Südtiroler Landwirt, Politik | 12.04.2018

Geschützt und gefürchtet

Der Wolf ist zurück. Zunächst sind einzelne Tiere durch unser Land gestreift, nun hat sich das erste Rudel gebildet. Der „Südtiroler Landwirt“ ist der Frage nachgegangen, welche Sorgen die Bauern plagen und was die Politik zu tun gedenkt.

Der Wolf sorgt für hitzige Diskussionen: Vor allem die Bauern sehen ihre Tiere gefährdet – und die Zukunft der Almwirtschaft. (Foto: www.pixabay.com)

Der Wolf sorgt für hitzige Diskussionen: Vor allem die Bauern sehen ihre Tiere gefährdet – und die Zukunft der Almwirtschaft. (Foto: www.pixabay.com)

Der letzte Almsommer begann auf der Seiser Alm so unspektakulär wie immer: Die meisten Bauern vom Hochplateau schickten einige ihrer Tiere mit den Hirten auf die Gemeinschaftsalmen: In höheren Lagen vor allem Schafe, weiter unten die Rinder. Von Wolfrissen hatte man zwar gehört, aber die waren weit weg, im Ultental und Deutschnonsberg. Oswald Karbon kann sich noch genau daran erinnern, als sich das änderte: Es war im Juli letzten Jahres, als auf der Plattkofelalm die ersten Schafe gerissen wurden. Von einem Wolf, das wurde durch die Untersuchungen des Amtstierarztes bald Gewissheit. Von da an blieb nichts mehr, wie es war.
Dabei hatte sich das Unheil angekündigt. Erst im Nachhinein verstanden das die Bauern. Schon einige Zeit vor diesen ersten Schafrissen beobachtete nämlich Josef Lageder, ein Bauer aus Tagusens, der sein Milchvieh auf der Christschweige hält, dass seine Herde von einem Tag auf den anderen versprengt war. Er war kaum imstande, die Tiere zweimal täglich zum Melken zusammenzutreiben, wie er es sonst immer machte. Erst nach etwa zwei Wochen kam wieder Ruhe in die Herde. Die späteren Schafrisse legen die Vermutung nahe, dass ein Wolf die Tiere in Aufregung versetzt hat.

Zuerst Schafe, dann ein Kalb
Die Zeit nach den Schafrissen blieb vorerst ruhig. Durch Beobachtungen von Jägern und Fotofallen konnten aber mindestens zwei Wölfe in dem Gebiet ausgemacht werden. Deshalb wurden die Tiere von den höheren Almen im August vorzeitig abgetrieben. Damit war der Spuk aber noch nicht zu Ende. Im September folgte ein weiteres Opfer: Zwischen Saltria und der Plattkofelalm wurde ein Kalb gerissen.
Oswald Karbon ist die Sorge anzusehen, und der Zorn. Der Bauer vom Kienzlhof in Kastelruth ist Ortsobmann des Südtiroler Bauernbundes und Gemeindereferent. Im vergangenen Winter sind die Wildrisse im Schlerngebiet deutlich angestiegen, wie er erzählt. Zwar werden Wildrisse nicht analysiert, aber er geht davon aus, dass in den Wäldern der Wolf umgeht, wahrscheinlich sogar mehrere. „Ein Hund ist kaum imstande, ein Reh zu jagen, der ist einfach zu langsam dafür“, meint der Bauer. Und das sprunghafte Ansteigen der Wildrisse in diesem Jahr sei ein weiteres, eindeutiges Zeichen.

„Die Politik hat den Wolf gebracht“
Wie soll es nun weitergehen? Der Winter ist am Ausklingen, der nächste Almsommer steht vor der Tür, noch aber gibt es keine Lösung, nicht einmal im Ansatz. Die Ohnmacht greift um sich: „Die meisten Bauern stellen sich die Frage, ob wir heuer auftreiben können“, sagt Oswald Karbon. „Außer den Maßnahmen für den Herdenschutz ist einfach gar nichts passiert“, macht er seinem Unmut Luft. Auch die Entschädigungen für die gerissenen Tiere seien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, zudem bürokratisch kompliziert, sodass sich der Aufwand selten lohnt. „Die Bauern sind verunsichert, sie sind wütend und fühlen sich allein gelassen!“, bringt es der Bauernvertreter auf den Punkt und fordert: „Die Politik hat den Wolf gebracht, nun muss sie auch schauen, dass er wieder wegkommt.“ Wie er das genau meine? „Nun, der Wolf untersteht europaweit einem strengen Schutz, den hat uns die Politik eingebrockt, und wir dürfen das nun auslöffeln!“
Landesrat Arnold Schuler lässt sich durch solche Aussagen nicht aus der Ruhe bringen. Mit dieser Forderung konfrontiert, hebt er beschwichtigend die Hände: „Prinzipiell muss man da schon unterscheiden“, korrigiert er. „Beim Bären hat, das stimmt, die Politik durch das Wiederansiedelungsprojekt für den Bären dieses Großraubtier wieder ins Trentino gebracht, und von da aus ist er zu uns gekommen.“ Der Wolf aber habe sich ganz von alleine und auf natürlichem Wege wieder ausgebreitet. Durch den besonderen Schutzstatus, den er genießt, aber mit einem riesigen Wettbewerbsvorteil. Tatsache sei aber, das gibt der Landesrat zu, dass es eine politische Entscheidung war, die diesen Schutzstatus ermöglicht hat. Deshalb sei auch die Politik dafür zuständig, ihn wieder aufzuheben.

Das Dilemma Schutzstatus
Dieser Schutzstatus ist durch eine EU-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992) festgelegt. Diese Richtlinie hat das Ziel, die Artenvielfalt zu sichern. Die Mitgliedsstaaten sind darin aufgefordert, notwendige Maßnahmen zu treffen, um ein strenges Schutzsystem für die in Anhang IV, Buchstabe a) (Streng zu schützende Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse) genannten Tierarten – und darin sind sowohl Wolf als auch Bär aufgeführt – einzuführen. Allerdings steht in derselben Richtlinie auch: „Sofern es keine anderweitige zufriedenstellende Lösung gibt und unter der Bedingung, dass die Populationen der betroffenen Art in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet trotz der Ausnahmeregelung ohne Beeinträchtigung in einem günstigen Erhaltungszustand verweilen, können die Mitgliedsstaaten von den Bestimmungen (…) abweichen.“ Als Gründe für das mögliche Abweichen werden in der Verordnung folgende genannt: der Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen, die Verhütung ernster Schäden insbesondere an Kulturen und in der Tierhaltung und im Interesse der Volksgesundheit und der öffentlichen Sicherheit. Demnach wäre eine Entnahme von Wölfen – entweder weil es sich um ein „Problemtier“ handelt, oder weil eine bestimmte Anzahl an Individuen für ein bestimmtes Gebiet überschritten wird – in der EU-Richtlinie vorgesehen.
Einige Staaten haben davon auch Gebrauch gemacht und haben sich dadurch etwas Spielraum verschafft, indem sie unter bestimmten Voraussetzungen Entnahmen vorgesehen haben, beispielsweise Frankreich, Skandinavien, Polen oder auch Spanien.
„Rom hat das aber verabsäumt, weshalb die Verordnung voll greift. Jeglicher Vorstoß in diese Richtung gestaltet sich als sehr schwierig“, erklärt Landesrat Arnold Schuler. In Italien seien die Tierschutzorganisationen sehr militant und hätten einen starken politischen Einfluss. Ein Großteil der Bevölkerung, und besonders die Städter, seien prinzipiell gegen die Jagd und für den Schutz aller Tierarten, also auch der Wölfe. Das habe auch historisch kulturelle Gründe: „Der Italiener verbindet mit der Wölfin die archaische Säugerin der Zwillinge Romulus und Remulus, weshalb sie als Mitbegründerin des Römischen Reiches und des italienischen Volkes gesehen wird. Wir hier im Norden sind eher von Grimm’schen Märchen geprägt und sehen den Wolf nicht mit diesem verklärten Blick, sondern realisieren ihn als das, was er ist: als Gefahr und Bedrohung.“
Unter diesem Blickwinkel sei laut Schuler auch seine Petition zu sehen: „Wenn ich in Rom bin und die Tierschutzorganisationen so stark auftreten, dann ist klar, dass ich über eine Unterschriftensammlung ganz anderes Gewicht bekomme, wenn ich eine Regulierung der Wölfe fordere. Aber auch auf europäischer Ebene möchten wir etwas erreichen durch die Petition: Nämlich dass der Schutzstatus des Wolfes generell herabgesetzt wird, d. h., dass er aus dem Anhang IV genommen wird. Denn er ist nicht (mehr) vom Aussterben bedroht, im Gegenteil, er vermehrt sich sehr stark, nicht nur in Italien sondern europaweit.“ Die Petition findet vor allem in Südtirol Befürworter, teilweise auch in anderen Alpenländern. Wie stark das Gegengewicht der Tierschutzorganisationen ist, zeigt sich unter anderem durch die Tatsache, dass es zu Schulers Petition schon eine Gegenpetition auf nationaler Ebene gibt, die ebenso Unterstützer findet wie diejenige des Landesrates. Eine Patt-Situation.

Auch der Tourismus betroffen
In weiten Gebieten Italiens ist der Wolf nicht so stark in Konflikt mit der Bevölkerung, weil vielerorts die Gebirgsgegenden bereits verlassen sind und es schon deshalb a priori weniger Berührungs- und Konfliktpunkte gibt als hier bei uns, wo die Almen noch durchwegs bewirtschaftet werden und fast jeder Quadratmeter genutzt wird, nicht nur landwirtschaftlich, sondern auch touristisch.
Wie verhält sich der Tourismus in Bezug auf das Thema Wolf? Oswald Karbon sagt es ganz offen: „Wenn nicht nur wir Bauern, sondern auch der Tourismus mitziehen würde, dann würde der Druck größer, und für uns würde es entsprechend leichter.“ Den Almabtrieb im letzten Oktober inszenierten die Kastelruther Bauern, um auf ihr Unbehagen aufmerksam zu machen. Wie auch in anderen Gegenden protestierten sie mit Plakaten und Sprüchen, von den Hoteliers und Gastwirten im Ort erhielten sie dafür finanzielle Unterstützung. Viele teilen die Abwehrhaltung der Bauern gegenüber dem Wolf. Mitmarschiert war aber keiner.

„Wir werden mit ihm leben lernen müssen“
Trotz allem steht Südtirol innerhalb Italiens aber nicht alleine da im Kampf gegen den Wolf. Wie Luigi Spagnolli, Direktor des Amtes für Jagd und Fischerei, erzählt, leben Wölfe auch in anderen Regionen, wie im Aostatal, in Venetien und in der Toskana, und kommen dadurch in Konflikt mit der Bevölkerung, besonders mit der bäuerlichen wegen der Nutztierhaltung. „Auch im Latium gibt es schwerwiegende Probleme mit dem Wolf“, erklärt der Amtsdirektor. Da werde aber gar nichts gemacht, die Politik wolle es sich dort mit den örtlichen Tierschützern auf keinen Fall vertun.
Luigi Spagnolli hat in den letzten Monaten die Wut der Bauern deutlich zu spüren bekommen. Er kann diese Wut und Ohnmacht auch verstehen, das ändere aber nichts: „Ich bin Landesbeamter“, sagt er. „Und als solcher muss ich mich an die Gesetze halten, so wie es jeder andere Bürger auch tun muss. Also kann ich – können wir –, nur versuchen, etwas an den Gesetzen zu ändern, um in Sachen Wolf eingreifen zu können. Aber wir werden mit ihm leben lernen müssen“, sagt er ohne Umschweife. „Unser Ziel als Landesverwaltung ist es, eine Regulierung des Wolfes zu erwirken, und zwar versuchen wir das auf nationaler und auf europäischer Ebene.“ Ein mühevoller Prozess, den er und seine Mitarbeiter auf der technischen Ebene, Landeshauptmann Arno Kompatscher, Landesrat Schuler, die Kammerabgeordneten und Senatoren sowie EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann auf politischer Ebene vorantreiben.
Auch die Ebene des Landtages stiehlt sich nicht aus der Verantwortung. Die beiden bäuerlichen Abgeordneten Josef Noggler und Albert Wurzer haben beim Thema Wolf an zwei Punkten angesetzt: Da laut EU-Richtlinie die etwaige Entnahme nur möglich ist, „sofern es keine anderweitige zufriedenstellende Lösung gibt“, wurde mit einem Beschluss gefordert, dass das Land mittels Pilotprojekten ermittelt, ob die Herdenschutzmaßnahmen im alpinen Gebiet überhaupt zweckdienlich sind. Die Idee dahinter: „Wenn sie sich als nicht zweckdienlich herausstellen sollten, ist ein anderes schützenswertes Gut im Sinne der Wirtschaft und der Umwelt gefährdet, nämlich die Almgebiete.“
Der zweite Hebelpunkt im Antrag der bäuerlichen Abgeordneten betrifft die Managementpläne, indem sich der Landtag offiziell dafür aussprechen soll, die geregelte Jagd einzuführen. Zudem zielt der Antrag auf das Strafrecht: Das Parlament wird darin aufgefordert klarzustellen, dass die Notwehr, gegebenenfalls bis hin zum Abschuss, bei einem Angriff auf die Tiere an der Hofstelle gesetzlich erlaubt ist. Im italienischen System besteht nämlich der Zweifel, ob es zulässig ist, Wildtiere zu töten, wenn sie auch die Tiere im Stall angreifen, sodass die Bauern in einem solchen Fall hilflos zuschauen müssten. Hier sollte laut Josef Noggler und Albert Wurzer eine ähnliche Norm wie in Schweden eingeführt werden, die dies ausdrücklich erlaubt.

Erste Übergriffe im Jahr 2010
Das Amt für Jagd und Fischerei hat unter anderem das Monitoring der Wölfe zur Aufgabe. Jedes Auftreten eines Wolfes auf Südtiroler Gebiet wird demnach erfasst und mit einem roten Punkt in einer Karte markiert. Die ersten vier roten Punkte wurden im Jahr 2010 eingetragen, im Deutschnonsberg waren die ersten Wölfe gesichtet worden. Einzelne Individuen, die durch das Gebiet streiften und oft genauso schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Ein Wolf kann an einem Tag bis zu 35 Kilometer weit laufen, das sind lange Strecken, sodass er einmal da und kurze Zeit später woanders gesehen werden kann. Auch Risse gab es im Jahr 2010 bereits: Zwölf Schafe, zwei Ziegen und zwei Rinder scheinen auf der Schadensliste der Landesverwaltung für das Jahr 2010 auf. In den Jahren darauf schien sich die Lage wieder etwas zu beruhigen, zumindest wurden kaum Schäden gemeldet. Ab 2014 stiegen die Opfer­zahlen wieder, einen sprunghaften Anstieg kann man für das Jahr 2017 deutlich machen: 33 Schafe, vier Ziegen und drei Rinder wurden im letzten Jahr als Opfer des Wolfes bestätigt. Die Schäden beliefen sich auf eine Gesamtsumme von 9680 Euro, vergütet wurde der gesamte geschätzte Betrag. Noch ist das vergleichsweise wenig, für Schäden durch Siebenschläfer gibt die Landesverwaltung deutlich mehr pro Jahr aus.
Luigi Spagnolli ist besorgt, wenn er die Entwicklung beobachtet: Einzelne Wölfe, sowohl männliche als auch weibliche, wurden bereits im oberen Vinschgau (Gegend von Trafoi), im genannten Gebiet von Deutschnonsberg und Ultental sowie im Gadertal, auf der Seiser Alm und am Ritten ausgemacht. Inzwischen wurde auch ein Rudel entdeckt: Zwei erwachsene Tiere und ein Junges sind im Deutschnonsberg beobachtet worden. Sorge bereitet Spagnolli auch das, was er von Kollegen aus dem Trentino und der Nachbarregion hört: Dort streifen bereits mehrere Rudel und einzelne Paare durch die Gegend. „Wenn auch nur ein Bruchteil deren Nachkommen bis zu uns herwandert, dann können wir uns die Folgen ausmalen“, sagt er.

Ganz neue Art der Almwirtschaft
Trotzdem – oder gerade deshalb - müsse man einen kühlen Kopf bewahren, ist der Amtsdirektor sicher. Das bedeutet einerseits zu versuchen, eine Entnahmemöglichkeit für den Wolf zu erwirken, aber das geht nur auf politischer Ebene und ist noch ein langer Weg. „Ganz konkret, und vor allem gleich, müsse aber eine Möglichkeit gefunden werden, die gealpten Tiere vor dem Wolf zu schützen: Das bedeutet, dass die Tiere nicht unbeaufsichtigt bleiben dürfen und dass sie am Abend in einen Pferch getrieben und von einem elektrischen Zaun und Herdenhunden geschützt werden müssen.“ Es sei ihm bewusst, dass das eine ganz neue Art der Almwirtschaft bedeutet und dass dieser Herdenschutz viel Geld kostet.
Oswald Karbon glaubt nicht, dass der Herdenschutz wirksam ist, auch zweifelt er an seiner Umsetzbarkeit: „Unsere Almen sind sehr weitläufig, da braucht es zu viele Hirten und Hunde, um die Tiere wirklich zu schützen. Zudem ist bei uns alles touristisch erschlossen. So ein Herdenschutzhund ist gefährlich. Nicht auszudenken, wenn ihnen Gäste oder Einheimische mit ihren Haushunden in die Quere kommen …!“
Luigi Spagnolli stimmt dem zu, die Gefahr, die von Herdenhunden ausgehe, sei nicht zu unterschätzen, im Gegenteil. Er ist aber auch davon überzeugt, dass „wir die Gäste und Wanderer im Allgemeinen sensibilisieren und aufklären müssen. Wir müssen sie lehren, wie man sich auf Almen verhält, damit sie mit den Herdenhunden nicht in Konflikt kommen!“ Das betreffe aber nicht nur diesen speziellen Bereich, sondern sei darüber hinaus auch deshalb nötig, weil inzwischen Wanderer, Downhiller, Mountain- und E-Biker auf den Bergen, Almen und in den Wäldern unterwegs sind, sodass es klare Verhaltensregeln brauche, um ein Nebeneinander von (Nutz)Tier, Bauer und Freizeitnutzer zu ermöglichen. „Daran müssen wir verstärkt arbeiten“, sagt er.

Almwirtschaft in Gefahr
„Ich möchte nicht, dass die Bauern anfangen, das Problem selber zu lösen“, sagt Oswald Karbon. „Deshalb muss etwas passieren, und zwar schnell!“ Denn es seien nicht nur die Tiere in Gefahr, auf dem Spiel stehe die gesamte Almwirtschaft. Die Alpung spiele eine wichtige Rolle in der Berglandwirtschaft: „Für die Tiergesundheit ist sie sehr wichtig“, sagt Oswald Karbon. Außerdem sei das Auftreiben notwendig, damit Galtvieh nicht im Stall durchgefüttert werden müsse. Das spare Kosten und mache die Aufzucht erst rentabel. „Wenn sich aber die Aufzucht nicht mehr rechnet, dann lassen die Bauern das halt bleiben und kaufen die erwachsenen Tiere zu.“ Der Bauernvertreter sieht deshalb die Almwirtschaft insgesamt in Gefahr und mahnt: „Wenn einer mal anfängt, nicht mehr aufzutreiben, dann werden sehr schnell andere folgen. Das kann rasant um sich greifen.“

Töten im Blutrausch
Seitdem der Wolf in Südtirol massiv auftritt, also seit letztem Sommer, hat der Bär viel von seiner Sprengkraft eingebüßt. Der Wolf ist das eindeutig größere Übel, wie Oswald Karbon sagt: „Der Bär macht uns nicht so viel Angst, der wandert zwar auch mal durch und vielleicht reißt er auch ein Tier. Aber er ist viel berechenbarer, weil er nicht so lange Wege zurücklegt wie der Wolf. Und er reißt Tiere nur, wenn er sonst nichts findet.“ Ein Wolf dagegen, jage und reiße aus reiner Lust am Morden.
Dem kann Luigi Spagnolli nicht ganz beipflichten: „Es ist so, dass Wölfe in der Regel töten um zu fressen. Sie verfolgen die Beute, töten durch einen Biss ins Genick oder lassen das Tier zu Tode stürzen, indem sie es gegen einen Abgrund treiben. Dann weiden sie das Tier aus, lassen es liegen, kommen immer wieder zurück, um es nach und nach ganz aufzufressen. Dann gehen sie wieder auf Beutefang.“