Südtiroler Bauernjugend, Bauernbund | 05.02.2014

Interview mit Herbert Dorfmann

Die Südtiroler Bauernjugend hat beim zweiten europäischen Kongress der Jungbauern in Brüssel mit Herbert Dorfmann über Innovation, Bürokratie und die Wichtigkeit der bäuerlichen Familienbetriebe gesprochen.

Südtiroler Bauernjugend: Innovation als Schlüsselfaktor für die Zukunft: Wie hoch schätzen Sie den Innovationsgrad der Südtiroler Landwirtschaft im europäischen Vergleich ein?

Herbert Dorfmann: Ich denke, dass die Südtiroler Landwirtschaft sehr innovativ ist. Zwei Dinge fördern die Innovation: Wirtschaftlicher Druck und Knowhow der Menschen. Wenn es wirtschaftlich gut läuft besteht wenig Lust, darüber nachzudenken, wie es noch besser laufen könnte. Viele Südtiroler Höfe sind klein und das Einkommen aus der Landwirtschaft ist nicht allzu groß. Zum Glück haben viele nachgedacht, wo man mit innovativen Ideen Erfolg haben könnte. Dazu braucht es dann natürlich auch gut ausgebildete innovationsfreudige Bäuerinnen und Bauern. Meistens sind auch junge Unternehmer innovationsfreudiger als nicht mehr ganz junge. Da haben wir gute Karten. Wir haben in unserem Land viele junge, sehr gut ausgebildete Jungbäuerinnen und Jungbauern. Ich denke, unsere Landwirtschaft ist innovativer als viele andere in der EU.

Südtiroler Bauernjugend: Von einigen Jungbauern wurde beim Kongress eine übermäßige Bürokratie und Überreglementierung durch die EU kritisiert. Das bremse die Innovationskraft. In welchen Bereichen kann die EU ansetzen um gerade Jungbäuerinnen und Jungbauern zu entlasten?
Es kommt immer gut an, Überbürokratisierung und Bürokratie zu kritisieren und ich behaupte nicht, dass da auch bei uns in Brüssel nicht manches im Argen liegt. Aber man muss sich auch die Frage stellen, wie diese Bürokratie entsteht. In meiner Arbeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand irgendeine neue Regelung fordert. Die Phantasie ist da groß. Wenn ein großer Markt wie der europäische funktionieren soll, braucht es selbstverständlich Regeln. Aber nicht alles ist sinnvoll und manchmal täte es auch der Politik gut, anstatt immer neue Gesetze zu machen, darüber nachzudenken, auf was man auch verzichten kann.

Südtiroler Bauernjugend: In welchen Bereichen braucht es hingegen strenge Regeln und Vorgaben der EU-Landwirtschaftspolitik, damit diese gleiche Chancen für alle in Europa schafft?
Herbert Dorfmann: Die Landwirtschaftspolitik ist eine der wenigen, vielleicht immer noch die einzige Politik, die wirklich auf europäischer Ebene geregelt ist. Auch dort stellt sich die Frage, welchen Spielraum Staaten und Regionen haben sollen. Manchmal ist eine strenge gesamteuropäische Regelung vernünftig. Wenn wir es beispielsweise zulassen würden, dass die Staaten nach Gutdünken einzelne Produkte unterstützen könnten, würden wir den Markt verzerren. Am Ende landen die Produkte nämlich auf einem gemeinsamen Markt ohne Zölle und Handelsbeschränkungen und da sollten alle die gleichen Chancen haben. Deshalb bin ich dafür, die Marktpolitik möglichst europäisch zu machen. Etwas anderes ist die ländliche Entwicklung. Dort müssen die Staaten und Regionen entscheiden können, was bei ihnen zu Hause vernünftig ist. So ist es etwa bei uns wichtig, gute Ausgleichszulagen für Bergbauern zu bezahlen oder den Urlaub auf dem Bauernhof zu fördern. In einem neuen deutschen Bundesland ist vielleicht beides Unsinn, dort ist es wichtiger, dass in den weit entfernten Dörfern noch jemand wohnt.

Südtiroler Bauernjugend: Die UNO hat das Jahr 2014 zum „Internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe“ erklärt. Sie gelten als starke Wurzeln für unsere Zukunft. Welche Rolle spielen kleine Familienbetriebe in der neuen GAP?
Wir haben heute in vielen, ich würde sagen in den meisten Mitgliedstaaten der EU eine von bäuerlichen Betrieben geprägte Landwirtschaft. Nur in einigen neuen Mitgliedstaaten, die aus einer vollkommen anderen Geschichte kommen, gibt es ganz andere Betriebsformen wie etwas große Genossenschaften oder landwirtschaftliche Gesellschaften. Aber wir sehen, dass die Struktur vielerorts bröckelt. Dafür gibt es viele Gründe: Vielerorts ist die Lebensqualität auf dem Land ungleich schlechter als in der Stadt und dann bleiben die Menschen nicht auf dem Land. Wir sehen aber auch, dass Investitionen in der Landwirtschaft auch für große Investmentfonds zunehmend interessant werden. Investitionen in Grund und Boden versprechen zwar nicht hohe, aber konstante Profite und das ist in der heutigen, unsicheren Finanzwelt zunehmend gefragt. Da müssen wir überlegen, ob die Verteilung des EU Agrartopfes noch richtig ist. Wir müssen soweit kommen, dass der bäuerlich strukturierte Familienbetrieb besser behandelt wird als die große landwirtschaftliche Gesellschaft, die hunderte und oft tausende Hektars bearbeitet. Wenn dieses Jahr also mehr bringen soll als nette Gespräche, Meetings und Konferenzen, dann muss man von den Lippenbekenntnissen zu den Tatsachen kommen und die Tatsachen werden mit rund 40 Milliarden Euro geschaffen, die wir jährlich im Rahmen der ersten Säule der Agrarpolitik verteilen.