Produktion, Politik | 23.01.2020

Kaum Alternativen zu Glyphosat

Die Landwirtschaft muss sich Szenarien für den Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung überlegen, riet Pflanzenschutzexpertin Siegrid Steinkellner bei einem Informationsabend in Auer.

Siegrid Steinkellner: „60 Prozent der Herbizid-Wirkstoffe sind heikler für den Anwender als Glyphosat.“

Siegrid Steinkellner: „60 Prozent der Herbizid-Wirkstoffe sind heikler für den Anwender als Glyphosat.“

Siegrid Steinkellner ist Leiterin des Instituts für Pflanzenschutz an der Wiener BOKU. Mit ihrem Team hat sie 2019 eine Studie für die österreichische Bundesregierung über einen möglichen Glyphosat-Ausstieg verfasst. Auf Einladung der „Arbeitsgruppe Zukunft Landwirtschaft“ referierte Steinkellner vor kurzem in der Aula Magna in Auer: „Glyphosat kommt in Österreich auf rund neun Prozent der Kulturflächen zum Einsatz, erklärte sie. „Die Anwendung erfolgt in erster Linie vor der Aussaat und nach der Ernte. So muss nicht gepflügt werden.“ 

Das sei gut für Boden und Klima. „Anders als der Pflug verursacht Glyphosat keine Erosion, weniger Kohlendioxid und schont zudem die Humusschicht.“ Die Expertin stellte klar: „Für eine bodenschonende Unkrautbekämpfung gibt es keine geeignete Alternative zu Glyphosat.“ Dennoch müssten sich Landwirte nach anderen Möglichkeiten umschauen, betonte Steinkellner. Die Landwirtschaft müsse sich Ausstiegszenarien aus Glyphosat überlegt, denn das Thema Ökologie werde immer wichtiger. 

Auch auf die Anwendung von Glyphosat im Obst- und Weinbau ging Steinkellner ein und nannte thermische oder mechanische Verfahren oder das Abdecken des Unterstockbereichs als Alternativen zum Herbizid-Einsatz. Diese Methoden fördern besonders in Steillagen die Erosion und sind zeit- und kostenaufwändig. Außerdem seien Obst- und Rebanlagen in Steillagen nicht immer befahrbar. 

Krebserregend oder nicht?

Auch aus Gesundheitssicht seien andere Herbizidwirkstoffe nicht unbedingt eine gleichwertige oder bessere Alternative, stellte Steinkellner fest. „60 Prozent der Herbizidwirkstoffe sind heikler für den Anwender als Glyphosat“, sagte sie.

Für großen Wirbel hatte 2015 die Meldung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), gesorgt, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend“. Andere Institutionen, wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, in der EU u. a. zuständig für die Risikobewertung von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen, stufen den Wirkstoff hingegen als „nicht krebserregend“ ein. Wie es zu dieser unterschiedlichen Bewertung kommen kann, versuchte Steinkellner darzulegen.  Vereinfacht kann man sagen, dass beide Seiten Studienergebnisse anders interpretieren. Das IARC betrachtet in erster Linie die potenziellen Eigenschaften von Glyphosat, während Zulassungsbehörden die mögliche Exposition in ihre Risikobewertung mit einbeziehen. 

Konsument will null Rückstände

Auch auf Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen, ging Steinkellner ein. Sie erklärte, wie gesetzliche Rückstandsgrenzwerte ermittelt werden und warum Spuren unterhalb dieser Grenzwerte keine Gesundheitsgefahr darstellen. „Darum muss man immer, wenn ein Stoff nachgewiesen wird, nach der Menge fragen.“ Steinkellner verwies auf Lebensmittelkontrollen in Österreich, nach denen 92 Prozent der konventionell erzeugten und 99 Prozent der Bio-Lebensmittel keine Glyphosat-Rückstände aufwiesen und nur eine Lebensmittelprobe den erlaubten Grenzwert überschritt. Steinkellner wies allerdings darauf hin: „Leider denkt der Konsument anders und betrachtet jeden Rückstand, egal in welcher Konzentration, als Gefahr.“

Steinkellner bedauerte, dass die Diskussion um Glyphosat – auch von Politik und Medien – zu wenig faktenorientiert geführt wurde. „In der Diskussion spielten die Emotionen eine zu große Rolle.“ 

Rechercheplattform „Addendum“

Auf die mediale Diskussion rund um Glyphosat ging der österreichische Journalist Timo Küntzle bei dem Vortragsabend in Auer ein. Küntzle stellte die Internetplattform Addendum vor, für die er arbeitet (www.addendum.org). Die Plattform hat sich auf umfassend recherchierte Artikel spezialisiert und versteht sich als wichtige Ergänzung zu Medien, die schnell und aktuell berichten müssten.