Wirtschaft, Bauernbund | 17.10.2016

Bergwiesen bewahren

Die Umweltschutzgruppe Vinschgau möchte Meliorierungen eines Bauern im Rojental verhindern. Die Bauern sind völlig anderer Meinung und reagieren auf die Medienberichte mit einer Gegendarstellung. Doch auch die Landesabteilung für Natur und Landschaft ist gegen das Projekt. von Guido Steinegger

Wiesen im Rojental. Bleiben sie erhalten, wenn jede Bodenverbesserung verhindert wird? (Foto: Markus Moriggl/Wikimedia)

Wiesen im Rojental. Bleiben sie erhalten, wenn jede Bodenverbesserung verhindert wird? (Foto: Markus Moriggl/Wikimedia)

Darf Kulturlandschaft überhaupt noch verändert werden, oder muss sie um jeden Preis bleiben, wie sie derzeit ist? Und ist das überhaupt möglich? Fest davon überzeugt scheint  die Umweltschutzgruppe Vinschgau: Öffentlich kritisierte sie den Antrag eines Bauern aus Graun im Vinschgau, der seine Almen im Rojental meliorieren wollte. Anderer Ansicht war die Gemeinde Graun: Sie hat die Bodenverbesserungsarbeiten am 13. Juli genehmigt. 

Das Projekt
Der Bauer möchte einen kleineren Teil seiner Wiesen auf ca. 2020 m Meereshöhe meliorieren: Von insgesamt 17.480 m2 wären 1400 m2 betroffen. Die hervorstehenden Kuppen und Unebenheiten würden abgetragen und Senken aufgefüllt. Die maximale Geländeänderung beträgt +/- einen Meter.

Die Kritik
Die Umweltschutzgruppe Vinschgau spricht bei diesem Vorhaben von einem „Angriff auf die letzten Obervinschger Bergwiesen“. Sie kritisiert die „unbekümmerte Einstellung der Landwirtschaft und der sie unterstützenden Politik bei Erhalt und Pflege von Bergwiesen.“
Die Umweltschutzgruppe ist der Meinung, dass den Bauern  viel zu oft „ohne Wenn und Aber das Wirtschaften (zumal im Nebenerwerb) erleichtert“ wird, und kritisiert, „dass es für die Planierung einer über 2000 m hoch gelegenen Bergwiese immer noch öffentliche Subventionen gibt“, ohne dass die Zerstörung intakter Lebensräume in der Bilanz aufscheint. Die Gruppe fordert die Landesabteilung für Natur und Landschaft auf, dem Antrag nicht stattzugeben. 

Die Ablehnung
Genau das hat die Abteilung mit einem Gutachten vom 13. September getan, u.a. weil sich diese Wiesen durch ein „Mosaik aus trockeneren Bereichen und Feuchtgebieten auszeichnen“ und weil durch die geplanten Maßnahmen „eine der letzten verbliebenen, artenreichen Bergwiesen bzw. die derzeitg noch intakte Flora und Fauna zerstört bzw. sehr stark beeinträchtigt wird.“

Die Gegendarstellung
Dagegen hat der Bauer Rekurs eingereicht. Gleichzeitig wehrt sich die Bauernbund-Ortsgruppe Reschen mit einer öffentlichen Gegendarstellung. Von „Planierungen“ sei keine Rede: Bei dieser „Meliorierung“ werden zwar Unebenheiten ausgeglichen, aber nicht völlig ebene Flächen hergestellt. Die Landesregierung habe 2013 mit dem Landschaftsschutzplan der Gemeinde genau für dieses Gebiet Bodenverbesserungsarbeiten zugelassen. Keine Erde oder sonstiges Material werde zugeliefert, sondern die entnomme Humusschicht anschließend wieder ausgetragen und mit standortgerechtem Saatgut angesät.
Zudem würden die Bauern – entgegen den Behauptungen der Umweltschutzgruppe  – überhaupt keine Beiträge mehr für Meliorierungsarbeiten erhalten. Mit der Ablehnung fürchten die Bauern einen Präzdenzfall für alle weiteren Anträge. Die meisten Obervinsch-ger Bauern erledigen die Landwirtschaft im Nebenerwerb. Der hohe Zeitaufwand zum Mähen der hochgelegenen Wiesen sei daher ein Problem. „Nicht auszudenken, wie das Landschaftsbild aussehen würde, wenn die Bergwiesen nicht mehr gemäht würden“, schreiben die Bauern und sehen sich keineswegs als „Landschaftszerstörer“, sondern als „Landschaftsschützer, -pfleger und -erhalter“.

SBB: Verändern heißt erhalten
Gedanken über diese Entwicklung macht sich auch die Bauernbund-Führung in Bozen. Die Zeiten für großflächige Planierungen seien schon lange vorbei, sagt Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler. Die Bauern reichen Projekte für die Verbesserung der maschinellen Bewirtschaftung ein – mit punktuellen Eingriffen. Die maschinelle Bewirtschaftung sei notwendig, denn auch auf den Höfen leben nicht mehr so viele Arbeitskräfte wie früher. „Es geht hier auch um Arbeitssicherheit“, mahnt Tiefenthaler. 

„Für die Umweltschutzgruppe scheint jede Veränderung etwas Schlechtes zu sein“, wundert sich der Bauernbundobmann, „aber nicht die Käseglocke trägt zur Erhaltung des Landschaftsbildes bei, sondern die Bewirtschaftung.“  Wer diese Wiesen also erhalten will, müsse dafür sein, die Bewirtschaftung maßvoll zu erleichtern. „Ansonsten werden die Bauern die Wiesen schon bald nicht mehr mähen.“ Das bedeute dann auch das Aus für die Wiesenlandschaft in ihrer derzeitigen Form.