Bildung, Südtiroler Landwirt | 24.04.2019

Wissen, wo vorne und wo hinten ist ...

Mit der Abschlussprüfung im Juni geht die zweite Auflage der Bäuerinnenschule in der Fachschule Dietenheim zu Ende. Was die Teilnehmerinnen antreibt, hat der „Südtiroler Landwirt“ bei einem Schulbesuch zu erfahren versucht. Und dabei selber einiges gelernt. von Renate Anna Rubner

Auch eine Kuh will fachkundig vermessen werden: Fachlehrer Georg Kronbichler erklärt den Bäuerinnen, wie das geht.

Auch eine Kuh will fachkundig vermessen werden: Fachlehrer Georg Kronbichler erklärt den Bäuerinnen, wie das geht.

Georg Kronbichler ist Fachlehrer für Landwirtschaft. Praktisch schon ein Leben lang. Normalerweise unterrichtet er also junge Burschen und ein paar Mädchen im Fach Viehwirtschaft an der Fachschule für Landwirtschaft Dietenheim. Heute hat er ein anderes Publikum: Mit einer Gruppe junger Frauen steht er im Stall der Fachschule und erklärt ihnen wichtige Beurteilungskriterien einer Kuh. „Wo ist hinten und wo vorne?“, fragt er grinsend in die Menge. Natürlich wissen alle die Antwort. Dann wird’s schwieriger: „Wo ist links und wo rechts?“ Wieder ein Grinsen. Die Frauen wissen aber gut Bescheid, lassen sich nicht so schnell aufs Glatteis führen. Kurz und prägnant erklärt der Lehrer den aufmerksamen Zuhörerinnen, wieso es wichtig ist, die Kuh und ihren Körper mit den treffenden Begriffen zu beschreiben. Von Widerristhöhe und Brustumfang ist die Rede, von Fundament und Euteraufhängung. Der Lehrer erzählt – man merkt, dass er vom Fach und gewohnt ist, Dinge klar auf den Punkt zu bringen – und stellt immer wieder Fragen.
Alle sind mit Eifer und Interesse dabei. Antworten bleibt die Gruppe kaum schuldig. Der Lehrer genießt es sichtlich, eine so aktive Gruppe unterrichten zu dürfen. Die Frauen fragen, erzählen auch mal aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und hören aufmerksam zu, wenn der Lehrer erklärt.

Zweite Auflage
Schließlich weiß jede ganz genau, weshalb sie hier ist: Mit Herbst vergangenen Jahres hat die Südtiroler Bäuerinnenorganisation gemeinsam mit der Fachschule die zweite Auflage der Bäuerinnenschule begonnen. Jeden Donnerstag und Freitag kommen die jungen Frauen aus allen Landesteilen ­zusammen, um sich in Dietenheim in alle Bereiche der Südtiroler Landwirtschaft einweisen zu lassen. Für alle verpflichtend sind die Module des Grundlehrganges, der Themen wie Urlaub auf dem Bauernhof, Nähen, Kochen, rechtliche Grundlagen und dergleichen umfasst. Es gibt aber auch Wahlfächer, die je nach Interessenlage oder individuellem Bedürfnis gewählt werden können: zum Beispiel Obst- und Beerenanbau, ein Modul, das in der Fachschule Laimburg angeboten wird, oder Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Oder eben Viehwirtschaft, wofür unter anderen Georg Kronbichler zuständig ist. Als weiteres Wahlfach an diesem Tag wird Pflanzen- und Ackerbau angeboten. Eine kleinere Gruppe hat sich dazu eingeschrieben, jetzt stehen sie aber alle gemeinsam im Stall mit der Grauviehkuh und schauen zu, wie Samantha versucht, deren Brustumfang zu messen. Weil sie nicht so recht weiß, wie sie das anstellen soll, hilft ihr der Lehrer dabei und liefert nebenbei auch die entsprechende fachliche Information dazu.

Auch Theorie aneignen
Samantha Fleim kommt eigentlich aus Tramin. Geheiratet hat sie einen Milchbauern in Deutschnofen, der eine eigene Hofkäserei aufgebaut hat. Weil Landwirtschaft, Verarbeitung und Verkauf viel Zeit in Anspruch nehmen, arbeitet sie Vollzeit am Hof mit, überall, wo es gerade notwendig ist: im Stall, beim Käsen, beim Ausliefern und besonders viel im Büro. Das Hintergrundwissen fehlt ihr aber, weil sie nicht aus der Landwirtschaft kommt. „Ich möchte wissen, wieso man was macht. Als ,Landlerin‘ habe ich von der Milchwirtschaft wenig Ahnung. Ich helfe zwar mit, aber ich möchte mir durch die Bäuerinnenschule auch die Theorie dazu aneignen“, sagt die junge Bäuerin. Deshalb gefällt ihr von allen Fächern die Viehwirtschaft besonders gut, denn das braucht sie auf ihrem Hof am meisten.

Hofführungen neu gestalten
Samantha hat auch klare Pläne, wie sie sich künftig noch stärker in den Hof einbringen kann: „Wir machen auch Hofführungen, und da sehe ich noch viele Möglichkeiten, dieselben professioneller und moderner zu gestalten“, sagt sie. Dabei denkt sie an Anschauungsmaterial, mit dem man den Besuchern besser erklären kann, wie Milch entsteht und wie man daraus Käse herstellt. Denn davon scheinen die Leute noch wenig zu wissen. Ihr Mann war übrigens begeistert von der Idee, dass sie die Bäuerinnenschule besuchen will.
Dann ist Robert Obwegs an der Reihe. Er ist der Pflanzenbaulehrer in Dietenheim und hat bis zur Pause mit dem kleineren Teil der Klasse etwas Theorieunterricht gemacht. Nun führt er die Frauen in den Stadel und erzählt ihnen kurz alles Wissenswerte über Heu und die Wichtigkeit des Grundfutters für die optimale Fütterung der Tiere. Dann kehrt die ganze Klasse ins Schulgebäude zurück.

Interessierte, motivierte Gruppe
Über Nacht ist es kalt geworden in Dietenheim. Nach einem frühlingshaften März hat es heftig geregnet und bis tief heruntergeschneit. Es schaut aber schon wieder die Sonne durch die Wolken, die Stimmung ist gut. Während man in Grüppchen den Feldweg zurückspaziert, wird geratscht und gelacht, die Gruppe unterscheidet sich kaum von einer „normalen“ Schulklasse. „Die Bäuerinnen braucht man nicht zu motivieren, die sind mit vollem Einsatz mit dabei“, sagt Robert Obwegs. Das sei zwar recht angenehm, „aber manchmal auch anstrengend, weil sie so viel wissen wollen“, sagt er und lacht dabei verschmitzt.

Sich wohlfühlen in der Gruppe
Sara Rettondini genießt die Tage in der Bäuerinnenschule: „Mir gefällt einfach alles hier“, sagt sie ganz begeistert. „Sogar das Nähen und das Kochen haben mir Spaß gemacht. Am meisten aber interessiert mich die Viehwirtschaft, denn damit bin ich tagtäglich konfrontiert daheim.“ Aber es geht Sara nicht nur um das Fachliche, so erzählt sie, wie wohl sie sich in der Gruppe fühle und wie toll es sei, junge Bäuerinnen aus den unterschiedlichsten Landesteilen mit den unterschiedlichsten Realitäten kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen. Sie strahlt förmlich: „Inzwischen haben wir sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe eingerichtet und chatten miteinander, auch unter der Woche.“

UaB und Gästebetreuung
Sara kommt aus Ehrenburg und ist von Beruf Sekretärin. Sie hat einen Milchbauern im Dorf geheiratet, mit ihm hat sie zwei Kinder. Auch Urlaub auf dem Bauernhof wird angeboten, das macht allerdings die Schwiegermutter. Sara hilft, wenn’s braucht, kümmert sich schon mal um die bürokratischen Angelegenheiten, das hat sie ja gelernt. Die Landwirtschaft war ihr fremd, mit der Bäuerinnenschule will sie sich nun das Wissen und die Kenntnisse aneignen, die sie am Hof brauchen kann: Vom Umgang mit den Tieren bis hin zur Wohnungsvermietung und zur Betreuung der Gäste. Über kurz oder lang möchte sie sich nämlich noch mehr am Hof einbringen, konkrete Pläne hat sie schon dafür. Zum Beispiel möchte sie den Internet-auftritt des UaB-Betriebes professioneller machen und ausbauen. Schließlich wird das mal ihre Aufgabe werden, wenn die Schwiegermutter nicht mehr mag oder kann. Bis dahin macht sie ihren Job außerhalb weiter und kümmert sich um die Kinder. Die sind während ihrer Ausbildung zum Glück gut versorgt, Sara hat ein gutes Netzwerk, auf das sie bauen kann: Sowohl ihre Mutter als auch ein paar Freundinnen im Dorf helfen ihr dabei, alles unter einen Hut zu bringen. Da weiß sie die Kinder gut versorgt, solange sie die Schulbank drückt.

Ein Test nach jeder Einheit
Nach dem kleinen Exkurs in Stall und Stadel ist nun ist wieder Theorie angesagt, in getrennten Klassen. Georg Kronbichler erklärt anhand einer Milchrechnung, die eine der Schülerinnen mitgebracht hat, worauf es in der Milchwirtschaft ankommt: „Anhand der Milchrechnung kann sich jede Bäuerin und jeder Bauer selbst ein Bild davon machen, wo man verdienen kann und wo Verbesserungen gemacht werden können“, erklärt er den jungen Frauen. Mit Kennerblick überfliegt er die Milchrechnung und spricht Fett- und Eiweißgehalt an, Keim- und Gefrierzahl. Gleichzeitig veranschaulicht er die Entwicklung der Südtiroler Milchwirtschaftsbetriebe der letzten 15 Jahre und spricht einige Knackpunkte der aktuellen Situation an. In relativ kurzer Zeit kommt sehr viel Information auf die jungen Frauen zu. Die wirken aber unerschrocken, schreiben fleißig mit und stellen immer wieder Fragen. Schließlich müssen sie am Ende der Einheit einen Test schreiben, dafür müssen sie sich gut vorbereiten.

Welche Möglichkeiten gibt es?
Mitte Juni findet die Abschlussprüfung der Bäue­rinnenschule satt: Jede der Teilnehmerinnen wird in einem ersten Teil ihren Hof vorstellen und konkrete Entwicklungsmöglichkeiten dafür herausarbeiten. In einem zweiten Teil wird das erworbene Wissen mündlich abgefragt. Evelyn Friedrich hat schon ziemlich klare Ideen für ihren Hof, den Schwaigerhof in Schalders. Sie ist auf dem kleinen Bergbauernhof aufgewachsen, ihre Eltern haben ihn im Nebenerwerb geführt. Gemeinsam mit ihrem Mann wird sie den Hof übernehmen. Der ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und kennt die bäuerliche Arbeit. „Mir war diese Ausbildung wichtig, damit ich weiß, wie ein Bauernhof funktioniert und welche Möglichkeiten er bietet. Auch für mich als Bäuerin“, sagt sie.
Nun habe sie, die Krankenpflegerin von Beruf ist, ein Bild davon und auch Pläne für die Zukunft: „Mein Interesse liegt vor allem in der Seniorenbetreuung, da könnte ich mir vorstellen, mir etwas am Hof aufzubauen. Wir haben auch zwei Ferienwohnungen, die aber nicht besonders gut ausgelastet sind, unsere Lage ist nicht ganz ideal dafür.“ Man könnte die Wohnungen in Seniorenwohnungen umbauen, Wochenendbetreuung anbieten oder Urlaubsbetreuung, um die Angehörigen von der Pflege zu entlasten. Ihr Mann würde sich mehr für die Viehwirtschaft interessieren, eventuell für die Fleischproduktion. Auch Obst- oder Beerenanbau seien eine Option. Was konkret sie mit ihrem Mann umsetzen wird, wisse sie noch nicht. Auf jeden Fall geht der Hof weiter, das sei nicht nur für sie wichtig, auch ihre Eltern freuen sich darüber.