Politik, Wirtschaft | 05.02.2020

Rückschlag für Jungvieh-Aufzucht

Ein böses Erwachen gab es nach dem Jahreswechsel für Hunderte Viehzüchter im Land. Die Landesregierung hat die Prämie für die 100-Tage-Leistungsprüfung von Erstmelkkühen, die von Zuchtteststieren abstammen, gestrichen – ohne vorherige Ankündigung. Jetzt ist der Unmut groß. von Bernhard Christanell

Nach dem Aus für die Prämie für die 100-Tage-Leistungsprüfung machen sich viele Tierzüchter Sorgen um die Zukunft der eigenen Aufzucht.

Nach dem Aus für die Prämie für die 100-Tage-Leistungsprüfung machen sich viele Tierzüchter Sorgen um die Zukunft der eigenen Aufzucht.

Schon seit Jahren ist die eigene Jungvieh-Aufzucht in Südtirols Ställen rückläufig – ein Trend, der bisher bei den diversen Versammlungen und Aussprachen mit Bedauern zur Kenntnis genommen wurde. Ein kleiner Anreiz, selbst Jungvieh zu züchten, war in der Vergangenheit die Beihilfe für die sogenannte 100-Tage-Leistungsprüfung. Dieses Geld – rund 200 Euro pro Tier – war gemeinhin als „Aufzuchtprämie“ bekannt und ging an jene Tierhalter, die von Zuchtteststieren abstammende Erstmelkkühe hielten. Tiere von Stieren belegen zu lassen, die sich noch in der Testphase befinden und noch nicht zu den Auswahlstieren gehören, ist für den einzelnen Bauern mit einem gewissen Risiko verbunden – schließlich weiß er nicht mit Sicherheit, was er am Ende für Tiere im Stall stehen hat.

Kurz vor Jahreswechsel – in der Sitzung vom 30. Dezember – hat die Landesregierung diese Prämie versenkt. Im Beschluss über die „Beihilfen zur Verbesserung der Tierzucht“ ist die Prämie, die in früheren gleichlautenden Beschlüssen mit einem eigenen Punkt vorgesehen war, nicht mehr enthalten. Erfahren haben die Tierzuchtverbände davon durch reinen Zufall: Ein Mitarbeiter erkundigte sich nach dem Jahreswechsel im zuständigen Landesamt nach den Formularen für diese Beihilfe – und erhielt zur Antwort, dass es diese in Zukunft nicht mehr geben werde. 

Die Tierzuchtverbände reagierten geschockt. In einem offenen Brief an Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler macht Siegfried Gatterer als Obmann der Vereinigung der Südtiroler Tierzuchtverbände seinem Ärger Luft: „Diese Beihilfe ist für alle Rassen unverzichtbar, besonders aber für jene Rassen mit einem Testprogramm. Sie stellt eine Förderung der Aufzucht insgesamt dar“, schreibt Gatterer. In den vergangenen  Jahren kamen im Schnitt 2400 Tiere pro Jahr in den Genuss dieser Förderung, die Aufzucht wurde jährlich mit knapp 500.000 Euro unterstützt. 

Die Verbände versuchten stets, die Prämie für die 100-Tage-Leistungsprüfung als Anreiz an die Bauern zu vermitteln, sich auf einen Teststier einzulassen. Wichtig für die Verbände und für die Weiterentwicklung der heimischen Zucht waren vor allem die Zuchtdaten, die von diesen Erstmelkkühen kamen. Ohne diese Daten wird die Zucht von Tieren, die sich für die Haltung in kleinbäuerlichen Bergbauernbetrieben eignen, schwierig.

Bei der Zucht Unabhängigkeit von Großkonzernen erhalten

Die Beihilfe für die 100-Tage-Leistungsprüfung stelle sicher, dass verstärkt Teststiersamen eingesetzt werden. „Nur so sind genügend zuverlässige Daten verfügbar, um eine nachhaltige Selektion für unser Berggebiet sicherstellen zu können“, betont Gatterer. Eine eigene Aufzucht sei die Grundlage einer nachhaltigen Viehwirtschaft. „Testprogramme sind gerade auch in Zukunft wichtig, um die Zucht in bäuerlicher Hand zu behalten und um unabhängig von den im Zuchtbereich immer stärker werdenden internationalen Konzernen zu sein“, erklärt Gatterer. 

Die Streichung verschärfe die schwierige Situation der Aufzucht nochmals und sei daher für die Tierzuchtverbände „nicht nachvollziehbar“. 

Auf die negative Tendenz in der Jungvieh­aufzucht und die daraus resultierenden Gefahren habe man bereits mehrfach in Aussprachen hingewiesen. Umso mehr verärgert die Verbände, dass die Streichung der Prämie völlig ohne Vorwarnung und vorherige Absprache erfolgt ist. 

Auch von anderer Seite kommt Unverständnis für die Entscheidung der Landesregierung und Rückendeckung für die Tierzüchter: Bauernbund-Obmannstellvertreter Daniel Gasser bezeichnet die Maßnahme als „falsches Signal an die Berglandwirtschaft“. Vor allem in Zeiten wie diesen sei es wichtig, die Aufzucht zu unterstützen, um in der Folge auch die weitere Bewirtschaftung der Almen zu sichern. 

Bauernbund: Ursache liegt im zu niedrigen Landeshaushalt

Das grundlegende Problem ortet Gasser aber im Landeshaushalt: „Wenn die Gelder, die für die Landwirtschaft zur Verfügung stehen, immer weniger werden, dann hat das natürlich zur Folge, dass für unsere Bauern wertvolle und notwendige Prämien wie diese dem Rotstift zum Opfer fallen. Wir hoffen sehr, dass sich daran spätestens im Haushalt 2021 etwas ändert und dass die verfügbaren Gelder für die Landwirtschaft wieder mehr werden“, unterstreicht Gasser. 



Wie die Obmänner der beiden Rinderzuchtverbände, Heinrich Ennemoser und Luis Hellrigl diese Situation einschätzen, erfahren Sie in unserer Printausgabe. Dort nimmt auch Landwirtschafts-Landesrat Arnold Schuler Stellung.