich Bioregion nennen darf. „Bioregion bedeutet auch nicht, dass in einem Gebiet zu hundert Prozent Biolandbau betrieben werden muss“, erklärte Breitenfellner.
Wie Bezirksobmann Andreas Tappeiner betonte, muss sich jeder Landwirt selbst überlegen, ob der Bio-Anbau ein Thema für ihn ist. „Es gibt hier keinen Zwang“, stellte er klar. Tappeiner unterstrich abschließend, dass die Diskussion um eine mögliche Bioregion Obervinschgau weitergeführt werden müsse. Die Landwirtschaft werde weiter ihren Beitrag leisten. Nun gehe es darum, das Thema in Verbindung mit der Bevölkerung und den anderen Wirtschaftssektoren zu stellen.


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3 Fragen an Daniel Breitenfellner


Was braucht es, damit eine Bioregion erfolgreich ist?

Wir hatten im Mühlviertel eine sehr gute Ausgangslage, da wir bereits ein Viertel Biobetriebe hatten. Die strukturellen Voraussetzungen mit nicht zu großen Höfen, aber genügend Auslauf für das Vieh, waren ebenfalls gegeben. Auch war eine Reihe von Betrieben in der Verarbeitung von Biolebensmitteln und in der Vermarktung tätig. Es ging am Anfang vor allem darum, diese Betriebe zu vernetzen, um unter einer Marke gemeinsam auftreten zu können. Nur so können die Ziele einer Bioregion – höhere Wertschöpfung und höhere Einkommen, Nachhaltigkeit in der Pflege der Kulturlandschaft, Förderung des Tourismus usw. – erreicht werden.

Bio ist also nicht nur eine „Aufgabe“ der Landwirtschaft?
Es ist ganz wichtig, die Konsumenten und die Bevölkerung in einer Region von Anfang an einzubinden. Man muss vermitteln, dass das individuelle Konsumverhalten unmittelbare Auswirkungen auf ihr Lebensumfeld hat. Mit dem bewussten Konsum kann die Bevölkerung die Entwicklung der Landwirtschaft in einer Region steuern und dazu beitragen, eine lebenswerte Region zu erhalten. Die Zusammenarbeit aller Wirtschaftssektoren ist natürlich genauso wichtig.

Sie haben erwähnt, dass sich biologische und integrierte Produktion im Mühlviertel nicht ausschließen ...
Bio definiert sich sehr oft als das Topsegment, das ist auch legitim. Das heißt aber nicht, dass die konventionelle Landwirtschaft nicht auch eine sehr gute Qualität produziert. Beide Bereiche haben ihre Daseinsberechtigung. Wichtig ist die gegenseitige Wertschätzung. Bio darf niemals von oben vorgegeben werden, sondern muss aus der Überzeugung von unten heraus entstehen.