Südtiroler Landwirt, Produktion | 29.08.2019

Weniger Erntemenge, ruhigere Märkte

Die Apfelvermarktungssaison 2018/19 war wegen des europaweiten Überangebots sehr schwierig. Nun zeichnet sich eine deutlich geringere Apfelernte 2019 ab. Die beiden neuen Direktoren der VI.P und des VOG blicken entsprechend zuversichtlich auf die Marktentwicklung. von Renate Anna Rubner

VI.P und VOG starten mit Zuversicht und neuem Schwung in die Ernte- und Vermarktungssaison 2019.

VI.P und VOG starten mit Zuversicht und neuem Schwung in die Ernte- und Vermarktungssaison 2019.

Mit neuem Vorzeichen beginnt die Apfelernte- und Vermarktungssaison der Südtiroler Obstwirtschaft: Nach einem mengenmäßig starken Jahr und entsprechendem Druck auf den Märkten zeichnet sich heuer für Europa eine deutlich reduzierte Ernte ab, wie bei der Prognosfruit Anfang August im belgischen Alden Biesen deutlich wurde. Die Prognosfruit ist die führende Veranstaltung für den europäischen Apfel- und Birnensektor. Seit 1976 präsentiert sie dem Fachpublikum die jährliche Erntevorhersage für die Apfel- und Birnenproduktion der kommenden Saison und lässt so erste Einschätzungen für die bevorstehende Vermarktungssaison zu.

Mit einer vorläufigen Schätzung der europäischen Apfelernte von 10,5 Millionen Tonnen fehlen im Vergleich zur Ernte 2018 rund 20 Prozent bzw. 2,7 Millionen Tonnen. Der Hauptgrund dafür ist eine sehr schwache Erntemenge in Polen, bedingt durch die starken Fröste während der Apfelblüte: Man erwartet dort eine Erntemenge von 2,7 Millionen Tonnen, was einem Minus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Mit Einbußen müssen auch Ungarn (–42 %), Slowenien (–35 %) oder Kroatien (–30 %) rechnen, was wegen der insgesamt geringen Mengen aber in der Gesamtheit nicht so stark ins Gewicht fällt. Für den aus Südtiroler Sicht nicht unbedeutenden Exportmarkt Deutschland zeichnet sich ein Minus von 17 Prozent ab, die Erntemenge dürfte dort knapp unter einer Million Tonnen bleiben.

Große Anbaugebiete liegen im Durchschnitt
Die Prognosen für die großen Anbaugebiete wie Frankreich, Spanien und Italien deuten auf eine im Durchschnitt liegende Ernte hin: Für Italien werden Erntemengen von rund 2,2 Millionen Tonnen Äpfeln erwartet, das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr zwar ein Minus von drei Prozent, verglichen mit dem Durchschnitt der letzten drei Jahre (2016 bis 2018) liegt diese Erntemenge aber um sechs Prozent höher. Frankreichs Apfelernteschätzung liegt derzeit bei einem Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr und dürfte sich auf 1,6 Millionen Tonnen belaufen, während Spanien mit einer Rekordernte von 542 Millionen Tonnen und einem Mehr an 14 Prozent im Vergleich zur Erntemenge 2018 rechnet. 

Jede Saison ist wie ein neues Buch
Sollten sich die Prognosen bestätigen, dürfte der Apfelmarkt nach den Turbulenzen der letzten Verkaufssaison im Herbst also wieder in ruhigere Fahrwasser kommen. Für die beiden neuen Direktoren der Vermarktungsorganisationen, Martin Pinzger von den Vinsch­gauer Produzenten VI.P und Walter Pardatscher vom Verband der Obstgenossenschaften VOG, ist es die erste Saison in dieser Position. 
Trotzdem, Martin Pinzger ist kein Neuling in dem Geschäft: „Wenn ich ehrlich bin, ist es bereits die 26. Ernte, die ich im Vinschgau mitverantworten darf.“ Wie immer sei es, als würde man ein neues Buch in die Hand nehmen, denn jede Ernte und dazugehörige Vermarktungssaison habe ihre eigene Geschichte. „Ich habe eine tolle Mannschaft hinter mir und auch das Vertrauen der Obmänner, was die wichtigste Voraussetzung für eine positive Arbeit ist.“

Prinzipiell gutes Gefühl
Auch Walter Pardatscher, der mit 1. August nun definitiv die Geschäfte des VOG von Gerhard Dichgans übernommen hat (siehe Bericht Seite 45), startet mit Zuversicht in seine erste Vermarktungssaison als VOG-­Direktor: „Prinzipiell starten wir mit einem guten Gefühl in diese neue Saison – die europäische Erntemenge ist schwach – dadurch wird der Druck am Markt sinken, was natürlich positiv ist!“ Leider gebe es aber zwei Wermutstropfen: Zum einen die geringere Größe der Äpfel – ein europaweites Phänomen, das trotz generell geringerer europäischer Erntemenge bei den kleinkalibrigen Äpfeln zu einem Preisdruck führen wird; zum anderen gebe es im Einzugsgebiet des VOG auch Produzenten, die stark von Hagelschäden betroffen sind. 

Erntemengen zufriedenstellend
Für die Mitgliedsgenossenschaften des VOG erwartet man eine Ernte von 525.000 Tonnen Tafeläpfeln, was in etwa der Erntemenge des vergangenen Jahres entspricht. Das Niveau der Ausnahmejahre wie 2016, als über 600.000 Tonnen Tafeläpfel geerntet wurden, wird also bei Weitem nicht erreicht.
Auch beim VI.P ist man mit der voraussichtlichen Erntemenge, die sich in etwa im Durchschnitt der letzten Jahre befindet, aus heutiger Sicht zufrieden. Allerdings gab es auch im Vinschgau immer wieder Hagelschläge und Probleme im Anbau. „Wir haben aber Gott sei Dank professionelle und motivierte Produzenten, die auch heuer wieder bis zum letzten Tag der Ernte für maximal mögliche Qualität kämpfen werden“, ist sich Martin Pinzger sicher. Noch steht man im Vinschgau aber ganz am Beginn der Erntesaison: Sie beginnt heuer etwas später als im letzten Jahr. Mit den ersten Pflückgängen von Gala hat man demnach erst in den letzten Tagen begonnen.

Verzögerter Erntebeginn bei Gala
Von einem um einige Tage verzögerten Erntebeginn für die Sorte Gala spricht man auch beim VOG: Erst nach Mitte August sei sie voll in Schwung gekommen. Die Früchte auf den Bäumen seien hinsichtlich Qualität und Reifegrad gut, zumal die kühleren Tage in der ersten Augustwoche die Färbung positiv beeinflussten und für die neuen Klone optimal gewesen seien. „Wenn wir die Ernteschätzungen nach Sorten analysieren, ist der Gala mit einem geschätzten Erntevolumen von 125.000 Tonnen für unseren Verband die erste Sorte nach Menge“, schlüsselt Walter Pardatscher die Zahlen der erwarteten Erntemenge auf. Das entspreche einem Zuwachs von 15 Prozent für diese Sorte. Die Erntemengen an Golden Delicious dagegen gehen immer weiter zurück und erreichen mit geschätzten 105.000 Tonnen ein Minus von mehr als zehn Prozent. Bei Red Delicious, Braeburn und Granny Smith rechnet man annähernd mit derselben Erntemenge wie im letzten Jahr, „während die Sorte Fuji  – nach einer von Alternanz geprägten Saison 2018 – aus heutiger Sicht mit einem Plus von 30 Prozent wieder für eine Vollernte sorgen wird“, legt Walter Pardatscher offen.
Gute Aussichten gebe es auch für die Clubsorten, und zwar mit einer Steigerung für Pink Lady® und Kanzi®. Auch der noch junge Apfel EnvyTM mache einen großen Sprung nach oben: 3800 Tonnen wird man voraussichtlich im VOG-Einzugsgebiet davon ernten können, was einem Plus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. 

Lebhafter Vermarktungsbeginn erwartet
Die Vermarkter sind also mit der Qualität der diesjährigen Apfelernte zufrieden, die Mengen sollten aller Voraussicht nach stimmen. Trotzdem gibt es einige Unbekannte im Spiel des Marktes: Als Klumpfuß für einen flüssigen Start in die neue Verkaufssaison könnten sich laut Pardatscher die noch großen italienischen Lagerbestände von Golden Delicioius erweisen, weil die sich mit der neuen Ernte überschneiden werden. „Gleichzeitig kommen aber bereits die ersten Anfragen für neugeerntete Gala, und ich gehe trotzdem von einem lebhaften Vermarktungsbeginn aus. Eine unterdurchschnittliche europaweite Ernte kann das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage sichern und lässt darauf hoffen, dass unsere Produzenten zur Rentabilität zurückkehren.“ Die Ernte habe bereits begonnen, die nächsten 15 Wochen seien nun entscheidend: Das Einhalten der Erntefenster je nach Sorte und Mikroklimazone werde der Schlüssel zum Erfolg sein, um ein Produkt mit dem optimalen Reifegrad und entsprechender Haltbarkeit einlagern zu können. „Unsere Produzenten sind sich dessen voll bewusst. Ich bin überzeugt, dass die neue Saison positiv verlaufen wird und die enttäuschenden Ergebnisse des vorherigen Vermarktungsjahres vergessen lässt.“

Marktentlastung durch weniger Menge
Von einer sehr schwierigen Vermarktungssaison 2018/19 spricht Martin Pinzger. „Das Überangebot an Ware aufgrund der Rekordernte in Europa hat bis zuletzt die Preise gedrückt, und speziell für schwächere Qualitäten oder Sorten am Ende ihres Produkt­zyklus musste teilweise auf die industrielle Verarbeitung zurückgegriffen werden. Diese allgemeine Tendenz ging leider auch nicht an uns als VI.P spurlos vorbei“, bedauert der Direktor. Die aktuellen Schätzungen lassen aber auf einen besseren Marktverlauf für die Vermarktungssaison 2019/20 hoffen. Speziell die Entlastung in den osteuropäischen Ländern, allen voran in Polen, sind laut Martin Pinzger Basis für eine entspannte Situation im Verarbeitungsbereich. Dies wiederum erleichtere die Situation am Frischmarkt. „Die zu erwartende geringere Aggressivität der polnischen Anbieter in Ländern außerhalb der EU lassen auch hier bessere Erlöse erhoffen.“ Andererseits lassen die Ernteprognosen für Italien und generell die westeuropäischen Länder auf eine normale Versorgungssituation schließen. „Also werden die Bäume nicht in den sogenannten Himmel wachsen, wie wir es in der Vermarktungssaison 2017/18 erlebt haben“, bremst Pinzger allzu große Hoffnungen.

Noch etwas Ware im Lager
Auch die Genossenschaften im Vinschgau haben noch Äpfel in ihren Lagern. Aber nur gerade so viel, um einen sauberen Übergang zur neuen Ernte Ende September schaffen zu können. „Wir werden, wie von unseren Kunden gefordert und erwünscht, einen reibungslosen Übergang zur neuen Ware schaffen“, zeigt sich VI.P-Direktor Martin Pinzger optimistisch.

Positive Prognosen gewinnbringend nutzen
Die Stimmung unter den Bauern sei insgesamt etwas angespannt, wie er sagt. „Verständlich, denn unsere Produzenten hören bereits seit zwölf Monaten von einer schwierigen Marktlage. Umso wichtiger ist es nun, eine gute Ernte in den nächsten Wochen hinzubekommen und die positiven Ernteprognosen für die nächsten zwölf Monate gewinnbringend zu nutzen.“ 
Bedeutet das auch das Erschließen neuer, aufnahmefähiger Märkte? Ja und nein: Martin Pinzger sagt dazu: „Wir werden an die positiven Verkaufsmengen in der abgelaufenen Saison in Richtung Indien und Brasilien bzw. Fernost anknüpfen. Trotzdem wird unser Hauptmarkt Italien weiterhin die Basis für ein zufriedenstellendes Verkaufsergebnis der VI.P bleiben. 

Neue Märkte in Südostasien
Auch für den VOG liegen neue Zielmärkte in Südostasien. Deshalb nimmt man in diesem Jahr auch wieder an der Fachmesse Asia Fruit Logistica in Hongkong teil, die Anfang September stattfindet. Dort wird man sich mit strategischen Kunden und Handelspartnern treffen. „Die Märkte Hongkong, Malaysia, Singapur werden bereits beliefert“, sagt Walter Pardatscher. „In naher Zukunft können unsere Äpfel auch nach Taiwan verkauft werden, mit Vietnam und Thailand werden noch Verhandlungen geführt.  



Apfelproduktion der wichtigsten Laender_1000 Tonnen

EU-Apfelproduktion nach Sorten_in 1000 Tonnen