Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 27.10.2016

Ein Potential für Südtirol

Vor gut einem Jahr ging eine Flüchtlingswelle durch unser Land. Manche sind geblieben, haben um Asyl angesucht und eine Unterkunft erhalten. Was sich viele dieser Männer am meisten wünschen, ist eine Arbeit. So mancher hat sie in der Landwirtschaft gefunden … von Renate Anna Rubner

Zufriedene Gesichter: Georg Weger (Zweiter v. l.) und Stefan Pföstl (Erster v. r.) mit „ihren“ Erntehelfern

Zufriedene Gesichter: Georg Weger (Zweiter v. l.) und Stefan Pföstl (Erster v. r.) mit „ihren“ Erntehelfern

Georg Weger ist überzeugt: „Für uns waren die Asylwerber ideal.“ Gerade erst haben er und sein Freund Stefan Pföstl eine landwirtschaftliche Gesellschaft gegründet. Als Weingut Pföstl haben sie neben ihren eigenen kleinen Weingütern auch Flächen dazugepachtet und bewirtschaften nun insgesamt ca. dreieinhalb Hektar Weinbau. Die eigenen Trauben und die zweier Lieferanten werden zu Wein gekeltert.
Die Idee zu diesem gemeinsamen Unternehmen hatten die beiden Freunde schon lange. Lange bot sich aber nicht die Gelegenheit, diesen Plan auch umzusetzen. Dann ging alles sehr schnell: Als sie endlich eine größere Fläche zur Pacht bekamen, griffen sie beherzt zu. Georg Weger hängte seinen Job an den Nagel und widmet sich seitdem ganz dem eigenen Betrieb. Anfangs war das eine große Herausforderung. Besonders was die Organisation der Arbeit in den Weinbergen anlangte, fühlte er sich auf Neuland. „Wie viel Hilfe brauche ich und vor allem wann?“, fragte er sich.

Arbeiteten sich rasch ein
Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Eine Freundin, die Lehrerin ist und Flüchtlingen Deutschunterricht gab, fragte ihn im Frühling letzten Jahres, ob er jemanden wüsste, der einem Asylwerber Arbeit geben könnte. Letztendlich stellte er vier junge Männer als Tagelöhner ein: zwei aus Pakistan und zwei aus Gambia. „Die vier waren sehr motiviert und konnten auch schon ein bisschen Deutsch“, erklärt Georg Weger. „Die Verständigung war problemlos.“
Obwohl keiner der jungen Männer eine Ahnung von der Landwirtschaft hatte – sie kommen wohl alle eher aus dem urbanen Bereich –, arbeiteten sie sich rasch ein und gingen dem Bauern von Mai an immer wieder zur Hand: Beim Ausbrechen der Triebe, bei den Laubarbeiten, schließlich bei der Ernte.

Asylwerber sind zeitlich flexibel und haben eine Unterkunft
„In einem kleinen Weingut, wie wir es sind, ist es schwierig, für Saisonarbeitskräfte kontinuierlich Arbeit zu haben. Da wird ein Arbeitsdurchgang abgeschlossen, und dann gibt es wieder ein paar Tage nichts zu tun“, erklärt Georg Weger. Asylwerber haben diese Flexibilität, das sei für ihn die beste Lösung gewesen.
Flexibilität war aber auch bei Georg Weger gefragt: Die vier jungen Männer sind Moslems. Während des Fastenmonats Ramadan dürfen sie untertags weder essen noch trinken. „Ich habe dann einfach die Arbeitszeiten angepasst“, erklärt der Winzer. „Von sechs Uhr morgens bis um 12 Uhr mittags. Das ging, weil wir zu fünft das Arbeitspensum in der Zeit schafften und weil es in diesem Sommer auch nicht so heiß war.“ Ansonsten habe die Tatsache, dass die Arbeitskräfte Moslems waren, keine Umstände gemacht. „Sie waren total unkompliziert. Außer Schweinefleisch essen sie alles.“
Ein weiterer Vorteil sei gewesen, dass die Asylwerber bereits eine Unterkunft hatten. „Wir hätten keine Möglichkeit, Saisonarbeitskräften eine Wohnung zu bieten“, sagt Georg Weger. „Die vier wohnten in der gleichen Unterkunft am Meraner Bahnhof, schon seit einem Jahr.“ Bisher hatte keiner von ihnen eine Arbeit gefunden. „Die waren richtig froh, endlich aus ihrem Trott auszubrechen: essen, schlafen, warten. Ohne Aufgabe, ohne Genugtuung, ohne Perspektive.“

Arbeit schafft Perspektive
Verena Hafner von Binario 1 – Bahngleis 1 sieht genau darin eine der größten Herausforderungen, wenn es um die Integration von Asylwerbern geht: „Zum einen ist es natürlich die Sprache, die die jungen Männer lernen müssen, und darin können wir sie auch gut unterstützen.“ Darüber hinaus sei es aber auch notwendig, ihnen eine Perspektive zu geben, Selbstwertgefühl. Und sie in die Gesellschaft einzubinden. Das gehe eben vor allem durch Arbeit. „Wer sich in die Arbeitswelt integriert, schließt Bekanntschaften, fühlt sich willkommen, beginnt, die Lebensweise der Einheimischen und ihre Kultur zu verstehen“, sagt die Freiwillige, die sich als Brücke zwischen den Flüchtlingen und der Gesellschaft versteht.
Sie beschreibt das breit gefächerte Hilfskonzept, das für eine würdevolle Aufnahme nötig ist. Hier wirkt Binario 1 – Bahngleis 1 unterstützend mit: Es reicht von der Erstversorgung der neu Angekommenen, über Schulung in den Landessprachen bis hin zur Hilfestellung bei Asylanträgen, Rekursen, Bewerbungen; oder wenn es darum geht, ein Bankkonto zu eröffnen.
„Diese Männer sind jung und motiviert“, erklärt Verena Hafner. „Sie sind ein Potenzial, das für Südtirol zum Gewinn werden kann!“ Da die meisten aber noch keine spezifische Ausbildung haben oder die Sprache noch nicht genügend beherrschen, sei es schwierig, sie in komplexe Arbeiten einzuführen. Als Einstieg in die Arbeitswelt sei die Landwirtschaft, besonders die Ernte, ideal. „Hier braucht es willige Leute, die anpacken. Sprachlich sind sie schnell in der Lage, einfache Sachverhalte zu verstehen und die Arbeit zur vollen Zufriedenheit auszuführen“, sagt Verena Hafner.

Beim Bauernbund offene Türen eingerannt
Zahlen belegen das. Laut Thomas Wieser von der Abteilung Arbeitsberatung im Südtiroler Bauernbund waren es zur Haupterntezeit 115 Asylwerber, die in Südtirols landwirtschaftlichen Betrieben einer Arbeit nachgingen. Hauptsächlich als Erntehelfer, also zeitlich befristet, eingestuft als landwirtschaftliche Tagelöhner.
Beim Bauernbund ist man erfreut über die Zahlen. Zufrieden scheinen auch die Bauern mit den Asylwerbern. Zumindest ist Thomas Wieser nichts Gegenteiliges zu Ohren gekommen. Zufrieden ist auch Verena Hafner von Binario 1 – Bahngleis 1: „Als wir uns auf die Suche nach potenziellen Arbeitgebern machten, sind wir an den Bauernbund herangetreten und haben dort sofort offene Türen eingerannt“, erzählt sie. So habe eine fruchtbare Zusammenarbeit begonnen. Über den „Südtiroler Landwirt“ habe man die Bauern informiert. Der Rest habe sich dann irgendwie verselbstständigt. „Das lief oft ganz eigenständig zwischen Bauern und Asylwerbern ab, ohne dass wir uns einschalten mussten“, freut sich Verena Hafner.
So ähnlich war es wohl auch beim Weingut Pföstl. Georg Weger hat den Großteil der Trauben schon im Keller, etwas Cabernet und  Merlot muss noch geerntet werden. „Nächstes Jahr werde ich die vier wieder einstellen“, ist sich der Winzer sicher. „Es sei denn, sie kriegen einen festen Job. Das würde ich ihnen sehr wünschen!“ 

Freiwillige der Zivilgesellschaft

 

BINARIO 1 – BAHNGLEIS 1 sind Menschen, die im Frühjahr 2015 angesichts der Situation am Bahnhof Bozen spontan schnelle, unbürokratische Hilfe für Menschen in einer Notlage organisiert haben. Diese „Freiwilligen der Zivilgesellschaft“ sind Bürger aus ganz Südtirol, die nicht über einen Verein organisiert sind, sondern freiwillig aus Eigeninitiative und mit Eigenverantwortung handeln und sich auf unterschiedliche Art und Weise einbringen und humanitäre Hilfe leisten. Sie lachen und weinen mit den Menschen, die auf ihrer Flucht in Bozen stranden, sie freuen sich über Jacken, Obst und die vielen helfenden Hände. Doch längst ist Binario 1 – Bahngleis 1 auch außerhalb des Bahnhofes aktiv und setzt sich für eine inklusive, offene Gesellschaft ein und versucht mit Projekten und Handlungen (Unterstützung bei der  Arbeitssuche, Sprachkurse, Suche bei einer Unterkunft usw.) die in Südtirol untergebrachten Asylbewerber in ihrem neuen Alltag zu unterstützen.

Weitere Infos gibt es hier oder auf der Webseite der Landesabteilung für Familie, Soziales und Gemeinschaft