Produktion, Bauernbund | 26.11.2015

Sachlich über den Boden reden

Was tun, damit Südtirols Kulturböden gesund bleiben? Wie wirken sich Gülle und Pestizide auf das Bodenleben aus? Und welchen Herausforderungen müssen sich Bauern künftig stellen? Diesen Fragen stellten sich Experten bei einer Podiumsdiskussion auf der Agrialp. von Renate Anna Rubner

Auch intensiv bewirtschaftete Obst- und Weinbauflächen weisen bemerkenswert viel Bodenleben auf.

Auch intensiv bewirtschaftete Obst- und Weinbauflächen weisen bemerkenswert viel Bodenleben auf.

In unseren Kulturböden gedeiht, was wir an Lebensmitteln produzieren. Boden hat aber noch viele andere, wichtigere Funktionen. Martin Thalheimer vom Versuchszentrum Laimburg erklärt: „Für die Lebensproduktion ist der Boden zwar wichtig, aber nicht unersetzlich. Heute kann man auch substratlos Pflanzenbau betreiben. Unersetzlich ist Boden aber als Wasserspeicher, in seiner klimatischen Funktion, sprich als Kohlenstoffspeicher, und in seiner Filterfunktion, indem er viele chemische Stoffe abbaut und so für sauberes Wasser sorgt.“ Leider werde aber noch zu fahrlässig mit der Ressource Boden umgegangen, viel werde verbaut, ein großer Teil erodiert.

Südtirols Kulturböden sind lebendig
Laut Thalheimer ist die Situation der Böden in Südtirol aber (noch) weitgehend gut. Erosion sei kaum ein Problem, weil die Dauerbegrünung einen guten Schutz dagegen darstellt. Auch Ulrike Tappeiner, Dekanin an der Universität Innsbruck und Leiterin des Instituts für alpine Umwelt an der EURAC, stellt den Böden Südtirols ein gutes Zeugnis aus. Vor drei Jahren hat sie mit ihren Mitarbeitern eine Erhebung des Bodenlebens in den unterschiedlichen Kulturböden Südtirols vorgenommen und ist zum Schluss gekommen, dass auch intensiv bewirtschaftete Obst- und Weinbauflächen bemerkenswert viel Bodenleben aufweisen. „Bei der Makrofauna haben die Ackerböden mit etwa 4000 Individuen pro Kubikmeter Erde am schlechtesten abgeschnitten, gefolgt von Obst- und Weinbauflächen. Am meisten Insekten, Larven und Würmer leben in den Böden der Wiesen“, erklärte die Wissenschaftlerin bei der Podiumsdiskussion auf der Agrialp.

Bewirtschaftungsweise hat starken Einfluss
Trotz einer generellen Tendenz konnte bei der Studie aber auch eine große Variabilität festgestellt werden, denn „die Art der Bewirtschaftung hat einen großen Einfluss auf das Bodenleben“, erklärte Tappeiner. So haben Mulchen und Bewässerung einen positiven Einfluss auf Mikro- und Makrofauna während sich mechanische Verdichtung oder der Einsatz von Pestiziden negativ auf das Bodenleben auswirken.
Das ist auch den Bauern bewusst, ist sich Thomas Prünster vom Beratungsring Berglandwirtschaft BRING sicher: „Besonders jüngere Bauern achten sehr auf die Signale des Bodens, denn ihnen ist klar, dass nur ein gesunder Boden auch eine gute Futterqualität hervorbringt.“
Dem stimmte auch Hansjörg Hafner vom Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau zu: „In den letzten Jahrzehnten hat sich die Aufmerksamkeit der Bauern dem Boden gegenüber stark entwickelt. Man versucht zum Beispiel immer mehr auf Herbizide zu verzichten. Allerdings ist ein totaler Verzicht aus arbeitstechnischen und finanziellen Gründen nicht möglich.“ Martin Thalheimer bestätigte: „Das Thema Pestizide wird zu emotional geführt“, erklärte er. Oft werde nicht bedacht, dass mechanische Alternativen nicht immer ökologisch sinnvoller sind, weil der erhöhte Treibstoffverbrauch, die Belastung des Bodens durch häufiges Befahren und andere Faktoren nicht mit in die Überlegungen einfließen.

Aufgeheiztes Thema: Gülle
Ähnlich emotional wird derzeit die Gülle diskutiert. Ulrike Tappeiner sieht das Thema eher kritisch, erklärte aber auch: „Mist und Gülle sind nun einmal da! Es geht darum, wie der Bauer damit umgeht.“ Ganz konkret plädierte sie für klare Mengenbegrenzungen, eine ausreichende Verdünnung des Wirtschaftsdüngers (mindestens Verhältnis 1 : 1) und eine bodennahe Ausbringung zur Vermeidung von Ammoniakverlusten an die Luft. Auch der Zeitpunkt für das Düngen mit Gülle müsse vom Bauern gut gewählt werden: Der Himmel sollte bedeckt, der Boden feucht sein.
Selbst Thomas Prünster ist überzeugt, dass es bei der Ausbringung von Gülle vor allem auf das Wie ankommt. Handlungsbedarf sieht er aber auch bei der Politik: In Natura-2000-Gebieten müsse künftig zwischen Mähwiesen und extensiven Weidewiesen unterschieden werden. „Die Mähwiesen wurden immer schon gedüngt, wieso sollte das jetzt plötzlich nicht mehr erlaubt sein?“, fragte er und sprach sich für einen sachlicheren Umgang mit dem Thema aus.

Kupfer belastet Weinbauböden
Mit Altlasten kämpfen die Böden im Weinbau. Martin Thalheimer belegte es mit konkreten Zahlen: Ein Gramm Kupfer kann in einem Kilogramm Weinbauboden nachgewiesen werden. „Das ist klar über der Toleranzschwelle“, sagte Thalheimer. Dagegen tun könne man indes nichts. Kupfer ist ein Schwermetall und reichert sich im Boden an. Mit teils dramatischen Folgen für das Bodenleben, insbesondere für die Regenwürmer, wie der Wissenschaftler erklärte. Eine Reduzierung des Kupfers im Weinbau sei zwar erklärtes Ziel und auch sinnvoll, die bereits vorhandene Belastung bleibe aber ein bislang ungelöstes Problem.