Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 11.04.2019

Ein Mann mit Handschlag

Viele Jahre war Viktor Peintner eines der prägenden Gesichter im Bauernbund – und das wohl kantigste dazu. Im Februar hat er sich – fast zur Gänze – aus dem Ehrenamt zurückgezogen. Mit dem „Südtiroler Landwirt“ blickt er auf 45 Jahre mit vielen Höhen und Tiefen zurück. von Guido Steinegger

Viktor Peintner: „Ich wünsche den Bauernfamilien, dass sie weiterhin – im Voll- oder Nebenerwerb – von der Landwirtschaft leben können.“

Viktor Peintner: „Ich wünsche den Bauernfamilien, dass sie weiterhin – im Voll- oder Nebenerwerb – von der Landwirtschaft leben können.“

Viktor Peintner ist gleichermaßen bescheiden wie selbstbewusst: Über sich selbst lässt er lieber andere reden. Aber für „seinen“ Bauernstand erhebt er gern das Wort – im Ton angemessen, in der Sache deutlich und kantig. Im Ende Februar – nach dem Ausscheiden aus seinen Ämtern (s. Infokasten) – hat ihm der Südtiroler Bauernbund bei der Landesversammlung das Ehrenzeichen in Gold verliehen. Den minutenlangen Applaus beantwortete er schlicht mit den Worten: „Ich habe nur meine Pflicht getan.“ Im folgenden Interview freut er sich dennoch: „Im Leben bekommt man alles irgendwann zurück!"

Südtiroler Landwirt: Herr Peintner, in seiner Laudatio bei der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes verglich Sie Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder mit den Figuren aus den Bildern von Albin ­Egger-Lienz: Kantig und ehrlich – und gerade deshalb immer glaubwürdig. Sehen Sie sich selbst auch so?

Viktor Peintner: Eigentlich schon. Ich bin der Typ Mensch, der einfach das sagt, was er denkt, der aber auch dazu steht und dabei bleibt. Mir gefällt die Haltung nicht, wenn jemand sagt: heute so und morgen anders!

Gehören Sie da zum „alten Schlag“, der das besser macht als die Jungen?
Das würde ich so nicht sagen. Es hat immer schon hier die geraden Michl und dort die Slalomfahrer gegeben. Vielleicht gab es früher etwas mehr Handschlagqualität, aber eben auch immer schon die Spitzbuben.

Sie stehen zu Ihrem Wort. Würden Sie im Rückblick trotzdem einiges anders machen?
Aus der Haut, in der man steckt, kommt man nicht heraus. Einige Entscheidungen würde ich anders treffen, aber bei meiner Haltung würde ich immer bleiben. Einige Leute waren kurzfristig beleidigt. Im Rückblick haben mir aber viele gedankt, dass ich immer so ehrlich war!

Ihre Mutter wollte immer, dass Sie studieren gehen. Sie haben sich für das Bauersein entschieden. Was ist das Besondere daran?
Um das zu erklären: Die Mutter hat einfach gesehen, dass ich mich in der Schule leichtgetan habe. Ich habe von den Eltern aber auch den Bezug zur Natur mitbekommen. Genau das ist besonders am Bauersein: Ich kann mit etwas Lebendigem arbeiten – dem Boden, den Pflanzen, dem Vieh ... Dazu kommt: Als Bauer kannst du dir deine Arbeit selbst einteilen. Du hast die Freiheit zu entscheiden, wie du den Hof bewirtschaften willst.

Zu Ihrem Hof: Ihre Eltern hatten keinen eigenen Hof; mussten sich alles hart erarbeiten. Heute steht Ihr Hof in Taisten gut da …
Die Generation vor mir hatte schwere ­Voraussetzungen: Da gab es kein Eigentum, nur ein Pachtfeld für zwei Kühe. Meine Mutter hat zehn Jahre lang alles selbst von Hand gearbeitet.
Als mein Vater vom Krieg zurückkam, hat er zunächst als Metzger und dann auf der Alm gearbeitet. Eine eigene Bleibe hat er durch die Heirat mit meiner Mutter gefunden. Gemeinsam haben sie eineinhalb Hektar gekauft. Das Geld kam – es klingt wie im Märchen – vom Onkel aus Amerika!
Die beiden haben dann immer wieder ein Stück Feld dazu gepachtet. Das Vieh hatten sie bei uns zu Hause gar nicht Platz, das war in verschiedenen leer stehenden Ställen untergebracht. 1978 ist meine Mutter gestorben, und wir waren sieben Männer am Hof. 1981 haben wir unseren heutigen Hof gebaut, 1982 sind wir dort dann mit dem Vieh eingezogen. 1983 habe ich den Hof übernommen und 1988 dann geheiratet. Da konnten wir schon in das neu gebaute Wohnhaus einziehen. Der Vater lebte weiter am Hof, die Brüder sind teilweise davor und teilweise später weggezogen.

Wie ist Ihr Betrieb heute aufgestellt?
Wir betreiben Milchwirtschaft mit eigener Aufzucht: Wir haben rund 30 Kühe und 20 Stück Jungvieh, für das wir 9,5 Hektar eigenen Grund und elf Hektar Pachtfeld bewirtschaften. Ich habe den Hof vergangenes Jahr 2018 übergeben. Ich kann ja nicht als Bauernbund-Vertreter predigen: „Den Hof früh übergeben!“, und das dann selbst nicht einhalten. Ich glaube schon, dass es ein Betrieb ist, von dem man im Vollerwerb leben kann. Der Sohn hat jedenfalls Arbeit genug ...

Ihre Passion sind bekanntlich die Kartoffeln. Die Kunden sind voll des Lobes!
Ja, auf rund 7000 Quadratmetern ernten wir jährlich 10.000–15.000 Kilogramm Speisekartoffeln. Ich habe vor 20 Jahren entschieden, nicht mehr an die Saatbaugenossenschaft Bruneck zu liefern, sondern selbst zu vermarkten. Es gibt bestimmt bessere Kartoffelbauern, aber sicher auch viele schlechtere.

Sie sitzen heute bei uns, weil Sie sich ein Leben lang im Ehrenamt für die Landwirtschaft eingesetzt haben. Was hat Sie bewegt, bei der Bauernjugend anzufangen?
Ich wollte etwas für die ländliche Jugend tun. Es war immer mein Ziel, dass der Bauernstand gefestigt wird. Als mich der spätere Bauernbund-Landesobmann Arthur Feichter 1987 für den Ortsbauernrat Welsberg-Taisten vorschlug, wurde ich dort auf Anhieb Ortsobmann. Ähnlich war es am 7. Jänner 2000 auf Bezirksebene: Ich habe sofort am meisten Stimmen erhalten. Da war klar: Jetzt musst du Bezirksobmann werden.

Hatten Sie da auch Bedenken?
Sicher. Es war zwar eine große Ehre, aber auch eine gewisse Sorge und Last: Immerhin war ich auch in der Gemeinde tätig, und die Kinder waren noch eher klein.
Aber es hat mich gereizt, etwas für den Bauernstand zu tun. Dieses Motto wollte ich weiter leben. Zugleich hatte ich schnell auch das Vertrauen der Landespolitik, von Landeshauptmann Luis Durnwalder und dann auch von Hans Berger, als er 2003 Landesrat wurde. Gemeinsam haben wir schon viel bewegt.

Eine Pustertaler Achse … War das ein Vorteil?
Bestimmt! Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Wir sind alles Leute, die nicht lange um den Brei herumreden. Ich habe die Wünsche der Basis gehört und versucht, sie an die Politik heranzutragen. Das wussten die beiden, und sie haben mir auch vertraut. Vieles erreicht man nur, wenn Vertrauen da ist. Ich habe nicht alles erreicht; aber ich habe meist realistische Wünsche vorgebracht: Und das hat dann meistens gut gepasst.
Ich wusste auch, wie ich die Politiker zu nehmen habe. Es ist eine Frage des Taktes, wann man welche Punkte vorbringt: Kritik besser im direkten Gespräch, Lob vor der Öffentlichkeit. Umgekehrt haben sich Durnwalder und Berger auch stark vor die Landwirtschaft gestellt. Oft haben sie in unserem Sinn vollendete Tatsachen geschaffen, ohne lange in der Öffentlichkeit darüber zu diskutieren. Dann war das gar kein Thema. Heute wird vieles verzögert und breitgetreten.

Was waren Ihre Hauptanliegen?
Die Preise für unsere Produkte waren Anfang der 2000er Jahre ziemlich niedrig. Da war es wichtig, dass die vorhandenen Fördergelder genau bei jenen Bauern ankommen, die sie brauchen. Wir sind viel mit Berger und der Forstbehörde zusammengesessen, um das über die Erschwernispunkte gut hinzukriegen. Die Ämter schlagen ja oft die Theorie vor. Ich habe geschaut, wie man das in der Praxis umsetzen kann.
Wichtig war mir auch die Arbeit in der 29er-Kommission, die die Aussiedlungen behandelt: Die einzelnen Gemeinden haben das ganz unterschiedlich gehandhabt. Um das zu ändern, haben wir mit Durnwalder geredet. Seitdem gibt es eine Kommission auf Landesebene. Die arbeitet gut, und im ganzen Land werden überall gleiche Maßstäbe angewandt.

Ein besonderes Anliegen waren Ihnen immer die Bergbauern …
Vielen – auch im Tourismus – ist nicht bewusst, was die Bergbauern durch ihre Arbeit für unser Ländchen leisten. Es war ein Steckenpferd von mir, das der Gesellschaft und Politik klarzumachen. Der Bauer oben muss leben können! Die Regeln im Landschafts-, Naturschutz usw. dürfen nicht zu sehr einengen. Sonst wird es spätestens beim Generatio­nenwechsel finster.
Wichtig war mir auch die Almerschließung: Die Almen werden durch die Bewirtschaftung gepflegt. Uns ist es gelungen, die Forstbehörde im Bezirk Welsberg auf unsere Seite zu bringen. Das war dann Vorbild für das ganze Land. Vorher wäre man fast ins Loch gegangen, wenn man ein paar Sträucher ausgerissen hat. Später hat die Forst dabei mitgeholfen.
Ein Anliegen ist leider bis heute nicht völlig erreicht: Der Respekt davor, dass man sich auf fremdem Grund bewegt, ist zwar etwas besser geworden. Aber es bleibt viel zu tun.

Wie wichtig war es Ihnen, als Bauernbund viele Partner ins Boot zu holen?
Vor allem war mir wichtig, dass alle Sektoren im Bauernbund an einem Strick ziehen. Andere Leute und Verbände haben versucht, einen Keil zwischen uns zu treiben. Es ist ihnen nicht gelungen. Ich habe von der Produktion von Obst und Wein nichts verstanden. Aber mir war immer klar, dass wir unter einem Dach bleiben müssen. An der Spitze konnten wir uns die Aufgaben aufteilen: Zuerst hat Obmann Georg Mayr, später dann Leo Tiefenthaler diese Themen übernommen. Dennoch haben mir bei der Ehrung auf der heurigen Landesversammlung auch viele Obst- und Weinbauern persönlich gedankt.

Was hat Sie bewegt, im Februar 2009 gegen Leo Tiefenthaler um die Nachfolge von Landesobmann Georg Mayr anzutreten?
Es war nicht wirklich mein eigener Wunsch: Mein Bezirk hat mich dazu gedrängt. Ich kenne meine Grenzen und wusste: Das wäre eine Nummer zu groß für mich. Ich habe meine Chance darin gesehen, dass ich gegen Leo gar keine Chance habe! Ich sagte auch gleich: Ich kann auch Stellvertreter sein. In diesen Rollen haben wir uns dann gut ergänzt: Leo ist der Feine, ich der Gerade.

Immer wieder haben Sie die Landwirtschaft in Schutz genommen. Fordert die Gesellschaft zu viel von den Bauern?
Wir müssen uns heute sogar für Sachen verteidigen, die ganz normal sind. Die Leute entfernen sich immer weiter von der Landwirtschaft. Ich bin aber überzeugt: Die allermeisten von uns arbeiten naturnah. Wir erzeugen Lebensmittel zu günstigen Preisen und pflegen kostenlos die Landschaft mit.
Ich habe kein Patentrezept, aber wir müssen uns noch viel mehr mit den Leuten unterhalten. Wenn man mit den Leuten vor Ort redet, verstehen sie das schon. Dazu müssen auch wir selbst die Regeln einhalten. Gibt es auch nur ein schwarzes Schaf, ist das schon eine Katastrophe. Wir müssen den Mut haben, jene zu strafen, die über die Schnur hauen.

Würden Sie etwas anders machen?
Ja, das mit der Pustertaler Straße. Anfang der 2000er Jahre war ich als junger Bezirks-obmann gegen eine Studie, die statt vieler Umfahrungen eine Schnellstraße von Brixen bis Bruneck forderte. Durnwalder wollte das nicht ohne die Bauern machen. Wir hatten aber nicht den Weitblick, dass der Verkehr so stark zunehmen würde. Heute sehe ich: Die Umfahrungen kosten auch viel Geld und bringen nicht das gewünschte Ergebnis.

Was wünschen Sie den Bauern in Zukunft?
Dass die Bürokratie nicht ins Unendliche wächst. Sonst verlieren die Leute die Freude an der Landwirtschaft. Und ich wünsche, dass Bauern weiterhin von einem Hof leben können – im Voll- oder auch im Nebenerwerb. Wir sind nicht schlecht unterwegs, aber es ist auch Luft nach oben.

Viele haben Ihnen für Ihren Einsatz gedankt!
Für mich war das selbstverständlich: Wenn du etwas übernimmst, sollst du es ordentlich machen. Ich habe – glaube ich – auch im richtigen Moment aufgehört. Der große Dank hat mich darin bestätigt und bestärkt.