Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 14.05.2020

Südtirols Almwirtschaft in (Wolfs-)Gefahr

Bald beginnt die Almsaison. Und für Bäuerinnen und Bauern wieder die Ungewissheit: Sind die Tiere sicher? Oder geht der Wolf um? Die Risse nehmen dramatisch zu. Zwar gibt es Entschädigung, Ersatz ist das keiner. Kann Herdenschutz eine Lösung sein? von Renate Anna Rubner

Der Wolf breitet sich weiter in Südtirol aus. Und damit Risse und Schäden, die auf seine Kosten gehen. Foto: Ilona Ilyes, Pixabay

Der Wolf breitet sich weiter in Südtirol aus. Und damit Risse und Schäden, die auf seine Kosten gehen. Foto: Ilona Ilyes, Pixabay

Heinrich Dissertori hängt an seinen Schafen: Der Bauer aus St. Pauls hat seinen Wein- und Obstbetrieb bereits übergeben, während er sich um das Vieh kümmert: Fünf Ziegen und gleich viele Schafe waren es bis zum 29. April. Als Dissertori an dem Tag auf seine Alm auf der Trienter Seite des Mendelpasses fuhr, um nach dem Rechten zu sehen, bot sich ihm ein schauriges Bild: Der Widder lag ausgeweidet im Gras. „Seitdem sind die anderen vier Tiere total verschreckt“, erzählt der Bauer. Wie jedes Jahr hatte Dissertori die Schafe am 25. April auf die Alm gebracht. Bereits seit drei Jahren hat er dort, ganz in der Nähe der Hütte, das Gehege der Tiere mit einem Elektrozaun von 1,1 Meter Höhe gesichert. „Aber der Räuber ist einfach darübergesprungen und hat sich das Tier geholt“, rekonstruiert Dissertori. Gleich informierte der Bauer die Forststation in Fondo, die Beamten kamen sofort, untersuchten Tatort und Opfer genau und dokumentierte alles fotografisch. Das Schaf war mit einem Biss in den Hals getötet worden, was auf den Wolf als Täter schließen lässt. 

Die Beamten hätten ihm geraten, den Kadaver direkt am Gehege zu verscharren. Falls der Wolf wiederkommen sollte, würde er das tote Tier ausgraben, um weiterzufressen. Bisher sei das nicht passiert. Heinrich Dissertori vermutet, dass der Wolf auf „Durchreise“ war. Den elektrischen Zaun hat er trotzdem auf 1,40 Meter erhöht. „Mehr kann ich jetzt nicht tun“, sagt er. Mit dem Risiko, dass die Tiere gerissen werden, müsse er wohl leben.

2019 dramatischer Anstieg

Mit diesem Risiko leben müssen viele Viehbauern in Südtirol. Vor allem für Schafzüchter steigt von Jahr zu Jahr die Wahrscheinlichkeit, eines oder mehrere Tiere an das Raubtier zu verlieren. Wie Luigi Spagnolli, Direktor des Amtes für Jagd und Fischerei, erklärt, wurden im letzten Jahr 92 Schafe und 19 Ziegen nachweislich Opfer von Wölfen. Im Jahr zuvor waren es noch 56 Schafe und vier Ziegen gewesen. Die Opferbilanz steigt also dramatisch. Entsprechend stieg auch die Summe der Entschädigungen, die für die getöteten Tiere bezahlt wurden: Während 2018 vom Land 8420 Euro an Schadenersatz ausbezahlt wurden, waren es im letzten Jahr 27.533 Euro. 

Ein Zeichen dafür, dass sich immer mehr Wölfe auf Südtiroler Boden aufhalten. Wie viele es genau sind, kann der Amtsdirektor nicht sagen: Laut Monitoring des letzten Jahres 30 bis 35 Tiere, meist Einzeltiere auf Wanderschaft und Partnersuche. Auch drei Rudel halten sich in unmittelbarer Nähe auf, weshalb sie teilweise auf Landesgebiet gesichtet werden oder durch Risse unliebsam auffallen. Ein Rudel lebt unbehelligt auf der Lüsner Alm, weil es sehr scheu sei und bisher kein Nutztier gerissen habe, sagt Spagnolli.

Der Amtsdirektor gibt zu bedenken, dass sich die Wolfsschäden im Trentino im Jahr 2019 auf 37.000 Euro beliefen, obwohl es dort offiziell 13 Rudel gibt. Damit stellt er klar: „Die meisten Schäden werden also nicht von den Rudeln verursacht – sonst wären sie im Trentino wesentlich höher als bei uns – sondern von den einzelnen Wölfen. Diese Einzeltiere sind nämlich absolut unberechenbar.“

Mit diesem Jahr hat sich laut Spagnolli für die Entschädigung im Falle von Rissen durch Wolf und Bär die Vergütung erhöht: „Mit der Neunotifizierung der Beihilfen für Wildschadenverhütung wurde die Beihilfeintensität für Vorbeugungsmaßnahmen gegen Schäden durch geschütztes Großraubwild auf 100 Prozent angehoben.“ Das sei für die Bauern von Vorteil. Allerdings ruft der Amtsdirektor dazu auf, die Behörden (die Forstbeamten vor Ort oder das Amt für Jagd und Fischerei) nach einem Riss sofort zu informieren. „In der Regel kann man gleich erkennen, ob ein Tier von einem Wolf oder von einem anderen Räuber gerissen wurde“, erklärt Spagnolli, „Im Zweifelsfall aber braucht es einen DNA-Test, der die Urheberschaft des Wolfes eindeutig nachweist, damit der Schaden vergütet werden kann.“ Dies sei nur möglich, wenn die Proben schnell und fachgerecht entnommen werden. 

Hohe Achtsamkeit geboten

Am 4. Mai schickt Paul Martin Bertagnolli, Bauernbund-Ortsobmann von St. Gertraud in Ulten folgendes SMS an 48 Emfänger: „Meldung der Parkstation Ulten – Es wurden drei Wölfe im Nationalpark, Bereich Oberjochmair, gesichtet. Achtsamkeit, Vorsicht und Schutzmaßnahmen (Tiere nachts in den Stall bringen) werden empfohlen. Im Moment können wir nur hoffen, daß die Wölfe baldigst weiterziehen. Der SBB-Ortsobmann.“ 

Das Ultental war eines jener Südtiroler Gebiete, das schon früh mit dem Wolf in Berührung kam. Entsprechend hoch ist die Aufmerksamkeit dort. Auch eines der von der Abteilung Forstwirtschaft in Eigenregie angelegten Projekte zum Herdenschutz wurde in diesem Gebiet umgesetzt, ein weiteres in Taufers im Münstertal und je eines in Stilfs und auf der Plose. „Heuer werden wahrscheinlich noch ein bis zwei zusätzliche Herdenschutzprojekte dazukommen“, erklärt Konrad Pfattner. Der stellvertretende Direktor des Amtes für Bergwirtschaft ist unter anderem verantwortlich für die technische Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen und für die entsprechende Beratung der Bauern und Almen. 

Deshalb waren Pfattner und seine Kollegen viel in den Nachbarregionen und in der Schweiz unterwegs, wo man bereits Erfahrungen im Umgang mit dem Wolf hat. Auch eine Studie ist im Auftrag des Nationalparks Stilfser Joch und des Amtes für Jagd und Fischerei ausgearbeitet worden: Dabei ging es um die Frage, welche Maßnahmen und Strategien für Südtirols Almwirtschaft sinnvoll sein könnten.

Beiträge für Herdenschutzzäune

Seit 2018 gibt es vom Land Beiträge für Herdenschutzzäune auf Almen. Bisher sind laut Pfattner rund 30 Gesuche eingegangen, etwa 25 davon wurden angenommen. Damit der Beitrag ausbezahlt wird, muss der elektrische Herdenschutzzaun nicht nur angekauft und aufgestellt werden, Beamte kontrollieren auch, ob er die Anforderungen erfüllt: Ein Herdenschutzzaun muss demnach mindestens 1,20 Meter hoch sein und an jeder Stelle eine Mindestspannung von 3000 Volt aufweisen. Er muss gut gespannt und in sich geschlossen sein.  Der Zaun kann als Weidenetz ausgeführt sein oder mit Pfählen und Litzen bzw. Drähten. In diesem Fall braucht es mindestens fünf Litzen, wovon die tiefste auf maximal 20 Zentimeter Höhe liegen darf, um zu verhindern, dass der Zaun untergraben wird.

„16 Antragsteller haben bisher ihren Beitrag bekommen“, berichtet Konrad Pfattner, „auf einigen Almen ist das Zaunmaterial täglich im Einsatz.“ Andere hätten das Material angekauft, um schnell reagieren zu können, falls es brenzlig wird. Sozusagen als Notfallset für Gegenden, wo der Wolf auftaucht und das Vieh geschützt werden muss. „Herdenschutzzäune können nämlich relativ kurzfristig eingesetzt werden und bieten einen guten Grundschutz, sofern sie mit Sorgfalt errichtet werden, erklärt Pfattner. „Dabei geht es nicht darum, ganze Almen wolfsicher einzuzäunen, sondern die nächtlichen Ruheplätze mit dem Elektrozaun zu schützen.“ Die große Herausforderung bestehe darin, alle Tiere einer Alm bei Bedarf in diesen Nachtpferch zu bringen. Jede einzelne Alm müsse aber für sich entscheiden, was sinnvoll und vor allem möglich ist. 

Ohne Hirten sei diese Art des Herdenschutzes aber nicht möglich, weiß Pfattner. Er erzählt von Versuchen, in denen größere Almflächen eingezäunt wurden. „Das ist aber aufgrund der Topographie des Almgeländes extrem schwierig und fehleranfällig. Und Schwachstellen findet der Wolf sehr schnell.“ 

In diesem Jahr hätte ein Hirtenkurs angeboten werden sollen. Der sei wegen der Corona-Maßnahmen nicht zustande gekommen. Ziel dieses Kurses sollte es sein, das Berufsbild des Hirten neu zu etablieren und aufzuwerten. Eine ständige Behirtung mit Hütehund wäre nämlich der nächste Schritt beim Herdenschutz, meint Pfattner. „Wir müssen weg vom freien Weidegang und – wo möglich – zurück zu gezielter Weideführung.“ Das sei auch für die Weidequalität besser. Allerdings auch viel aufwändiger als bisher, räumt Konrad Pfattner ein. 

Land muss Mehraufwand vergüten

Diesen Mehraufwand will Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner endlich vom Land vergütet wissen. „Dafür brauchen wir keine Genehmigung von Rom, sondern es liegt allein am politischen Willen hier bei uns!“, unterstreicht Rinner. Er weiß, dass Koppeln auf vielen Almen nicht umsetzbar sind: „Das ist Wunschdenken!“, sagt er und stellt klar: „Die freie Weide wird bei uns seit Jahrhunderten betrieben. Viele Gebiete könnten nur in dieser Form bewirtschaftet werden. Akzeptieren wir den Wolf, geben wir einen Gutteil unserer Almen auf!“



Was Landwirtschafts-Landesrat Arnold Schuler zur Thematik sagt, erfahren SIe in unserer Printausgabe.