Produktion, Südtiroler Landwirt | 23.07.2020

Wanzenschäden gut beobachten

Bis die Marmorierte Baumwanze und ihre Artgenossinnen wieder in den Apfelanlagen stärker präsent werden, wird es wohl noch etwas dauern. Dennoch gilt es, die Lage genau im Auge zu behalten – und sich auf allfällige Schadensmeldungen gut vorzubereiten. von Bernhard Christanell

Sobald die Früchte einen gewissen Reifegrad erreicht haben, steigt die Gefahr eines Befalls durch die Marmorierte Baumwanze deutlich. Foto: Matthias Matscher

Sobald die Früchte einen gewissen Reifegrad erreicht haben, steigt die Gefahr eines Befalls durch die Marmorierte Baumwanze deutlich. Foto: Matthias Matscher

Auch wenn es mittlerweile erste konkrete Schritte gibt, mit natürlichen Gegenspielern gegen die Marmorierte Baumwanze vorzugehen (der „Südtiroler Landwirt“ hat mehrfach berichtet) – in diesem Jahr wird das noch kaum unmittelbare Auswirkungen auf die Wanzenpopulation haben. Das primäre Ziel ist es, über die kommenden Jahre die Population der Marmorierten Baumwanze zu verringern und ein natürliches Gleichgewicht zwischen Schädling und natürlichen Gegenspielern herzustellen.

In der Zwischenzeit steht die Marmorierte Baumwanze unter intensiver Beobachtung. Der Pflanzenschutzdienst des Landes erhebt in Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg, dem Beratungsring für Obst- und Weinbau und dem Beratungsring Berglandwirtschaft BRING laufend Daten zur Ausbreitung der Baumwanze. 

Erste Vorstufen für Befall bereits seit Ende Juni

So wurden bereits ab Ende Juni bei den Klopfproben und an den eigens dafür aufgestellten Pheromonfallen vermehrt Adulte, Nymphen und Eigelege der Marmorierten Baumwanze gefunden. Generell konnte man bereits im Juni in Anlagen mit Vorjahresbefall und in Anlagen, die an fruchttragende Wirtspflanzen angrenzen, vermehrt Eigelege und Nymphen beobachten.

Schwerpunkt derzeit noch bei anderen fruchttragenden Pflanzen

Grundsätzlich sind die Wanzen aber weiterhin vor allem auf anderen fruchttragenden Wirtspflanzen außerhalb der Obstanlagen zu beobachten. Auch Andreas Kraus, Direktor im Landesamt für Obst- und Weinbau, berichtet: „Das Reifestadium in den meisten Apfelanlagen ist derzeit noch nicht so weit, dass die Früchte für die Wanzen schon interessant sind. Sie halten sich derzeit vor allem in den Randzonen der Anlagen oder auf Kirsch- und Pfirsichbäumen auf.“

Bislang nur einzelne Adulte in Apfelanlagen

In einem Rundschreiben von vergangener Woche hat der Beratungsring darauf hingewiesen, dass in Lagen bis 500 Meter Meereshöhe bislang nur vereinzelt Adulte der Marmorierten Baumwanze gefunden wurden. „Vor allem in Apfelanlagen mit starkem Vorjahresbefall haben wir an den Randreihen bzw. Kopfbäumen und mancherorts auch in der Anlagenmitte aber letzthin eine erhöhte Präsenz älterer Nymphenstadien der ersten Generation festgestellt“, heißt es in dem Rundschreiben. 

Diese Beobachtungen decken sich mit den aktuellen Daten aus den Käfigversuchen des Versuchszentrums Laimburg. Mit dem Auftreten der ersten Larven der zweiten Generation ist laut Beratungsring nicht vor Anfang, Mitte August zu rechnen.

Derzeit sind vereinzelt erste frische Einstiche an den Früchten zu finden. Diese zeigen sich bei einigen Sorten durch eine deutliche Rotfärbung an der Einstichstelle. Das darunterliegende Fruchtfleisch ist braun gefärbt und verkorkt.

Das Auftreten der Marmorierten Baumwanze erfolgt nicht homogen und nicht überall zeitgleich. Deshalb rät der Beratungsring, vor allem die Randreihen in den Anlagen mit starkem Vorjahresbefall sowie Anlagen in der Nähe von anderen fruchttragenden Wirtspflanzen zu kontrollieren. Beim Auftreten von Eigelegen, Nymphen oder einer größeren Anzahl von Adulten empfiehlt der Beratungsring, möglichst bald eine entsprechende Behandlung einzuplanen – vorzugsweise in den frühen Morgenstunden, weil die Wanzen zu diesem Zeitpunkt weniger beweglich sind und deshalb eher von der Spritzbrühe getroffen werden. Blühender Unterbewuchs soll vorher gemulcht werden.

Sollte der Ernstfall eintreten und eine Anlage stark von der Marmorierten Baumwanze befallen werden, so ist es für den betroffenen Landwirt wichtig, rasch zu reagieren und den  Schaden zu melden. Das sieht auch ein Dekret mit „Notmaßnahmen zur Vorbeugung, Eindämmung und Bekämpfung der Marmorierten Baumwanze“ vor, das der Direktor der Landesabteilung Landwirtschaft, Martin Pazeller, vergangene Woche erlassen hat. 

Voraussetzungen für eine mögliche Vergütung

Jene Bauern, die einer der beiden Erzeugerorganisationen VOG und Vi.P angeschlossen sind, können für die Vergütung der durch die Marmorierte Baumwanze entstandenen Schäden auf einen eigens dafür eingerichteten Fonds zurückgreifen. Die notwendigen Informationen darüber, wie sie bei der Schadensmeldung vorgehen müssen, erhalten die Bauern bei der jeweiligen Genossenschaft oder der Erzeugerorganisation. Das genannte Dekret richtet sich daher in erster Linie an jenen kleinen Prozentsatz an  Produzenten, die nicht einem solchen Fonds angeschlossen sind. 

Damit diese die Möglichkeit bekommen, den durch die Marmorierte Baumwanze entstandenen Schaden ebenfalls vergütet zu bekommen, müssen sie einige Voraussetzungen erfüllen. 

Innerhalb von drei Tagen ab dem Zeitpunkt, an dem der Schaden festgestellt wurde – jedenfalls aber zehn Tage vor Erntebeginn – ist der Schaden der Genossenschaft, Produzentenvereinigung oder dem Vermarktungsbetrieb zu melden. Diese/dieser beauftragt einen Sachverständigen mit der Erhebung des Schadens. Falls der Landwirt keiner Erzeugerorganisation, Genossenschaft, Produzentenvereinigung oder keinem Vermarktungsbetrieb angeschlossen ist, muss er selbst einen Sachverständigen zur Schadenserhebung beauftragen und ihn selbst bezahlen. 

Der Bauer muss beid er Meldung genaue Angaben über die betroffenen Grundstücke liefern und den vermutlichen Prozentsatz des Schadens angeben. Vor der endgültigen Feststellung des Schadens darf er nicht mit der Ernte beginnen, auch darf er das geschädigte Produkt weder verfälschen noch verändern. 

Dem Sachverständigen muss der Bauer den LAFIS-Betriebsbogen, das Betriebsheft, den Katasterauszug mit den betroffenen Grundstücken und etwaige weitere Unterlagen, die einen Nachweis des Schadens liefern könnten, zur Verfügung stellen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass etwaige Schäden vergütet werden, betrifft die notwendige Umsetzung der vom Pflanzenschutzdienst vorgeschriebenen Bekämpfungsstrategien. Der Produzent muss eine der folgenden Maßnahmen umgesetzt haben: 

  • Aggregationspheromonfallen für den Massenfang;
  • Insektennetze;
  • mechanische Methoden zur Entfernung des natürlichen krautigen Unterbewuchses;
  • chemische Methoden bzw. Behandlungen mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln. Die Behandlungen mit Pflanzenschutzmitteln müssen dabei im Apfelanbau den Vorgaben der AGRIOS oder den Bestimmungen für den biologischen Anbau entsprechen. 

Der Sachverständige stellt den tatsächlichen Schädlingsbefall fest und quantifiziert dann den Schaden. Auf dieser Grundlage wird die Vergütung durch die Marmorierte Baumwanze berechnet. 

Landesämter sammeln Infos

Am Ende der Produktionssaison übermitteln die Erzeugerorganisationen, die Vereinigungen der Produzenten oder der Vermarktungsbetrieb dem Pflanzenschutzdienst einen detaillierten Bericht über die durch die Marmorierte Baumwanze verursachten Schäden. Die Sammlung der Schadensschätzungen, eine eventuelle Antragstellung und Auszahlung der Vergütungen im Rahmen des nationalen Solidaritätsfonds hat nach den Vorgaben des Landesamtes für Landmaschinen und biologische Produktion zu erfolgen. Voraussetzung für eine mögliche Vergütung des entstandenen Schadens durch die Baumwanze ist ein nachgewiesener Verlust im gesamten landwirtschaftlichen Betrieb von mindestens 30 Prozent des Wertes der gesamten pflanzlichen Produktion im Vergleich zum vorangegangen Drei-Jahres-Durchschnitt.