Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 23.01.2020

„Ziel ist, jeden Hof zu erhalten“

Landesobmann Leo Tiefenthaler über die Stimmung in der Landwirtschaft, den Biomarkt, die neuen EU- und Landesförderungen sowie die Maximalforderung nach einem wolfsfreien Südtirol. von Michael Deltedesco

Landesobmann Leo Tiefenthaler: „Wir wollen auch in Zukunft in den Gemeinden gut vertreten sein."

Landesobmann Leo Tiefenthaler: „Wir wollen auch in Zukunft in den Gemeinden gut vertreten sein."

Südtiroler Landwirt: Herr Tiefenthaler, Sie waren letzte Woche auf der „Grünen Woche“ in Berlin. Parallel zur Messe hat es wieder Proteste von Umweltgruppen gegeben, aber auch von Bäuerinnen und Bauern. Die Stimmung unter den deutschen Bauern ist schlecht. Wie ist sie in Südtirol?

Leo Tiefenthaler: Insgesamt ist die Stimmung in Südtirol im Vergleich zu Deutschland und Österreich recht gut. Es ist gelungen, ansprechende Preise für Milchprodukte zu erzielen, das Gleiche gilt für den Wein. Auch Urlaub auf dem Bauernhof als wichtigster Nebenerwerb läuft sehr gut. Beim Obstbau haben wir ein schwieriges Jahr hinter uns – mit leider, außer einigen Ausnahmen, sehr schwachen Preisen. Ich hoffe, dass sich die geringere Erntemenge 2019 positiv auf die diesjährigen Preise auswirkt. Die Stimmung unter den Obstbauern ist derzeit nicht die beste. 

Die Landwirtschaft ist unter Druck. Auf einer Seite drücken die Märkte den Preis, auf der anderen wollen Konsumenten Produkte, die immer nachhaltiger hergestellt werden. Das aber kostet Geld. Was kann man hier tun?

Es ist in der Tat eine schwierige Situation. Der Konsument möchte möglichst wenig Geld für Lebensmittel ausgeben. Gleichzeitig möchte er aber möglichst natürlich und regional hergestellte Produkte – zumindest in den Umfragen. Leider ist das Verhalten an der Theke oder beim Bezahlen ein anderes. 

Wir müssen noch stärker klarmachen, dass regionale Lebensmittel und eine noch nachhaltigere Produktion teurer sind und diese Lebensmittel daher mehr kosten. Gleichzeitig müssen wir den Konsumenten vermitteln, dass diese Lebensmittel einen Mehrwert haben, weil u. a. die Wertschöpfung im Land bleibt.  

Einige sehen in der biologischen Produktion ein „Allheilmittel“. Wird in der Diskussion darüber nicht häufig der Markt außer Acht gelassen, der bei Bio derzeit noch nicht allzu groß ist? Immerhin gibt es auch eine ökonomische Nachhaltigkeit.

Der Südtiroler Bauernbund hat vor einigen Jahren ein Biokonzept beschlossen, das einen deutlich höheren Bioanteil zum Ziel hat. Wichtig ist, dass die Bioproduktion in Zusammenhang mit dem Markt gesehen wird und der Markt zumindest im gleichen Maß wächst wie die Produktion, sonst wird es schwierig werden, einen angemessenen Preis zu erzielen. In Deutschland gibt es mittlerweile Milchhöfe, die keine neuen Biolieferanten mehr aufnehmen. In Südtirol hat ein Milchhof seinen Biomilchaufschlag halbiert. Das zeigt, dass zwar viele sagen, sie kaufen mehr Bioprodukte, die Realität dann leider oft anders aussieht. Unabhängig von der Produktionsform ist es unser Ziel, jeden Hof zu erhalten, was nicht ganz einfach ist. Wir wissen, dass es gerade sehr kleine Betriebe sehr schwer haben und der eine oder andere Betrieb zusperren wird.

Welche Rolle spielen die Produktinnovation bzw. Nischenprodukte? 

Nischenprodukte sind natürlich interessant, weil sie höhere Preise ermöglichen. Der Südtiroler Bauernbund unterstützt seit einigen Jahren mit dem Innovationsschalter und verschiedenen Projekten die Herstellung von Nischenprodukten und die Produkt­innovation insgesamt. Zudem haben wir erst Ende des Jahres unsere Direktvermarkter­offensive vorgestellt. In den nächsten zehn Jahren soll die Zahl der Direktvermarkter deutlich steigen. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass wir hier von einer begrenzten Zahl von Betrieben sprechen. Der weitaus größte Teil der landwirtschaftlichen Produktion wird auch in Zukunft über Genossenschaften vermarktet.

Ein großer Schwerpunkt des SBB ist die Kommunikation mit der Gesellschaft. Wie schwierig ist es, Verständnis für die Landwirtschaft zu wecken? 

Vor hundert Jahren waren noch fast alle Menschen Selbstversorger und wussten, wie Lebensmittel produziert werden. Durch die Arbeitsteilung, die Spezialisierung und die zunehmende Urbanisierung geht dieses Wissen mehr und mehr verloren. Zudem sind heute Lebensmittel im Überfluss verfügbar. Auch das führt dazu, dass viele Konsumenten den Bezug zu Landwirschaft verlieren.  

Mit verschiedenen Partnern sind wir bemüht, mit den Konsumenten in Kontakt zu treten und ihnen die Landwirtschaft näherzubringen. Dafür haben wir die Initiative „Dein Südtiroler Bauer“ oder Veranstaltungen wie das Erntedankfest auf dem Waltherplatz in Bozen oder den Bauernhof-Sonntag. Eine ganz wichtige Rolle spielt auch der Urlaub auf dem Bauernhof, der den Gästen den Wert der Landwirtschaft sehr gut vermittelt. 

2020 wird ein spannendes Jahr. Bis Jahresende soll klar sein, wie die zukünftige EU--Agrarpolitik aussehen wird und welche Mittel zur Verfügung stehen. Auf was müssen sich die heimischen Betriebe einstellen? 

Die spannende Frage ist, wie hoch der EU-Haushalt nach dem Brexit ausfallen wird. Experten sprechen von elf bis zwölf Milliarden Euro, die fehlen könnten. Ich hoffe zwar nicht, aber es könnte in der Tat Kürzungen geben. Die Verhandlungen werden also nicht ganz einfach. Aus Sicht unserer Betriebe müssen Kürzungen durch die nationale oder regionale Angleichung der Prämien ausgeglichen werden. Inhaltlich wird die Nachhaltigkeit noch stärker berücksichtigt werden. Zudem könnte es Neuerungen bei der Einkommensversicherung und bei der Förderung von Milchhöfen geben. 

Bleiben wir beim Geld. 2019 sind die Landesförderungen grundlegend überarbeitet worden. Dazu hat es mehrere Treffen zwischen dem Landesbauernrat und Landesrat Arnold Schuler gegeben. Wie geht es hier weiter?

Die Förderungen sind noch spezifischer und sollen besonders jenen Betrieben zugutekommen, die am schwierigsten zu bewirtschaften sind. Die Erschwernispunkte spielen daher künftig eine noch größere Rolle. Unterstützt wird weiterhin Urlaub auf dem Bauernhof.  

Wichtig bleibt die Investitionsförderung in der Berglandwirtschaft wie die Unterstützung beim Kauf von Transportern. Damit wird nicht nur die Arbeit erleichtert, sondern auch die Arbeitssicherheit verbessert. 

Wir zählen darauf, dass der Landeshaushalt für die Landwirtschaft in den nächsten Jahren erhöht wird, auch weil es mehr Geld für neue Bewässerungssysteme braucht. Es gibt immer öfter längere Nässeperioden und dann längere Trockenphasen. Daher werden wir verstärkt auf Speicherbecken setzen müssen. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Schutz der Ernte. Schäden durch Frost, Hagel, Trockenheit, Schädlinge oder Pilzkrankheiten sollten mit Versicherungen abgedeckt werden. In diese Richtung müssen wir weiterarbeiten. Natürlich kostet das auch Geld. 

Am 1. Juli tritt das neue Landesgesetz für Raum und Landschaft in Kraft. Sind Sie mit dem neuen Gesetz bzw. mit dem, was derzeit bekannt ist, zufrieden?

Der Südtiroler Bauernbund hat sich sehr intensiv mit dem neuen Gesetz beschäftigt. Derzeit werden noch die fehlenden Durchführungsbestimmungen ausgearbeitet. Auch hier sind wir im Gespräch. Wichtig ist uns, dass Betriebe Entwicklungsmöglichkeiten haben und gleichzeitig die landwirtschaftliche Fläche besser geschützt ist. 

Es ist uns gelungen, die Bagatelleingriffe zu erhalten. Das war ein großes Anliegen, weil sie unbürokratisch sind.

Mit dem neuen Landesgesetz sind besonders die Gemeinden gefordert. Sie müssen das Siedlungsgebiet abgrenzen sowie den Gemeindeentwicklungsplan und weitere Planungsinstrumente erarbeiten. Daher ist eine starke bäuerliche Vertretung in den Gemeinden extrem wichtig.

Am 3. Mai finden die Gemeinderatswahlen statt. Bäuerinnen und Bauern waren bisher immer sehr gut in den Gemeinden vertreten. 

Wir wollen auch in Zukunft möglichst gut vertreten sein. Daher müssen sich die bäuerlichen Vertreter vor Ort, sofern noch nicht geschehen, so schnell als möglich Gedanken über mögliche Kandidaten machen und gute Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen – und diese dann auch unterstützen. 

Gerade durch das neue Landesgesetz für Raum und Landschaft erhalten Gemeinden neue Zuständigkeiten. Wenn wir wollen, dass die Interessen der Landwirtschaft wieder gut vertreten werden, brauchen wir bäuerliche Bürgermeister, Gemeindereferenten und Gemeinderäte. Sonst entscheiden andere über Themen, die die Landwirtschaft betreffen. 

Spätestens mit dem Almauftrieb im Frühsommer wird der Wolf wieder Thema. Ist es realistisch, noch von einem „wolfsfreien Südtirol“ zu sprechen? 

Wir als Südtiroler Bauernbund fordern das Maximum, nämlich ein wolfsfreies Südtirol. Natürlich wissen auch wir, dass die Wölfe lange Strecken zurücklegen und auch vor Landesgrenzen nicht haltmachen. 

Hier ist die Politik gefordert. Der Wolf ist nicht vom Aussterben bedroht. Daher muss eine Entnahme möglich sein, damit wir die Almwirtschaft erhalten können. Ein Herdenschutz, wie ihn viele möchten, ist in Südtirol nicht möglich. 


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