Bauernbund | 09.12.2015

Provoziert, um gehört zu werden

Unsere Leistungen können sich sehen lassen, auch wenn sie manchmal schmutzig erscheinen! Diese Botschaft wollte der Bauernbund Pustertal am vergangenen Samstag bei seiner Jahreshauptversammlung vermitteln – und gleichzeitig der Gesellschaft die Hand reichen.

Die Erbhoffamilien mit Gratulanten: (v.l.) Anton Tschurtschenthaler, Enkel und Tochter mit Peter Johann Preindl, im Hintergrund Walter Hintner, Sabine und Paul Frenes mit den Kindern sowie Arnold Schuler und Leo Tiefenthaler.

Die Erbhoffamilien mit Gratulanten: (v.l.) Anton Tschurtschenthaler, Enkel und Tochter mit Peter Johann Preindl, im Hintergrund Walter Hintner, Sabine und Paul Frenes mit den Kindern sowie Arnold Schuler und Leo Tiefenthaler.

Offensichtlich braucht die Landwirtschaft markige Zeichen, um sich noch Gehör zu verschaffen. Dieser Meinung ist jedenfalls der Pustertaler Bauernbund-Bezirksobmann Anton Tschurtschenthaler. „Wir haben für die Einladung unserer Versammlung ein provokantes Bild gewählt“, erklärte er am Samstag im Michael-Pacher-Haus in Bruneck: Es war ein Bauer, der lachend Gülle auf die Wiese spritzt. „Das Thema Gülle hat uns in den vergangenen Wochen oft verfolgt“, sagte Tschurtschenthaler. „Einige Gruppen machen stark gegen uns Bauern mobil und finden viel Geöhr.“ Die Bauern wollen zeigen, dass sie nichts zu verstecken haben: „Wir brauchen das Verständnis der Gesellschaft, dass wir leben und wirtschaften müssen.“ Gülle sei in erster Linie ein hochwertiger Wirtschaftsdünger. Gleichzeitig weiß Tschurtschenthaler: „Das Problem liegt beim richtigen Maß. Wir wissen, dass es einige Bauern übertreiben. Wir müssen sie ermahnen, das abzustellen.“ Wichtig sei auch die richtige Ausbringungstechnik: „Hier hoffen wir auf Unterstützung aus Forschung und Beratung.“

Tourismus wichtiger Partner

Insgesamt braucht sich die Landwirtschaft laut Tschurtschenthaler nicht zu verstecken: „Die Landschaft pflegen immer noch wir – und nicht unsere Kritiker“, sagte er. „Aber wir müssen Rücksicht auf Umwelt und Gesellschaft nehmen.“ Besonders wichtig sei im Pustertal die Zusammenarbeit mit dem Tourismus. Tschurtschenthaler hofft, dass ein mit dem HGV-Bezirksausschuss bereits angedachtes Interreg-Projekt mündet.


Auch Landesobmann Leo Tiefenthaler lobte diese Initiative und betonte, dass auch auf Landesebene nach schwierigeren Zeiten nun wieder eine gute Grundstimmung zwischen Landwirtschaft und Tourismus herrscht.

Der Leiter des Bauernbund-Bezirksbüors Walter Hintner erinnerte: „Immer mehr Gründe der Bauern werden für Freizeitsportarten genutzt: Mountainbike, Wandern, Skifahren, Skitouren usw.“ Er forderte die Ortsgruppen auf, auf verschiedene freiwillige Rahmenabkommen des Bauernbundes mit den Tourismuorganisationen zurück zu greifen: „Sie bieten beiden Seiten Sicherheit bei Ersitzung, Haftpflichtversicherung, Ausweisung der Strecken usw.“ Von oben verordneten Streckeneintragungen hingegen erteilte er eine Absage.

Milchpreis größte Herausforderung
Mit Sorge beobachtet Bezirksobmann Tschurtschenthaler den Milchmarkt: „Die Milchproduktion steigt und der Milchpreis wird zur größten Herausforderung der nächsten Jahre.“ Die Ehrengäste reagierten unterschiedlich: Laut Europaparlamentarier Herbert Dorfmann sind die Südtiroler Milchhöfe dank funktionierender Veredelung zu Qualitätsprodukten stark genug, den Auszahlungspreis zu halten. Altlandeshauptmann Luis Durnwalder dagegen zweifelte: „Ob der italienische Importeur immer unsere Milch abnimmt, auch wenn sie rundherum billiger zu haben ist?“ Mit Blick auf das Versammlungsmotto „Land – Wirtschaften ist unser Leben“ ermunterte Durnwalder den Bauernbund, klar Position für die Landwirtschaft zu beziehen: „Man muss nicht streiten, aber manchmal kann man schon die Zähne zeigen.“

Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler erklärte unter anderem, warum die Auszahlungen der EU-Prämien 2014 und Akontozahlungen 2015 mit großer Verspätung erfolgen: Die späte Genehmigung der neuen Programme durch die EU und technische Probleme bei der Übertragung der abertausenden von Daten.“ Nun gelte es, die Probleme für künftige Auszahlungen aus dem Weg zu schaffen.

Gemeinsam forderten Schuler und Tschurtschenthaler die Bauern auf, einen Betriebsarzt zu wählen. Tschurtschenthaler erinnerte den Landesrat an sein Versprechen, dass das neue Tierarzt-System nicht teurer wird als das bisherige.

Wie der Schweizer Bauernverband in der Öffentlichkeit das Verständnis für die Anliegen der Bauern weckt, erklärte dessen Vizedirektor Urs Schneider. Seit 17 Jahren investiert der Verband Geld in den Kontakt mit der Gesellschaft und den Medien: „Wir müssen die Emotionen der Bevölkerung wecken – dürfen dabei aber nie vergessen, ehrlich zu sein und die Realität zu zeigen.“ Daher arbeitet der Bauernverband mit etwas Selbstironie, Spritzigkeit, aber auch mit modernen Bildern. Damit ist es gelungen, dass auch junge Schweizer die Landwirtschaft als etwas Innovatives und Positives wahrnehmen.

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Erbhofurkunde für Familien Frenes und Preindl
In Südtirols Gesellschaft und Wirtschaft spielen die Bauernhöfe eine zentrale Rolle. Das sagte Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler, der im Rahmen der Pustertaler Bauernbund-Versammlung zwei Erbhofurkunden verlieh. 200 Jahre lang muss ein Hof im Besitz der Familie sein und von ihr bewirtschaftet werden, damit er den Titel „Erbhof“ tragen darf. Der Fall ist dies bei den Höfen Plaza von Paul Frenes in Welschellen/Enneberg und Gärber von Peter Johann Preindl in Niederrasen/Rasen-Antholz.
Der Hof Plaza liegt auf 1360 m Meereshöe. Schon mit 14 Jahren wurde Paul Frenes Vollwaise und musste 1989 den Hof übernehmen, bewirtschaftete ihn zusammen mit den Großeltern. Auf 10 ha Wiesen – davon die Hälfte verpachtet – hält er acht Großvieheinheiten, ein Pony und Kleinvieh. Auch 30 ha Wald gehören zum Hof. Heute herrscht reges Leben am Hof: mit Frau Sabine und die drei Kinder Carolin, Dominik und Annika. 2002 bauten sie das Bauernhaus mit zwei Ferienwohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof neu, 2009 bauten sie das Futterhaus zu einem Laufstall mit Mutterkuhhaltung um. Mit Backofen, Holzhütte und weiteren Zubauten erhalten sie das Landschaftsbild des Weilers Tintal. Sowohl Paul als auch Sabine gehen einem Nebenewerb nach.
Der Hofname „Gräber“ stammt aus dem Jahr 1650, als ein Gerber das Haus als Dorfgerberei errichtete. Vor genau 200 Jahren kaufte dann der erste Preindl den Hof in Niederrasen, der seither im Familienbesitz ist. 1996 wurde die Hofstelle ausgesiedelt, das alte denkmalgeschützte Hofgebäude im Dorf ist erhalten geblieben und bildet heute eine Einheit mit dem Alpenhof, das von den Töchtern geführt wrid.
An der neuen Hofstelle gibt es auch Urlaub auf dem Bauernhof und ein Heubadl. Auf dem Hof mit fünf ha Wiese, 0,5 ha Kartoffelacker und zehn ha Wald halten Peter und seine Frau Linda Schweine, Ziegen, Schafe, Esel und Pferde. Peter ist Fraktionsvorsteher und Gemeindereferent und hat von seinem Vater die Aufgabe als Vorbeter übernommen.
Die Familie bemüht sich um die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus und will Traditionen erhalten. Als Dank für überreichte Tochter Anna Lisa, die HGV-Ortsobfrau von Rasen-Antholz, im Rahmen der Versammlung eine Spende an den Bäuerlichen Notstandsfonds.

Bezirksobmann Anton Tschurtschenthaler: „Wir wollen hin- und nicht wegschauen – auch beim Thema Gülle.“

Urs Schneider: „Landwirtschaft ist innovativ und positiv – das kann man den Menschen auch erklären.“