Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 14.02.2019

„Kleine Betriebe stärker fördern“

Joachim Rukwied ist Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und des europäischen Bauernverbandes COPA. Am 23. Februar ist er als Gastredner bei der Bauernbund-Landesversammlung zu hören. von Michael Deltedesco

Joachim Rukwied: „Biodiversität und Wettbewerbsfähigkeit im Gleichgewicht halten.“

Joachim Rukwied: „Biodiversität und Wettbewerbsfähigkeit im Gleichgewicht halten.“

Südtiroler Landwirt: Herr Rukwied, die Verhandlungen über die neue Agrarpolitik sind in vollem Gang. Was erwarten Sie sich von der GAP nach 2020? Welche bedeutenden Änderungen könnte es geben?
Joachim Rukwied: Wichtig ist eine Weiterentwicklung im Sinne von uns Bauern. Die vermutlich größte Veränderung liegt im sogenannten Neuen Umsetzungsmodell, das von der Kommission vorgeschlagen wurde. Mit diesem soll dem Subsidiaritätsprinzip noch stärker als heute Rechnung getragen werden. Neben Vorteilen der besseren Anpassung an die Begebenheiten in den einzelnen Ländern und Regionen dürfen aber potenzielle Gefahren, die durch eine Wettbewerbsverzerrung innerhalb Europas entstehen könnten, nicht aus den Augen gelassen werden.

Europa, besonders aber die Vertreter der Landwirtschaft, blicken gespannt nach Großbritannien, wo die Entscheidung zum Brexit ansteht. Wie wollen die Landwirtschaftsvertreter das Agrarbudget absichern, sollte der Nettozahler Großbritannien aus der EU austreten? Viele befürchten deutliche Kürzungen auch im Agrarhaushalt ...
Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU verliert die Union einen bedeutenden Nettozahler. Auch im Agrarbudget kann es daher zu Kürzungen kommen, sollten die verbleibenden Mitgliedstaaten ihre Beträge nicht erhöhen. Wir setzen uns als COPA und DBV dafür ein, dass auch in Zukunft ein stabiles GAP-Budget erhalten bleibt. Der jüngste Vorschlag von EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger bildet eine Grundlage für weitere Diskussionen. Er sieht zwar eine Kürzung des Agrarbudgets vor, enthält aber auch eine Aufstockung des mehrjährigen Finanzrahmens. Noch schwerwiegender sind jedoch, im Falle eines harten Brexits, die Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen. Wir müssen mit einem kurzfristigen Abriss der Lieferkette rechnen.

Was bei Experten als sicher gilt ist, dass die neue Agrarpolitik ein noch größeres Augenmerk auf die Nachhaltigkeit legen wird. Wo kann die Landwirtschaft noch nachhaltiger werden, ohne jedoch an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen?
Das Dreieck der Nachhaltigkeit – ökologisch, sozial und ökonomisch – kann nur geschlossen werden, wenn die ökonomische Nachhaltigkeit gegeben ist. Biodiversität und Wettbewerbsfähigkeit müssen daher im Gleichgewicht gehalten werden.
„Eco-Schemes“ sind ein mögliches Mittel, um die erste Säule der GAP ökologischer zu gestalten. Dabei dürfen die Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen in der zweiten Säule nicht gefährdet werden – notwendig ist eine sinnvolle Ergänzung.

Die EU plant, die Macht des Handels einzuschränken, damit der Druck auf die Preise abnimmt. Welche Möglichkeiten gibt es, den Bauern faire Preise zu sichern?
Die jüngste Einigung bei den unlauteren Handelspraktiken ist ein wichtiger Schritt, um transparentere und ausgewogenere Beziehungen zwischen allen an der Lebensmittelversorgungskette beteiligten Akteuren zu fördern.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben nun die Möglichkeit durch weitere Schritte die Position von uns Landwirten in der Lebensmittellieferkette zu verbessern. Eine Stärkung der Erzeugergemeinschaften und Genossenschaften ist hierfür notwendig.

Die Kritik an der Landwirtschaft – zumindest an der „konventionellen“ – nimmt tendenziell zu. Vielfach aber ist die Kritik nicht berechtigt bzw. basiert auf falschen Informationen. Was können die Bäuerinnen und Bauern, aber auch die Verbände dagegen tun? Mehr auf Kommunikation und Kontakt mit den Bürgern setzen?
Ja, wir müssen noch mehr kommunizieren, vor allem auch in den Städten und wir müssen die Kritik ernst nehmen. Wir sollten mehr miteinander reden. Im Deutschen Bauernverband setzen wir neben Tagen des offenen Hofes auch auf Bürger-Dialog, auf Speed-Dating – nach dem Motto: Triff Deinen Bauern – und auf moderne soziale Netzwerke. Unser Ziel muss es ein, die Anstrengungen zu noch mehr Umwelt-, Klima-, Tier- und Artenschutz zu verstärken. Dazu braucht es wirtschaftlich tragfähige Lösungen und das Engagement der gesamten Vermarktungskette bis hin zum Verbraucher.

In Südtirol spielt die Berglandwirtschaft eine besondere Rolle. Glauben Sie, dass das Berggebiet in der neuen GAP nach 2020 wieder angemessen berücksichtigt wird und dass Kleinbetriebe besonders gefördert werden? Ein Kritikpunkt ist, dass von den EU-Förderungen vor allem Großbetriebe profitieren würden ...
Auch in der neuen GAP werden wir uns dafür einsetzen, dass die ersten Hektare weiterhin stärker gefördert werden. Darüber hinaus muss die zweite Säule auch zukünftig einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der einzelnen Regionen in Europa leisten. Dies gilt auch insbesondere für Berggebiete.

Die Landwirtschaft wird zunehmend moderner, gleichzeitig nimmt die Innovation in der Landwirtschaft zu. Wo sehen Sie das größte Potential?
Die Digitalisierung ist bereits heute Alltag auf unseren Betrieben. Landwirte wollen neue Wege im Umgang mit Verbraucherwünschen und gesellschaftlichen Anforderungen gehen. Digitale Innovationen fördern Tierwohl, reduzieren den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und tragen zum Klimaschutz bei. Dafür muss eine flächendeckende Netzabdeckung im gesamten ländlichen Raum selbstverständlich sein und die Nutzung moderner Technologien politisch unterstützt werden.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen immer mehr Landwirte auf Nischen bzw. auf mehrere Standbeine. Wie sieht für Sie die Strategie der Zukunft aus?
Wir Bauern müssen betriebswirtschaftlich denken und zugleich innovativ arbeiten. Die jeweilige Strategie hängt von vielen Punkten ab, wie etwa Standort, Klima oder Flächenausstattung. Diversifizierung kann Vorteile bringen, Kreativität ist auch gefragt. Manchesetzen auf Regionalität, andere eher auf den Tourismus. Aber es gibt beispielsweise auch Energieerzeugung. 

Das vollständige Programm der Landesversammlung gibt's hier zum Download.