Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 14.04.2017

Vom Wandel in der Landwirtschaft

Die ersten Traktoren, die Erschließung der Höfe oder die Spezialisierung: Bäuerinnen und Bauern schildern den Wandel der Südtiroler Landwirtschaft im vergangenen Jahrhundert. Ihre Erinnerungen sind nun in einem Film und ab 20. April unter www.zeitzeugen.it gesammelt.

Mit einem Film zeigt der Bauernbund die Entwicklung der Landwirtschaft auf. (Foto: Landesmuseum für Volkskunde, Hugo Atzwanger)

Mit einem Film zeigt der Bauernbund die Entwicklung der Landwirtschaft auf. (Foto: Landesmuseum für Volkskunde, Hugo Atzwanger)

Peter Brigl schmunzelt, wenn er an seine Kindheit am elterlichen Hof in Girlan denkt. „Wir sind damals noch mit dem Ochsenwagen aufs Feld gefahren“, erzählt er. „Mein Vater war Weinbauer, am Hof haben wir aber auch Vieh gehalten. Unter den Pergeln haben wir gepflügt. Der offene Boden speichert das Wasser besser, denn eine Beregnung gab es zu jener Zeit noch keine.“
Brigl sitzt in der Stube, vor sich ein Mikrofon. Eine Kamera zeichnet seine Erzählungen auf. Er schildert das Leben der Bauern in den frühen 1950er Jahren, als die meisten Höfe noch Mischbetriebe waren.
Dann kommt er auf den großen Wandel in Südtirols Landwirtschaft zu sprechen. „Im Jahr 1955 kaufte der Vater den ersten Traktor. Zehn Jahre später gaben wir die Viehwirtschaft auf und konzentrierten uns auf Wein- und Obstbau.“ Brigls Erzählungen handeln von der Motorisierung und der zunehmenden Spezialisierung der Höfe, zwei Entwicklungen, welche die Landwirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte tief greifend verändert haben. Peter Brigl ist überzeugt: „Keine andere Generation hat jemals eine Entwicklung durchlebt wie wir.“

Erinnerungen bewahren
So wie Brigl haben viele Bauern und Bäue­rinnen überliefernswerte Erfahrungen gesammelt. Als Funktionäre in bäuerlichen Organisationen oder politische Vertreter haben sie den Wandel auf den Höfen und im ländlichen Raum miterlebt, aber auch selbst geprägt. Sie sind Zeitzeugen eines spannenden Zeitraums in der Entwicklung unserer Landwirtschaft. Der Präsident der Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund, Gottfried Oberstaller, weist auf den reichen Erfahrungsschatz vieler älterer Bauern hin: „Ihr Wissen ist historisch von Bedeutung und darum wert, für weitere Generationen aufbewahrt zu werden.“
Davon ist auch der Südtiroler Bauernbund überzeugt. Gemeinsam mit der Seniorenvereinigung hat er deshalb ein Projekt initiiert, um die Erinnerungen bäuerlicher Zeitzeugen zu sammeln und aufzuzeichnen. Landesobmann Leo Tiefenthaler erklärt das Ziel: „Die Zeitzeugen vermitteln Geschichte anschaulich. Anhand ihrer Berichte möchten wir die Entwicklung der Landwirtschaft und der bäuerlichen Organisationen aufzeigen.“

Zeitzeugenberichte im Internet
Der Bauernbund hat die Erzählungen von 24 Zeitzeugen aus den unterschiedlichen bäuerlichen Bereichen in Filmaufnahmen festgehalten. Sämtliche Zeitzeugenberichte sind ab dem 20. April auf einer eigenen Internetseite (siehe Kasten) als Videoaufnahmen abrufbar.
Die Zeitzeugen schildern in den aufgezeichneten Gesprächen eindrucksvoll die Veränderungen der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert. So erzählt Karl Dallemulle, langjähriger Bezirksobmann im Unterland, vom „Wendejahr“ 1957, der viele Bauern auf den „Geschmack“, auf den Apfel, brachte. Der ehemalige Direktor des Sennereiverbandes, Alfons Hainz, berichtet vom Aufschwung der Milchwirtschaft, Weinpionier Luis Raifer von der Qualitätswende im Südtiroler Weinbau.
Über die Gründungsjahre der bäuerlichen Organisationen erzählen die erste Landesbäue­rin Maria Gufler Leiner, Georg Viehweider, der als Landessekretär die Bauernjugend und Bäuerinnenorganisation mit aufgebaut hat, die erste SBJ-Landesleiterin Maria Clementi Ladurner und der Ehrenpräsident der Seniorenvereinigung, Johann Messner. Einblicke geben auch die früheren Landesobmänner Arthur Feichter und Georg Mayr sowie Politiker aus dem bäuerlichen Umfeld wie Luis Durnwalder, Sepp Mayr und Hugo Valentin.

Film gedreht: „Bauer.Sein – gestern und heute“
Aufgezeichnet haben die Zeitzeugenberichte die zwei Südtiroler Filmemacher und Historiker Hansjörg Stecher und Martin Hanni. Ausschnitte davon sind zudem in einen Film zur Landwirtschaftsgeschichte eingeflossen. Der Film „Bauer.Sein – gestern und heute“ verknüpft die Zeitzeugenberichte mit historischen Filmaufnahmen und aktuellen Porträts bäuerlicher Betriebe. Die zwei Filmemacher erklären die besondere Herangehensweise: „Der Film zeigt den Wandel aus der Perspektive ausgewählter Bauernhöfe. Dabei stimmen einige der im Film porträtierten Höfe mit den in den historischen Aufnahmen gezeigten überein, sodass die Veränderung eindrucksvoll dargestellt wird.“ So ist etwa Bauer David Eppacher vom Niederuntererhof in Rein in Taufers in historischen Aufnahmen bei der Heumahd mit Sense und Pferdewagen zu sehen, während in den aktuellen Szenen Heulader und Heukran zum Einsatz kommen.  

Notwendiger Wandel
Der Film wurde vom Südtiroler Bauernbund in Zusammenarbeit mit Rai Südtirol und mit Unterstützung des Amtes für Kultur der Autonomen Provinz Bozen produziert.
Landesobmann Leo Tiefenthaler erklärt das Ziel dieses Filmprojekts: „Mit diesem Film und den Videoaufnahmen bringen wir die Geschichte der Südtiroler Landwirtschaft einem breiten Publikum näher. Darin zeigen wir, wie sich die Landwirtschaft im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat und dass ihre Weiterentwicklung auch immer notwendig war.“
Der Film „Bauer.Sein – gestern und heute“ wird am 28. April und am 5. Mai auf Rai Südtirol ausgestrahlt (siehe Kasten unten). Er kann anschließend von den bäuerlichen Ortsgruppen für Filmabende und Veranstaltungen kostenlos ausgeliehen werden.


Film und Webseite
Der Film „Bauer.Sein – gestern und heute“ erzählt die Geschichte der Landwirtschaft in historischen und zeitnahen Bildern. Zeitzeugen geben wissenswerte Hintergrundinformationen.
Der Film wird am 28. April und am 5. Mai 2017 um 20.20 Uhr auf Rai Südtirol in zwei Folgen zu je 30 Minuten ausgestrahlt. Anschließend steht der Film bäuerlichen Ortsgruppen für Filmabende und Veranstaltungen kostenlos zur Verfügung.
Die Erzählungen der 24 bäuerlichen Zeitzeugen sind ab 20. April auf der Internetseite www.zeitzeugen.it als Videoaufnahmen in der Mediathek abrufbar. Die Internetseite beinhaltet auch eine historische Übersicht über die Landwirtschaftsgeschichte und Videoclips mit historischen Aufnahmen.