Bauernbund | 27.01.2020

Viele Fragen bleiben offen

Das abgelaufene Jahr war nicht immer leicht, das neue Jahr ist – auch abseits der Gemeinderatswahlen – voller Herausforderungen. Wie diese zu meistern sind und welche Fragen noch zu klären sind, war Thema bei der Jahreshauptversammlung des Bauernbund-Bezirks Vinschgau in Schlanders. von Bernhard Christanell

Bezirksobmann Prugger: „Beim Thema Wolf ist kein Ausweg zu erkennen.“

Bezirksobmann Prugger: „Beim Thema Wolf ist kein Ausweg zu erkennen.“

Wolf, Gewässerschutz, Nationalpark, Förderungen, Obstvermarktung, Raumordnung … Die Liste der Themen, bei denen es laut Bezirksobmann Raimund Prugger Klärungsbedarf gibt, ist lang. Und bei den allermeisten davon ist die Landespolitik am Zug. Prugger führte die einzelnen Punkte aus: „Beim Thema Wolf brauchen wir rasche Lösungen. In wenigen Monaten treiben die Bauern ihre Tiere wieder auf die Almen auf, und ein solches Chaos wie im Vorjahr darf sich nicht wiederholen. Wir drehen uns im Kreis, und ein Ausweg ist nicht zu erkennen“, beklagte der Bezirksobmann. Beim neuen Gewässerschutzplan stellte Prugger zwei Fragen in den Raum: „Wie sollen die im Vinschgau so wichtigen Beregnungsturnusse aufrechterhalten werden – und was ist aus den versprochenen ausgewiesenen Trockengebieten im Vinschgau geworden?“ Bis Jahresende müsse zudem endlich eine Lösung für die Zukunft des Nationalparks Stilfserjoch gefunden werden, und bei den Investitionsförderungen stelle sich die Frage, wie die „Quadratur des Kreises angesichts sinkender Geldmittel und steigender Anforderungen an die Bauern zu bewerkstelligen sei.“

Stimmung: Von unsicher bis zuversichtlich

Wechselhaft fällt auch die Bilanz der einzelnen – im Vinschgau besonders vielfältigen – Sektoren der Landwirtschaft aus: Bei den Obstbauern herrsche eine große Unsicherheit, die nach einer durchwachsenen Verkaufssaison, der drohenden Ausbreitung der Marmorierten Baumwanze, der Suche nach neuen Clubsorten und Diskussionen rund um das Thema Pflanzenschutz nachvollziehbar ist. Die Bergbauern durften sich zwar über eine gute Futterqualität, stabile Milchpreise und recht gute Zuchtviehpreise freuen, getrübt werde dieses Bild jedoch von der sinkenden Bedeutung der Jungviehaufzucht und der Frage, ob Anbindeställe in Zukunft noch förderungswürdig seien. Gut sei die Stimmung bei den Weinbauern, auch die Zusammenarbeit mit der lokalen Gastronomie funktioniere hier auf lokaler Ebene sehr gut. Beim Gemüseanbau sei das Hauptprodukt nach wie der Blumenkohl, hier würde die Nachfrage sogar noch mehr Menge zulassen. Schließlich berichtete Prugger auch noch von einer guten Marillenernte, vom miserablen Honigjahr für die Imker sowie von den Schwierigkeiten bei der Holzbringung nach den Unwettern 2018 und dem frühen Schneedruck im Herbst 2019.

Wahlen: Mitentscheiden unverzichtbar

Breiten Raum nahmen bei der Bezirksversammlung im Kulturhaus „Karl Schönherr“ die nahenden Gemeinderatswahlen ein. Maria Hochgruber Kuenzer, Landesrätin für Raumordnung, Landschaftsschutz und Denkmalpflege, ging ausführlich auf die komplexen Bestimmungen des neuen Landesgesetzes für Raum und Landschaft ein, das im kommenden Juli in Kraft treten soll: „Wenn es um die Umsetzung dieses Gesetzes geht, dann wird sich ganz viel auf Gemeindeebene abspielen – von der Erhebung der Leerstände über die Festlegung der Siedlungsgrenzen bis hin zur Verwendung von nicht mehr benötigten Wirtschaftsgebäuden im Siedlungsgebiet. Bei all diesen Themen sind die bäuerlichen Familien ganz unmittelbar betroffen, und daher ist es besonders wichtig, dass sie auch selbst in den entsprechenden Gremien vertreten sind und ihre Anliegen vertreten.“ In dieselbe Kerbe schlug auch Monika Pichler Rechenmacher, Gemeindereferentin in Kastelbell-Tschars: „Ob es um den jährlichen Haushalt, die Vergabe von Dienstleistungen, die festelegung von Abgaben und Tarifen oder Umwidmungen geht – im Gemeinderat werden viele Entscheidungen getroffen, die sich unmittelbar auf das Leben von uns Bäuerinnen und Bauern auswirken. Da wollen und müssen wir mitreden!“ Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler rief die Mitglieder aller bäuerlichen Organisationen ebenfalls auf, sich der Wahl zu stellen und bei den Wahlen dann auch Bäuerinnen und Bauern zu wählen.

Bauern als Markenbotschafter

Auch der Kommunikationstrainer Markus Sturm machte den Bauern Mut, die eigene Stimme für ihre Anliegen zu erheben und ihre Arbeit noch viel offensiver selbst zu erklären: „Wir brauchen Markenbotschafter für die Landwirtschaft, und das sind die Bäuerinnen und Bauern. Wenn sie sich nicht einbringen, dann werden es andere Gruppen tun – und die Bauern verlieren die Deutungshoheit über ihre eigene Arbeit.“

Bei der Diskussion kam das Thema Wolf erneut zur Sprache. Ernst Kaserer, Bauernbund-Ortsobmann in Kastelbell, forderte die Politik zum Handeln auf: „Wir Bauern brauchen eine Lösung, damit wir unsere Tiere mit ruhigem Gewissen auftreiben können. Wir fühlen uns von der Politik allein gelassen.“ Landesrat Arnold Schuler versprach, aufgrund der Erfahrungen im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Bauernbund Maßnahmen auszuarbeiten, mit denen die Viehbauern im kommenden Sommer arbeiten können. „Es braucht eine Möglichkeit zur Regulierung des Wolfbestandes. Ein wolffreies Südtirol bleibt aber eine Utopie, von der wir uns ein für alle Mal verabschieden sollten“, riet Schuler den Bauern.

Sehr gut besucht war die diesjährige Bauernbund-Bezirksversammlung im Kulturhaus „Karl Schönherr“ in Schlanders.

Sehr gut besucht war die diesjährige Bauernbund-Bezirksversammlung im Kulturhaus „Karl Schönherr“ in Schlanders.