Politik, Bauernbund | 28.03.2019

Nach Kuh-Attacke: Aufklären statt zusperren

Das Innsbrucker „Kuh-Urteil“ hatte auch Südtirol verunsichert. Ziel soll es aber nicht sein, Almwege zu sperren. Vielmehr will man die Wegehalter und Grundbesitzer absichern, vor allem aber die Wanderer und Freizeitsportler an ihre Eigenverantwortung erinnern, hieß es bei einem von LR Arnold Schuler einberufenen Treffen. von Guido Steinegger

Wo sich Wanderer und Rinder begegnen, ist immer Vorsicht geboten. Politik und Verbände wollen nun vermehrt darüber aufklären.

Wo sich Wanderer und Rinder begegnen, ist immer Vorsicht geboten. Politik und Verbände wollen nun vermehrt darüber aufklären.

Vor einem Monat hatte das sogenannte „Kuh-Urteil“ auch in Südtirol für Aufregung gesorgt. Bauern dachten daran, ihre Almen künftig sperren zu müssen. Ein Horrorszenario für ein Land wie Südtirol, wo der Alpintourismus und auch die Freizeitaktivitäten der heimischen Bevölkerung einen so hohen Stellenwert genießen.
 
Bewegungsfreiheit bewahren
Von der Bewegungsfreiheit im alpinen Gelände profitieren letztlich alle. Daher sollte sie erhalten bleiben: Darüber waren sich auch alle betroffenen Interessensvertreter einig, die heute auf Einladung von Landesrat Arnold Schuler nach Lösungen suchten, was man der Verunsicherung nach dem Urteil entgegensetzen kann. Anwesend waren Vertreter aus dem Ressort von Landesrat Schuler, des Bauernbundes und der Bauernjugend, des Hoteliers- und Gastwirteverbandes HGV, der IDM, des Landesverbandes der Tourismusorganisationen LTS und der Alpenvereine AVS und CAI. Es war ein konstruktives Gespräch mit viel Übereinstimmung.
 
Almen sind kein Streichelzoo
Allen ist klar, dass „Almen kein Streichelzoo“ sind, wie HGV-Präsident Manfred Pinzger es formulierte. Auch der AVS weist seine Mitglieder regelmäßig auf die Eigenverantwortung hin, wenn sie sich im alpinen Gelände bewegen. „Das korrekte Verhalten im Umgang mit landwirtschaftlichen Nutztieren gehört da selbstredend dazu“, sagte AVS-Präsident Georg Simeoni.
Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler warnte allerdings: „Unsere Gesellschaft bewegt sich leider in eine andere Richtung. Viele Leute ziehen lieber andere zur Verantwortung, obwohl sie selbst unvorsichtig waren oder sich in Gefahr gebracht haben.“ Beispiele von hohen Schadensersatzforderungen gibt es auch in Südtirol.

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Eigenverantwortung verankern
Um dem vorzubeugen, wollen die Betroffenen alles tun, um sowohl Südtirols Feriengäste als auch die heimischen Freizeit-Suchenden zu dieser Eigenverantwortung und dem Respekt vor landwirtschaftlichem Grund und bäuerlicher Tätigkeit zu erziehen.
So versprach Schulers Ressortdirektor Klaus Unterweger, sowohl auf staatlicher wie auf Landesebene alle gesetzlichen Möglichkeiten zu prüfen, um die Eigenverantwortung bei der Freizeitaktivität in der Natur zu stärken: „Es wird nicht einfach, aber wir lassen nichts unversucht.“
 
Aufklären mit Schildern und Broschüren
Einfacher scheint es, die Freizeit-Nutzer in diese Richtung zu erziehen. Geplant ist unter anderem Aufklärungsmaterial: Hinweisschilder an Parkplätzen und stark genutzten Wegen können den Wert der Almen erklären und Verhaltensregeln aufzeigen. Einen „Schilderwald“ will man aber vermeiden. Stattdessen können entsprechende Broschüren in Almschänken, Restaurants und Hotels, Tourismusbüros und Aufstiegsanlagen usw. aufliegen.
 
Wegehalter und Bauern absichern
Sollte es dennoch zu Schadenersatzforderungen kommen, ist es wichtig, die Wegehalter – allein der AVS hält ehrenamtlich 6000 km Wanderwege instand – und die Bauern abzusichern. Klaus Unterweger erinnerte daran, dass die Situation in Südtirol nicht zur Gänze mit Nordtirol vergleichbar ist. Schon vor mehr als zehn Jahren haben sich Bauernbund und Tourismus auf eine Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherung geeinigt, die der LTS flächendeckend im Namen der Wegehalter und Grundbesitzer abschließt. Sowohl der Bauernbund als auch AVS und CAI halten diese Versicherungspolizze weitgehend für wirksam. In einigen Details gibt es noch Nachbesserungsbedarf, die der LTS in die Neu-Verhandlung mit den Versicherungsagenturen einfließen lassen wird.
 
Kuh-Urteil als Auslöser
Bekanntlich hatte das Landesgericht Innsbruck am 20. Februar einen Bauern von der Pinnisalm in Tirol zu einer Schadensersatzzahlung von fast 500.000 Euro verurteilt. Seine Mutterkuh-Herde hatte eine Frau aus Deutschland und deren Hund attackiert. Die Frau wurde dabei tödlich verletzt.
Danach fürchteten auch Südtiroler Bauern, ihre Almen für Wanderer und andere Freizeitaktivitäten sperren zu müssen, um sich vor ähnlichen Zwischenfällen und Folgeprozessen zu schützen.