Politik, Internationales, Bauernbund | 05.10.2016

Bergbauern den Rücken gestärkt

Die Berglandwirtschaft ist das Rückgrat der Bergregionen. Das sollte die Gesellschaft und das muss die Europäische Agrarpolitik anerkennen. Diese Signale gingen am 4. Oktober von der internationalen Konferenz „Berglandwirtschaft: Aus Tradition und Verantwortung für morgen“ in Garmisch-Partenkirchen aus. von Guido Steinegger

Südtirol-Delegation mit Ministern vor dem „Roter-Hahn“-Stand auf der Konferenz: (v.l.) SBB-Obmannstellvertreter Viktor Peintner, L.-Abg. Sepp Noggler, L.-Abg. Maria Kuenzer, Dejan Židan, Christian Schmidt, SBB-Obmann Leo Tiefenthaler und Martin Pazeller.

Südtirol-Delegation mit Ministern vor dem „Roter-Hahn“-Stand auf der Konferenz: (v.l.) SBB-Obmannstellvertreter Viktor Peintner, L.-Abg. Sepp Noggler, L.-Abg. Maria Kuenzer, Dejan Židan, Christian Schmidt, SBB-Obmann Leo Tiefenthaler und Martin Pazeller.

Im Rahmen der deutschen Präsidentschaft der Alpenkonvention hatte der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt Agrarpolitiker, Bauernvertreter und Wissenschaftler aus den Alpenkonventionsländern zu dieser Konferenz geladen. Auch eine Delegation des Südtiroler Bauernbundes mit Obmann Leo Tiefenthaler und die Landtagsabgeordneten Maria Hochgruber Kuenzer und Sepp Noggler nahmen teil.
 
Im Dienste der Gesellschaft
Alle Tagungsteilnehmer betonten: Die Berglandwirtschaft produziert nicht nur Lebensmittel, sie erbringt darüber hinaus außerordentliche Leistungen für die Gesellschaft – und das in weit höherem Maße und unter wesentlich schwereren Bedingungen als die Landwirtschaft in Gunstlagen: Pflege der Kulturlandschaft, Schutz vor Erosion, Beitrag zu Biodiversität, Ökologie und Naturschutz, Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft in entlegenen Gebieten, Wertevermittlung … Gleichzeitig hat sie mit Nachteilen zu kämpfen: schwerere Erreichbarkeit, schwere Bewirtschaftung, kürzere Vegetationsphase, kleinere Strukturen ohne Wachstumsmöglichkeit und mit höheren Kosten, also weniger Gewinn.
 
EU muss „starke Leistung“ honorieren
Minister Schmidt sprach daher von den Bergbauern als „Rückgrat der Bergregionen“ und von einer „starken Leistung“ für die Gesellschaft. Nur eine aktive Berglandwirtschaft könne den Reichtum der Bergregionen erhalten. Er werde sich dafür einsetzen, dass die Belange der Berglandwirtschaft in der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) nach 2020 erhalten bleiben.
Auch der slowenische Agrarminster Dejan Židan forderte eine strake Berglandwirtschaftspolitik in der nächsten Planungsperiode der GAP und warnte davor, die Gelder für die Landwirtschaft nach 2020 zu kürzen: „Vielen ist die große Bedeutung der Landwirtschaft – besonders in den Bergen – nicht bewusst.“ Im eigenen Land möchte der Minister die Ernährungssouveränität stärken: Landwirte sollen stärker gefördert werden, wenn sie mit ihrer Lebensmittelproduktion dazu beitragen, die eigene Bevölkerung zu ernähren.
 
Herausforderungen für Bergbauern
Als große Herausforderungen für die Berglandwirtschaft sieht die Konferenz den Klimawandel, den oft an der Realität vorbei führenden hohen Anspruch der Gesellschaft bei Umwelt- und Tierschutz, das Problem mit dem Großraubwild und die vielen und komplizierten bürokratischen Regeln, Zertifizierungs- und Dokumentationsvorschriften. Vorarlbergs Landwirtschaftslandesrat Erich Schwärzler plädierte „für eine EU-Agrarpolitik, die den kleinen und mittleren Betrieben – wie man sie in den Bergregionen vorfindet – wieder mehr Entscheidungsspielraum lässt.“
 
Tiefenthaler: „Mehr Freiraum für Betriebe“
Diese Aussage freut auch den Obmann des Südtiroler Bauernbundes Leo Tiefenthaler: „Die EU muss nicht alles bis ins letzte Detail regeln. Unsere Betriebe brauchen mehr Freiraum, sich an ihren eigenen betrieblichen und örtlichen Voraussetzungen zu orientieren und sich so optimal weiter zu entwickeln.“ Die Überreglementierung  schmälert das Einkommen der Bergbauernfamilien und führt sogar zu Betriebsauflassungen. „Das können wir nicht wollen“, sagt Tiefenthaler.
 
Perspektiven für Bergbauern
Neben den Herausforderungen, wurden im Rahmen der Konferenz aber auch Perspektiven für die Berglandwirtschaft aufgezeigt. Direktvermarktung, Urlaub auf dem Bauernhof und andere Formen der Diversifizierung sind wesentliche Elemente, aus denen sich die Bergbäuerinnen und Bergbauern ihre erfolgreiche Zukunftsstrategie zusammenstellen können. Die Verbraucher zeigen eine hohe Wertschätzung für Bergprodukte oder Urlaub in Berggebieten. Dieses Potential sollte von der Berglandwirtschaft bestmöglich genutzt werden.
 
Positionspapier in Vorbereitung
Die „Arbeitsgruppe Landwirtschaft“ der Alpenkonvention hatte bereits im Vorfeld der Konferenz eine Bewertung der multifunktionalen Leistungen der Berglandwirtschaft und die daraus abzuleitenden Maßnahmen vorbereitet. Dieses Positionspapier wurde allen Entscheidungsträgern, vor allem aber den Agrarministern aller Alpenkonventions-Länder zugeschickt. Diese Minister treffen kommende Woche bei der XIV. Alpenkonferenz in Grassau, Deutschland aufeinander und werden dort dieses Positionspapier verabschieden.

Der slowenische Agrarminster Dejan Židan war ebenso in Garmisch ...

... wie sein deutscher Amtskollege, Bundesminister Christian Schmidt.