Produktion | 02.04.2020

Die Quintessenz einer Fusion

Nach dem Zusammenschluss zur größten Kellereigenossenschaft Südtirols hat die Kellerei Kaltern bewegte Zeiten durchlebt. Heute steht sie zwar gut da, trotzdem muss sich Obmann Christian Sinn nun Sorgen machen: Mit einem Einbruch wie durch die Corona-Krise war wirklich nicht zu rechnen. von Renate Anna Rubner

Der Neubau der Kellerei Kaltern: ein prägendes Gebäude, das zu einem Umbruch in der Kellerei geführt hat – und zu einem Neubeginn. Foto: Alex Filz

Der Neubau der Kellerei Kaltern: ein prägendes Gebäude, das zu einem Umbruch in der Kellerei geführt hat – und zu einem Neubeginn. Foto: Alex Filz

Es ist der 3. April, Südtirols Wirtschaft liegt auf Eis: An einem Donnerstagnachmittag Anfang März scheint das noch unmöglich: Im Verkaufs- und Verkostungsraum der neuen Kellerei Kaltern sitzen an jenem Nachmittag ein paar Bauern bei einem Glasl zusammen, fachsimpeln laut und unterhalten sich, Kunden durchstöbern das Geschäft, kosten, kaufen. 

Der „Südtiroler Landwirt“ ist hier mit Christian Sinn, Obmann der Kellerei Kaltern, verabredet. Es soll ein Gespräch werden über die Fusion, die Wogen, die der Neubau der Kellerei hat hochgehen lassen und die aktuellen Zeiten der Ruhe und Konsolidierung. Bereits wenige Tage später ist Italien – und damit auch Südtirol – im Ausnahmezustand: Veranstaltungen sind abgesagt, Schulen und ein Großteil der Geschäfte geschlossen. 

Die Kellerei Kaltern kriegt diesen Stillstand deutlich zu spüren. Obmann Christian Sinn sagt auf telefonische Nachfrage vom „Südtiroler Landwirt“: „Derzeit haben wir einen Einbruch von geschätzt 80 Prozent zu verzeichnen, einiges geht noch über den Lebensmitteleinzelhandel und online, auch im internationalen Geschäft läuft noch das eine oder andere.“ Aber weil der Hauptmarkt in Südtirol und Italien liegt, sei dort der Ausfall wegen der geschlossenen Restaurants, Bars und Hotels praktisch komplett. „Das wird sich nicht mehr aufholen lassen“, sagt Sinn, „zumal man noch nicht abschätzen kann, wie lange der Ausnahmezustand anhält und wie sich die Wirtschaft danach erholen wird.“ Mehr könne er momentan nicht dazu sagen. Deshalb drucken wir das Interview mit ihm an dieser Stelle so ab, wie es am 5. März geführt wurde.

Südtiroler Landwirt: Herr Sinn, die Kellereien Erste+Neue und die Kellerei Kaltern haben 2016 fusioniert. Welche waren die Überlegungen hinter dieser Fusion?

Christian Sinn: Es hatte in der Vergangenheit bereits Fusionsversuche zwischen den beiden Kalterer Kellereien gegeben. Ich bin nun seit rund 16 Jahren im Verwaltungsrat, und in dieser Zeit gab es bereits drei oder vier Anläufe, die aber immer gescheitert sind.

2016 war es dann so, dass die Erste+Neue Kellerei eine komplett neue Kellerei bauen wollte, was natürlich eine große Investition nötig gemacht hätte. Und die Kellerei Kaltern hatte auch schon Pläne für eine neue Abladehalle. In diesem Moment hat man sich wieder die Fusionsfrage gestellt, um ein gemeinsames Projekt umzusetzen. Wenn beide getrennt voneinander eine Investition gemacht hätten, dann wäre die Fusion wohl endgültig vom Tisch gewesen. Aber so hat man eingesehen, dass ein Zusammenschluss sinnvoll ist. Und dann hat’s geklappt, schnell sogar. Schließlich waren die Kellereien nur einen Steinwurf voneinander entfernt, die Philosophie war dieselbe, und wir hatten etwa 70 Doppelmitglieder, eigentlich ein aufgelegtes Spiel also.

Welche waren die größten Herausforderungen im Zuge des Zusammenschlusses?

Der Zusammenschluss ging recht schnell und reibungslos vonstatten. Weil plötzlich alle die Vorteile gesehen haben: durch einen Neubau eine gemeinsame große Investition zu machen, die Abläufe zu optimieren und die Organisation zu straffen. Entsprechend unproblematisch war deshalb auch die Fusion.

Die Probleme kamen danach. Was genau ist passiert?

Die Kellerei Kaltern hatte ja schon ein Projekt für eine neue Ablade- und Produktionshalle. Nach der Fusion war man der Meinung, dass diese geplante Hülle ja schon perfekt sei, die müsse nur noch größer gemacht werden, weil ja mehr Kapazität geschaffen werden müsse. 

Das aber war ein Trugschluss: Denn eine Halle ist ja nicht nur eine Hülle, sondern muss entsprechend ausgestattet werden. Das wurde zu wenig berücksichtigt und nicht mitkalkuliert. Es war also keine Kostenexplosion, wie es von den Medien kolportiert wurde, der Bau war vielmehr nicht sorgfältig und detailliert genug geplant worden, weshalb man die Kosten schlichtweg unterschätzt hat. 

Was hätte man also Ihrer Meinung nach besser machen sollen?

Besser wäre gewesen, die Fusion erst mal absitzen zu lassen und eine weitere Ernte noch in beiden alten Kellereien einzufahren und zu verarbeiten. Damit hätte man die Zeit gehabt, sorgfältig zu planen und eine ordentliche Kostenkalkulation zu machen.

Was wir heute aber wissen, und das ist in diesem Moment essenziell: Alles, was investiert wurde, ist heute auch da, alles Geld steckt in diesem Gebäude und seiner Ausstattung. Das haben wir von einem eigenen Projektsteuerer kontrollieren lassen. Insofern war der größte Fehler – neben der Kostenunterschätzung – die schlechte Kommunikation nach außen, sprich an die Mitglieder, in der heiklen Phase. Als man dann an die Mitglieder herangetreten ist, war’s schon zu spät, sofort gingen die Wogen hoch. Das rief die Presse auf den Plan. Das war der Todesstoß. Schade eigentlich … 

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Christian Sinn: „Alles Geld steckt in diesem Gebäude und seiner Ausstattung.“ (Foto: Petra Mayr)

In dieser Situation haben Sie die Obmannschaft übernommen. Kein einfacher Job in diesen turbulenten Zeiten …

Zunächst gab es die bereits erwähnte Vollversammlung, bei der die neuen Kosten vorgestellt wurden. Da stand aber bereits der Großteil des Vorstandes nicht mehr hinter dem Obmann, meinem Vorgänger. Also ist er zurückgetreten. Die Mitglieder wollten dann keinen neuen Vorstand wählen, sondern nur einen neuen Obmann. Jemand musste das Ruder übernehmen, und das war dann halt ich. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber weil ich ja schon länger im Vorstand der Kellerei Kaltern war und mich mit der Thematik recht gut auskenne, habe ich mich dazu bereit erklärt. Das war 2017 im Dezember, vorläufig bis zu den Neuwahlen, die im Dezember letzten Jahres stattfanden. Bei der letzten Vollversammlung wurde ich im Amt bestätigt, mit überwältigender Mehrheit. Also gehe ich davon aus, dass die Mitglieder zufrieden sind, dass meine Arbeit und die des Verwaltungsrates akzeptiert wird und man sieht und merkt, dass unsere Bemühungen Früchte tragen.

Wie schaut Ihre (vorläufige) Bilanz aus: zufrieden?

Sehr, muss ich sagen: Wir haben gute Auszahlungspreise, Keller und Technik funktionieren einwandfrei. Wir haben uns schnell erholt, arbeiten effizient, die Weine kommen gut an. Ich bin auf ganzer Linie zufrieden.

Kann man also sagen, die Kellerei Kaltern segelt nun in ruhigen Gewässern? 

Ja, bereits die erste Abrechnung nach dem Zusammenschluss und dem Durcheinander war okay, die zweite – also letztes Jahr – gut. Ich bin selber überrascht, wie schnell wir uns erholt haben. Mit der neuen Anlage können wir sehr effizient arbeiten, das spart Zeit, Arbeitskraft und Geld. 

Was mich besonders freut, ist auch, dass wir als Team so gut zusammengewachsen sind: Die Mitarbeiter der beiden Kellereien mussten ja zusammengelegt werden, da gab es anfangs natürlich Zündstoff. Heute sind wir ein Superteam, darauf bin ich stolz. Aber es waren keine einfachen zwei Jahre, das muss ich sagen. 

Und wie steht die Kellerei finanziell da?

Natürlich steckt ein großer Teil Fremdkapital in der neuen Kellerei. Aber wir haben ein As im Ärmel, das können wir jetzt spielen: das sind die Immobilien, die wir haben und – zumindest teilweise – veräußern können: Die einstige Bauernkellerei steht heute komplett leer und wird teilweise verkauft. Die sogenannte Erste (oder auch Alte) Kellerei steht auch leer, weil wir alles, was brauchbar war, in unser neues Gebäude hier übersiedelt haben. Sie wird zur Gänze verkauft.

Gibt es schon Interessenten?

Die Vorverträge für den Verkauf werden demnächst unterschrieben. Ende dieses Jahres haben wir die bürokratischen Hürden geschafft, nächstes Jahr wird dann wohl mit dem Abriss begonnen werden. Ein Teil wird Wohnbauzone, ein Lebensmittelhandel ist geplant und ein großer Pendlerparkplatz soll entstehen, für den Metrobus. Sobald wir den Baugrund verkauft haben, ist für uns die Sache abgeschlossen. Dadurch schaffen wir Liquidität und können Fremdkapital reduzieren, das war ja auch Teil des Ansinnens, als es um die Fusion ging. 

Was ist Ihr Ziel mit der neuen Kellerei? 

Wir haben jetzt eine Struktur, mit der wir unser Erntevolumen gut abwickeln können, haben sogar noch etwas an Kapazität nach oben, etwa 20 Prozent. Man weiß ja nie, ob noch etwas dazukommt.

Wir haben als Kellerei sehr viele Mitglieder mit sehr kleinen Flächen, und die werden gepflegt und gehegt, mit Leidenschaft und großem Einsatz bewirtschaftet. Da wird Qualität produziert. Und diese Qualität können wir jetzt in der neuen Halle gut ins Fass und in die Flasche bringen.

Wir möchten nun noch die Sorten besser einstellen und den Vernatschanteil reduzieren – von heute 100 Hektar auf 80 gesundschrumpfen und nur noch dort Vernatsch anbauen, wo er Topergebnisse bringt. Wir möchten den 7/10-Anteil erhöhen und sukzessive auf 100 Prozent bringen, damit die Auszahlungspreise verbessern, voll auf Qualität setzen, drinnen wie draußen. Ja, das wär’s eigentlich. Damit sind wir zufrieden. Den Rest haben wir gemacht.