Politik, Südtiroler Landwirt, Wirtschaft | 07.11.2019

Junge Weinbau-Fachkräfte gesucht

Eine duale Lehrlingsausbildung zur Winzerin/zum Winzer ist das Ziel des Konsortiums Südtiroler Wein und der Fachschule Laimburg. Damit reagiert man auf den Fachkräftemangel, der in allen Sektoren schwelt. Auch in der Landwirtschaft.  von Renate Anna Rubner

Die Fachschule Laimburg bietet ab September 2020 eine Lehrlingsausbildung zur Winzerin/zum Winzer an.

Die Fachschule Laimburg bietet ab September 2020 eine Lehrlingsausbildung zur Winzerin/zum Winzer an.

Den Wunsch nach einer fundierten Ausbildung, mit der junge Südtirolerinnen und Südtiroler den Beruf Winzer erlernen können, gibt es vonseiten der heimischen Weinwirtschaft schon länger. Nun hat das Konsortium Südtiroler Wein entsprechende Gespräche geführt, Bedürfnisse und Kapazitäten der heimischen Weinbranche ermittelt und geht jetzt – gemeinsam mit der Fachschule Laimburg – in die Umsetzung einer dualen Lehrlingsausbildung zur Winzerin bzw. zum Winzer. Eine Neuheit, die es in unserem Land bisher nur für Gärtner und Floristen gibt. Und eine Möglichkeit, mehr qualifizierte Arbeitskräfte für die Kellereien unseres Landes zu rekrutieren, wie Eduard Bernhart, Direktor des Südtiroler Weinkonsortiums dem „Südtiroler Landwirt“ im Interview verraten hat.

Südtiroler Landwirt: Herr Bernhart, Sie möchten gemeinsam mit der Fachschule Laimburg junge Menschen zu Winzerinnen und Winzern ausbilden. Wieso?

Eduard Bernhart: Wir haben in unserem Land sehr gut qualifizierte Fachkräfte in unseren Weinkellern: Önologen und Kellermeister. Wir möchten nun auch Fachkräfte für die Arbeiten draußen im Weinberg ausbilden. Damit sollten diese Winzerinnen und Winzer, wie wir das Berufsbild genannt haben, den Kellermeistern und Önologen zuarbeiten: Sie sind für die Pflegearbeiten im Weinberg zuständig, kümmern sich um den Pflanzenschutz und versuchen, im Weinberg draußen das zu produzieren, was im Keller zu einem qualitativ hochwertigen Produkt veredelt wird. 

Das Konsortium Südtiroler Wein hat angeregt, eine duale Lehrlingsausbildung für Winzerinnen/Winzer anzubieten. Wie ist diese Idee geboren?

Der Wunsch war schon länger da. Die Kellereien – besonders Mitglieder der „Weingüter Südtirols“ und die Genossenschaften – sind händeringend auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften. Die fehlen einfach, nicht nur in der Weinwirtschaft, sondern in allen Sektoren. Die Idee, einen Lehrberuf Winzerin/Winzer anzubieten, kam also von unseren Mitgliedern: Bei Veranstaltungen wurde das thematisiert, oder auch im Gespräch mit Einzelnen bin ich immer wieder auf dieses Bedürfnis gestoßen. Denn es braucht qualifizierte junge Menschen, die bereit sind, in den Weinbergen Verantwortung zu übernehmen, die das Know-how, das Können und das Wissen haben, den Weinberg zu managen. 

Nachdem wir mit den zuständigen Landesräten über das Thema einer Lehrlingsausbildung zur Winzerin/zum Winzer gesprochen und den Konsens dafür erhalten hatten, sind wir an Paul Mair von der Fachschule Laimburg herangetreten und haben unsere Idee mit ihm besprochen und sind gleich auf offene Ohren gestoßen. Ich persönlich finde das ein sehr schönes Projekt, und es war für mich auch schön zu merken, dass wir mit Paul Mair sofort jemanden gefunden haben, der die Idee unterstützt und mitträgt. 

Wie soll die Ausbildung umgesetzt werden?

Die Fachschule Laimburg bietet eine duale Lehrlingsausbildung bereits an: für Gärtner und Floristen. Und die ist sehr erfolgreich. Die Fachschule hat entsprechend viel Erfahrung in dem Bereich und wird sich – gemeinsam mit uns von der Weinwirtschaft – über die konkreten Inhalte noch unterhalten. Angeboten wird zunächst ein Biennium, das die Jugendlichen – sofern sie gleich nach der Mittelschule einsteigen – mit etwa 16 Jahren abschließen.
Danach treten sie in den Lehrbetrieb ein und absolvieren die restlichen zwei Jahre sozusagen berufsbegleitend. Dann sind die jungen Leute auch schon etwas reifer und für den Betrieb wertvoller und können mehr Verantwortung übernehmen. Wenn sie die Lehre abgeschlossen haben, sind sie etwa 18.

Es wird aber sicher auch Quereinsteiger geben, die sich für dieses Berufsbild interessieren, eventuell Absolventen der landwirtschaftlichen Fachschulen oder der Fachoberschule. Oder aber Leute aus ganz anderen Berufssparten. Da wird man dann noch darü-ber reden und entscheiden müssen, wie die in den Lehrprozess integriert werden sollen. 

Für wie viele Lehrlinge wird es Ausbildungsplätze geben?

Wir haben vorab bei unseren Mitgliedern eine Umfrage gemacht und sie gefragt, ob sie konkretes Interesse daran haben, einen oder mehrere Lehrlinge aufzunehmen. Und wir haben die Zusage von 22 Mitgliedsbetrieben bekommen: Von Kellereigenossenschaften bis hin zu größeren und auch kleineren privaten Kellereien. 

Was erwarten sich die Kellereien davon, bzw. kommen die Genossenschaften überhaupt als Lehrbetrieb infrage?

Aber natürlich! Das Konsortium Südtiroler Wein hat 180 Mitglieder. Prinzipiell kann jeder dieser Betriebe einen ausgebildeten Winzer/eine ausgebildete Winzerin brauchen. Auch die Genossenschaften, von denen einige auch ihr konkretes Interesse an einem Lehrling bereits bekundet haben. Vor allem in der Beratung der Mitglieder draußen in den Weinbergen natürlich. Sie haben zwar keine eigenen Flächen, aber diese Person würde im Auftrag der Kellerei die Flächen ihrer Mitglieder beratend mitbetreuen.

Auch für jemand, der große Flächen hat, könnte so ein Lehrling hilfreich sein. Die Erfahrung haben und Verantwortung für die Produktion draußen übernehmen. Einer Fachkraft muss man nicht jeden Handgriff erklären, im Gegenteil, das ist jemand, der den theoretischen und praktischen Hintergrund hat, um aus Situationen reagieren zu können und Entscheidungen zu treffen. 

Was können sich umgekehrt die ausgebildeten Fachkräfte für Berufschancen erhoffen?

Ein Winzergeselle kann sich auf einen geerdeten Beruf freuen: Er wird viel in der Natur sein, draußen Verantwortung übernehmen in einem Beruf, der mit Kultur zu tun hat, mit Landwirtschaft und Natur. Es hängt natürlich auch von der Person selber ab, wie sie sich weiterentwickelt, und vom Betrieb. Da spielen viele Faktoren mit hinein.
Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass jene, die diesen Lehrberuf ergreifen, sehr gefragte Fachkräfte sein werden. Weil sie im Gegensatz zu Arbeitern, denen man etwas beibringt und die diese Arbeiten dann auch autonom machen können, den großen Vorsprung haben, dass sie selbstständig Probleme lösen können, Strategien entwickeln können und im Weinberg das umsetzen können, was der jeweilige Betrieb braucht und will. Er reagiert nicht nur, sondern agiert auch aktiv und mit Wissen und Können. Das ist der Vorteil. 

Gibt es etwas Ähnliches in anderen Ländern?

Also in Italien gibt es diesen Lehrberuf Winzer/Winzerin nicht. Im benachbarten Ausland aber schon: zum Beispiel in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland. Da haben junge Leute die Möglichkeit, im sogenannten dualen System eine Lehre im Weinbau abzuschließen, wobei sie zum einen den theoretischen Hintergrund in der Schule erlernen und gleichzeitig über den Praxisunterricht und später dann im Lehrbetrieb ihr „Handwerk“ lernen können. 

Wird es für die Betriebe Voraussetzungen geben, um Lehrlinge einstellen zu können?

Absolut. Die Lehrlinge müssen im Betrieb natürlich eine Art Tutor haben, der ihnen als Ansprechpartner gilt. Und dieser Tutor muss natürlich eine entsprechende Ausbildung vorweisen, damit er den Lehrling gut begleitet: Insofern hat auch der Betrieb eine Verantwortung gegenüber dem/der Auszubildenden. 

Und welche Voraussetzungen sollte ein potenzieller Lehrling mitbringen? Persönlich und fachlich?

Zum einen muss die- oder derjenige natürlich Begeisterung und Liebe für den Weinbau und für den Wein mitbringen. Das ist die Grundvoraussetzung, würde ich sagen. Eine Person, die geerdet ist, die sich gerne draußen aufhält und gerne in der Natur arbeitet: und zwar im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das ganze Jahr über. Egal ob es kalt ist oder heiß oder nass oder neblig. Und es muss einem bewusst sein, dass man in dieser Position viel Verantwortung trägt, denn es geht um viel: Man bestimmt den Erfolg des jeweiligen Betriebes mit, das ist einfach so. Da braucht es gute Leute, die Gespür haben. Und es gibt immer mehr Herausforderungen, die es zu meistern gilt: technischer Natur, durch den Klimawandel und die entsprechenden Veränderungen und Erfordernisse. 

Was erwartet sich die Weinwirtschaft von dieser zusätzlichen Ausbildung im Weinbereich? Kann sie für Südtirol einen Wettbewerbsvorteil bringen?

Einen Wettbewerbsvorteil nicht, das ist auch nicht der Sinn der Sache. Vielmehr geht es darum, den Weg, den die Südtiroler Weinwirtschaft schon seit Jahrzehnten geht, zielstrebig weiterzuverfolgen, sprich qualitativ zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Und die Qualität entsteht – das wissen wir – zu-allererst im Weinberg. Wenn man dort noch bessere Leute hat, schlägt sich das in der Qualität der Trauben und Weine nieder, davon sind wir überzeugt. Deshalb brauchen wir junge, gut ausgebildete Leute, die neue Impulse in die Praxis bringen. 

Genaueres zur Lehre zum Winzer, zur Winzerin erfahren Sie in unserer Print-Ausgabe.