Produktion, Markt | 05.02.2020

„Mehr Forschung für Bio“

Die Biolandwirtschaft bringt weniger Erträge. Um die Produktivität des Bioanbaus zu erhöhen, ist mehr Forschung notwendig, unterstrich der Schweizer Bioexperte Urs Niggli bei den Bioland-Fachtagen in Bozen.

Bei der Podiumsdiskussion der Bioland-Fachtage ging es um die Milchqualitätsbewertung.

Bei der Podiumsdiskussion der Bioland-Fachtage ging es um die Milchqualitätsbewertung.

Urs Niggli ist langjähriger Direktor des Schweizer Bioforschungsinstituts FiBL und ein großer Pionier der Bioforschung. Er hielt das Hauptreferat am Eröffnungstag der Bioland-Fachtage im Kongresszentrum der Messe Bozen. 

Niggli begrüßte, dass die Biolandwirtschaft mittlerweile etabliert und selbstbewusst sei. „Daher müssen wir uns nicht mehr negativ von der integrierten Landwirtschaft abgrenzen.“ Viele Klischees auf beiden Seiten stimmten so nicht mehr. Die moderne Landwirtschaft habe bei gleichbleibenden Kulturflächen eine steigende Weltbevölkerung ernährt. Niggli stellte klar: „Diese Intensivierung ist auch eine Leistung.“ Nicht die Erfolgsstory der Landwirtschaft sei zu ändern, sondern ihre Schattenseiten. Damit meinte Niggli negative Auswirkungen auf die Umwelt, Lebensmittelverschwendung und einen weltweit zu hohen Fleischkonsum. Die Stärken und Schwächen des Bioanbaus seien durch jahrzehntelange Studien bestens untersucht. Demnach schont der Biolandbau die Böden und sichert Tier- und Pflanzenvielfalt.

„Erwiesen ist aber auch, dass Bio ertragsschwächer ist, im Schnitt um 20 Prozent.“ Es gebe also einen Zielkonflikt zwischen Ökologie und Produktivität. Lösen könne den nur die Forschung. Einige Ansätze sprach der FiBL-Direktor an, so z. B. die funktionelle Biodiversität, die CO2-Rückbindung in Ackerböden oder die Digitalisierung. „Beim ökologischen Pflanzenschutz haben wir nach jahrzehntelanger Forschung eine Alternative zum Kupfer gefunden, die auf einem Extrakt aus Lärchenrinde beruht.“ Dies sei auch deshalb wichtig, weil der chemisch-synthetische Pflanzenschutz nach Nigglis Meinung kurz vor dem Aus stehe. 

„Die Bürger haben ihre Entscheidung schon gefällt“, sagte er mit Blick auf das Pflanzenschutzreferendum im Herbst in der Schweiz. Niggli glaubt, dass sich biologische und die integrierte Anbauweise immer mehr angleichen werden. „Alle müssen lernen: Der Ökolandbau unterschätzt die Potenziale der technologischen Innovation, die konventionelle Landwirtschaft vernachlässigt die soziale und ökologische Innovation.“

Nigglis Fazit: „Wir müssen insgesamt zu einer nachhaltigen Ernährung kommen und nicht nur die Bauern kritisieren.“ Ändere sich nichts, seien auch hundert Prozent Bio keine Lösung. „Wir bräuchten dann 33 Prozent mehr Ackerflächen weltweit.“

Der Markt muss mitgehen

Maria Grazia Mammuccini, Präsidentin des italienischen Bioverbands FederBio, berichtete von der Situation in Italien mit den EU-weit strengsten Regelungen bei Rückständen auf Bioprodukten. EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann erläuterte die neuen Richtlinien der Europäischen Agrarpolitik. Auch hier gehe der Trend in Richtung Ökologisierung. 

Landesrat Arnold Schuler sprach von einer eindrucksvollen Entwicklung des Biolandbaus in Südtirol. Er erinnerte daran, dass sich bei der Ausbringungstechnik auch die Biolandwirtschaft weiterentwickeln müsse. Er unterstrich aber auch, dass die Konsumenten stärker mitziehen und vermehrt Bioprodukte kaufen sollten, weil sie ja auch mehr Ökolandbau fordern. Als Beispiel nannte Schuler die Produktion von Biomilch in Österreich, die zwanzig Prozent ausmache, aber auf einen Marktanteil von nur zehn Prozent für Biomilchprodukte stoße. 

Auch Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler betonte: „Der Markt muss mit der Bioproduktion einhergehen!“ In der öffentlichen Diskussion werde das Pferd aber oft von hinten aufgezäumt. Tiefenthaler regte eine stärkere Ansprache der Konsumenten an. Der Südtiroler Bauernbund unterstützt die Biolandwirtschaft und hat mit Bioland und anderen Verbänden ein ehrgeiziges Biokonzept auf den Weg gebracht. 

Bioland-Südtirol-Obmann Toni Riegler nahm den Ball auf und unterstrich: „Wir wollen die Konsumenten mehr auf unserem Weg mitnehmen.“ Und: „Bio trifft das Thema der Zeit“, zeigte sich Riegler überzeugt. Die Klimadebatte habe gesellschaftlich sensibilisiert und so auch den Ökolandbau einmal mehr in den Fokus gerückt. 

Wie Riegler eingangs betonte, sollen die Bioland-Fachtage dem raschen Wachstum des Verbandes der letzten Jahre Rechnung tragen. Mehr als 900 Mitglieder zählt Bioland Südtirol mittlerweile. „Darum wollen wir mit den Bioland-Fachtagen einen Schritt weiter in die Mitte der Gesellschaft wagen.“ Mehr als 30 Vorträge, Diskussionen und Erfahrungsberichte konnten Biobauern und andere Interessierte an den zwei Veranstaltungstagen hören. 



Podiumsdiskussion

Tierwohl ist im ureigensten Interesse der Bauern

 „Braucht es eine andere, ergänzende Milchqualitätsbewertung?“, war die Frage, auf die Rupert Ebner bei den Bioland-Fachtagen Antworten zu geben versuchte. Der Veterinärmediziner und Sprecher des LAG Ökologie TUN (Tiere – Natur – Umwelt) analysierte in seinem Referat zunächst die am Markt angebotenen Milchqualitäten: von Frisch- über Weide- und Heumilch und der sogenannten A2-Milch bis hin zur Roh- oder Vorzugsmilch besprach er die verschiedenen am Markt angebotenen Milchqualitäten: Als besonders hochwertig beurteilte er die Rohmilch, leider sei sie in Verruf geraten. Dabei seien die hygienischen Standards heute viel höher als früher. Er zitierte eine Wissenschaftlerin, die festgestellt hat, dass Rohmilch das Immunsystem stärkt und das Allergierisiko hoch signifikant vermindert. Auch der Heumilch stellte Ebner ein insgesamt gutes Zeugnis aus, während er pflanzliche Alternativen wie Hafer- oder Sojamilch sowie Milch mit spezieller Proteinzusammensetzung, die als A2-Milch bekannt ist, als problematisch bezeichnete: zu teuer und nicht das haltend, was das Marketing verspricht.

Matthias Gauly, ebenfalls Veterinärmediziner und Professor an der Uni Bozen, befasste sich mit dem Thema Tierwohl in den Südtiroler Milchviehbetrieben. Deutlich machte er den Bäuerinnen und Bauern, dass mehr Tierwohl nicht eine Pflicht sei, die durch Konsumenten und Handel auferlegt wird, sondern dass es im ureigensten Interesse eines jeden Betriebes sei, für (mehr) Tierwohl und Tiergesundheit zu sorgen: „Wir in Südtirol sind da zwar schon recht gut aufgestellt, aber das ist noch nicht genug“, sagte er und stellte ein Projekt der Universität Bozen vor, das in Zusammenarbeit mit dem Sennereiverband gemacht wird und die Situation in Südtirols Milchviehställen zunächst mit objektiven Parametern messen und dann nachweislich verbessern soll. „Dadurch können wir nicht nur die Akzeptanz der heimischen Tierzuchtbetriebe sichern, sondern auch ihre Gewinne optimieren und sie dadurch wirtschaftlich absichern“, sagte Gauly und unterstrich: „Mehr Tierwohl heißt zwar zu investieren, aber nicht, dass es sich ökonomisch weniger rechnet!“

In der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben den beiden Referenten auch Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbands Südtirol, Adalbert Braunhofer, Obmann des Milchhofs Sterzing, Andreas Stockner, Biobauer in St. Andrä bei Brixen, und Johann Tappeiner, Biobauer im Schnalstal, teilnahmen, ging es vor allem darum, wie man mehr Wertschöpfung aus dem Produkt Milch holen könnte. Bei Wortmeldungen aus dem Publikum wurde vor allem bemängelt, dass die Genossenschaften zu wenig zusammenarbeiten würden und dass zu viel auf Menge und zu wenig auf Qualität Wert gelegt würde. Insgesamt fehle eine Vision, es werde nur reagiert. Dabei habe Südtirol viel Potential, das besser genutzt werden müsse.

Dem widersprach Joachim Reinalter: „Die Zusammenarbeit der Milchhöfe ist besser als ihr Ruf“, meinte er, und eine geringere Milchmenge müsse proportional höhere Preise mit sich bringen, sprich sie müsse vom Konsumenten entsprechend besser bezahlt werden. Und das sei schwierig, weil schwer kommunizierbar. Andererseits arbeiten die Milchhöfe daran, den Rohstoff Milch zu hochwertigen und -preisigen Produkten zu verarbeiten, was mit dem Käsesortiment gut gelingt und die Auszahlungspreise auf einem guten Niveau hält.

Toni Riegler, Obmann von Bioland Südtirol, hatte auch für die Kommunikation des Zusatznutzens einen Lösungsansatz: „Wir könnten beim Thema Klimaschutz einhaken“, schlug er vor. Denn weniger Kraftfutter-zukauf in der Milchviehhaltung schütze nicht nur die Geldbörse der Bauern, sondern auch das Klima. Für dieses Thema sei die Gesellschaft sensibel.