Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 04.12.2019

850 Direktvermarkter bis 2030

Der Südtiroler Bauernbund geht in die Offensive – in die Direktvermarkter-Offensive. Bis zum Jahr 2030 sollen 850 Direktvermarkter bäuerliche Produkte anbauen, veredeln und vermarkten, lautet das ambitionierte Ziel. von Michael Deltedesco

Mit mehr Ausbildung, Beratung, Innovation, Kommunikation und einer effizienteren Logistik will der SBB die Direktvermarktung in Südtirol stärken. Foto: Roter Hahn/Frieder Blickle

Mit mehr Ausbildung, Beratung, Innovation, Kommunikation und einer effizienteren Logistik will der SBB die Direktvermarktung in Südtirol stärken. Foto: Roter Hahn/Frieder Blickle

Mehr bäuerlich-regionale Produkte im Handel, in der Gastronomie, auf Bauernmärkten oder im Verkauf ab Hof, das könnte bald Realität sein. Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler fasst die ambitionierten Ziele zusammen: „Derzeit bieten etwa 600 Direktvermarkter in Südtirol lokale Produkte an, in den nächsten zehn Jahren sollen mindestens 250 neue Betriebe dazukommen.

Einzigartiger Lehrgang und umfassende Beratung

Das soll unter anderem mit einem neuen Ausbildungsangebot erreicht werden. Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner erklärt die Details: „Statt wie bisher ein 37-Stunden-Seminar bietet die Weiterbildungsgenossenschaft im Südtiroler Bauernbund erstmals einen Direktvermarkter-Lehrgang an. Dieser dauert 28 Tage und beinhaltet Fachvorträge, Einzelcoachings und Betriebsbesuche. Den Abschluss bildet eine mündliche Prüfung.“ Der erste Lehrgang ist vergangene Woche mit 16 Teilnehmern gestartet.

Eine Schwachstelle war bisher auch die Beratung in der Verarbeitung. „Diese soll mit einem Beraterpool neu aufgebaut werden“, ergänzt Rinner. Beratung bei Fragen zum Anbau gibt es wie bereits bisher vom Beratungsring für Obst- und Weinbau, vom Beratungsring Berglandwirtschaft (BRING) und vom Südtiroler Sennereiverband. Diese Beratung soll, besonders für neue Produktgruppen, ausgebaut werden. 

„Durch das neue Angebot wird eine zeitnahe und professionelle Beratung vor Ort, eine hohe Qualität des Angebots und eine bessere Betreuung der Kunden wie Lebensmittel-Einzelhandel und Gastronomie garantiert“, ist Rinner überzeugt. 

Innovative Produkte gefragt  

Aktiv will der Südtiroler Bauernbund den Direktvermarktern auch mit Forschung und Entwicklung unter die Arme greifen, berichtete der Leiter der Abteilung Marketing im Südtiroler Bauernbund, Hans J. Kienzl: „Die zukünftig engere Zusammenarbeit von NOI Techpark, Freier Universität Bozen und der Abteilung Innovation & Energie im Südtiroler Bauernbund hat die Marktforschung, die Produktenwicklung, die Produktionsprozess-analyse und das Packaging zum Inhalt. Ziele sind neue Erkenntnisse und insgesamt neue innovative Produkte.“  

Ausgebaut wird die Kommunikation für die „Roter Hahn“-Betriebe – auf www.roterhahn.it genauso wie in den sozialen Netzwerken. „Mit unseren Produkten wollen wir das Premium-Segment bei Lebensmitteln besetzen“, formuliert Kienzl das Ziel.

Eine große Schwäche in der Direktvermarktung ist die Logistik. Viele Direktvermarkter liefern ihre Produkte derzeit nur an Kunden in der Umgebung. „In Zukunft soll der Vertrieb nicht mehr nur auf die nähere Umgebung beschränkt sein, sondern es wird die Zustellung in ganz Südtirol und in andere Regionen bzw. ins Ausland möglich“. Zudem erhalten Lebensmittel-Einzelhandel und Gastronomie nur mehr eine Rechnung, auch wenn sie Produkte verschiedener Direktvermarkter bestellen. Bisher gab es von jedem Produzenten eine eigene Rechnung. „Diesen Wunsch äußern Handel und Gastronomie immer wieder, dem wollen wir nachkommen“, verspricht Kienzl.

Mehr Wertschöpfung, größere Vielfalt

Mit diesen Maßnahmen will der Südtiroler Bauernbund die Zahl der Direktvermarkter und die Vielfalt an bäuerlichen Produkten steigern. Zudem soll Interessierten der Einstieg in die Direktvermarktung, die eine höhere Wertschöpfung verspricht, erleichtert werden. 
Auch will der Bauernbund dadurch die Zusammenarbeit mit dem Tourismus stärken und die Begehrlichkeit der Tourismusdestination Südtirol steigern. Mit dem Ausbau der Direktvermarktung wird ein großer Schritt hin zu einem Genussland Südtirol gesetzt.

Die Voraussetzungen für mehr Direktvermarktung sind gegeben: „Südtirol hat hochmotivierte Bauern und hochwertige Produkte. Zudem profitieren die Direktvermarkter vom Megatrend Regionalität. Und nicht zuletzt gibt es einen Markt mit 530.000 Einheimischen und 7,5 Millionen Gästen vor der Haustür“, erinnert Tiefenthaler.

Die neue Initiative soll keine Konkurrenz zu den Genossenschaften darstellen, sondern eine Alternative für Bäuerinnen und Bauern sein, die sich für die Direktvermarktung interessieren, gerne Rohprodukte verarbeiten und mit den Kunden selbst in Kontakt treten möchten. 


 

Interview mit Landesobmann Leo Tiefenthaler
von Bernhard Christanell

„Schritt in die Direktvermarktung gut überlegen“

Südtiroler Landwirt: Herr Tiefenthaler, was hat den Bauernbund dazu bewogen, so viel frische Energie in die Direktvermarktung zu stecken?

Leo Tiefenthaler: Wir haben in den vergangenen Jahren von zwei Seiten gesehen, dass großes Interesse an der Direktvermarktung besteht. Zum einen auf der Seite unserer Bäuerinnen und Bauern, die ihre Produkte auch direkt an die Konsumenten bringen und sich so ein zusätzliches Standbein am Hof aufbauen möchten – zum anderen auf der Seite der Konsumenten, die Qualitätsprodukte direkt beim Bauern einkaufen möchten. Dieses beidseitige Interesse wollen wir unterstützen, ohne dabei eine Konkurrenz zum sehr gut verwurzelten und funktionierenden Genossenschaftswesen zu schaffen. Die Direktvermarktung soll eine Ergänzung dazu sein – mit dem positiven Nebeneffekt, dass die Konsumenten die Arbeit der Bauern kennen lernen und mit ihnen direkt in Kontakt treten können. 

Richtet sich der Bauernbund mit seiner Offensive ausschließlich an jene Produzenten, die unter dem Qualitätssiegel „Roter Hahn“ produzieren?

Nein, keineswegs. Wir haben uns zwar das ambitionierte Ziel gesetzt, die Zahl der „Roter Hahn“-Produzenten bis 2030 von derzeit 74 auf 200 zu erhöhen, unterstützen wollen wir aber natürlich alle Bäuerinnen und Bauern, die in die Direktvermarktung einsteigen wollen. Schließlich sind wir als Südtiroler Bauernbund ja für alle bäuerlichen Familien im Land da. 

Was würden Sie einem Bauern oder einer Bäuerin raten, der bzw. die sich überlegt, in die Direktvermarktung einzusteigen?

Dass er oder sie sich diesen Schritt sehr gut überlegt und prüft, ob die Voraussetzungen am Hof erfüllt sind, um diesen Schritt zu wagen. Es gibt viele Punkte, die zu berücksichtigen sind – von der Umstellung der Produktionsweise und der Lagerung über die Vermarktung, das Inkasso und die Bürokratie bis hin zu den personellen Ressourcen und zum Zeitmanagement. Ich rate grundsätzlich davon ab, den Schritt in die Direktvermarktung zu überstürzen, denn es sind große Investitionen notwendig, damit alles funktioniert. Der Bauernbund möchte mit seiner Offensive alle Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Interessenten umfassend und detailliert über die Rahmenbedingungen informieren können, die notwendig sind, damit Direktvermarktung am Hof gut funktionieren kann und eine bessere Wertschöpfung für den bäuerlichen Betrieb gewährleistet ist. Denn das sollte ja das Ziel der Direktvermarktung sein.