Südtiroler Landwirt, Produktion | 31.01.2020

Weißburgunder als Leitsorte etablieren!

Wie kann Südtirol bei mittelfristig global sinkendem Weinkonsum mit seinen Weinen trotzdem weltweit gewinnbringend die Gläser füllen? Dieser Frage ging die diesjährige Weinbautagung nach. Ein Fazit: Das gehe nur mit einer starken Marke. Und Geduld. von Renate Anna Rubner

(Foto: IDM Südtirol, Marion Lafogler)

(Foto: IDM Südtirol, Marion Lafogler)

Südtirol hat eine Ausnahmeposition, vergessen Sie das nie! Denn Südtirol setzt einen Großteil seiner Weinproduktion im Land ab“, sagte Hermann Pilz, Chefredakteur der Weinwirtschaft im Meininger Verlag, zu Beginn seiner Reise in die Zukunft des Weins in der Gesellschaft. In seiner Vortrag bei der diesjährigen Weinbautagung im Raiffeisensaal von St. Michael/Eppan versuchte er zunächst die künftigen Potentiale und Einflussfaktoren auf den globalen Weinkonsum zu analysieren und beschäftigte sich eingehend mit der Bevölkerungsentwicklung: „Heute leben knapp 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde, bei einer Geburtenrate von 2,5 Kindern pro Frau. Tendenz sinkend. Prognostiziert wird deshalb, dass die Weltbevölkerung zunächst weiter ansteigen, längerfristig aber wieder zurückgehen wird.“

Großer Anteil an Nicht-Trinkern
Derzeit seien die sogenannten Baby-Boomer, also die Jahrgänge zwischen 1960 und 1985, am Beginn jener Lebensphase, in der generell am meisten Wein konsumiert werde, also zwischen dem 55sten und 70sten Lebensjahr. „Wenn wir voraussetzen, dass das Konsumverhalten in etwa gleichbleibt, bedeutet das, dass zunächst mehr Wein getrunken wird, es wird dann aber zu einem Knick kommen, rund um das Jahr 2040.“ Pilz erklärte aber auch, dass diese Annahmen lediglich auf Studien und Analysen beruhen, er sei kein Orakel.

Auch das Konsumverhalten analysierte der Journalist detailliert: So seien 40 Prozent der Deutschen erklärte Nicht-Weintrinker, vor allem, weil Wein ihnen nicht schmeckt. Und die könne man auch nicht „bekehren“. Nur etwa 14 Prozent der deutschen Bevölkerung seien sogenannte „Häufig-Trinker“, genehmigen sich also ein- bis mehrmals die Woche Wein. „Dieses Segment konsumiert 80 Prozent der Weine“, sagte Pilz. Auffallend sei auch, dass 48 Prozent der Männer angeben, keinen Wein zu trinken, während es bei den Frauen nur 38 Prozent sind, die nie Wein trinken.

Handel fährt aggressive Preispolitik
Während in Südtirol ein Großteil der Weine über die Gastronomie an die Endkunden gelangt, seien in Deutschland der Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter die üblichsten Einkaufsstätten für Wein. „Der Handel aber fährt eine aggressive Preispolitik, der Medianpreis für eine Flasche Wein liege bei 4,96 Euro. „Der Wein ist in Deutschland zu einem Aktionsartikel verkommen, der Handel untergräbt so die Wertschätzung für das Produkt Wein,“ bedauerte Pilz. Zudem gebe es weltweit militante Antialkohol-Bewegungen, die den Wein in dieselbe Reihe wie Glücksspiel oder Drogen stellen. Dazu gebe es aber bereits eine Gegenbewegung, die das moderate Weintrinken als Kulturgut pflegen und Wein aus dieser Täterrolle herausbekommen will.

Klimawandel und Überproduktion
Auch der Klimawandel mache es dem Weinbau und der Weinwirtschaft insgesamt nicht leichter. So gebe es Studien, die davon sprechen, dass rund die Hälfte der Weinbaufläche weltweit bedroht sei. Die direkten Auswirkungen des Klimawandels bekomme man Jahr für Jahr deutlicher zu spüren, weil extreme Wetterereignisse weltweit zunehmen. Allerdings sei die Rebe sehr anpassungsfähig, sie gedeihe in weiten Temperatur-Bandbreiten. Man denke nur an den Riesling, der sowohl in kühlen Weinbaugegenden des Nordens hohe Qualitäten bringt, als auch in südlichen Weinbaugegenden beheimatet ist und auch dort Spitzenweine daraus gekeltert werden.

Hermann Pilz zeichnete das Bild einer relativ konstanten Weinmenge, die jedes Jahr weltweit auf den Markt gebracht wird: Insgesamt sind 7,5 Millionen Hektar weltweit mit Reben bepflanzt, die Weinproduktion liegt bei ziemlich konstant 240 bis 250 Hektoliter Wein, das seien jährlich 20 bis 40 Millionen Hektoliter zu viel, wenn man diese Menge mit dem weltweiten Konsum in Relation setzt. Europa, allen voran Frankreich und Italien, ist mit 60 Prozent der größte Weinproduzent. Diesen großen Produzenten und Exporteuren stehen einige (wenige) Nettoimporteure von Wein gegenüber: „Das sind vor allem die USA, Deutschland, Russland und Großbritannien, allesamt Länder mit sinkenden Bevölkerungszahlen“, wie Pilz klar feststellte. Wachstumsmärkte gebe es zwar auch, in Südamerika, in Afrika und in Asien, aber auch davon dürfe man sich nicht viel erwarten, weil dort generell wenig Wein konsumiert werde.

Wein ist wie Kunst: nicht objektiv bewertbar
Hermann Pilz zeigte aber auch auf, welche Auswege es aus dieser verzwickten Gesamtsituation gibt: „Entweder man verfolgt die Strategie, mit standardisierten, einfachen Weinen relativ große Mengen auf dem Markt abzusetzen oder man setzt auf qualitativ hochwertige Weine im oberen und obersten Preissegment. „Kunst und Wein sind sehr ähnliche Produkte“, sagte Pilz, „denn ihr Wert ist nicht objektiv messbar.“ Ihr Wert erschließe sich vor allem durch seine positiven Eigenschaften: „Wein entschleunigt, ist Ruhe, Genuss und Geselligkeit, schafft Freunde und eine Wertigkeit, die weit über jene der Inhaltsstoffe hinausgeht. Wein regt dazu an, sich mit ihm zu beschäftigen“, sagte Hermann Pilz zum Abschluss. Das sei beruhigend und mache Hoffnung.

Kleine Fläche, aber zu viele Sorten
Nach diesem Ausblick in die Welt, lenkte Klaus Gasser, Vertriebs- und Marketingleiter der Kellerei Terlan, den Blick wieder in die Südtiroler Realität: Für seinen Überblick der aktuellen Situation hatte er 14 Kollegen in ganz Südtirol kontaktiert und anhand einer Umfrage Tendenzen herausgearbeitet. Südtirol ist mit seinen 5400 Hektar Rebfläche im Vergleich zur Toskana (47.000 Hektar) oder zum Bordeaux (120.000 Hektar) ein sehr kleines Weinland. Das sei von Vorteil, weil die Mengen überschaubar seien, meinte Gasser. Weniger vorteilhaft sei das extrem breite Sortenspektrum, das im Ausland schwer zu kommunizieren sei. Südtirol sei zum Weißwein-Land mutiert, 63 Prozent der produzierten Weine sind weiß. Der Ruländer steht an erster Stelle (mit 663 Hektar Anbaufläche), er habe nun erstmals den Vernatsch überholt. Daneben seien Weißburgunder, Chardonnay, Gewürztraminer und auch der Sauvignon wichtige Sorten für Südtirol. Bei den Rotweinen Vernatsch und Blauburgunder.

Weißburgunder als Leitsorte?
Was aber die Zukunftspotentiale dieser Weine anlangt, zeige sich laut Umfrage ein etwas anderes Bild: „Bei Ruländer wird das Potential als gut, aber nicht überragend eingestuft, besser stehen Weißburgunder, Sauvignon und vor allem der Gewürztraminer da“, sagte Gasser. Der Weißburgunder sei besonders deshalb im Auge zu behalten, weil er historisch wichtig für Südtirol sei, meinte der Vertriebsprofi und plädierte dafür, den Weißburgunder als Leitsorte für Südtirol zu stärken. „Die Toskana steht für Sangiovese, der Piemont für Nebbiolo, für Südtirol müsste auch eine klare strategische Entscheidung getroffen werden.“

Denn der Südtiroler Weinwirtschaft gehe es derzeit sehr gut. Um diesen Höhenflug weiter zu beflügeln und mit den ganz Großen mithalten zu können, müsse strategisch gedacht und weiterentwickelt werden: „Wir müssen durch geringere Erträge das Produkt weiter verbessern, um die Flächenerlöse zu halten bzw. zu erhöhen“, plädierte Gasser. Auch für mehr Streuung sprach sich der Marketingleiter aus: „Derzeit werden 38 Prozent unserer Weine innerhalb Südtirols abgesetzt, 35 Prozent im Rest Italiens und nur 17 Prozent darüber hinaus. Das ist zwar gut, aber je teurer unsere Weine werden, umso stärker müssen wir nach draußen gehen“, sagte Gasser.

Jede Kellerei ist gefordert
Deshalb müsse die Marke „Südtirol“ deutlich gestärkt und dafür auch mehr Geld in die Hand genommen werden, und zwar nicht nur als Südtiroler Weinwirtschaft sondern von jedem einzelnen Betrieb: „Denn wir sind ein relativ junges Weinland, das noch nicht so bekannt ist. Deshalb müssen wir viel mehr nach außen gehen, Kontakte knüpfen, die Märkte außerhalb kennenlernen und systematisch und mit Beharrlichkeit bearbeiten“, sagte Gasser. Denn um auf neuen Märkten nachhaltig Erfolg zu haben und sich dort als Weinbauregion zu etablieren, brauche es sehr viel Geduld, die Zusammenarbeit mit namhaften Journalisten und sogenannte „Kultweine“: „Die sind wichtig, denn sie geben der gesamten Region ein starkes Image, sodass wir langfristig bestehen können.“ Damit nahm Gasser alle Produzenten in die Pflicht, denn jede Südtiroler Kellerei müsse versuchen, das möglichst Beste aus seinem Betrieb herauszuholen: exklusive, langlebige, nachhaltig und ehrlich produzierte Spitzenweine, die Ratings von 95 Punkten und mehr erreichen und so – mit einem langen Atem – zu prestigeträchtigen, international anerkannten Weinen werden können.


______________________________________________

Schwieriges Weinbaujahr 2019
Stephan Pircher, Obmann des Absolventenvereins Landwirtschaftlicher Schulen machte bei der Eröffnung der Tagung seinem Ärger darüber Luft, dass die Landwirtschaft ständig in der Kritik stehe, egal ob es um Pflanzenschutz, den CO2-Anstieg oder andere Umweltprobleme geht. Dabei sei die Landwirtschaft die erste Instanz, wenn es um Natur- und Klimaschutz gehe, sagte er.

Landesrat Arnold Schuler ließ das durchwachsene Weinbaujahr 2019 Revue passieren, das trotz klimatisch schwierigen Verhältnissen und Hagel doch noch einen guten Jahrgang verspricht. Probleme habe es auch mit der Goldgelben Vergilbung gegeben, im abgelaufenen Jahr seien 16 neue Fälle gemeldet worden. Trotz der insgesamt schwierigen Saison habe es wieder 77 Hektar an Neuanpflanzungen gegeben, zwei Drittel davon in ehemaligen Obstbaulagen und der Rest auf Grünland-Flächen. Das bezeugt, dass immer stärker nach oben ausgewichen wird.

Über die aktuelle Situation bei der Ausbreitung der Quarantäne-Krankheit Goldgelbe Vergilbung berichtete Fabian Pernter vom Amt für Obst- und Weinbau. Er rief die Bauern dazu auf, jeden Fall zu melden und die vorschriftsmäßigen Rodungen vorzunehmen. Denn die Krankheit sei sehr gefährlich. Um die geländeklimatische Standortbewertung von Südtirols Weinbauflächen ging es beim Vortrag von Arno Schmid vom Versuchszentrum Limburg und Lukas Egarter von Eurac Research, während Gerd Innerebner vom Versuchszentrum Laimburg und Raffael Peer vom Südtiroler Beratungsring über Herausforderungen und Lösungsansätze für die Applikationstechnik sprachen. Einen Überblick über die Mehltausituation 2019 gab Paul Hafner vom Südtiroler Beratungsring.
______________________________________________