Südtiroler Landwirt, Markt | 14.05.2020

Corona-Bremse am Zuchtviehmarkt

Zu den Gewohnheiten, die seit Beginn der Corona-Krise auf Eis liegen, gehören auch die Zuchtvieh-Versteigerungen. Die Zuchtverbände haben nach Alternativen gesucht – und hoffen, dass bald wieder Züchter und Käufer auf die Vermarktungsanlagen in Bozen und St. Lorenzen strömen dürfen. von Bernhard Christanell

Über zwei Monate war die Versteigerungshalle in Bozen Süd verwaist. Nun hoffen die Zuchtverbände auf einen baldigen Neustart.

Über zwei Monate war die Versteigerungshalle in Bozen Süd verwaist. Nun hoffen die Zuchtverbände auf einen baldigen Neustart.

Immer wieder donnerstags sind die Viehvermarktungsanlagen ein beliebter Treffpunkt für alle Rinderzüchter, die sich mit neuen Zuchttieren eindecken oder selbst Tiere verkaufen wollen. Im Schnitt einmal pro Monat gibt es Zuchtvieh-Versteigerungen – getrennt für Rassen, die vom Südtiroler Braunviehzuchtverband betreut werden, für Rinder der Fleckviehrasse und für die übrigen Rassen, die im Südtiroler Rinderzuchtverband zusammengefasst sind. 

Seit das Corona-Virus auch in Südtirol um sich gegriffen hat, ist die Zuchtviehvermarktung über Versteigerungen hierzulande lahmgelegt. Die letzte Versteigerung, die noch abgehalten werden konnte, war die Braunvieh-Versteigerung am 27. Februar. 

Sechs Versteigerungen abgesagt

Bald danach griffen die strengen Einschränkungen, die auch größere Menschenansammlungen unmöglich machten. Abgesagt wurden die Zuchtviehversteigerungen der Fleckvieh-rasse am 12. März (in Bozen), am 9. April und 7. Mai (beide in St. Lorenzen), jene der übrigen Rassen im Rinderzuchtverband (Grauvieh, Holstein und Pinzgauer) am 19. März und 30. April sowie die Braunvieh-Versteigerung am 2. April. Ins Wasser fiel darüber hinaus auch die einzige vorgesehene Versteigerung des Kleintierzuchtverbandes am 21. März (siehe dazu auch Seite 49). Einen ersten Versuch des Neustarts wagte der Braunviehzuchtverband am Donnerstag, 14. Mai – mit allen vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen. Ob dieses Vorhaben auch umgesetzt werden konnte und wie die Versteigerung verlaufen ist, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Das Viehvermarktungskonsortium Kovieh hat die Tiervermarktung in der Zwischenzeit ebenfalls umgestellt. Es wird weiterhin ein südtirolweiter Abholdienst gewährleistet, die Tiere werden in der Versteigerungsanlage in Bozen abgeladen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vermarktet.

Ab-Hof-Verkauf und Vermittlung vorübergehender Alternativen

Auch wenn Versteigerungen also seit gut zwei Monaten ausgesetzt sind, stand die Zuchtviehvermarktung dennoch nicht völlig still. Die Zuchtverbände haben sich um Alternativen bemüht bzw. bereits vorhandene Dienste ausgebaut. Dieter Herbst, der Geschäftsführer des Südtiroler Rinderzuchtverbandes, erklärt: „Bauern konnten nach wie vor ihre Tiere melden, wir haben daraus dann den Versteigerungskatalog erstellt, der wie immer auch online einsehbar ist. Interessenten konnten dann im Verbandsbüro anrufen, und wir haben die Tiere vermittelt.“ 

Laut Herbert Lang, dem Stellvertreter von Dieter Herbst, konnte so zumindest ein Teil der Tiere verkauft werden: „Von den für die April-Versteigerung gemeldeten Tieren konnten wir auf diesem Weg immerhin rund 60 Prozent vermitteln. Mit der Verkaufsquote bei den Versteigerungen, die üblicherweise zwischen 90 und 95 Prozent liegt, lässt sich das aber nicht vergleichen.“ Beim Braunviehzuchtverband, der ja „nur“ eine ausgefallene Versteigerung zu beklagen hatte, ist die Lage ähnlich, wie Geschäftsführer Peter Zischg berichtet: „Die für die April-Versteigerung gemeldeten ca. 230 Tiere wurden in der Zwischenzeit zu einem guten Teil ab Hof vermarktet, die restlichen wurden für die am
14. Mai geplante Versteigerung gemeldet.“

Abgesehen von der geringeren Verkaufsquote hat dieses Notfallsystem gezeigt, wie schwerfällig die Zuchtviehvermarktung ohne die bewährten Versteigerungen abläuft. Herbert Lang erklärt: „Wer Zuchtvieh kauft, möchte im Normalfall auch das Tier vor Ort begutachten können. Dieser direkte Kontakt ist sehr wichtig – auch wenn die Daten der Tiere im Voraus verfügbar sind.“ 

Und Dieter Herbst ergänzt: „Den Ab-Hof-Verkauf und die direkte Vermittlung gab es ja schon vorher. Als alleinige Möglichkeit zur Vermarktung von Zuchttieren lässt sich so etwas aber nur für einen begrenzten Zeitraum umsetzen, ersetzen kann es die Versteigerungen nicht.“

Innovative Ideen für die Zukunft

Die Verantwortlichen der Zuchtverbände wollen sich auch innovativen Ideen nicht grundsätzlich verschließen – wie etwa der Idee eines Online-Portals zur Viehvermarktung, die erst jüngst aufgeworfen wurde. Peter Zischg dazu: „Als innovative Idee für die Zukunft kann ich einer solchen Idee durchaus etwas abgewinnen – eine Lösung für die derzeitige Situation wäre aber auch das nicht.“ 

Dieter Herbst schließt sich dem an: „Wir werden sicherlich den Ausbau der Vermarktung über andere Wege prüfen und weiterentwickeln. Ersetzen wird eine Online-
Vermarktung die bewährten Versteigerungen aber niemals können.“

Alle Zuchtverbände – und mit ihnen auch die Züchter – sehnen also den Neustart der Versteigerungen herbei. Nach dem Braunviehzuchtverband plant auch der Rinderzuchtverband den Neustart – mit einer Grauvieh-, Holstein- und Pinzgauer-Versteigerung am 4. Juni sowie einer Fleckvieh-Versteigerung am 11. Juni. Die Geschäftsführer sind zuversichtlich, dass sich die Lage bald wieder einpendeln wird, sobald die gewohnte Vermarktung wieder startet. Kritisch könne es werden, wenn im Herbst – wo die Auftriebszahlen naturgemäß wesentlich höher sind als im Frühjahr – eine zweite Covid-19-Welle kommen sollte. 

Peter Zischg ist aber auch hier optimistisch: „Wir können uns auf eine mögliche zweite Welle bis zu einem bestimmten Punkt vorbereiten, da wir die Problematik jetzt besser kennen.“

Auftriebszahlen rückläufig

Wie sich die Corona-Krise also auf die Entwicklung der Zuchtviehvermarktung auswirkt, wird sich erst noch zeigen. Auf jeden Fall hat die Krise eine Branche getroffen, die ohnehin seit Jahren mit sinkenden Auftriebszahlen kämpft. 

Die Gründe dafür sind vielfältig, einer davon liegt – so Herbert Lang – im Preis, der für Zuchttiere aus dem Ausland zu zahlen ist: „Auch hier regelt vieles der Markt. Wenn Zuchttiere aus den umliegenden Ländern billiger sind, dann lässt es sich kaum verhindern, dass sie importiert werden. Schließlich spielt umgekehrt der Export von Tieren aus Südtirol in andere Länder auch für uns eine wichtige Rolle.“ 

Vor allem Österreich, das eine große Zuchtviehtradition hat, drängt seit einiger Zeit verstärkt nach Italien – und damit auch nach Südtirol. Ob sich das positiv auf die Zuchtqualität auswirkt, kann bezweifelt werden. „Sie wird zumindest eher nicht besser, vor allem auch weil ja vorwiegend Melkkühe importiert werden und nicht unbedingt Jungtiere“, unterstreicht Lang. 

Zuchtvieh wichtig für Almen

Peter Zischg sieht den zunehmenden Import als Folge einer anderen Entwicklung innerhalb des Landes: „Es gibt immer mehr Betriebe, die die eigene Aufzucht reduzieren oder einstellen und nur mehr Milchkühe halten. Das schwächt natürlich den Zuchtviehmarkt in Südtirol, hat aber auch weitreichende Folgen für die Bestoßung der Weiden und Almen.“ 

Auch Daniel Gasser, Obmann-Stellvertreter des Südtiroler Bauernbundes und selbst überzeugter Züchter, sieht die Erhaltung der Almwirtschaft als wichtiges Argument, um die heimische Aufzucht zu stärken: „Je weniger Tiere in Südtirol gezüchtet werden, desto weniger Jungvieh ist da, das auf die Almen aufgetrieben werden kann. Daher ist es trotz aller Preisdifferenzen unbedingt notwendig, dass auch Südtiroler Zuchtvieh weiterhin einen guten Absatz findet. Südtirols Viehzüchter leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer Berglandwirtschaft.“

Für Peter Zischg spielt bei dieser Frage auch die Regionalität eine Rolle: „Wir müssen uns schon die Frage stellen, ob der zunehmende Import von Zuchttieren aus dem Ausland im Sinne der nachhaltigen Produktion von regionalen Lebensmitteln eine gute Entwicklung ist.“

Der Preis für das Zuchtvieh spielt auch bei der Entwicklung der Zucht innerhalb Südtirols eine nicht zu unterschätzende Rolle. Herbert Lang erklärt: „Solange der zu erwartende Preis für Jungvieh eher gering und jener für Mast-Kreuzungskälber eher hoch ist, ist der Anreiz, bei der Besamung auf reinrassige Zuchttiere zu setzen, natürlich gering. Auch wenn wir immer wieder darauf hinweisen, dass die Züchter weniger auf Gebrauchskreuzungen setzen – dass sie dann oft anders handeln, ist zumindest nachvollziehbar.“

Wie sich die Rinderzucht in Südtirol entwickelt, hängt also von vielen Faktoren ab: vom weiteren Verlauf der Corona-Krise, von wirtschaftlichen Entwicklungen in den umliegenden Ländern – aber nicht zuletzt auch von der Weitsicht der Züchterinnen und Züchter im eigenen Land.