Südtiroler Landwirt, Produktion | 23.05.2019

Besenwuchs: neue Erkenntnisse

Das Versuchszentrum Laimburg stellte kürzlich seine bisherigen Forschungsergebnisse zur Apfeltriebsucht vor und legte den Fokus künftiger Untersuchungen offen. von Franziska Maria Hack, Versuchszentrum Laimburg

Mit der Klopfmethode werden Blattsauger und Zikaden aufgespürt, um sie auf die Präsenz des Apfeltriebsuchterregers zu untersuchen. (Foto: Ivo Corrà)

Mit der Klopfmethode werden Blattsauger und Zikaden aufgespürt, um sie auf die Präsenz des Apfeltriebsuchterregers zu untersuchen. (Foto: Ivo Corrà)

Bei der Apfeltriebsucht, dem sogenannten „Besenwuchs“, handelt es sich um eine Infektionskrankheit des Apfelbaums, die große wirtschaftliche Schäden verursachen kann, da sie zu Kleinfrüchtigkeit und damit Ertragsminderung führt und infizierte Bäume sofort gerodet werden müssen. Ausgelöst wird die Krankheit durch Bakterien, Phytoplasmen, die von bestimmten Insekten – nämlich Sommerapfelblattsauger (Cacopsylla picta) und Weißdornblattsauger (Cacopsylla melanoneura) – verbreitet werden. In der Vergangenheit ist der Befall in Südtirol wellenförmig aufgetreten, die letzte große Befallswelle hatte im Jahr 2013 ihren Höhepunkt.

„Die Apfeltriebsucht ist die bedrohlichste Krankheit für die Südtiroler Landwirtschaft“, erklärte der Direktor des Versuchszentrums Laimburg Michael Oberhuber bei einer Pressekonferenz, die kürzlich am Versuchszentrum Laimburg stattfand. „Darum ist es Ziel unserer Forschung, eine erneute Welle frühzeitig zu erkennen und mit wirksamen Strategien zu verhindern.“ Am Versuchszentrum Laimburg sind inzwischen zwei Projekte zur Apfeltriebsucht abgeschlossen worden. „Als damals die ersten Symptome beobachtet wurden, waren unsere Obstbauern natürlich entsprechend besorgt“, berichtete der Obmann des Verbands der Südtiroler Obstgenossenschaften, Georg Kössler. „Wir sind froh, dass es durch die Zusammenarbeit zwischen Versuchszentrum Laimburg und dem Beratungsring möglich war, in relativ kurzer Zeit wirksame Mittel zu finden, um diese Krankheit einzudämmen. Da aber zu befürchten ist, dass sie wiederkehrt, ist es notwendig, die Apfeltriebsucht zu beobachten und weiterhin Forschung zu betreiben“, betonte Kössler.

Forschung zur Apfeltriebsucht
Bei der Apfeltriebsucht handelt es sich um ein komplexes Problem, da Interaktionen zwischen Pflanze, Bakterium, Insekt und Umwelteinflüssen sowie abiotischen Faktoren untersucht werden müssen. Um zielgerichtete Strategien zur Bekämpfung der Apfeltriebsucht entwickeln zu können, sind zunächst Kenntnisse über Verbreitung und Biologie der Überträgerinsekten von entscheidender Bedeutung. In Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring und der Fondazione Edmund Mach forscht das Versuchszentrum Laimburg seit mehreren Jahren an der Krankheit und hat dabei Ergebnisse erreicht, die auch international Anerkennung finden. Unter der Leitung von Katrin Janik studierte das Forscherteam die Biologie der beiden bekannten Überträgerinsekten und untersuchte, wie sich die Krankheit entwickelt und ausbreitet. Dazu wurden Weißdorn- und Sommerapfelblattsauger überwacht und Befallserhebungen in den Obstanlagen durchgeführt.

Systematische Befallsüberwachung
Zusammen mit dem Beratungsring hat das Versuchszentrum Laimburg den Apfeltriebsuchtbefall in Südtirol monitoriert und Befallszahlen in den einzelnen Bezirken erhoben. „Die systematische Befallsüberwachung in den Apfelanlagen ist der erste wichtige Schritt bei der Entwicklung einer Strategie zur Bekämpfung der Krankheit“, sagte der Koordinator des Südtiroler Beratungsrings für Obst- und Weinbau, Robert Wiedmer. Primäres Anliegen der Zusammenarbeit zwischen Versuchszentrum und Beratungsring war es, neue Erkenntnisse zur Krankheit sofort an die Landwirte weiterzugeben und damit Forschung und Praxis direkt zu verbinden. „Wir haben den Landwirten erklärt, wie sie befallene Bäume identifizieren können und dass es wichtig ist, befallene Pflanzen sofort zu roden“, berichtete Wiedmer. „Durch das Monitoring und unsere Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit ist es gelungen, die Befallszahlen auf ein niedrigeres Niveau zu drücken.“

Erkenntnisse zur Übertragung
Am Versuchszentrum Laimburg wurde darüber hinaus Grundlagenforschung zur Apfeltriebsucht betrieben. Katrin Janik und ihr Team untersuchten, wie der Erreger übertragen wird und welche molekularen Mechanismen ablaufen, wenn sich die Krankheit in der Pflanze entwickelt. Diese Erkenntnisse könnten als möglicher Angriffspunkt für eine Bekämpfung der Krankheit dienen. Eine der bedeutsamsten Ergebnisse des Forscherteams betrifft die Übertragung der Krankheit: „Wir konnten zeigen, dass der Apfeltriebsuchterreger direkt vom infizierten Muttertier auf seine Nachkommen übertragen werden kann, ohne dass es dafür die Pflanze als Wirt braucht“, erklärte Janik.  

Gibt es weitere Überträger?
Gibt es außer dem Sommerapfelblattsauger und dem Weißdornblattsauger noch andere Insekten, die den Apfeltriebsuchterreger übertragen können? Auch mit dieser Frage hat sich das Forscherteam befasst. In 50 Apfelanlagen wurden etwa 140.000 Klopfproben pro Jahr durchgeführt und auf diese Weise 31.485 Zikaden gesammelt, die entomologisch bestimmt wurden. „Im Agro-Ökosystem ­,Apfel-Ertragsanlage‘ konnten wir 16  Blattsauger- und 95 Zikadenarten nachweisen. Darunter sind uns sogar einige Erstnachweise für Südtirol gelungen, wie etwa die Orientzikade (Orientus ishidae), die Asymmetrasca decedens oder die Edwardsiana ulmiphagus“, berichtete Stefanie Fischnaller von der Arbeitsgruppe Entomologie.

Diese Arten wurden im Labor für Molekularbiologie auf eine mögliche Infektion mit dem Apfeltriebsuchterreger hin analysiert. Um verschiedene und möglichst zahlreiche Insekten systematisch untersuchen zu können, hat das Forscherteam um Katrin Janik eine Hochdurchsatzanalysemethode entwickelt: „Mit dieser Methode können wir nicht nur Zikaden, sondern auch andere Insekten untersuchen und feststellen, ob sie mit dem Apfeltriebsuchterreger infiziert sind oder nicht. Wir können damit auch bestimmen, welche Mengen des Bakteriums in einem infizierten Tier enthalten sind, was wiederum Rückschlüsse darauf zulässt, ob das Insekt als Überträger infrage kommt oder nicht“, erklärte Janik.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sprechen eine klare Sprache: „Der Sommerapfelblattsauger ist der wichtigste Überträger der Apfeltriebsucht in Südtirol“, erläuterte Entomologin Stefanie Fischnaller. „Obwohl die Anzahl dieser Insekten in den letzten Jahren zurückgegangen ist, ist der prozentuale Anteil infizierter Exemplare gestiegen, sodass die Infektionsrate nun bei über 20 Prozent liegt. Das bedeutet, dass auch bei wenigen Tieren in einer Anlage ein hohes Risikopotenzial herrscht.“ Es empfiehlt sich darum, weiterhin wachsam zu sein. Die Experten haben dagegen bislang keinen Hinweis darauf gefunden, dass in Südtirol weitere Überträgerinsekten aus der Gruppe der Zikaden auftreten.

Wie geht die Forschung weiter?
Die Forschung zur Apfeltriebsucht wird fortgesetzt, um gegen eine mögliche erneute Welle gerüstet zu sein. Dabei wird das Forscherteam um Katrin Janik auf drei Ebenen vorgehen: Kurzfristig wird auf Expertenaustausch und Anwendersensibilisierung gesetzt. Gemeinsam mit dem Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau soll ein Notfallplan entwickelt werden, um die Krankheit einzudämmen.
Mittelfristig sollen Apfeltriebsucht-resistente Unterlagen erprobt und die molekularen Grundlagen der Resistenz aufgeklärt werden.
Längerfristig geht es darum, mittels Grundlagenforschung das Verständnis über die Krankheit zu vertiefen. Welche sind die molekularen Faktoren, die die Krankheit auslösen? Wie manipulieren die Bakterien die Pflanze? Und mit welchen mikrobiellen Gegenspielern könnte man die Überträgerinsekten regulieren?