Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Landwirt | 21.11.2019

Vertrauen als Basis

Wilfried Mairösl war sechs Jahre lang Supervisor der bäuerlichen Lebensberatung. Zum zehnten Geburtstag der Lebensberatung gibt er das Amt weiter. Welchen Wert die Lebensberatung hat und wie dynamisch eine Supervision abläuft, erklärt er im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“. von Renate Anna Rubner

Reden hilft Konflikte lösen: Die bäuerlichen Lebensberaterinnen und -berater helfen dabei, Brücken zu bauen. Foto: www.agrarfoto.at

Reden hilft Konflikte lösen: Die bäuerlichen Lebensberaterinnen und -berater helfen dabei, Brücken zu bauen. Foto: www.agrarfoto.at

Wilfried Mairösl begleitete als Supervisor die Lebensberaterinnen und Lebensberater, die sich um die bäuerlichen Familien unseres Landes kümmern und Konfliktsituationen lösen helfen. Er ist Psychologe und erklärt, dass er die bäuerliche Lebensberatung nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur professionellen psychologischen Betreuung sieht. Ein Angebot, das gerne angenommen wird.

Südtiroler Landwirt: Herr Mairösl, Sie sind seit sechs Jahren der Supervisor der bäuerlichen Lebensberatung. Wie war der Start?

Wilfried Mairösl: Der Start war gut und reibungslos. Meine Vorgängerin Berta Lintner kannte ich bereits aus der gemeinsamen Supervision mit der Notfallseelsorge. Sie hat mich auch hierher empfohlen. Im Übrigen war ich vorher schon an zwei Ausbildungen zum/-r bäuerlichen Lebensberater/-in beteiligt und kannte daher auch schon einen Großteil der bäuerlichen Lebensberater und Lebensberaterinnen, was den Einstieg natürlich sehr erleichtert hat. Denn da war gleich eine Vertrauensbasis, und wir konnten sofort gut miteinander arbeiten. 

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Prinzipiell arbeite ich gerne mit Teams im supervisorischen Kontext. In der Supervision der bäuerlichen Lebensberaterinnen geht es ja vor allem um Fallbesprechungen. Die Lebensberater/-innen kommen mit einem oder mehreren Fällen, die sie gerade betreuen, in die Supervision. Dabei bringen sie konkrete Fragen zum weiteren Vorgehen oder zur aktuellen Situation mit, in der sie sich vielleicht festgefahren erleben. In der Begleitung der Ratsuchenden können auch Gefühle bei den Lebensberaterinnen entstehen, und hier insgesamt Hilfestellungen leisten zu können, ist sehr bereichernd und gefällt mir.

Wie hat sich die Situation seit Ihrem „Amtsantritt“ verändert, z. B. thematisch?

Also thematisch geht es in der bäuerlichen Lebensberatung mehr oder weniger um dieselben Themen, die es in der nicht-bäuerlichen Gesellschaft auch gibt: Da gibt es Konflikte zwischen Paaren, Familien oder Generationen. Schwierigkeiten bei der Hofübergabe sind ein häufiges Thema, und natürlich gibt es auch Suchtproblematiken, Trauersituationen und Todesfälle. Es kommt schon manchmal zu Häufungen bestimmter Konflikte in bestimmten Zeiten, aber insgesamt hat sich die Thematik in diesen sechs Jahren nicht verändert. Das würde mich auch wundern.

Haben Sie den Eindruck, dass der Umgang mit kritischen Situationen heute ein anderer ist als noch vor fünf Jahren? Dass vielleicht eher geredet wird?

Sie meinen, ob die Psychologie inzwischen einen besseren Stand in der Gesellschaft hat? Oder auch, ob man sich heute schwach zeigen und zugeben kann, dass man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt? Als Psychologe, Psychotherapeut und Notfallpsychologe kann ich sagen, dass psychologische Betreuung heute immer mehr in Anspruch genommen wird. 

Die Menschen kommen – und das ist ja das große Plus der bäuerlichen Lebensberatung – auch zu den bäuerlichen Lebensberater/-innen. Sie stellen einen Mittelweg dar zwischen „Wir machen uns das selber aus“ und dem Psychologen/Psychotherapeuten. Hier kommt das Konzept des PEER zum Tragen: Also ein gleichgestellter Mittler aus derselben Gruppe, der als erster Ansprechpartner auftritt und dem Ratsuchenden zur Seite steht. Im Idealfall kann er das Problem lösen helfen oder empfiehlt weiter und baut damit eine Brücke zur professionellen Hilfe bei den öffentlichen Diensten. 

Man merkt, dass Leute, die im bäuerlichen Umfeld leben, dieses Angebot gerne in Anspruch nehmen und in der Mehrzahl der Fälle auch sehr zufrieden mit der bäuerlichen Lebensberatung wieder aussteigen. Dass es dann Jahre gibt, in denen es mehr Anfragen gibt, und solche, in denen es weniger gibt, liegt in der Natur der Sache.

Wieso ist Reden so wichtig? Und gleichzeitig so schwierig?

Reden ist immer wichtig. Es wirkt meist sehr entlastend, die eigene schwierige und belastende Situation mit einem anderen Menschen zu teilen, der zuhört, einen ernst nimmt und Fragen stellt. Fragen, die dazu zwingen nachzudenken und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. 

Das ist die Möglichkeit, aus der eigenen Gedankenspirale auszutreten: Weil man neue Fragen gestellt bekommt, die man sich selber noch nicht gestellt hat und die einem die Möglichkeit geben, neue Aspekte in die Überlegungen mit hineinzunehmen oder eine neue Perspektive einzunehmen. Andererseits führt Reden auch dazu, dass Menschen anfangen, (wieder) miteinander zu reden, was vorher vielleicht nicht (mehr) der Fall war. Dabei ist es die Aufgabe des bäuerlichen Lebensberaters, mit dem Ratsuchenden Gespräche zu führen, manchmal auch mit der anderen „Konfliktpartei“ und in einem dritten Moment sogar mit allen gemeinsam. 

Die Basis unserer Arbeit ist also das vertrauensvolle und wertschätzende Gespräch. Aus Erkenntnissen, die man daraus gewinnt, aus Entlastungen, die sich dadurch ergeben, können Menschen sich wieder besser verstehen und annähern, und so fügt sich dann irgendwie wieder alles zusammen.

Können Sie sich an einen besonderen Fall erinnern, also einen Fall, der Sie menschlich oder fachlich besonders gefordert oder im Ergebnis besonders gefreut hat?

Da fallen mir viele Fälle ein, bei denen Menschen durch die Beratung aus einer erschöpften, resignierten oder ohnmächtigen Stimmungslage heraus wieder einen Weg gesehen haben, die eigene Situation mit Mut und Zuversicht neu anzupacken und zu sehr erfreulichen Wendungen gekommen sind. Was mich dann freut, ist, dass ich meinen kleinen Beitrag leisten durfte, indem beim Lebensberater entstandene Belastungen abgebaut werden konnten, und dass wir in der Gruppe imstande waren, Vorschläge zu sammeln, wie man vorgehen könnte. 

Auch zu sehen, wie in festgefahrene Situa-tionen wieder Bewegung kam, hat mich immer sehr gefreut. Natürlich gibt es auch Anfragen und Situationen, die sehr komplex sind und bei denen man schauen muss, wie man das gut weitergibt. Oft geht es ja auch um die Brückenfunktion, denn nicht alles, was an die Lebensberatung herangetragen wird, kann auch von ihr abgearbeitet werden. Das heißt, manchmal ist es notwendig, Brücken zu öffentlichen Stellen zu schlagen, wo es professionelle Hilfe gibt. Wenn es gelingt,  Leute, die zunächst in der bäuerlichen Lebensberatung angedockt sind, dann aber bereit waren, den nächsten Schritt zu tun und weiterzugehen, dann ist das auch ein Erfolg.

Die Zusammenarbeit mit der bäuerlichen Lebensberatung habe ich als sehr abwechslungsreich, spannend und herausfordernd erlebt. Sie hat mir sehr viel Freude und Genugtuung breitet, auch weil ich zwischenmenschlich mit allen Lebensberater/-innen gut konnte.

Wie kann man sich eine Supervision vorstellen, konkret meine ich. Wie läuft das ab? In Gruppen oder einzeln ...

Im Land gibt es drei Gruppen von bäuerlichen Lebensberater/-innen, mit denen ich mich einmal im Monat – ausgenommen einer Pause im Sommer und einer im Jänner – zur Supervision treffe. Diese Treffen sind grundsätzlich verpflichtend. Da sitzen wir dann für etwa zwei Stunden zusammen in einer Runde von etwa acht Lebensberater/-innen. 

Am Beginn der Supervision verschaffen wir uns einen Überblick, wie viele Fälle und Anliegen abzuarbeiten sind, damit wir uns die Zeit gut einteilen können und niemand mit unbeantworteten Themen wieder nach Hause geht. Dann geht es der Reihe nach und von Fall zu Fall weiter: Welche Fakten hast du für diesen Fall gesammelt? Und was ist dein Anliegen heute an uns? Manchmal geht es um eine emotionale Klärung für die
Beraterin selber oder um Tipps, wie man weitermachen kann. Ganz verschieden, je nachdem was er/sie braucht. Es können ­also Gesprächsphasen zwischen einem/-r Lebensberater/-in und mir als Supervisor sein oder auch Gespräche, die als Gruppe geführt werden. Alle miteinander suchen wir eine Lösung, es ist eigentlich ein Erfahrungsaustausch. Dabei gehört es zu meinen Aufgaben, diesen Austausch zu leiten und zu steuern. 

Das ist der Vorteil einer Gruppensupervision: Jedes Mitglied der Gruppe leistet einen wertvollen Beitrag. Damit wächst die Gruppe. Eine Fallsupervision ist also immer auch eine Fortbildung für alle Beteiligten. Alle profitieren. Vorausgesetzt natürlich, man geht offen in diese Supervision und bringt die eigenen Fragen, die eigenen Unsicherheiten und Gefühle offen ein. Ja, Offenheit ist unbedingt notwendig, denn nur dann entsteht eine positive Dynamik. Das funktioniert bei der bäuerlichen Lebensberatung sehr gut, es ist ein sehr vertrauensvolles Miteinander.

Welche Voraussetzungen muss ein (bäuerlicher) Lebensberater haben?

Als Lebensberater braucht man die Fähigkeit, einfühlsam und wertschätzend mitzugehen, um vertrauensvolle Beziehungen aufbauen zu können. Dabei ist die Schweigepflicht natürlich eine wichtige Komponente. 

Hilfreich ist auch eine bestimmte Autorität, um die Gespräche auch leiten und steuern zu können. Sonst ufern die leicht aus. Man muss verstehen, worum es eigentlich geht. Es braucht also Klarheit und Sicherheit. Man muss sich auf seinen Auftrag konzentrieren können: Was beschäftigt den Menschen? Was sind die grundsätzlichen Themen? Und was wünscht sich dieser Mensch von mir? 

Und es braucht die Fähigkeit, eine Lebensberatung anzubieten und für sich selbst eine klare Grenze zu ziehen: Es ist nicht MEIN Problem oder MEIN Schicksal, das wir jetzt hier behandeln. Also empathisch sein ja und gleichzeitig die nötige Distanz wahren, das ist die Gratwanderung, die ein bäuerlicher Lebensberater hinbekommen muss. Nur helfen wollen ist in Helferberufen einfach zu wenig. 

Braucht es die bäuerliche Lebensberatung Ihrer Meinung nach überhaupt? Und wenn ja, warum?

Ja, sicher braucht es die bäuerliche Lebensberatung. Weil es offensichtlich Menschen gibt, die sich an die bäuerlichen Lebensberaterinnen und Lebensberater wenden, und weil es eben nicht gesagt ist, dass sich diese Menschen an jemand anderen wenden würden. Dieses PEER-Konzept ist in der Psychologie gut verankert. Wir haben dieses Konzept auch beim Weißen Kreuz, bei den Bergrettern und bei der Feuerwehr implementiert, weil eben ein Feuerwehrmann als ersten Schritt eher auf einen Kollegen von der Feuerwehr zugeht, um zu reden. Die bäuerliche Lebensberatung als niederschwelliges Angebot kann häufig vieles gut auffangen und klären. Eine wichtige Rolle kommt ihr auch im Weiterleiten an die öffentlichen professionellen Dienste zu, ein Schritt, welcher ansonsten vielleicht gar nicht oder erst sehr spät erfolgen würde.

Die Beratungen können einmalig sein, erstrecken sich aber meist über Monate oder länger. Deshalb ist die bäuerliche Lebensberatung wichtig und hilfreich, und so bin ich froh, dass es sie gibt, und hoffe, dass sich auch in Zukunft noch viele Menschen vertrauensvoll an sie wenden werden.