Produktion, Südtiroler Landwirt | 28.02.2019

Andere Blickwinkel ernst nehmen

Die Anforderungen der Gesellschaft an die Milchwirtschaft und die Antworten der Branche unter einen Hut bringen: Diesen schwierigen Spagat haben Experten und Wissenschaftler vor zwei Wochen bei einer Tagung an der Freien Universität Bozen versucht. von Bernhard Christanell

Die Erwartungen und Wünsche in Sachen Tierwohl lassen sich oft nicht mit den Bedingungen der Berglandwirtschaft vereinbaren.

Die Erwartungen und Wünsche in Sachen Tierwohl lassen sich oft nicht mit den Bedingungen der Berglandwirtschaft vereinbaren.

Organisiert hat die Tagung die Arbeitsgruppe zur Förderung von Eutergesundheit und Milchhygiene (AFEMA), bei der auch der Sennereiverband Südtirol Mitglied ist. Die AFEMA trifft sich regelmäßig zu wissenschaftlichen Veranstaltungen, um über gemeinsame Problemfelder der Milchwirtschaft im Alpenraum zu diskutieren.
Bei der Tagung an der Uni Bozen ging es  – neben den AFEMA-Kernthemen Melkphysiologie – auch um aktuelle Konfliktfelder zwischen der Praxis der Milchproduktion im Alpenraum und den steigenden Ansprüchen  und Erwartungen der Konsumenten. Zu diesen Erwartungen gehört auch, dass der Konsument im Supermarkt immer neue Anreize braucht, um zu einem Produkt zu greifen.

Mögliche Differenzierung am Trinkmilchmarkt
Welche Möglichkeiten es geben könnte, um Trinkmilch im Supermarktregal wieder attraktiver zu machen, hat Christian Fischer von der Freien Universität Bozen in seinem Vortrag erörtert. Der Konsum von Frischmilch geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück, was unter anderem auch an einer steigenden Zahl von Milch-Ersatzprodukte aus Pflanzlichen Rohstoffen – aber auch an der wachsenden Zahl an Unverträglichkeiten. Eine Möglichkeit, Trinkmilch attraktiver zu machen und mehr aus dem Rohstoff Milch herauszuholen, sieht Fischer in einer stärkeren Differenzierung: „Diese bietet die Möglichkeit für die Produzenten, höhere Gewinnmargen zu erzielen, man muss sich nur gut überlegen, welche Form der Differenzierung man wählt“, betonte Fischer.

Mit der Heumilch habe man eine solche Differenzierung erst vor Kurzem in Südtirol umgesetzt, allerdings sei dafür nur ein in Österreich bereits erfolgreiches Konzept abgekupfert worden. „Es gäbe viele Möglichkeiten, die Alleinstellungsmerkmale von Südtiroler Milch noch stärker aufzuzeigen – man denke nur an die Kleinstbetriebe, die vorwiegend handwerkliche Produktion, die genossenschaftliche Organisation, spezielle Rassen und das besondere Klima“, zählte Fischer auf und nannte auch einige konkrete Ideen: Denkbar sei etwa eine Südtiroler Bergheu-Milch oder eine rassenreine Milch. „Bei letzterer sind zwar noch genauere Untersuchungen nötig, es gibt aber durchaus Hinweise darauf, dass die Milch je nach Rasse unterschiedliche Eigenschaften hat“, erklärte Fischer.

Eine Chance zur Weiterentwicklung sei auf jeden Fall vorhanden, auch aktuelle Markttrends legen eine weitere Differenzierung nahe. Allerdings müssten die erzielten Mehrerlöse die Zusatzkosten für die Produzenten übersteigen, sonst sei eine Differenzierung nicht zielführend.

Konsumenten sagen: Tierhaltung ja, aber ...
Eine weitere Untersuchung an der Freien Universität Bozen beschäftigt sich mit den Erwartungen der Bevölkerung an die Tierhaltung. Neben Daten aus Deutschland stellte Gesa Busch auch Ergebnisse einer Umfrage in Südtirol vor: 53 Prozent der Befragten ordnete Busch in die Kategorie der „besorgten Patrioten“ ein: „Diese Menschen gehen grundsätzlich davon aus, dass es Nutztieren im Stall nicht gut geht – aber in Südtirol alles besser sei, weil besonders hohe Standards gelten“, erklärte die Forscherin.

Busch ging auch auf häufige Kritikpunkte ein: Zum Thema Weidehaltung zeigte sie etwa auf, dass die Zustimmung in der Bevölkerung steigt, je mehr Freiheit und Auslauf die Tiere haben. Der Anbindehaltung stehen die Befragten grundsätzlich kritisch gegenüber, was aber auch von der Dauer abhängt, die die Tiere angebunden sind.
Auch hat die Umfrage ergeben, dass die Befragten sich mehrheitlich eine möglichst späte Trennung des Kalbes von seiner Mutter nach der Geburt wünschen. „Die Umfrage zeigt: Es ist OK für die Mehrheit der Bevölkerung,

Tiere zu nutzen und auch zu töten, aber nur wenn sie ein gutes Leben haben. Was das genau ist, hängt von Erfahrungen und moralischen Vorstellungen ab“, fasst Busch zusammen und brachte auch einen ebenso interessanten wie ernüchternden Aspekt mit ein: „Ein negativ besetztes System gelangt durch reine informationsbasierte Aufklärung nicht zu einer besserer Bewertung, weil die Bewertungsmaßstäbe unterschiedlich sind.“ Anders gesagt: Was ein gutes Leben für die Tiere bedeutet, das sehen Tierhalter und Konsumenten oft völlig anders – weil eben die Erfahrungswerte völlig anders sind.

Herkunft wichtiger als Bio
Über „Synergien zwischen Milch und Tourismus“ sprach Maximilian Alber von IDM Südtirol. Er stellte die Werbemaßnahmen für die Südtiroler Milch vor und rief dazu auf, den Zusammenhang zwischen den Produkten der Berglandwirtschaft und dem Herkunftsland Südtirol noch besser zu kommunizieren. „Wir erleben immer wieder, wie positiv besetzt Südtirol als Herkunftsland ist. Tests haben ergeben, dass etwa auf der Verpackung der Hinweis, dass das Produkt aus Südtirol stammt, wesentlich stärker wahrgenommen wird als etwa die biologische Produktionsweise“, berichtete Alber.

In einem weiteren Vortrag bei der AFEMA-Tagung ging es um die rasante Entwicklung der alpenländischen Tierzucht in den vergangenen Jahrzehnten – von den herkömmlichen Methoden zur genomischen Selektion und der Analyse von riesigen Datenmengen. Johann Sölkner von der Universität für Bodenkultur Wien betonte, das das Zuchtziel nicht nur auf die Milchleistung ausgelegt sei, sondern dass gerade funktionelle Merkmale wie Fruchtbarkeit, Gesundheit und Langlebigkeit in der modernen Tierzucht eine große Rolle spielen.

Lesen Sie in unserer Print-Ausgabe, was Sennereiverband-Obmann Joachim Reinalter zu den behandelten Themen sagt.