Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 16.01.2014

Bühne frei

Landesrat für Land- und Forstwirtschaft zu werden, ist für Arnold Schuler wie ein Ritterschlag. Wie der Obstbauer aus Plaus seine neue Aufgabe angehen will und wie er zu einigen heißen Eisen steht, hat er dem „Südtiroler Landwirt“ im Exklusivinterview erklärt …

Neu-Landesrat Arnold Schuler: „Es gilt, mehr Bürgerbeteiligung zu erreichen und doch zu pragmatischen Entscheidungen zu kommen.“

Neu-Landesrat Arnold Schuler: „Es gilt, mehr Bürgerbeteiligung zu erreichen und doch zu pragmatischen Entscheidungen zu kommen.“

Südtiroler Landwirt: Herr Landesrat, wer ist denn der Mensch Arnold Schuler?
Ich bin verheiratet und habe drei erwachsene Kinder. Ich habe die Fachschule für Obst- und Weinbau Laimburg besucht. Es war immer schon klar, dass ich den elterlichen Bauernhof übernehmen würde. Auch politisch war ich schon früh aktiv: Mit 19 war ich im Gemeindeausschuss von Plaus, mit 22 Bürgermeister und hatte dieses Amt 24 Jahre lang inne. 2005 wurde ich Präsident des Gemeindenverbandes und wurde 2008 erstmals in den Landtag gewählt.

Sie wurden mit 31.328 Vorzugsstimmen in den Landtag gewählt. Entsprechend groß sind die Erwartungen an Sie. Spüren Sie dadurch eine besonders große Verpflichtung?
Schon bei meiner ersten Kandidatur habe ich viele Vorzugsstimmen bekommen – sicher auch von bäuerlicher Seite, weil ich als Bauer wahrgenommen werde und es einfach auch bin. Diesmal war das Ergebnis noch überwältigender. Das ist eine tolle Bestätigung für meine bisherhige Politik. Es ist mir bewusst, dass viele Stimmen auch große Verantwortung bedeuten. Ich werde versuchen, die Erwartungen an mich so weit möglich zu erfüllen.

Haben Sie Ihr Wunschressort erhalten?
Auf jeden Fall. Für mich als Bauern ist es ja fast wie ein Ritterschlag, Landesrat für Land- und Forstwirtschaft zu werden. Ich erhalte ein großes, aber auch homogenes Ressort: Land- und Forstwirtschaft, land- und forstwirtschaftliches Versuchswesen, Zivilschutz, Wasserschutzbauten und Gemeinden. Es gibt viele Berührungspunkte, die ich zu nutzen und auszubauen versuchen werde.

Welches sind Ihre ersten drei Schritte?
Als erstes müssen wir uns organisieren: Das Ressort besteht aus vielen operativen Ämtern. Ich werde also ein Team um mich bilden, das die verschiedenen Bereiche konkret angeht. Das ist die unmittelbarste Aufgabe.
Dann gibt es viele große Bereiche, die angegangen werden müssen: So die Umsetzung der EU-Agrarreform. Sie wird die heimische Land- und Forstwirtschaft bis ins Jahr 2020 maßgeblich bestimmen. Deshalb gilt es, innerhalb der Rahmenbedingungen die internen Förderkriterien festzulegen und anzupassen.
Die Abschaffung der Milchquoten wird ein großes Thema, wie der Besenwuchs im Obstbau. Hier gibt es unmittelbaren Handlungsbedarf. Und dann die Diskussion, die vom Obervinschgau ausgeht, bei der es um die Sensibilität gegenüber dem Pflanzenschutz geht. Auch dieser Diskussion müssen wir uns stellen.

Landwirtschaft in Südtirol: Was bedeutet das für Sie?
Die Landwirtschaft hat hier einen sehr hohen Stellenwert. Die sehr vielen kleinen und mittleren Familienbetriebe mit ihren vielfältigen Tätigkeiten sind eine Besonderheit unseres Landes. Und wir sind gut organisiert: Um unser Genossenschaftswesen werden wir weitum beneidet. Trotzdem dürfen wir uns auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen.
Ein weiteres großes Potential sind die vielen fleißigen Leute und natürlich das günstige Klima. Alle diese Faktoren machen unsere Landwirtschaft erfolgreich. Und davon profitieren wieder alle: Die Pflege unserer Kulturlandschaft dient nämlich nicht nur dem Tourismus, sondern allen Bürgern.
Die bisherige Landwirtschaftspolitik wurde immer gelobt, weil es gelungen ist, die flächendeckende Bewirtschaftung und möglichst viele Höfe zu erhalten …
Es stimmt, bisher wurde mit viel Weitsicht in die Entwicklung des ländlichen Raumes investiert. Deshalb sind wir diesbezüglich gut aufgestellt. Und wir werden unser Möglichstes tun, um die Herausforderungen in diesem Bereich weiterhin gut zu meistern.

Die neue Regierung steht unter dem Zeichen der Erneuerung. Gibt es also auch Erneuerung in der Landwirtschaftspolitik?
Der Wahlspruch der SVP war ja: Gutes bewahren, Neues wagen. Das gilt natürlich auch für die Landwirtschaft. Es gibt Bereiche, die bisher gut liefen, und die werden sicher nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden.
Aber es gibt eben auch Forderungen, dass es Änderungen geben soll, vor allem im Politstil, indem Bürger im Vorfeld der Entscheidungen stärker einbezogen werden. Die Politik muss den Spagat schaffen, die Bürger möglichst stark zu beteiligen und trotzdem pragmatische Entscheidungen zu treffen.

Die Gesellschaft fordert immer mehr: Transparenz, Rückverfolgbarkeit, Qualität, Ökologisierung. Und das zu billigen Preisen. Wie soll die Landwirtschaft darauf reagieren?
Es stimmt: Künftig wird Landwirtschaft immer stärker im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Umwelt stehen. Wir stecken dabei aber in einem Dilemma: Einerseits erwartet sich der Kunde hohe Qualität, für die unser Land ja zweifelsohne steht. Andererseits will man auch niedrige Preise. Das ist eine globale Entwicklung.
Wir müssen deshalb weiterhin für die hohe Qualität unserer Produkte werben. Ich hoffe auch auf ein Umdenken: Dass die Leute verstehen, dass Qualität ihren Preis hat und dass sie diesen Preis auch gerne bezahlen.

Bauern fragen sich: Wir sollen billig anbieten, obwohl Anforderungen und Standards laufend steigen. Wer soll das bezahlen?
Ich glaube, dass wir diesbezüglich schon gut aufgestellt sind: Im Obstbau, in der Wein- und Milchwirtschaft haben wir sehr hohe Standards und bieten beste Qualitäten. Auch neue Märkte werden erschlossen und ausgebaut. Natürlich ist man auf dem globalen Markt auch starker Konkurrenz ausgesetzt. Aber auch da müssen wir unser Heil in der Qualität suchen. Durch das Wegfallen der Milchquote geraten wir mehr unter Druck. Durch noch mehr Veredelung kann ein Ausweg geschaffen werden. Auch daran ist weiter zu bauen, damit wir uns gut von den Mitbewerbern unterscheiden und abgrenzen können.

Muss die Landwirtschaft mehr in die Kommunikation investieren, um ein neues, langfristiges Vertrauensverhältnis aufzubauen?
Südtirols Produzenten und landwirtschaftliche Produkte haben einen sehr guten Ruf, und zwar nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb unseres Landes. Aber wir müssen sicher auch einiges für die Reputation der Landwirtschaft, besonders bestimmter Bereiche, tun. Ich glaube nicht, dass man dafür viel Geld in die Hand nehmen muss. Eher wird man Dinge einfach früher und besser kommunizieren als bisher.
Aber auch in die Forschung muss investiert werden. Es ist nicht genug, zu untersuchen, welche Faktoren Auswirkungen auf die Produktion haben. Dabei muss noch stärker versucht werden, Produktion und Umwelt in Einklang zu bringen. Dieses Thema ist sicher eine der großen Herausforderungen der nächsten Zeit.

Nochmals zum Druck der Gesellschaft: Immer öfter wird der Landwirtschaft vorgeworfen, zu wenig Steuern zu zahlen,  z.B. bei der Gemeindeimmobiliensteuer IMU.
Dies wird Thema der neuen Landesregierung und des neuen Landtages. Aber soviel muss schon jetzt gesagt werden: Bauern in Südtirol zahlen im Gegensatz zum restlichen Staatsgebiet nicht nur für ihre Wohnhäuser die IMU sondern auch für Urlaub auf dem Bauernhof und  Genossenschaften. Das ist einzigartig in Italien, dass man diesbezüglich einen Konsens finden konnte, obwohl es das Staatsgesetz nicht zwingend vorsieht. Das ist bei vielen noch nicht durchgesickert. Auch  das müsste klarer kommuniziert werden.

Stichwort Ökologisierung: Ist die Südtiroler Landwirtschaft hier ohnehin schon Vorreiter oder muss sie weitere Schritte setzen?
In den letzten Jahren gabe es diesbezüglich schon große Entwicklungen: Vor 20 Jahren wurden stark giftige, breitenwirksame Pflanzenschutzmittel ausgebracht. Auch die Art der Ausbringung war besonders für den Anwender äußerst problematisch, nicht nur für die Anrainer. Durch die Agrios und Integrierte Produktion hat sich sehr viel geändert; auch im Bewusstsein der Anwender. Das ist vielen aber noch nicht genug. Deshalb muss man auch in diesem Bereich weiterarbeiten und der steigenden Sensibilität Rechnung tragen.

Oft wird den bäuerlichen Betrieben mangelnde Wirtschaftlichkeit attestiert. Wie kann man ihnen helfen?
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Gebieten hat Südtirol großteils wirtschaftlich denkende und innovative landwirtschaftliche Betriebe. Es wird flächendeckend, teils auch intensiv bewirtschaftet.  
Dennoch braucht es in diesem Bereich Unterstützung: Es gibt eine ganze Menge an Beratungs- und Schulungsangebot, so dass jeder Interessierte die entsprechende Information bekommt.

Welche Rolle spielt für Sie die heimische Grünlandwirtschaft?
Die zentrale Rolle der Berglandwirtschaft  für Südtirol muss noch stärker unterstrichen werden. Im Bereich der Unterstützung hat sich schon in den letzten Jahren vieles in Richtung Berglandwirtschaft verschoben.
Wenn die Verhandlungen in Rom abgeschlossen sind, dann werden wir beim Festlegen der Förderkriterien darauf achten, dass die Berglandwirtschaft alles andere als zu kurz kommt.

Die Verhandlungen mit den italienischen Regionen wegen der Betriebsprämien-Verteilung gestalten sich äußerst schwierig. Wie stehen Südtirols Chancen auf mehr Geld?
Das ist eine schwierige Frage: Zum einen ändert sich die Situation praktisch wöchentlich. Und es kann sein, dass Entscheidungen schon fallen, bevor ich Landesrat werde. Also kann ich darauf vielleicht gar keinen Einfluss mehr nehmen.

Unter Ihnen sind Land- und Forstwirtschaft wieder in einem Ressort vereint. Kommt da wieder zusammen, was zusammen gehört?
Ich bin sehr froh darüber. Es macht nämlich auch Sinn, dass die beiden zusammen bleiben. Sie harmonieren  gut und wir werden schauen, dass die vielen Berührungspunkte zu Vereinfachungen und zu Synergien führen.

Die land-, forst- und hauswirtschaftliche Berufsbildung wurde ins Bildungsressort verschoben. Was erwartet man sich davon?
Bereits in der letzten Legislatur wurde das Problem aufgeworfen, dass die Schulverwaltung ein enorm großer Verwaltungsapparat geworden ist. Eine Zusammenlegung birgt ein enormes Potential.
Wir werden aber schauen, dass die Landwirtschaft fachlich nach wie vor mit eingebunden bleibt. Die Berufsbildung ist mir nämlich ein Herzensanliegen, und ist Teil der Land- und Forstwirtschaft. Wir werden alles daran setzen, dass sich an der Art und Qualität der Fachschulausbildung nichts ändert.

Welche Akzente wollen Sie in der Forstwirtschaft und Jagdpolitik setzen?
In der heimischen Forstwirtschaft sind besonders die eigenen Ressourcen besser zu nutzen und in kleine Kreisläufe zu investieren. Hier gibt es noch viel Potential. In Bezug auf die Jagdpolitik ist sicher wichtig, dass die Abschusspläne eingehalten werden.

Der Bauernbund sieht im Bereich Innovation ein großes Zukunftspotenzial für Südtirols Betriebe. Teilen Sie diese Meinung?
Auf jeden Fall. Deshalb hat der neue Landeshauptmann Innovation und Universität zur Chefsache erklärt. Wir geben nur 0,6 Prozent des BIP für Innovation aus, im Trentino ist es das Dreifache und europäisches Ziel sind drei Prozent. Also liegt hier noch ein großes Potential. Grundlegend dafür ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Uni, Versuchszentrum Laimburg, TIS, Technologiepark usw. Dabei muss es das Ziel sein, dass Südtirol zum Standort für die Forschung im landwirtschaftlichen alpinen Raum wird.

Der Südtiroler Bauernbund wird als Interessensvertreter immer wieder Forderungen an den Landesrat stellen. Wie wird Ihr Verhältnis zum Bauernbund aussehen?
Ich gehe davon aus, dass wir ein gutes Verhältnis haben werden. Ich schätze den Bauernbund mit seiner kapillaren Organisation. Er bündelt die Bauern nicht nur, sondern ist auch ein starker Dienstleister. Es wir sicher regelmäßige Treffen geben, weil ich in der Zusammenarbeit eine große Chance sehe.

Sie waren bereits Landtagsabgeordneter. Jetzt wird die Arbeit aber noch um einiges intensiver. Bleibt noch Zeit für Familie und eigenen Obstbaubetrieb?
Die Zeit daheim wird sicher knapper. Aber die Kinder sind schon groß, da muss ich nicht immer da sein. Auch im Betrieb habe ich einen Betriebsleiter, auf den ich mich blind verlassen kann. Ansonsten würde ich wohl eher die Politik bleiben lassen, weil mir Familie und Hof doch wichtiger wären …