Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 14.03.2019

Der Bio-Wettlauf

Am 1. Jänner 2021 tritt die EU-Bio-Verordnung in Kraft. Klingt lange. Aber es sind ganze 57 Rechtsakte im ­Detail zu klären. „Das wird ein Kraftakt“, sagte Sylvia Maria Schindecker von der Landwirtschaftskammer Österreich beim Bio-Gipfel in Bozen. Gut in der Zeit ist dagegen das „Biokonzept 2025“. von Guido Steinegger

„Bio-Marken sollten möglichst in bäuerlicher Hand sein“, sagte Sylvia Maria Schindecker (stehend) von der Landwirtschaftskammer Österreich.

„Bio-Marken sollten möglichst in bäuerlicher Hand sein“, sagte Sylvia Maria Schindecker (stehend) von der Landwirtschaftskammer Österreich.

Südtirols Bio-Landwirtschaft wächst. Diese Botschaft kam beim Bio-Gipfel am Donnerstag vergangener Woche am Hauptsitz des Südtiroler Bauernbundes in Bozen gut an. Eine hartes Stück Arbeit dagegen wartet auf Regierungen, Bauernverbände und Landwirte auf EU-Ebene. Die Bio-Verordnung umzusetzen, das sei ein echter Wettlauf mit der Zeit, sagte Sylvia Maria Schindecker, Referentin für biologische und gentechnikfreie Landwirtschaft in der Landwirtschaftskammer Österreich. Im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ nennt sie die Knackpunkte.

Frau Schindecker, die EU-Bio-Verordnung wurde am 30. Mai 2018 veröffentlicht und wird am 1. Jänner 2021 gültig. Sie halten diesen Zeitraum für sehr knapp. Warum?
Sylvia Maria Schindecker: Das ist nur eine Basis-Verordnung. Nun gilt es, 57 Rechtsakte zu den verschiedenen Teilbereichen auszugestalten. Das ist eine zweifache Herausforderung! Erstens zeitlich: Wir haben lange Entscheidungswege. Derzeit geben die Landwirtschaftsverbände Stellungnahmen bei den zuständigen Ministerien ab. In Österreich ist das das Ministerium für Gesundheit.
Danach ist Brüssel am Zug. Bis spätestens Mitte 2020 müssen wir dort alle Rechtsakte durchbekommen, damit die Staaten und Regionen ihre Gesetzgebung anschließend noch anpassen können. Schließlich sind ja auch die Bio-Landwirte darauf vorzubereiten.

Und die zweite Herausforderung?
Die haben wir auf inhaltlicher Ebene: Ein solcher Punkt sind die Rückstände von unerlaubten Stoffen. Hier muss man schauen, was die EU-Kommission genau zu diesem Bereich sagt. Es ist ein sehr emotionales Thema und wird oft wenig fachlich diskutiert. Es ist nicht sicher, ob die EU-Kommission das angehen will, aber es könnte ein Durchführungs-Rechtsakt für Vorbeugemaßnahmen zur Vermeidung von unerlaubten Wirkstoffen kommen. Es geht dabei z. B. um Pufferflächen zwischen Bio- und konventionellem Anbau.
Zum anderen die Tierhaltung: Hier geht es zum Beispiel um Weide und Auslauf. Auch Eingriffe wie Enthornung, Schwanz kupieren usw. sind ein Thema. Wir werden in der Biolandwirtschaft sicher wieder vermehrt über behornte Kühe auch im Laufstall diskutieren müssen.
Wichtig wäre aus unserer Sicht, dass die Bio-Verordnung Spielräume für nationale und regionale Besonderheiten lässt – das gilt für klimatische, geografische und andere Bedingungen, z. B. den Bio-Anbau im Berggebiet oder in kalten Klimaregionen.
Aber auch andere Gesetze wirken sich auf die Bio-Landwirtschaft aus. Denken wir nur an das Urteil zur Kuh-Attacke in Tirol. Auf der einen Seite wird gewünscht, die Tiere auf der Alm zu halten, andererseits drohen bei Unfällen hohe Schadenersatzforderungen.
Es ist wichtig, diese beiden Positionen zusammen zu führen.

Wie sehr können bäuerliche Interessenvertreter mitreden?
Wir als Landwirtschaftskammer Österreich  geben derzeit wöchentlich Stellungnahmen ab. Auch die Bioverbände arbeiten maßgeblich mit, damit die Praxis in der Gesetzgebung Gehör findet. Über den europäischen Dachverband COPA-COGECA bringen wir zudem direkt in Brüssel unseren Standpunkt ein.

Die Landwirtschaftskammer hat gemeinsam mit Partnern in Österreich ein Koexistenz-Projekt initiiert. Was will sie erreichen?
Jeder Bauer soll jene Produktionsweise ausüben können, die er ausüben will. Dazu müssen wir die Einträge von Pflanzenschutzmitteln auf Nicht-Zielflächen verringern – und zwar in jede Richtung. Dazu sind Kompromisse von allen Seiten nötig. Wir wollen eine Dialog-Plattform schaffen. Es wichtig, dass wir diese Diskussionen innerlandwirtschaftlich führen. Dann können wir gemeinsam auftreten gegenüber den restlichen Partnern der Wertschöpfungskette – sprich Verarbeitung und Handel. Das ist auch eine Antwort auf die marktwirtschaftlichen Gegebenheiten. Der Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) stellt oft hohe Auflagen auf. Wer sie nicht erfüllt, dem wird die Bio-Ware nicht abgenommen. Darauf müssen wir Antworten finden.

Welche Tipps können Sie aus Ihrer Erfahrung für die Weiterentwicklung von Bio in Süd­tirol geben?
Die drei Lebensmittel-Konzerne REWE-Group, Spar und Hofer haben den Großteil der Vermarktung von österreichischen Bioprodukten in der Hand. Die größten Bio-Marken sind die LEH-Marken „Ja!Natürlich“, „Zurück zum Ursprung“ und „Spar Natur*Pur“. Mit ihren Vorgaben stellen sie die Produzenten vor große Herausforderungen. Es wäre besser, man hätte Bio-Marken in Bauernhand. „Bio vom Berg“ in Tirol ist ein gutes Beispiel, aber davon gibt es nur wenige.
Südtirol tut gut daran, daraus seine Lehren zu ziehen. Wer möglichst viele Marken in der Hand bäuerlicher Organisationen – Bioverbände, Erzeugerorganisationen usw. – hat, hat eine bessere Verhandlungsposition.
Insofern ist es gut, wenn der Bauernbund mit dem „Biokonzept 2025“ die Entwicklung des Biomarktes strategisch begleitet.


Lesen Sie in der Printausgabe des „Südtiroler Landwirt“, wie der Zwischenstand in Sachen Bio-Konzept des Südtiroler Bauernbundes aussieht.