Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 23.05.2019

Steiniger Weg zu wolffreiem Land

Die Almsaison steht vor der Tür – und viele Bauern sind wegen des Wolfes verunsichert. Im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ erklären Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler und Direktor Siegfried Rinner, wie der Bauernbund sich für sie einsetzt. von Bernhard Christanell

So wie hier in Sexten machten am 10. Mai zahlreiche Bäuerinnen und Bauern im Land auf das Wolf-Problem aufmerksam. (Foto: Christian Tschurtschenthaler)

So wie hier in Sexten machten am 10. Mai zahlreiche Bäuerinnen und Bauern im Land auf das Wolf-Problem aufmerksam. (Foto: Christian Tschurtschenthaler)

Fünfzig Bauernbund-Ortsgruppen haben  sich am 10. Mai einer europaweiten Initiative angeschlossen und im ganzen Land Mahnfeuer entzündet. Damit machten sie auf die Gefahren für die traditionelle Alm- und Weidewirtschaft durch den Wolf aufmerksam. Einig sind sich die Ortsgruppen, dass der Wolf und die traditionelle Weidewirtschaft nicht vereinbar sind. Auch in anderen europäischen Regionen wird immer deutlicher, welche Schwierigkeiten der Wolf den Schaf-, Ziegen-, Rinder- und Pferdehaltern bereitet. Wir haben mit Obmann Leo Tiefenthaler und Direktor Siegfried Rinner über das Thema gesprochen.  

Südtiroler Landwirt: Herr Tiefenthaler, Herr Rinner – eine persönliche Frage zuerst: Stellen Sie sich vor, Sie sind im kommenden Sommer auf Südtirols Almen unterwegs. Haben Sie dabei ein mulmiges Gefühl, weil sie jeden Moment einem Wolf begegnen könnten?
Leo Tiefenthaler: Es geht uns nicht um das persönliche Wohlbefinden. Es geht schlicht und einfach um die Zukunft unserer Almen und unserer Berglandwirtschaft. Und damit geht es um die Zukunft unseres ländlichen Raumes.

Siegfried Rinner: Es braucht nicht viel Phantasie, um zu verstehen, dass der Wolf in unserer Kulturlandschaft einfach keinen Platz hat und sich auch ökologisch negativ auswirkt. Unsere Berglandwirtschaft hat es auch ohne Wolf schon schwer genug, wir brauchen nicht noch mehr Sorgen.

Ein mulmiges Gefühl haben auch viele Bauern, die in einigen Wochen ihre Tiere auf die Alm bringen sollten. Was sagen Sie diesen Bauern: Sollen sie ihre Tiere auftreiben oder doch lieber im Stall lassen, um sie vor dem Wolf zu schützen?
Rinner: Die Angst der Bäuerinnen und Bauern ist verständlich, aber wir können unsere Almen nicht aufgeben. Wir müssen weiter auf allen Ebenen für unsere Tiere, unsere Almen und unsere Sicherheit kämpfen. Es wird ein langer und steiniger Weg, aber aufgeben dürfen wir nicht.

Mit Mahnfeuern haben viele Ortsgruppen der bäuerlichen Organisationen am 10. Mai auf das Problem mit dem Wolf aufmerksam gemacht. Was haben diese Mahnfeuer gebracht? Plant der Bauernbund weitere Schritte, um die Forderung nach einem wolffreien Südtirol durchzusetzen?
Tiefenthaler: Die Mahnfeuer waren eine europaweite Aktion. Viele Regionen haben mitgemacht, und Südtirol war sicherlich jene Region, die am hellsten erleuchtet war. Damit wir gegen den Wolf vorgehen können, müssen wir auch auf EU-Ebene eine Änderung der Habitat-Richtlinie erreichen.
Der Wolf darf kein absolut geschütztes Tier mehr sein, er ist weit entfernt davon, vom Aussterben bedorht zu sein. Der Bauernbund wird auch weiterhin mobil machen und wir sind sicher, dass wir dabei die Unterstützung unserer Mitglieder und eines großen Teiles der Südtiroler und Südtirolerinnen haben. Aber wir müssen Mehrheiten auch außerhalb Südtirols, in Italien und in Europa gewinnen.

Seit knapp einem Jahr gibt es in Südtirol ein eigenes Landesgesetz, das die Entnahme von Problemtieren vorsieht – ohne dass dies bisher konkret umgesetzt wurde. Wäre es jetzt an der Zeit, das zu tun?
Rinner: Wir müssen erst einmal schauen, wie es mit diesem Gesetz weitergeht. Bekanntlich hat Rom das Gesetz angefochten, am  vergangenen Dienstag wurde erstmals vor dem Verfassungsgerichtshof darüber verhandelt. Sobald das Urteil da ist, wissen wir, ob wir auf diesem Weg weiterkommen. Klar ist aber auch, dass wir uns auch mit dem Landesgesetz an die europäischen Richtlinien halten müssen. Mit dem Landesgesetz versuchen wir, Spielräume zu schaffen. Der Weg bis hin zu einem legalen Abschuss ist aber steinig.

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Wie steht der Südtiroler Bauernbund den Pilotprojekten zum Herdenschutz gegenüber, die im vergangenen Sommer gestartet wurden? Haben diese den gewünschten Erfolg gebracht?
Tiefenthaler: Wir haben uns viel in den Nachbarregionen umgehört und der Herdenschutz funktioniert nirgends wirklich gut. Aber wir werden nicht darauf verzichten können. Bevor wir einen Abschuss erreichen, müssen wir belegen, dass wir doch einiges zum Schutz unserer Tiere getan haben. Der Herdenschutz ist Teil des steinigen Weges, der unsere Almwirtschaft wieder sicher macht. Die Maßnahmen für den Herdenschutz müssen aber zu 100 Prozent von der öffentlichen Hand vergütet werden – und zwar auch die Arbeitszeit. Hier muss noch ordentlich nachgebessert werden.

Gegenwind in Sachen Wolf kommt derzeit vor allem aus Rom: Wie wollen Sie bzw. wie soll Südtirols Landespolitik das zuständige Ministerium überzeugen, dass der Wolf im dicht besiedelten Alpenraum keinen Platz hat. Wie wichtig wäre hier ein Netzwerk mit anderen Regionen?
Rinner: Die politischen Parteien sollen endlich klipp und klar sagen, wie sie zum Wolf stehen. Die Gesetze für den Wolfschutz wurden von der Politik gemacht und können auch von der Politik wieder geändert werden. Auch hier in Bozen wissen wir bei vielen Abgeordneten nicht genau, wo sie stehen.
Wir sind froh, dass die Südtiroler Volkspartei mit ihrem Positionspapier eine klare Position bezogen hat: Das Südtiroler Berg- und Almgebiet ist ein sensibles Gebiet und soll daher wolffrei gehalten werden. Das war und wird immer die Meinung des Bauernbundes sein. Aber in Rom arbeitet die Mehrheit der Parteien für den Wolf. Es wird ein hartes Stück Arbeit, auch dort die Mehrheiten für ein wolffreies Südtirol zu gewinnen.

Das Thema Großraubwild ist längst auch auf EU-Ebene ein Thema: Wird hier genug getan, um eine Regulierung zu ermöglichen? Ist die Änderung des Schutzstatus, den der Wolf derzeit genießt, ein realistisches Ziel?
Tiefenthaler: Gesetze sind nicht in Stein gemeißelt. Die Richtlinie muss geändert werden. Herbert Dorfmann hat eine unglaublich schwierige Aufgabe: Er muss eine Mehrheit im EU-Parlament finden.
Aber die Änderung des Schutzstatus müssen die Umweltminister beschließen. Hier schauen wir auch nach Deutschland und Österreich. Vom derzeitigen römischen Minister ist gar nichts zu erwarten, denn die 5-Sterne-Bewegung setzt sich stark für den totalen Schutz des Wolfes ein.

Viele Bauern wünschen sich konkrete Lösungen für das Problem Wolf – und werfen dem Bauernbund zum Teil auch Untätigkeit vor. Was sagen Sie diesen Bauern?
Rinner: Wir stehen hinter unseren Bauern. Wir haben viel getan und werden weiterhin arbeiten, um die Mehrheiten für ein wolffreies Südtirol zu gewinnen. Wir brauchen die massive Unterstützung unserer Mitglieder und aller Südtiroler und Südtirolerinnen, die die Sorgen unserer Alm- und Bergbauern teilen. Wir werden auch weiterhin laut sein und uns auch nicht von Tierschützern und Naturromatikern einschüchtern lassen.