Marketing, Innovation | 05.06.2014

„Machen, was andere nicht machen“

Während die einen Bauern ihre Höfe aufgeben, sehen die anderen in der Landwirtschaft ihre Zukunft. Das Zauberwort heißt vielfach Innovation. 25 Bäuerinnen und Bauern aus Südtirol haben innovative Betriebe in Österreich besucht und sich Ideen für den eigenen Betrieb „abgeschaut“.

Über die anspruchsvolle Aufbauarbeit einer erfolgreichen Direktvermarktung berichtete Martin Mair von „Mair's Beerengarten“ in Rietz im Tiroler Oberland.

Über die anspruchsvolle Aufbauarbeit einer erfolgreichen Direktvermarktung berichtete Martin Mair von „Mair's Beerengarten“ in Rietz im Tiroler Oberland.

Neun Betriebe in Tirol, Salzburg, Ober- und Niederösterreich standen auf dem Programm der ersten Innovationsreise, die vom Innovationsschalter des Südtiroler Bauernbundes zusammen mit der Bauernbund-Weiterbildungsgenossenschaft organisiert und von der Landesabteilung Innovation mitunterstützt wurde. Dabei hatten die Südtiroler Besucher die Gelegenheit, Innovation hautnah zu erleben. Obwohl die Betriebe sowohl in der Größe – von einigen Tausend Quadratmetern bis zu über 100 Hektar – als auch bei der Tätigkeit sehr unterschiedlich waren, hatten sie eines gemeinsam: Den Mut, einen neuen Weg zu suchen und sich auf eine Nische zu spezialisieren.

„Es kommt nicht auf die Größe an“
Einer davon ist Manfred Seeböck. Als er aufgrund der Krise seinen Job in der Automobilindustrie los war, „schulte er zum Bauern um“. „Für das Arbeitsamt war das Neuland. Eine Umschulung zum Landwirt hat es vorher noch nie gegeben“, erinnerte sich Seeböck. Also eignete er sich das nötige Wissen in Kursen, aus Büchern und durch Gespräche mit anderen Bauern an und kaufte die ersten Wachteln. Heute betreibt er mit seiner Familie eine Wachtelei in Wilhelmsburg (Niederösterreich). Die Wachteleier verkauft er ab Hof oder auf Märkten, wie dem Wiener Naschmarkt. Um die Wertschöpfung zu steigern, stieg Seeböck in die Veredelung ein. Das Sortiment seiner „Wachtelei“, die in Anspielung an die Größe der Wachteleier mit dem Slogan „Es kommt nicht auf die Größe an“ wirbt, umfasst mittlerweile eine ganze Palette an Wachtelprodukten: Eierlikör pur oder als  Schokoladenfüllung, eingelegte Wachteleier, Wachtelnudel, Wachtelgebäck und natürlich Wachtelfleisch.

Von Frühjahr bis Herbst produziert und verkauft Manfred Seeböck, im Winter ist er im ganzen Land unterwegs und besucht potentielle Abnehmer – kein einfaches Unterfangen, sagt Seeböck. Besonders mit dem Handel ist die Zusammenarbeit aufgrund des Preisdrucks alles andere als einfach, bestätigten alle Bauern. Gleiches gilt auch für die Gastronomie. Der beste und treueste Kunde ist und bleibt der private Endverbraucher.

Freier Bauer

Egal, ob mit Handel, Gastronomie oder Privaten: Die ersten Schritte in der Direktvermarktung sind schwer, bestätigt Martin Mair von „Mair’s Beerengarten“ in Rietz im Tiroler Oberland. „Die Direktvermarkung ist schon eine anstrengende Sache. Um sich einen Kundenstock aufzubauen und den Absatz halbwegs zu sichern, muss man sich selbst treu bleiben, immer die beste Qualität liefern und transparent sein. Dann gewinnt man auch das Vertrauen der Kunden.“ Mittlerweile betreibt Mair mehrere Verkaufsstände an zentralen Plätzen in Tirol und ein Geschäft in Innsbruck. Neben frischen Erd- und Himbeeren, Stachelbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren, Kirschen, Marillen und Zwetschgen stellt Mair Marmeladen, Säfte, Tees, Destillate und einiges mehr her – insgesamt über 100 verschiedene Produkte. Das alles hat Martin Mair ganz ohne Beiträge geschafft, worauf er besonders stolz ist. „Wir sind freie Bauern. Wir sind bei keinem Förderprogramm dabei. Aus den Betriebseinnahmen bestreiten wir unseren Lebensunterhalt. Daher ist es umso wichtiger, streng betriebswirtschaftlich zu handeln.“

Betriebswirtschaftliche Überlegungen waren auch bei Wolfgang Hiesmayr mit im Spiel, als er sich entschied, in die Fischverarbeitung einzusteigen. Forellen, Saiblinge und Karpfen werden in den Teichen unterhalb des Hofes bis zu einem Jahr und mehr angefüttert, bevor sie zu den „Jagerbauer Fischspezialitäten“ wie Räucherfisch, Fischaufstriche und -salate weiterverarbeitet werden. Der Erfolg gibt Hiesmayr Recht. „Mit der Urproduktion, der Bewirtschaftung der 50 Hektar Ackerfläche, die ebenfalls zum Hof gehören, lässt sich nicht mehr viel Geld verdienen. Der Druck ist hier zu groß.“

Gute Ideen, geschicktes Marketing
Mit Sauwald-Erdäpfel ist Martin Paminger erfolgreich. Ein Dutzend Bauern betreiben in der Sauwald-Region eine gemeinsame Lagerhalle samt Sortieranlage. Die Kartoffeln werden, als Sauwald-Erdäpfel gekennzeichnet, in der Region und darüber hinaus vermarktet. Den Erzeugern kommt der immer stärkere Trend hin zu regionalen Produkten zugute. „In den letzten zehn Jahren stellen wir fest, dass die Regionalität in den Köpfen der Konsumenten richtig eingehämmert ist. Die Konsumenten wollen wissen, von wo die Lebensmittel stammen und wie sie produziert wurden. Wir haben ein System der Rückverfolgbarkeit, wo jeder Konsument selbst nachschauen kann, von welchem Feld seine Kartoffeln stammen.“

Um die Wertschöpfung zu steigern, begann Paminger vor vier Jahren, aus Kartoffeln Wodka zu brennen. Als ob dies noch nicht innovativ genug wäre – Wodka wird meist aus Getreide hergestellt – füllt Paminger seinen Wodka in Flaschen mit schrägem Boden. Die Begründung: „Die Kartoffeln wachsen in Hanglange. Damit sich die Erdäpfel nicht umgewöhnen müssen, stehen die Wodkaflaschen eben schief.“

Hügelig ist es auch um den Schnatterhof der Familie Doblhamer. Wie der Namen bereits erahnen lässt, spielen nicht etwa Mastschweine die Hauptrolle, sondern Gänse. „Etwa 1200 Gänse und Enten werden am Hof gehalten. Sie kommen als Jungtiere und bleiben meist bis in den Herbst. Dann landen sie auf den Tellern. Das Geschäft ist nicht ganz einfach, der Druck der Konkurrenz aus Ungarn groß. Auch deshalb setzt Doblhamer auf private Kunden, die weniger preissensibel sind als die großen Handelsunternehmen. Ein Teil der Gänse wird für die eigene „Ganslstubn“ am Hof zubereitet – eine gute Einnahmequelle. Schule am Bauernhof, um die Jugend für die Landwirtschaft zu begeistern, ist der Familie Doblhamer ein besonderes Anliegen.

Hofführungen und Schulbesuche stehen auch beim Genussbauernhof Fürstenhof in Kuchl im Bundesland Salzburg ganz oben auf der Tagesordnung. „Jugendliche können bei uns selbst Käse herstellen. Dadurch und durch Hofführungen sollen sie einen positiven Eindruck von der Landwirtschaft bekommen“, sagt Niki Rettenbacher. Auf seinem Genussbauernhof werden 35 verschiedene Rohmilchkäsesorten und Kosmetikprodukte aus der Biomilch der Jersey-Rinder hergestellt – darunter auch der Tennengauer Almkäse, nach dem die Genuss Region benannt ist. Die Marke Genuss Region Österreich ist ein wichtiger Werbeträger und hilft, regionale Produkte zu bewerben, ist Rettenbacher überzeugt.

Schärfste Farm des Mostviertels
Scharf geht es auf Richis Chilifarm in Ruprechtshofen her. Auf knapp 7000 Quadratmetern baut Richard Fohringer verschiedene Chilisorten an, darunter Bhut Jolokia, die schärfste Chili der Welt. Die Chilis werden zu Soßen, wie der „Devils Choice Hot-Sauce“, verarbeitet, eingelegt oder landen in Knackwürsten, denen sie die richtige Schärfe geben. Ein nicht unwesentlicher Teil der Soßen wird über das Internet vertrieben, die Kunden sitzen unter anderem auch in den USA. Neben diesen Betrieben wurde auch der Betrieb „Naturfaser Fölser“, die „Ölmühle Haslach“ sowie der Biohof „Achleitner“ besucht.

In einer der nächsten „Landwirt“-Ausgaben wird der eine oder andere Betrieb noch näher vorgestellt.

- Programm der Innovationsreise

- Bildergalerie

- Bericht in der Radiosendung (Rai Südtirol)
 
- Bericht in der Fernsehsendung (Rai Südtirol)