Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 05.06.2014

Hilfe für Meki

Ein Schulungs- und Beratungszentrum soll Bauernfamilien in Äthiopien helfen, besser Landwirtschaft zu betreiben. Breite Unterstützung kommt aus Südtirol. Auch der Südtiroler Bauernbund ist beteiligt, und übernimmt internationale Verantwortung.  von Ulrich Höllrigl und Gerold Pichler

Der Bauernbund unterstützt den Aufbau eines Schulungszentrums in Äthiopien

Der Bauernbund unterstützt den Aufbau eines Schulungszentrums in Äthiopien

Zwei Gebiete, zwei Welten: Auf den ersten Blick scheint nur der hohe Anteil an Sonnentagen Südtirol mit Äthiopien zu verbinden. Doch wie so oft lassen sich auch in diesem Fall bei genauerer Betrachtung interessante Parallelen ziehen. So stellt die familienbetriebene Landwirtschaft hier wie dort einen wichtigen gesellschaftlichen Eckpfeiler dar. Und weil die UNO heuer das „Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe“ ausgerufen hat und der Südtiroler Bauernbund mit kompetenten Südtiroler Partnern neue Wege der Entwicklungszusammenarbeit ausloten und Projekte ins Rollen bringen möchte, hat sich kürzlich eine Südtiroler Delegation nach Äthiopien auf den Weg gemacht. Sie fuhr in die Gegend von Meki, wo der verstorbene Südtiroler Country-Sänger George McAnthony diverse Entwicklungsprojekte unterstützt hatte. Dessen Nichte hat die Delegation aus Vertretern von Caritas, Südtiroler Bauernbund, Raiffeisenverband, EURAC und Jungschar sowie Altlandeshauptmann Luis Durnwalder begleitet.

Zeitreise in eigene Vergangenheit
Für Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler, Direktor Siegfried Rinner und Vize-Direktor Ulrich Höllrigl war es wie eine Zeitreise: Sie gewährte Einblicke in eine Landwirtschaft, wie sie bei uns vor 100 Jahren auf sehr ähnliche Weise betrieben wurde.
Viele Länder Afrikas sind stark agrarisch geprägt. Äthiopien ist da keine Ausnahme: Über 80 Prozent der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Zum Vergleich: Im Jahr 1890 waren 65 Prozent der Tiroler Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig.
Anders als in Europa sind die Bauern in Äthiopien noch heute zum Großteil reine Selbstversorger. Sie ernähren sich von Mais, Berghirse, Weizen, Bohnen und etwas Gemüse und kaufen in der Regel hauptsächlich Zucker und Öl zu.

Fruchtbares Land Äthiopien
Äthiopien ist eigentlich ein fruchtbares Land. Doch es hat mit den Problemen der meisten Entwicklungsländer in der südlichen Hemisphäre zu kämpfen: Bevölkerungsexplosion (Verdoppelung der Bevölkerung in den letzten 50 Jahren), Abholzung der Wälder, Überweidung, Erosion und Klimawandel stellen das Land vor enorme Schwierigkeiten. Sie tragen dazu bei, dass die Kluft zwischen arm und reich größer wird. Besonders hart umkämpft ist die Ressource Wasser.
Wenn die Regenzeit kommt, kann angebaut werden. Wenn sie ausbleibt – so geschehen 2011 – ist Hunger die Folge. Dann ist Äthiopien auf internationale Hilfslieferungen angewiesen.
Erschwerend wirken die fehlenden Kenntnisse der modernen Landwirtschaft und wenig praktische Erfahrung mit der Diversifizierung und dem Wassermanagement. Viele äthiopische Familien berichten von erschwertem Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu Wasser für die Bewirtschaftung der Felder und zu anderen notwendigen Ressourcen.
Der Anbau von Getreide erfolgt gänzlich ohne Maschineneinsatz, gepflügt wird mit Ochsengespannen, die Hacke ist das wichtigste Arbeitsgerät. Viele Bauern haben keinen Strom.

SBB bringt Praxiserfahrung ein
Die Caritas Bozen/Brixen engagiert sich bereits seit Jahren in der Region rund um Meki, etwa 130 km von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba entfernt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf landwirtschaftlichen Projekten, die gemeinsam mit der Caritas vor Ort und den Dorfältesten erarbeitet werden, damit große Teile der Bevölkerung davon profitieren können. Da war es naheliegend, den Südtiroler Bauernbund mit seiner Erfahrung aus der landwirtschaftlichen Praxis einzubinden. Obmann Leo Tiefenthaler erklärt: „Es ist unser ausgesprochenes Anliegen, im ‚UNO-Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe’, die Bedeutung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nicht nur in Südtirol, sondern auch weltweit in den Fokus der Südtiroler Öffentlichkeit zu rücken. Es geht dabei um Solidarität und den Mut, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Denn es gibt genug Länder, die nicht die gleichen Voraussetzungen wie das unsere besitzen.“
Grundstein gelegt
Erste konkrete Frucht der Kooperation ist ein neues landwirtschaftliches Schulungs- und Beratungszentrum, das derzeit entsteht. Während des Besuchs wurde der Grundstein gelegt, und benannt wird es nach dem ehemaligen Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder. Die Lehrinhalte, die dort in Zukunft vermittelt werden, sollen die Lebenssituation der Bauern in der Umgebung nachhaltig verbessern. Für den Bauernbund ist dieses Engagement übrigens keine Eintagsfliege: Er wird sich auch in Zukunft für das Schulungszentrum einsetzen, dem auch eine Baumschule für die Wiederaufforstung angeschlossen ist. Warum das dem Bauernbund wichtig ist, erklärt Direktor Siegfried Rinner: „Die Hälfte der Äthiopier sind Analphabeten. Bildung ist der Schlüssel, der den bäuerlichen Familien den Weg in eine bessere Zukunft weisen kann. Wir möchten gerne einen kleinen Beitrag leisten, damit auch Bauernfamilien anderswo von unseren Erfahrungen profitieren können.“
Gleichzeitig unterstützen der Raiffeisenverband und die Raiffeisenkassen den Bau von genossenschaftlichen Getreidespeichern. Auch dies ist ein wichtiger Schritt für die Menschen vor Ort, denn so müssen die Landwirte nicht gleich nach der Ernte an Zwischenhändler zu einem niederen Preis verkaufen. Stattdessen können sie das Getreide zwischenlagern und abwarten können, um zu einem späteren Zeitpunkt von einem höheren Marktpreis zu profitieren. Genossenschaftliche Organisation ist umso wichtiger, als es den Selbstversorgern an Kapital mangelt.

Wasser macht selbständig
Für Bauernbund-Vizedirektor Ulrich Höllrigl ist nach den Erlebnissen und Begegnungen in Meki klar: „Es steht und fällt alles mit dem Wasser: Regenwasser sammeln kann ein Teil der Lösung sein. Es macht die Bauern unabhängiger und ist nachhaltig, denn anders als beim Bohren von Tiefbrunnen sinkt der Grundwasserspiegel dabei nicht ab.“
Mit neuen Erkenntnissen kehrt die Delegation nach Südtirol zurück. Sie hat hautnah erfahren, dass Zugang zu Wasser und sichere Produktion von Nahrungsmitteln auf globaler Ebene nicht selbstverständlich sind. Aber sie spielen eine entscheidende Rolle für die wachsende Weltbevölkerung. Umso wichtiger ist es, diese auch in Gebieten wie Südtirol, wo die Landwirtschaft ungleich bessere Voraussetzungen vorfindet, nachhaltig zu gestalten. Auch bei uns darf man die Produktion von Lebensmitteln nicht vernachlässigen. Denn Ernährungssicherheit wird auch in Europa wieder zu einem großen Thema.

Mehr Fotos und Informationen zum Besuch in Meki gibt es in unserer Mediathek unter http://bit.ly/meki2014.