Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 23.07.2020

„Hintern hoch, Zähne auseinander!“

Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie man als Bauer mit der Gesellschaft in Kontakt tritt, kommt an „Bauer Willi“ nicht vorbei. Der „Südtiroler Landwirt“ hat mit ihm über gute Argumente, die richtige Taktik und die bäuerliche Vertretung in der Gemeinde gesprochen.  von Bernhard Christanell

Kritikern von der eigenen Arbeit erzählen und so mit ihnen ins Gespräch kommen – so kann eine gelungene Kommunikation gelingen. Foto: www.agrarfoto.com

Kritikern von der eigenen Arbeit erzählen und so mit ihnen ins Gespräch kommen – so kann eine gelungene Kommunikation gelingen. Foto: www.agrarfoto.com

Im Jänner 2015 wurde der deutsche Landwirt Willi Kremer-Schillings auf einen Schlag berühmt. In seinem Brief an den „Lieben Verbraucher“ machte er seinem Ärger über den Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Verbraucher und deren Kaufverhalten Luft. Was folgte, kam auch für den damals 60-jährigen Landwirt völlig überraschend. Ein enormes Medienecho, Einladungen in alle großen deutschen Talkshows und unzählige Interviews. Auch fünf Jahre nach seinem Brief betreibt „Bauer Willi“ – der Name, unter dem ihn jeder kennt – einen viel gelesenen Blog, ist viel unterwegs und in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Kommende Woche hält er für die Südtiroler Bäuerinnen und Bauern ein Webinar. Mit dem „Südtiroler Landwirt“ hat er sich vorab unterhalten. 

Südtiroler Landwirt: „Bauer Willi“, seit Ihrem Brief an den Verbraucher sind fünf Jahre vergangen. Haben die Verbraucher Ihre Botschaft mittlerweile verstanden?

„Bauer Willi“: (lacht) Es heißt, von der Erkenntnis bis zur Verhaltensänderung dauert es fünf Jahre. Demzufolge müssten die ersten Verbraucher mittlerweile ihr Kaufverhalten geändert haben. Zumindest bei uns in Deutschland trifft das derzeit auch zu, die Menschen achten beim Einkauf mehr auf Regionalität als früher – allerdings liegt das wohl kaum am „Bauer Willi“, sondern am Corona-Virus ...

Ob Corona-Virus oder nicht, Ihr Ziel haben Sie bei diesen Menschen ja erreicht, oder?

Ich hatte bei meinem „Brief an den Verbraucher“ nicht unbedingt ein Ziel vor Augen, ich wollte in erster Linie meinen Frust über diese irrsinnige Fehlentwicklung loswerden. Dass dieser Brief dann auf so große Resonanz gestoßen ist und so viele – positive und negative – Rückmeldungen verursacht hat, hat mich motiviert weiterzumachen ...

Moment, Sie freuen sich über negative Rückmeldungen?

Ja, klar! Ich freue mich auch über kritische Kommentare, weil sie es mir ermöglichen, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Ich freue mich, wenn jemand anderer Meinung ist als ich – vielen fällt es schwer, sowas zu akzeptieren. 

Ein bekannter Kommunikationswissenschaftler hat einmal gesagt: „Der Andersdenkende ist kein Idiot, er hat sich nur eine andere Wirklichkeit konstruiert.“ Wir müssen wieder lernen, ernsthaft über etwas zu diskutieren und zu streiten. Allzu oft beharren wir zu sehr darauf, dass nur unsere eigene Meinung die einzig richtige sein kann.

Das klingt sehr vernünftig, aber wie soll das in der Praxis aussehen? Als Landwirt wird man in Zeiten wie diesen ja sehr oft mit Vorwürfen konfrontiert, die völlig aus der Luft gegriffen sind ...

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Feier, bei der Sie neue Leute kennenlernen.Als Landwirt dauert es meist nicht lange, bis  Sie einem kritisch eingestellten Menschen begegnen, der Sie als „Giftspritzer“ oder „Tierquäler“ beschimpft. Natürlich können Sie sich auf ein solches Niveau begeben und zurückschimpfen – das bringt aber niemanden weiter. Ein erster Schritt in einem solchen Fall ist es, nicht aggressiv auf den Vorwurf zu reagieren, sondern beim Gesprächspartner  nachzufragen, warum er zu diesem Vorwurf kommt und wie er ihn begründet. So ist der  Gesprächspartner gezwungen, von seiner pauschalen Kritik abzuweichen und sich Gedanken zu machen. In den allermeisten Fällen entwickeln sich dadurch interessante Gespräche – und der Gesprächspartner weiß nachher besser über die Landwirtschaft Bescheid als vorher. 

Schön und gut, aber die Erfahrung zeigt doch, dass es Themen gibt, bei denen die Standpunkte so weit auseinander liegen, dass man sich nie einig wird. Haben solche Gespräche dann überhaupt einen Sinn?

Miteinander reden ist immer die bessere Lösung, als nicht miteinander zu reden. Ein Beispiel: Im vorigen Jahr habe ich in Berlin mit Vertretern des Deutschen Naturschutzbundes NABU gesprochen und sie gefragt, wann sie das letzte Mal mit den Leuten vom Deutschen Bauernverband gesprochen haben. 

Die Antwort: „Früher haben wir das regelmäßig gemacht, aber das ist Jahre her.“ So kann das nicht gut gehen. Wir Landwirte müssen uns mit unseren Kritikern an einen Tisch setzen, auch wenn wir wissen, dass der andere deshalb seine Meinung über uns nicht ändern wird.

Wenn man sich die Diskussion über die Landwirtschaft in Deutschland ansieht, dann erkennt man ja schon aufseiten der Bauern mehrere Lager: auf der einen Seite die offiziellen Vertreter wie der Deutsche Bauernverband, auf der anderen Seite Gruppen wie „Land schafft Verbindung“. Wo hat da „Bauer Willi“ seinen Platz?

Sicher nicht als Teil einer dieser beiden Parteien. Was „Bauer Willi“ seit fünf Jahren ausmacht, ist die Tatsache, dass er sich nicht von einer Gruppe vereinnahmen oder in eine Schublade stecken lässt. Weder in jene des Bauernverbandes, der zwar gute Kontakte zur Politik hat und Lobbyarbeit betreibt, aber gerade deshalb oft wenig authentisch wirkt,  noch in jene von „Land schafft Verbindung“, deren öffentliche Auftritte und Demos zuletzt oft nur noch blanker Aktionismus sind und die auch deshalb medial kaum noch wahrgenommen werden. Nicht immer erregt der am meisten Aufmerksamkeit, der am lautesten schreit ...

Dass „Bauer Willi“ es hervorragend versteht, mediale Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich auch im vergangenen Jahr gezeigt, als plötzlich auf vielen Äckern in Deutschland große grüne Kreuze zu sehen waren. Das erste dieser Kreuze stand in Ihrem Acker – was haben Sie mit dieser Aktion bezweckt?

Im Grunde war es ähnlich wie bei meinem Brief an die Verbraucher: Ich hatte nicht primär das Ziel, politisch etwas zu erreichen. Es ging um das Agrarpaket, das die deutsche Bundesregierung ohne vorherige öffentliche Diskussion verkündet hat. Ohne jetzt ins Detail zu gehen – mir war gleich klar: Dieses Agrarpaket würde zahlreiche Landwirte in Deutschland in den kommenden Jahren zur Aufgabe zwingen. Ich wollte einfach meinen Frust loswerden. Die Reaktion des Deutschen Bauernverbandes, der in einer Aussendung nur darauf hingewiesen hat, dass die geplanten Maßnahmen den Strukturwandel in der Landwirtschaft weiter beschleunigen würden, war mir einfach nicht genug. Ich dachte
mir: Das kann doch nicht alles sein, was dazu zu sagen ist – und da kam mir die Idee mit dem Kreuz in meinem Acker. Ich habe ein Foto davon gemacht und ins Internet gestellt. 

Wenige Tage später wurde ich von Kamerateams belagert, überall in Deutschland standen plötzlich solche Kreuze, und ich erhielt eine Einladung zum Agrargipfel ins Bundeskanzleramt.

BB_BauerWilli„Bauer Willi“ hat mit seinem Brief an den „Lieben Verbraucher“ für Furore gesorgt. 


Nicht um den Einzug ins Bundeskanzleramt, aber um jenen in den Gemeinderat geht es in Südtirol in knapp zwei Monaten. Dem Südtiroler Bauernbund ist es sehr wichtig, die bäuerliche Vertretung auf Gemeindeebene zu sichern. Wie sollen sich Bäuerinnen und Bauern in der Gemeindepolitik einbringen?

Im Rheinland, wo ich zu Hause bin, gibt es ein Sprichwort, das man aus unserer Mundart etwa mit „Hintern hoch und Zähne auseinander“ übersetzen könnte. Was damit gemeint ist: In einem ersten Schritt kommt es darauf an, dass Bäuerinnen und Bauern aktiv werden (Hintern hoch) und sich zu Wort melden (Zähne auseinander), wenn es um ihre Angelegenheiten geht. Wer sonst soll sich um ihre Anliegen kümmern, wenn sie es nicht selber tun? Es ist daher natürlich grundlegend wichtig, dass sich Leute finden, die bei den Wahlen kandidieren – und die brauchen dann auch die Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern im Dorf. 

Angenommen, jemand hat den Sprung in den Gemeinderat geschafft – welche Tipps haben Sie für gewählte Gemeindevertreter zum Umgang mit Andersdenkenden im Gemeinderat?

Im Grunde ist es ähnlich wie bei der vorhin beschriebenen Feier. Es bringt nichts, Kritiker öffentlich abzukanzeln. Warum kann ich jemanden, der meine Praxis beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln kritisiert, nicht einmal auf meinen Hof einladen und mit aufs Feld nehmen? Es geht ja nicht darum, den anderen zu belehren oder den Besserwisser zu spielen, sondern einfach nur darum, von seiner Arbeit zu erzählen und mit dem Kritiker ins Gespräch zu kommen. Dazu gehört auch, über mögliche Alternativen und deren Folgen zu sprechen ...

Sie meinen damit, dass man den Kritikern aufzeigen sollte, wie die Landwirtschaft aussehen würde, wenn sie so wäre, wie sie sich es wünschen?

Ja genau – und vor allem, was das für Folgen für sie selbst hätte. Ich sage in solchen Fällen oft: Ich produziere nach bestem Wissen und Gewissen gesunde Lebensmittel. Ich kann auch anders arbeiten. Ich kann alles machen, was ihr wollt – aber dann kostet mich das auch wesentlich mehr. Ob das nun Auflagen bei der Produktion, bei der Haltung der Tiere oder bei der Verarbeitung und Vermarktung sind – irgendjemand muss mir diese Mehrkosten bezahlen.  Welche Folgen das für jeden Einzelnen von uns hat, kann auch jeder Bauer und jede Bäuerin nachvollziehen. Was Kritiker der Landwirtschaft oft zu vergessen scheinen: Bauern sind auch Verbraucher – und sie ticken beim täglichen Einkauf auch so. Deshalb können wir die Gedanken der Verbraucher auch verstehen. 

Zum Abschluss noch eine aktuelle Frage: In Deutschland ist die Fleischverarbeitung durch den Corona-Skandal beim Verarbeitungsbetrieb Tönnies in Verruf geraten. Müssen Bauern sich darauf einstellen, dass sie die Fleischproduktion aufgeben müssen?

Ich vergleiche Fleisch in diesem Fall gerne mit Zigaretten. So wie in der Vergangenheit das Rauchen verteufelt wurde, geht es zurzeit mit dem Konsum von Fleisch. Alle feuern gegen die Fleischesser und versuchen, dem Fleisch einen negativen Touch anzuhängen. Da passt der Skandal bei Tönnies und anderen Verarbeitungsbetrieben gut ins Bild, auch wenn es hier weniger um das Produkt Fleisch als vielmehr um die Arbeitsbedingungen in den Industrieanlagen ging. Wir müssen die Entwicklung schon genau beobachten, sonst richten wir eine ganze Branche zugrunde. Nach Alternativen zur Produktion von Fleisch durch Landwirte müssen wir nicht lang suchen: Auf der einen Seite geht die Entwicklung hin zur Produktion von Laborfleisch, auf der anderen Seite in Richtung vegetarische und vegane Ersatzprodukte. Wenn wir hier nicht aufpassen, dann wird es gefährlich.