Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 30.01.2014

Brief vom Luis

Dass der Landwirtschaft ihre Begeisterung und ihr Zusammenhalt erhalten bleibt: Das hofft Luis Durnwalder nach dem Ende seiner Politik-Ära. Lesen Sie hier seinen „Brief an die Bäuerinnen und Bauern“. von Guido Steinegger

In einem ganz persönlichen „Brief an die Bäuerinnen und Bauern“ nimmt Luis Durnwalder kurz nach seinem Abschied aus dem Amt des Landeshauptmanns nun auch im „Südtiroler Landwirt“ Abschied – und zwar von den Mitgliedern und Funktionären der bäuerlichen Organisationen.
Er blickt zurück auf die frühe Aufbauarbeit und einige Abwehrkämpfe gegenüber Brüssel und Rom. Heute kommt er zum Schluss: Es  ist in diesen Jahrzehnten gelungen, den Bäuerinnen und Bauern viel Selbstwertgefühl zu vermitteln und postive Rahmenbedingungen zu schaffen.
In den Mittelpunkt stellt Durnwalder zum Abschied auch den Dank an so viele Menschen, die gemeinsam mit ihm an einer lebendigen Landwirtschaft und einem lebendigen ländlichen Raum mitgebaut haben. Lesen Sie hier den Brief von Luis Durnwalder:

Liebe Bauern,
Liebe Bäuerinnen, Jungbauern und bäuerliche Senioren,
seit 1967 habe ich die Ehre gehabt, die Südtiroler Bauern und Landwirtschaft in den verschiedenen Gremien zu vertreten.
Es war für mich eine ganz große Ehre diese Aufgabe gemeinsam mit den einzelnen bäuerlichen Gremien wahrnehmen zu können. Nachdem ich nun am Ende meiner beruflichen und politischen Laufbahn bin, darf ich die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen allen – ganz gleich welcher verbandsinternen Organisation sie angehören – recht herzlich zu danken. Nur gemeinsam war es möglich, in den letzten Jahrzehnten die Südtiroler Landwirtschaft zu einem wichtigen Wirtschaftszweig zu machen und gleichzeitig der bäuerlichen Berufsorganisation einen entsprechenden Stellenwert in unserer Gesellschaft zu sichern. Bei diesem Bestreben hatte es viele Auf und Nieder, viele Fort- und Rückschritte gegeben. Unser gemeinsames Durchhaltevermögen, unsere Energie, der Glaube an das Gute und unsere Zusammenarbeit haben dazu geführt, dass wir die Landwirtschaft und vor allem auch die bäuerliche Kultur an die Veränderungen angepasst haben, ohne die Werte der bäuerlichen Identität und Tradition aufzugeben.
Der Leitspruch „Altes bewahren und Neues wagen“ hat in all diesen Zeiten auch für uns gegolten.
Am Ende meiner Schaffensperiode darf ich mir erlauben, dennoch einige markante Punkte der abgelaufenen Jahrzehnte aufzuzeigen.

Die Anfänge
Als ich zum Bauernbund kam, war es wohl das Wichtigste, gemeinsam mit den bäuerlichen Führungskräften den Bauernbund wieder zu einer starken Organisation und Inte-ressensvertretung zu machen. Nur diese war in der Lage, den Manshold-Plan, der aus unseren kleinstrukturierten Familienbetrieben große Produktionsbetriebe machen und die weniger produktiven Berggebiete zum Auflassen zwingen wollte, abzuwenden.
Es war der Südtiroler Bauernbund, der die Initiative ergriffen hat, in Brüssel entsprechend und auch wirksam zu intervenieren. Manshold ging, aber die bäuerlichen Betriebe im Alpenraum blieben.

Die Grundlage: Gesunde bäuerliche Familienbetriebe
Man hat mit der Zeit verstanden, dass der naturnah und gesund produzierende bäuerliche Familienbetrieb als Vollerwerbsbetrieb oder als Nebenerwerbsbetrieb die Grundlage der Landwirtschaft im Alpengebiet sein muss. Man hat schließlich und endlich auch die Leistungen der Bauer für die Umwelt und für das Landschaftsbild erkannt und war bereit, hierfür auch entsprechende Ausgleichszahlungen einzuführen. Erfreulich ist auch die Tatsache, dass nicht nur Haupterwerbsbetriebe erhalten und gefördert werden können, sondern auch Neben- und Zuerwerbsbetriebe. Gerade in diesem Sektor hat Südtirol sehr viel getan, indem durch die Raumordnung Arbeitsplätze in den verschiedenen Bereichen in die einzelnen Bezirke verlegt wurden, um den Kleinbauern einen Neben- und Zuerwerb in tragbarer Entfernung zu ermöglichen. Großer Wert wurde dabei vor allem auch auf den Zu- und Nebenerwerb am Hof selbst – sei es im Fremdenverkehr, im Direktverkauf landwirtschaftlicher Produkte oder im Handwerk gelegt. Selbstverständlich mussten auch hier die Urbanistikbestimmungen angepasst und vor allem die interessierten Familienmitglieder entsprechend geschult werden.
Bildungswesen und Beratung ständig ausgebaut
Gerade was die Ausbildung der Jungbauern anbelangt, sind in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte erzielt worden, indem die einzelnen Programme der land- und hauswirtschaftlichen Fachschulen an die veränderten Verhältnisse der Landwirtschaft in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht angepasst und ständig weiterentwickelt wurden – und das im Bewusstsein, dass nicht nur eine Ausbildung für unsere Bauern notwendig ist, sondern auch eine ständige Aus- und Weiterbildung und vor allem eine zeitgemäße Beratung.
Deshalb wurde das Beratungswesen in Südtirol durch den Beratungsring, aber auch jüngst durch die Bergbauernberatung BRING ausgebaut. Dabei wurde vor allem auch auf ein zeitgemäßes Forschungs- und Versuchswesen Wert gelegt, indem die Laimburg beauftragt wurde, die wichtigen Produktionsfragen vor allem in Hinblick auf Gesundheit und Nachhaltigkeit zu untersuchen. Dabei standen vor allem naturnahe Produktionsmethoden, Sortenzüchtungen, Schädlingsbekämpfung, Lagerfähigkeit der landwirtschaftlichen Produkte und Ähnliches im Vordergrund.

Grund und Boden geschützt, Almen und Wälder aufgewertet …
Schwerpunkte in der Agrarpolitik der abgelaufenen Jahre waren vor allem der Schutz des landwirtschaftlichen Grund und Bodens, die Aufwertung der Almen und Wälder durch Erschließung und verschiedene Meliorierungsmaßnahmen. Auch die Nutzungsrechte wurden in den 80-iger Jahren neu geregelt, wobei vor allem darauf Wert gelegt wurde, dass die Substanz und die Bezugberechtigung für die Landwirtschaft und die bäuerliche Bevölkerung erhalten blieb.

Vom Zusammenspiel in der Bauernwelt
Der Südtiroler Bauernbund hat aber immer größten Wert darauf gelegt, bei der Lösung der einzelnen Probleme, vor allem die verschiedenen bäuerlichen und landwirtschaftlichen Organisationen und Körperschaften mit einzubeziehen.
Ohne zeitgemäße Viehzuchtorganisationen der verschiedenen Arten und ohne die Produktions- und Vermarktungseinrichtungen der Genossenschaften in allen Produktionszweigen wäre es nicht möglich gewesen, unsere landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten.
Die Viehzuchtorganisationen, die Sennereien, die Obstgenossenschaften, Kellereigenossenschaften und viele andere genossenschaftlichen Einrichtungen haben sich selbst immer wieder den neuen Erfordernissen und Erkenntnissen der Landwirtschaft angepasst und vor allem auch die neuen Marktverhältnisse durch geeignete Organisationsformen berücksichtigt.

Landwirtschaft gegen bestimmte Kreise verteidigt
Wenn in Südtirol im Vergleich zu anderen von Natur aus benachteiligten Gebieten die Abwanderung verhindert, die landwirtschaftlichen Grundstücke bearbeitet wurde und der ländliche Raum sich beispielhaft entwickeln konnten, so ist es auch mit ein Verdienst des Bauernbundes und der Agrarpolitik in unserem Lande.
Um dieses Ziel zu erreichen, war es aber notwendig, auch gegen großen Widerstand gewisser Umweltorganisationen die Lebensbedingungen in unserem Lande zu verbessern.
Wir haben versucht, die kulturellen, sozialen und sanitären sowie schulischen Einrichtungen auf das ganze Land zu verteilen, damit auch die bäuerliche und insgesamt die ländliche Bevölkerung am allgemeinen, ständig steigenden Lebensstandard in unserem Lande teilnehmen konnte. Dabei haben gerade die ehrenamtlichen Vereine und Verbände im kulturellen und sozialen, aber auch im wirtschaftlichen Bereich große Leistungen erbracht.
Die lange Zeit bekämpfte Erschließung der Berggebiete, der Almen und Wälder war für die Entwicklung der ländlichen Gebiete unerlässlich.
Hätten wir diese Programme auch gegen den Widerstand mancher Kreise nicht umgesetzt und entsprechende Förderungsmaßnahmen nicht zur Verfügung gestellt, so wären sicher viele landwirtschaftliche Betriebe aufgelassen worden.

Mein Glück und unser Stolz
Ich hatte wirklich das Glück, in dieser Zeit gemeinsam mit den bäuerlichen Vertretungen auf den verschiedenen Ebenen bei der Durchführung dieser Programme mithelfen zu können. Gemeinsam haben wir vieles nachhaltig bewegen und schaffen können. Auf das können wir wirklich alle ohne Übertreibung stolz sein!

Ein herzliches Vergelt’s Gott!
Ich möchte deshalb abschließend all denjenigen danken, mit denen ich in dieser Zeit ganz besonders zusammenarbeiten konnte: den einzelnen Obmännern und Obfrauen des Südtiroler Bauernbundes, der Südtiroler Bauernjugend, der Bäuerinnenorganisation, den Gärtnern usw. – jedoch auch den Bauernbunddirektoren und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bauernbundes.
Es war eine schöne Zeit, die ich mit meinen Freunden im Bauernbund und den bäuerlichen Organisationen mitgestalten konnte. Ein herzliches Vergelt’s Gott dafür!

Meine Hoffnung
Ich hoffe nur, dass diese Begeisterung und dieser Zusammenhalt auch in Zukunft aufrecht bleibt, damit wir in der jeweiligen Zeit die anfallenden Probleme im Interesse der Landwirtschaft, der bäuerlichen Bevölkerung und insgesamt Südtirols erkennen und lösen können. In diesem Sinne verbleibe ich mit guten Wünschen für das Jahr 2014 und natürlich für die weitere Zukunft.


Ihr
Luis Durnwalder