Südtiroler Landwirt | 06.12.2013

Jobs vor Ort

Das Thema der Abwanderung wurde bislang aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Eine AFI-Studie zeigt nun: Die ländliche Entwicklung steht und fällt mit der Verfügbarkeit an erreichbaren Arbeitsplätzen. von AFI-Direktor Stefan Perini

Arbeitsplätze sind für die ländliche Entwicklung entscheidend. (Foto: www.agrarfoto.com)

Arbeitsplätze sind für die ländliche Entwicklung entscheidend. (Foto: www.agrarfoto.com)

Genügend Arbeitsplätze in einer „auspendelbaren“ Entfernung sind entscheidend, will man der Abwanderung aus Südtirols Randgemeinden entgegentreten: Diese Aussage ist das Hauptergebnis einer Studie, die das Arbeitsförderungsinstitut (AFI) ausgearbeitet und im Rahmen des kürzlich in Bozen abgehaltenen Innovation Festivals vorgestellt hat.

Viele Studien – unterschiedliche Ergebnisse
Mit der Frage der regionalen Entwicklung haben sich in Südtirol schon etliche Organisationen befasst. Sehr oft wurde dieses Thema aber auf die Bevölkerungsentwicklung reduziert. So hat das WIFO im Jahr 2010 ermittelt, dass in Südtirol 30 Gemeinden abwanderungsgefährdet seien. Das Landesinstitut für Statistik sprach hingegen noch im selben Jahr von elf Gemeinden mit potenziellem Bevölkerungsschwund.

Vertiefende Analyse
Die unterschiedlichen Ergebnisse sorgten dermaßen für Diskussion, dass sich die Landesregierung damit eingehender auseinandersetzen wollte: Sie ließ eine weitere, vertiefende Analyse ausarbeiten.
Sehr häufig spricht man aber auch von „strukturschwachen“ Gebieten. Hier werden neben Bevölkerungsaspekten auch wirtschaftliche Indikatoren herangezogen. Entsprechend der EU-Definition konnten im letzten Förderungszeitraum 19 Südtiroler Gemeinden über das Programm Leader+ in der ländlichen Entwicklung gestärkt werden. Eine weitere Analyse des WIFO aus dem Jahr 2011 kommt schließlich auf die Anzahl von 13 „Problemgemeinden“.

Arbeitsplätze für ländliche Entwicklung entscheidend
Die zitierten Studien sind wertvoll, aber aus Sicht der Arbeitsplätze behandeln sie das Thema unzureichend. Gerade diesen Blickwinkel wollte das AFI näher einbringen. Fakt ist: Will man Landflucht vermeiden, ist ein ausreichendes Angebot an Arbeitsplätzen in einer zumutbaren Entfernung entscheidend. Als „zumutbare“ Entfernung gilt in Fachkreisen ein Arbeitsplatz in einer Pendlerentfernung von bis zu 45 Minuten Fahrtzeit. Dies muss in der heutigen Arbeitswelt, die einiges an Flexibilität und Mobilität abverlangt, auch in Kauf genommen werden.

Schieflagen in Südtirol
Im ersten Moment interessant ist natürlich zu betrachten, inwiefern in den einzelnen Gemeinden das Arbeitsplatzangebot und die Arbeitsplatznachfrage im Gleichgewicht stehen. Sprich: Wie viele Arbeitsplätze stellt die entsprechende Gemeinde, und wie viele erwerbsfähige Personen gibt es in dieser Gemeinde?
Verständlicherweise sind es die Städte Bozen, Meran, Brixen und Bruneck, die vorwiegend Beschäftigung anziehen und wesentlich mehr Arbeitsplätze bieten als es „Arbeitnehmer vor Ort“ gibt.

Gemeinden mit Unterangebot an Arbeitsplätzen
Spiegelbildlich dazu gibt es Gemeinden mit starkem Unterangebot an Arbeitsplätzen. Konkret entfallen in acht Gemeinden auf
100 arbeitsfähige Personen weniger als 33 Arbeitsplätze. Es handelt sich um Mühlwald, Prettau, Pfalzen, Altrei, Mölten, Proveis, Taufers im Münstertal und Kuens.
Dies bietet allerdings nicht unmittelbar Grund zur Sorge, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Erstens: Es lassen sich in einem angemessenen Radius Arbeitsplätze finden, die die Nachfrage an Arbeitsplätzen bedienen können.
Zweitens: Die Gemeinden, die aufgrund von strukturellen Voraussetzungen nicht genügend Arbeitsplätze bieten können, können dies über Lebensqualität wettmachen.

Ein Problem, wenn funktionale Kleinregionen schwächeln
Weit problematischer ist die Situation einzuschätzen, wenn gesamte Talschaften oder Bezirke eine ungenügende Anzahl an Arbeitsplätzen stellen.
In Fachkreisen spricht man von funktionalen Kleinregionen. Südtirol hat 13 davon, und jede funktionale Kleinregion ist durch ein Zentrum gekennzeichnet, also eine Gemeinde, die als Bezugspunkt fungiert.
Setzt man die Analyse auf dieser Ebene an, kennzeichnet sich Südtirol durch die sehr starken Kleinräume Bozen, Bruneck und Innichen. Von einem systematischen Unterangebot an Arbeitsplätzen gekennzeichnet sind hingegen die Kleinräume Mals, St. Martin in Passeier und Sand in Taufers.
Diese Situation hat sich in den letzten 15 Jahren nicht wesentlich verändert.

Dem Zukunftsrezept auf der Spur
Was soll also das Zukunftsrezept sein? Anspruch der Politik muss es sein, die funktionalen Kleinregionen zu stabilisieren: mit einer weitsichtigen Ansiedlungs- und Arbeitsmarktpolitik abseits von kurzsichtigen Spending-Review-Überlegungen. Weiters sind die Fördermittel für die ländliche Entwicklung treffsicher einzusetzen. Wenn das gelingt, kann man in Südtirol auch weiterhin im ländlichen Raum gut leben und arbeiten.


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Plattform Land

Zentrales Ziel sind genügend Arbeitsplätze im ländlichen Raum
Das Thema „Arbeitsplätze“ ist eines der zentralen Themen für die „Plattform Land“, für die der designierte Landeshauptmann Arno Kompatscher und Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler auf der SBB-Aktionsbühne der Agrialp den Startschuss gegeben haben. Die Plattform soll Impulse für einen lebendigen ländlichen Raum und gegen den Flächenfraß geben.
Das Ziel: Der schleichenden Abwanderung rechtzeitig vorbeugen und den ländlichen Raum mit allen verfügbaren Mitteln attraktiv halten. Eine zentrale Herausforderung dabei ist, erreichbare Arbeitsplätze in ausreichender Anzahl und Qualität sicherzustellen. Dazu braucht es einen guten Mix der Anforderungsprofile beim Arbeitsangebot. Auch die besten Köpfe sollen in den funktionalen ländlichen Kleinregionen verbleiben können.
Derzeit führen Gemeindenverband und Bauernbund Gespräche, um wichtige Partner aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft für die „Plattform Land“ zu gewinnen. Sie soll ein Laboratorium sein: Ideen entwickeln und konkrete Maßnahmen vorschlagen, die dann gemeinsam mit Verwaltung, Wirtschaft und allen Gesellschaftsgruppen umgesetzt werden.