Innovation, Bauernbund | 03.12.2014

Nischenkulturen bieten großes Potential

Mit dem Potenzial von Beeren, Steinobst, Gemüse oder Kräutern hat sich das vom ESF mitfinanzierte Projekt „NiKuPas“ beschäftigt. Die Erkenntnisse daraus sind vielversprechend: Nischenkulturen können gerade in der Berglandwirtschaft eine interessante Erwerbsmöglichkeit sein. Aber es gibt einiges zu beachten.

Das Interesse am ESF-Projekt „NiKuPas“ war groß. „Nischenkulturen sind im Kommen. Gerade in der Berglandwirtschaft suchen viele Bauern einen Zu- und Nebenerwerb. Nischenkulturen bieten die Möglichkeit, ein zusätzliches Einkommen direkt am Hof zu erwirtschaften, ohne dabei auswärts arbeiten zu müssen“, sagte Tiefenthaler.
Aus diesem Grund haben der Südtiroler Bauernbund als Projektträger, der TIS innovation park, das Versuchszentrum Laimburg und die Bezirksgemeinschaften Vinschgau und Wipptal vor knapp  zwei  Jahren in den beiden Bezirken das ESF-Projekt „NiKuPas“ initiiert. „Ziel war es, die Chancen, aber auch die Herausforderungen von Nischenkulturen näher zu beleuchten“, beschrieb Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler die Projektidee. „Für interessierte Bauern wurden unter anderem Informationsveranstaltungen, Workshops, Vor-Ort-Betriebsanalysen und Gruppenbesichtigungen angeboten.“ Eine Broschüre mit dem Titel „Nischenkulturen als Erwerbsmöglichkeit – Chance und Herausforderung für die Südtiroler Landwirtschaft“ ist vor kurzem erschienen und liegt beim Südtiroler Bauernbund kostenlos auf. Sie beinhaltet wesentliche Entscheidungshilfen für einen erfolgreichen Start in den neuen Betriebszweig. Im Zuge des Projektes wurde auch ein Film zu den verschiedenen Erwerbsmöglichkeiten erstellt.

Hohe Wertschöpfung
Ein Potential für Nischenkulturen gibt es auf alle Fälle. Aktuell werden nur auf etwa 0,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Südtirols Nischenkulturen angebaut. Von diesen 877 Hektar entfallen über die Hälfte auf den Gemüseanbau. Auf 197 ha werden Beeren angebaut, auf 186 ha Steinobst. Der Kräuteranbau fällt mit knapp 9 ha vergleichsweise bescheiden aus. Der Anbau von Nischenkulturen dürfte in Zukunft vor allem deshalb zunehmen, weil Steinobst, Beeren, Gemüse und Kräuter eine vergleichsweise hohe Wertschöpfung bringen. Diese lässt sich noch steigern, wenn die Produkte am Hof weiterverarbeitet und vermarktet werden. Aber auch Frischeprodukte haben ihre Abnehmer. „Vermarktungsmöglichkeiten gibt es viele. Mittlerweile vertreiben Genossenschaften, Versteigerungen und Händler Beeren, Steinobst, Gemüse oder Kräuter.“
Ein weiterer Vorteil: Für den Anbau von Nischenprodukten reichen kleine Flächen aus. „Die durchschnittliche Flächengröße liegt bei wenigen 1.000 m²“, sagte Tiefenthaler.

Anbau von Nischenkulturen will gut überlegt sein
Die Experten des Versuchszentrums Laimburg haben im Projekt „NiKuPas“ ihr Know-how im Bereich des Anbaus von Nischenkulturen eingebracht und die Interessierten sowohl bei der Auswahl der geeigneten Kulturen und Fragen des Anbaus beraten als auch bei der Kulturführung mit Rat und Tat unterstützt. „Nischenkulturen bieten eine große Chance für ein interessantes Nebeneinkommen. Daher verfolgen wir diesen Ansatz in unserer Forschung schon seit Jahrzehnten mit Erfolg, wie die Entwicklung des Beerenanbaus oder auch des Kräuteranbaus in Südtirol zeigen“, erklärte Michael Oberhuber, Direktor des Versuchszentrums Laimburg. „Aber man muss den Anbau gleich wie bei anderen Kulturen mit hoher Professionalität betreiben, um das Risiko der teilweise doch beträchtlichen Investitionskosten zu verringern und Erfolg zu haben“, so Oberhuber weiter. Jeder Bauer sollte sich den Einstieg in der Tat sehr genau überlegen. Denn Nischenkulturen sind nicht für jeden Betrieb geeignet, weil sie im Allgemeinen äußerst anspruchsvoll und zeitintensiv sind. „Der Arbeitsaufwand für Erdbeeren liegt bei 2.500 bis 3.500 Stunden je Hektar und Jahr, bei Kirschen sind es etwa 1.000 Stunden weniger. Nur wer selbst genügend Zeit hat oder auf Erntehelfer zurückgreifen kann, sollte bei Nischenkulturen einsteigen“, erklärte Tiefenthaler. Auf alle Fälle wird Interessierten empfohlen, mit einer kleinen Anbaufläche zu beginnen und diese dann schrittweise auszubauen.
Nicht vergessen werden darf, dass die Investitionskosten bei bestimmten Nischenkulturen sehr hoch sind. „Eine professionelle Kirschenanlage zu erstellen kostet durchschnittlich zwischen 80.000 Euro und 100.000 Euro. Eine neue Himbeeranlage setzt eine Investition von durchschnittlich 60.000 Euro bis 80.000 Euro voraus.“ Zudem sind häufig Spezialmaschinen nötig, deren Anschaffung ebenfalls berücksichtigt werden muss. Allgemein betrachtet, gibt es hier große Unterschiede zwischen Anbausystemen und Kulturen, wobei es auch weniger kosten- und zeitintensive Kulturen gibt.
Gute Erfahrungen mit Nischenkulturen hat der Kastelbeller Bauer Markus Gerstgrasser gemacht. Die Viehwirtschaft warf auf dem kleinen Hof zu wenig ab. Daher werden nun - als Ergänzung - vermehrt Kirschen und Himbeeren angebaut. Für die Ernte nimmt sich Gerstgrasser, der zusätzlich einer Arbeit außerhalb des Hofes nachgeht, frei. Die Kirschen und Himbeeren liefert er der Versteigerung. Der Vorteil von Nischenkulturen liegt für Gerstgrasser klar auf der Hand: Sie lassen sich, auf die Arbeit bezogen, gut mit einem Zu- und Nebenerwerb kombinieren.
Im Vinschgau haben Nischenkulturen eine lange Tradition, darauf wies der Präsident der Bezirksgemeinschaft Andreas Tappeiner hin. „Nischenkulturen können eine Antwort auf die Veränderungen im Berggebiet sein. Dank der Aufbauarbeit verfügen wir über Vermarktungsstrukturen, die einen Einstieg erleichtern.“ Armin Holzer, Präsident der Bezirksgemeinschaft Wipptal, sieht ebenfalls gute Chancen für Nischenkulturen im Bezirk. Gerade für die vielen kleinen Höfe im Bezirk können sie eine wichtige Einkommensquelle sein und beitragen, dass Höfe weiterbewirtschaftet werden.

Nischenkulturen sind anspruchsvoll
Wesentlich für den Erfolg ist der Standort. Viele Nischenkulturen sind sehr anspruchsvoll in Bezug auf Klima, Bodenbeschaffenheit, Wasserverfügbarkeit, Ausrichtung der Anlage, Hangneigung usw. Hier gilt es, sehr genau abzuwägen, ob sich eine Fläche für Nischenkulturen eignet.
Nicht zu unterschätzen ist der Anbau selbst. Dazu gehören die Anlagenerstellung sowie verschiedene Pflege- und Kulturschutzmaßnahmen zur Vorbeugung von Krankheiten und Schädlingen. Ein hohes Maß an Fachwissen sowie ständige Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich sind unbedingt nötig.

Beste Produkte nützen wenig, wenn die Vermarktung nicht passt
„Bauern, die auf Nischenkulturen setzen, müssen sich den Prozess, mit dem sie ihre Produkte an den Kunden bringen, sehr genau durch den Kopf gehen lassen. Produziere ich für den Fachhandel oder für Veredler, möchte ich vom Anbau bis zum Endkunden alles selber machen und was bedeutet dies alles für die Etikettierung meiner Produkte, für die Verpackung und die Kundenbetreuung?“, führte Hubert Hofer, Direktor des TIS innovation park aus. Zunächst könnte dieses komplette Hinterfragen der eigenen Prozesse vielleicht eher abschreckend wirken. „Landwirte sollten aber nicht vergessen, dass die Kunden eine große Sehnsucht nach regionalen Produkten haben und dass Konsumenten regionalen Produkten großes Vertrauen entgegenbringen und diesen Produkten automatisch eine höhere Qualität zusprechen als der Massenware.“ Eines ist sicher: Es gibt kein Patentrezept. Den für den eigenen Betrieb idealen Weg muss sich jeder Bauer individuell suchen. Werden alle wesentlichen Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen geprüft und aufeinander abgestimmt, dann steht dem Einstieg in Nischenkulturen nichts mehr im Wege.


Film: NiKuPas - Nischenkulturen und Wertschöpfungspartnerschaften im Vinschgau und Wipptal


- Broschüre: „Nischenkulturen als Erwerbsmöglichkeit – Chance und Herausforderung für die Südtiroler Landwirtschaft“ (zum Durchblättern und Herunterladen)
- Mehr zum Projekt "NiKuPas"


Das Projekt „NiKuPas“ ist von der Europäischen Union durch den Europäischen Sozialfonds (ESF), vom Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik und von der Autonomen Provinz Bozen mitfinanziert worden.