Südtiroler Landwirt, Wirtschaft | 16.04.2020

Verkäufe auf Umwegen

Wie können Südtirols Bauern trotz restriktiver Covid-19-Maßnahmen ihre landwirtschaftlichen Produkte an die Kunden bringen? Man liefert: entweder nach Hause oder dem Handel. Das ist für einige (Nischen) eine Lösung. Für viele – leider – nicht. von Renate Anna Rubner

Wo früher das Leben pulsierte, wie beim Freitagsmarkt im Ortskern von Neumarkt, ist es jetzt meist menschenleer.

Wo früher das Leben pulsierte, wie beim Freitagsmarkt im Ortskern von Neumarkt, ist es jetzt meist menschenleer.

Freitags war Neumarkt immer lebendig: Am Dorfplatz bot neben ein paar Händlern auch eine Handvoll Bauernmarktler ihre Ware an: Gemüse, Kräuter, Obst. In schweren Taschen trugen die Leute ihre Einkäufe für das Wochenende heim, man traf sich zum Kaffee, auf einen „Ratscher“. Fast über Nacht wurde es dann still im Unterlandler Hauptort, wie in allen Dörfern und Städten gibt es wegen der Maßnahmen zur Eindämmung von ­Covid-19 geschlossene Geschäfte und Bars, Ausgangssperren und andere Einschränkungen. Auch die Bauernmärkte wurden in den meisten Orten verboten. 

Wie jedes Jahr haben die Bauernmarktler aber schon frühzeitig angefangen, ihre Beete vorzubereiten und zu bepflanzen. Damit bald geerntet werden kann, um die ersten Salate und Frühlingsgemüse auf den vielen Bauernmärkten im ganzen Land anzubieten. 

Angebot über Whatsapp

Toni Riegler ist eigentlich Bioapfel- und -weinbauer in Gries. Seit drei Jahren baut eine Mitarbeiterin auf einem halben Hektar auch Gemüse an, das dienstags am Biobauernmarkt am Bozner Rathausplatz und freitags in Neumarkt direkt an Kundinnen und Kunden verkauft wird. 

Kurz vor dem Palmsonntag hätte es wieder losgehen sollen, daraus wurde dann leider nichts. „Es waren die Kunden, die sich bei uns meldeten und fragten, ob wir Gemüse hätten und ob wir liefern könnten“, erzählt Toni Riegler. Auch neue Kunden übrigens, die nun Gemüse direkt vom Bauern wollten. Deshalb habe seine Frau Edith eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet, über die sie wöchentlich das aktuelle Angebot mit den entsprechenden Preisen bekannt gibt. Die Kunden bestellen dann per Telefon, Whatsapp oder E-Mail, die Lieferung erfolgt frei Haus. „Zurzeit ist die Menge noch klein, Salate gibt es, Spinat und Radieschen, aber jetzt steigen nach und nach die Mengen und auch das Sortiment wird immer größer.“ Geliefert wird bislang nur innerhalb von Gries, das kann sich mit Fortschreiten der Saison aber noch auf weitere Teile Bozens ausweiten. „Die Leute freuen sich, wenn sie die Ware kriegen“, sagt Edith Riegler. Allerdings könne die Lieferung den Markt nicht ersetzen: „Die Kunden können sich am Markt selber aussuchen, was sie möchten. Umgekehrt können wir dort mit den Kunden in Kontakt treten, ihnen etwas Neues anbieten oder empfehlen und bekommen eine direkte Rückmeldung. Beide – sowohl die Hauslieferung als auch der Markt – haben ihre Vorteile.“

Viel Arbeit und Mehrkosten, aber nichts verdient

Das kann Stephan Kircher nicht bestätigen. Der Gärtner und Inhaber des gleichnamigen Gartencenters am Städtischen Friedhof von Bozen ist gestresst: Die Telefone klingeln ständig, er und seine Frau haben alle Hände voll zu tun, um auf den verschiedenen Kanälen Bestellungen entgegenzunehmen: per E-Mail, über Whatsapp und Messenger, per Telefon und E-Mail, alle möchten nun Pflanzen haben und geliefert bekommen. „Wir nutzen seit einigen Jahren einen Onlineshop für den Verkauf von Kränzen und Blumensträußen. Jetzt bieten wir damit auch Erden, Rinde, Gemüse- und Frühlingspflanzen an“, sagt Kircher. 

Das sei aber aufwendig, weil der Shop ständig à jour gehalten werden muss. Aufwendig und dabei nicht kostendeckend sei das Geschäft für die Gärtnereien heuer insgesamt: „In der Regel kommen die Kunden in die Gärtnerei, suchen sich den Großteil der Pflanzen selber zusammen, lassen sich bei Bedarf beraten, bezahlen an der Kasse und ziehen dann samt Einkauf von dannen. Wir haben trotzdem alle Hände voll zu tun.“ Nun aber müsse man die Bestellungen entgegennehmen, zusammenstellen, verpacken, ausliefern, den Kunden suchen, um die Lieferung zu übergeben, und das teilweise bei einem Warenwert von knapp 30 Euro. Bezahlt werde per PayPal, Kreditkarte, Überweisung oder auch bar, die Lieferung müsse er zusätzlich verrechnen, sonst mache das Ganze gar keinen Sinn mehr. „Am Abend sind wir total geschafft, weil wir von früh bis spät gesprungen sind, verdient ist damit trotzdem nichts!“, sagt der Gärtner. Es gehe mehr um den Service am Kunden.

Frustrierend sei, dass trotz aller Bemühungen viele Pflanzen auf dem Kompost landen: Zuallererst waren es die Schnittblumen, dann Narzissen, Tulpen und andere Zwiebelpflanzen, und nun sei die Reihe an den Primeln, Stiefmütterchen und anderen Frühlingsblühern, die weggeworfen werden müssen. 

Verkauf geht gegen null

Wegwerfen muss man in Kellerei Eisacktal (noch) nichts. Aber auch Hannes Munter zeichnet ein düsteres Bild der aktuellen Situation: „Der Verkauf geht bei uns Richtung null“, sagt der Kellermeister. Aktuell laufe noch etwas über den Online- und den Lebensmitteleinzelhandel, da verzeichne man sogar einen kleinen Zuwachs. „Unser Betrieb läuft zurzeit auf ,Notstrom‘, ein Großteil des Personals ist im Urlaub, Zeitausgleich oder in der Ausgleichskasse.“ Dabei sei der Keller voll, der Jahrgang 2019 teilweise noch gar nicht abgefüllt. „Wir leiden“, sagt Hannes Munter. Mit dem Wir meint er nicht nur die Belegschaft, auch die 150 Mitglieder der Genossenschaft und ihre Familien, die gesamte Weinwirtschaft. 

Natürlich könne man die Weine der Kellerei online bestellen oder per Telefon, zurzeit werde alles ausgeliefert, auch kleine Mengen, auch an private Haushalte. „Aber Wein ist ein Luxusprodukt, das kriegen wir deutlich zu spüren“, sagt Munter. „Und das werden wir, wenn die akute Phase vorbei ist, noch deutlicher zu spüren bekommen“, meint er. Denn „Italien ist voll von Wein, Frankreich und Spanien auch. Wer heute die Flasche Wein um drei Euro verkauft, wird sie morgen um einen Euro verscherbeln. Da können und wollen wir in Südtirol sicher nicht mitziehen.“

Schmerzlich musste man nun erfahren, wie abhängig die Weinbranche – und nicht nur sie – vom heimischen Tourismus ist: Seitdem der lahmliegt, ist auch der Weinmarkt zusammengebrochen. 

Bozner Schlachthof bewährt sich

Glücklich in diesen Wochen, wer nicht oder kaum vom Tourismus abhängt. Barbara Mock, Geschäftsführerin des Südtiroler Kleintierzuchtverbandes, ist zufrieden mit dem diesjährigen Geschäft mit Lämmern und Kitzen. An die 4000 Schlachtkörper konnten heuer wieder verkauft werden – über den heimischen Handel, wie jedes Jahr. Allerdings unter besonderen Voraussetzungen: „Die Abwicklung war in diesem Jahr natürlich sehr viel aufwendiger als im Normalfall. Deshalb haben wir viel früher angefangen, die Arbeiten im Schlachthof Bozen brauchen unter den Sicherheitsmaßnahmen etwa doppelt so lange als im Normalfall, auch die Kosten waren dadurch höher.“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten die zusätzlichen Belastungen aber sehr gut gemeistert, lobt Mock.

„Ich habe den Eindruck, dass die Leute durch die Corona-Krise das heimische Produkt wieder mehr schätzen gelernt haben“, sagt Barbara Mock und unterstreicht in diesem Zusammenhang auch die Wichtigkeit des Bozner Schlachthofes: „Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob wir einen eigenen  Schlachthof brauchen. Wenn wir ihn jetzt aber nicht gehabt hätten, wäre keine Schlachtung möglich gewesen, der Schlachthof Verona war nämlich über Wochen geschlossen.“ Deshalb plädiert sie – nicht zum ersten Mal – dafür, dass der Schlachthof endlich saniert und adaptiert werden müsse.

Dorfläden zurzeit besonders wichtig

Die Nahversorgung bekommt generell eine neue Bedeutung in diesen Zeiten. Daniel Wierer, Geschäftsführer der Nahversorgungsgenossenschaft NAVES, bekam das in den letzten Wochen deutlich zu spüren: „Wir betreiben südtirolweit Geschäfte in Orten, in denen es sonst keine Einkaufsmöglichkeit mehr gäbe: in Vahrn beispielsweise, in Tisens oder in Gsies. Diese Dorfläden sind enorm wichtig für diese Dörfer, immer. Aber momentan ganz besonders.“ 

Weil es der NAVES aber nicht nur um die Versorgung der Menschen geht, sondern auch um die kleinen Kreisläufe, hat die Genossenschaft in der letzten Ausgabe vom „Südtiroler Landwirt“ direktvermarktende Bäuerinnen und Bauern dazu aufgerufen sich zu melden, wenn sie die Geschäfte beliefern möchten. „Daraufhin haben sich inzwischen 60 Direktvermarkter gemeldet, die sich näher dazu informieren wollten“, berichtet Daniel Wierer. Für viele hat sich eine Belieferung der NAVES dann schlussendlich doch nicht für umsetzbar erwiesen: Weil die Ware nach Welsberg, ins größte Geschäft der NAVES, hätte geliefert werden müssen, schienen vielen Aufwand und Kosten für die meist kleinen Mengen zu hoch, auch würde die Anfahrt für beispielsweise frische Salate eine Herausforderung.

„Konkret ins Geschäft gekommen sind wir mit Pilzproduzenten aus Aldein und zwei Honigproduzenten, die Ware ist schon in unseren Geschäften. Nach Ostern kommen drei Hofkäsereien, ein Speck- und ein Apfelsaftlieferant dazu, ab Ende April ein Eierproduzent aus dem Ultental. Im Sommer bekommen wir Gemüse von Pusterer Bauern, die dank ihrer Nähe zu Welsberg gut liefern können.“ Wierer unterstreicht, die NAVES sei für alles offen, für die Lieferung müssten die Bauern aber selber sorgen.  „Wir tun, was wir können!“

Daniel Wierer bedankt sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der NAVES, die derzeit stark unter Druck stehen und viel leisten. Er regt aber auch an, das Gebot der Stunde zu nutzen und schnell eine Plattform für bäuerliche Produzenten und ein entsprechendes Logistiksystem auf die Beine zu stellen, um Angebot und Nachfrage effizient zusammenzubringen. Das müsse aber schnell passieren, denn die Bäuerinnen und Bauern stünden jetzt vor den großen Herausforderungen.

Neue Kunden durch Lieferservice

Schnell hat Hannes Platter vom Wegerhof in Stuls auf die neue Situation reagiert. Der junge Bauer hat seit sechs Jahren die Hofkäserei von seiner Mutter übernommen und produziert dort aus der Milch der eigenen Kühe Joghurt, Topfen, verschiedene Käsesorten und Mozzarella. 80 Prozent seiner Produkte verkaufte er bisher über Bauernmärkte und den eigenen Hofladen, den Rest über den Vinschger Bauernladen und andere Märkte. 

Von heute auf morgen brachen ihm wegen des Ausnahmezustands alle Absatzwege weg. „Das war krass. Eine Woche haben wir dann überlegt, was wir machen könnten“, berichtet der junge Bauer. „Dann riefen immer wieder Kunden an, die fragten, ob wir liefern könnten. Also haben wir geliefert, haben das auch auf Facebook bekannt gegeben, und so hat sich das herumgesprochen.“ Bis Dienstag gehen nun die Bestellungen ein, am Donnerstag liefert Hannes Platter nach Dorf Tirol, Tscherms und Marling, am Freitag nach Kaltern und samstags nach Meran. So bringt er seine gesamte Menge an Frau und Mann. 

Für Kunden, die die Produkte vom Wegerhof bisher noch nicht kannten, stellte der junge Bauer ein Kennenlernpaket zusammen und konnte so seinen Kundenstock sogar erweitern. Den Lieferservice will Hannes Platter bis auf Weiteres aufrechterhalten, inzwischen hat er sich damit gut eingerichtet. Nun soll aber der Bauernmarkt in Kaltern demnächst wieder öffnen. Dann ist er mit seinem Käse sicher wieder mit dabei. „Mal schauen, ob die Leute dann auch kommen“, fragt sich der junge Bauer.