Südtiroler Landwirt, Politik | 17.07.2019

Injektordüsen für alle Pflicht

Mit verpflichtenden Injektordüsen am gesamten Sprühgerät will die Landesregierung die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln weiter verringern. Zudem denkt sie über Höhenbeschränkungen nach.

Bisher gilt die Injektordüsenpflicht nur für die oberen drei Positionen am Sprühgerät, ab Jänner ist sie für die meisten Geräte ganz verpflichtend.

Bisher gilt die Injektordüsenpflicht nur für die oberen drei Positionen am Sprühgerät, ab Jänner ist sie für die meisten Geräte ganz verpflichtend.

Pflanzenschutzmittel sollen möglichst genau dort landen, wo sie hingehören – nämlich auf die zu schützenden landwirtschaftlichen Anbauflächen und nicht auf benachbarte Flächen und Wege. Um die Zielgenauigkeit zu erhöhen, hat die Landesregierung auf Vorschlag von Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler am Dienstag vergangener Woche „zusätzliche Bestimmungen zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln“ beschlossen.
Hauptmaßnahme des Beschlusses ist, dass die Sprühgeräte für alle Raumkulturen ab 
1. Jänner 2020 mit luftansaugenden Injektor-Flachstrahldüsen ausgestattet sein müssen. Bisher hatte dies nur im integrierten Obstbau und lediglich in den obersten drei Reihen am Sprühgerät gegolten. Nun gilt es am gesamten Gerät, sowohl im Obst- als auch Weinbau und für alle Anbauweisen: integrierte wie biologische Produktion. Ausnahmen von dieser Verpflichtung gelten beispielsweise für Kirschenanlagen – allerdings erst dann, wenn das Insektenschutznetz oder die Regenschutzfolie vollständig geschlossen ist. 
Für Beet- bzw. Mehrreihenpflanzungen mit mindestens vier Reihen bzw. Bäumen zwischen den Fahrgassen und einer Mindestfläche von 2000 Quadratmetern gilt die Verpflichtung erst ein Jahr später – also ab dem 1. Jänner 2021. Die Pflicht für Injektordüsen in den obersten drei Reihen am Sprühgerät gilt für diese Anlagen weiterhin. 

Schuler: „Aktiver Schritt für noch mehr Nachhaltigkeit“
Die neuen Düsen produzieren im Gegensatz zu den herkömmlichen Hohlkegeldüsen gröbere Tröpfchen. Diese werden nicht so weit durch die Luft getragen, was die Abdrift auf Nicht-Zielflächen deutlich reduziert. Landesrat Schuler erklärt dazu: „Wir wissen, dass wir den Bauern weitere Maßnahmen abverlangen. Wir setzen damit einen weiteren aktiven Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.“ 
Schuler hebt hervor, dass die Wirkstoffe schon bei ihrer Zulassung auf Unbedenklichkeit für unbeteiligte Dritte geprüft werden: „Damit sind laut Vorsorgeprinzip in Europa zum Beispiel Passanten wie Wanderer oder Radfahrer bereits bisher geschützt. In den letzten Jahren haben wir eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um die Abdrift zu reduzieren.“ Dennoch werde nun dieser zusätzliche Schritt unternommen, der im Vorfeld mit den Vertretern aus dem Landwirtschaftssektor abgesprochen wurde.
Neben dem Austausch der Düsen sind weitere technische Pflichten für die Sprühgeräte vorgesehen: ein Gebläseaufbau, ein automatisches oder manuell rückspülendes Filtersystem und eine Gebläseabdeckung bzw. die Möglichkeit, den Luftaustritt einseitig zu unterbinden. Die Hersteller müssen die Sprühermodelle ab 2022 zertifizieren, die Bauern müssen ab 2021 auch den gleichmäßigen Luftstrom ihrer Sprühgeräte bei einer zugelassenen Prüfstelle testen.

Mindestflächen und Heckenpflicht
Da kleine Anbauflächen größere Probleme mit Abdrift auf angrenzende Flächen aufweisen, ist für Neuplanzungen von Raumkulturen (z. B. Obst, Wein oder Oliven) im Dauergrünland eine Mindestfläche vorgesehen, sofern sie nicht an bestehende Raumkulturen angrenzen. Zudem müssen jene Bauern, die ihre Anbau-Kulturart ändern, eine Hecke zur Reduzierung der Abdrift errichten – egal, ob dies nun eine neue Flachkultur wie Acker-, Gemüse- oder Kräuteranbau neben Obst- und Weinanlagen ist oder umgekehrt. „Hier gilt sozusagen das Prinzip des Verursachers: Wer später ändert, muss die Hecke errichten“, erklärt Schuler.
Vorgesehen sind Strafen bis zu 10.000 Euro, die von der Stadt- oder Gemeindepolizei verhängt werden können. Der Landesrat kann auch andere Behörden beauftragen, unter anderem mit landesweiten Stichproben.

Höhenbeschränkung angedacht
Nachgedacht hat die Landesregierung auch über weitere Maßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt. Sie sollen den Wein- und Obstbau im Sinne der Qualität und Wirtschaftlichkeit auf angemessene Höhenlagen beschränken. So schlägt die Südtiroler Landesregierung im Weinbau eine grundsätzliche Höhenbeschränkung auf 1100 Höhenmeter und einen Nachweis der erforderlichen Wasserverfügbarkeit durch die Vorlage der entsprechenden Wasserkonzession vor. Auch im Apfelanbau will sie eine Höhenbeschränkung einführen. Zudem soll – wie im Weinbau bereits praktiziert – eine agronomische Formel angewendet werden, mit der man geeignete Standorte für den Apfelanbau ermitteln kann.

Bioland-Verband: Erfahrungen sammeln
Der Bioland-Verband Südtirol zeigt sich in erster Linie zuversichtlich, was die neue technische Maßnahme zur Abdriftverminderung von Pflanzenschutzmitteln betrifft. Obmann Toni Riegler betont: „Wir hoffen, dass dieser Beschluss die Abdriftproblematik beruhigen wird, wenn auch noch nicht alle Bedenken zur Verwendung der Injektordüsen im Bioanbau ausgeräumt sind. Hier müssen wir noch einiges an Erfahrungen sammeln, deshalb auch unser Anliegen, die Forschung in Richtung technologische Verbesserung zu motivieren.“ 
Dass nun für alle Mittel jeglicher Art dieselbe Ausbringungstechnik gilt, sieht der Sprecher der Bioland-Obstbaugruppe, Josef Meraner, kritisch: „Wir wissen sehr wohl um die Zielführung der Maßnahme, dass Pflanzenschutzmittel dort landen sollen, wo sie hingehören, nämlich auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Was jedoch die Dosierung der Biologischen Mittel und deren Wirksamkeit durch die Verwendung von Injektordüsen angeht, gibt es Bedenken von unserer Seite. Diese Ausbringung muss erprobt werden, am besten mit der Unterstützung des Versuchszentrums Laimburg.“  


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Interview mit SBB-Landesobmann Leo Tiefenthaler

 
Sinnvolle Maßnahme, aber Ausnahmen notwendig

Südtiroler Landwirt: Herr Tiefenthaler, die neue Pflicht zu Injektordüsen bedeutet für viele Bauern, dass sie innerhalb kurzer Zeit ihre Sprühgeräte umstellen müssen. Ist das aus Ihrer Sicht problematisch?
Leo Tiefenthaler:
Viele Bauern haben ihre Sprühgeräte bereits in den vergangenen Jahren auf Injektordüsen umgestellt. Größere Probleme hat es dabei nicht gegeben. Wer am AGRIOS-Programm für die integrierte Produktion teilnimmt, muss ja schon jetzt teilweise Injektordüsen verwenden. Die Umstellung ist sicherlich mit Aufwand verbunden, aber durchaus machbar.

Halten Sie es grundsätzlich für sinnvoll, dass es jetzt für alle verpflichtend ist, Injektordüsen zu verwenden?
Es ist grundsätzlich sinnvoll, wenn die Pflanzenschutzmittel dorthin kommen, wo sie hingehören – nämlich auf die Nutzpflanzen. Aus diesem Grund sprechen wir als Bauernbund uns seit Jahren für Maßnahmen aus, die dazu beitragen, die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln zu verhindern oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren. Die Verwendung von Injektordüsen trägt auf jeden Fall dazu bei, dass wir diesem Ziel näherkommen, daher halte ich diese Verpflichtung für notwendig und sinnvoll. Aber es braucht auch Ausnahmen: zum Beispiel in Steillagen im Weinbau oder bei Mehrreihensystemen im Obstbau.

Neu ist – immer im Sinne der Abdriftvermeidung – dass an den Grenzen von Anbauflächen Hecken gepflanzt werden. Ein weiterer Zusatzaufwand für die Bauern?
Nun, es ist vorgesehen, dass derjenige die Hecke errichtet, der seine Kulturart ändert. Das ist sicherlich sinnvoll, wenn es um die Grenze zwischen zwei landwirtschaftlich genutzten Grundstücken geht. Sollte es aber  zum Beispiel so sein, dass am Rand einer Obstanlage eine neue Wohn- oder Gewerbezone errichtet wird, dann sollte die Pflicht zur Errichtung der Hecken bei den Bauherren liegen – denn schließlich sind sie es, die etwas am Status quo ändern und sich gegen eine mögliche Abdrift aus der Obstanlage schützen möchten.