Verein Freiwillige Arbeitseinsätze | 24.07.2020

„Bergbauer ist man, oder man losst's!“

Der bayerische Liedermacher Tobias Enzl alias Enzian Music aus Untergriesbach bei Passau hat 2018 einen ­freiwilligen Arbeitseinsatz auf einem Bergbauernhof im Ultental gemacht. Nun hat er ein Lied dazu geschrieben: Seit 12. Juli ist es online. von Renate Anna Rubner

Tobias Enzl findet seit seinem freiwilligen Arbeitseinsatz auf einem Bergbauernhof im Ultental Bauern und deren Arbeit zutiefst respekteinflößend. Foto: EnzianMusic

Tobias Enzl findet seit seinem freiwilligen Arbeitseinsatz auf einem Bergbauernhof im Ultental Bauern und deren Arbeit zutiefst respekteinflößend. Foto: EnzianMusic

Tobias Enzl, Jahrgang 1990, lebt in Nürnberg und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit verschiedenen musikalischen Projekten und als Hochzeitssänger. Im Sommer 2018 hat er einen freiwilligen Arbeitseinsatz auf einem Bergbauernhof gemacht. Es waren zwei harte Wochen, wie er im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ verrät. Trotzdem möchte er diese Erfahrung noch einmal machen. Wenn auch noch nicht gleich … 

Südtiroler Landwirt: Herr Enzl, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen freiwilligen Arbeitseinsatz am Bergbauernhof zu leisten?

Tobias Enzl: Ein Freund von mir hatte bereits einen freiwilligen Arbeitseinsatz geleistet und davon erzählt. Im Sommer 2018 wusste ich noch nicht so recht, wie ich meinen Urlaub verbringen sollte, wollte aber unbedingt in die Berge. Und so habe ich mich dazu entschlossen, einen freiwilligen Arbeitsein-satz zu machen. Es wurden dann zwei Wochen, der August war heiß und trocken. Ideale Bedingungen für die Heuernte. Für mich war es eine harte Zeit, von morgens Früh um fünf bis abends um sieben habe ich praktisch nur gearbeitet, schließlich mussten wir das gute Erntewetter ausnutzen …

Wieso haben Sie sich genau für diesen Bergbauernhof im Ultental entschieden?

Ehrlich gesagt, dieser Hof war nicht meine erste Wahl: Ich wollte für den Einstieg eigentlich einen Hof mit Familie. Fix war für mich aber, dass ich bei der Heuernte und im Holz helfen wollte, um überall ein bisschen hineinzuschnuppern. Und so kam ich ins Ultental.

Wie waren der Hof und die Bauersleute?

Der Bauern heißt Luis. Er ist 67 Jahre alt und lebt mit seiner Partnerin Katharina am Hof. Katharina kommt ursprünglich aus Österreich und kam als freiwillige Helferin bereits vor einigen Jahren an den Hof und ist dort geblieben. Die beiden haben keine Kinder, der Hof ist ohne Nachkommen. Deshalb brauchen die beiden auch Hilfe bei der Heuernte und im Stall. 

Als ich am Hof war, waren acht Milchkühe und ein Kalb im Stall, Hennen und eine Sau. Das restliche Vieh war auf der Alm. Die Wiesen, die zum Hof gehören, sind sehr steil. Luis konnte sie zwar mit der Maschine mähen, aber zusammengerecht und eingetan haben wir alles von Hand. Auch Wald gehört zum Hof.

Es gab einen großen Garten, den ich öfter bewässern musste. Bis 2015 haben Luis und Katharina ganz autark gelebt, sogar eigenes Getreide gab es am Hof. Man hat das Brot selber gebacken. Das war aber bei meinem Aufenthalt nicht mehr so. 

Was waren Ihre Arbeiten am Hof?

Morgens um fünf bin ich aufgestanden und in den Stall gegangen. Während Luis die Kühe gemolken hat, habe ich die Futterrationen zusammengestellt und den Kühen gegeben. Gegen sechs bin ich zurück ins Haus zum Feuermachen und Frühstückrichten.Luis hat in der Zwischenzeit die Milch zurSammelstelle gebracht. Beim Frühstück haben wir das Wetter gecheckt und die Arbeiten für den Tag besprochen. Ab sieben waren wir dann schon am Feld. Der Tag war komplett durchgetaktet. Bis abends um sieben wurde gearbeitet. Die ersten Tage bin ich gleich nach dem Abendessen ins Bett, ich war todmüde!

Sie wurden aber gebraucht, so wie es klingt …

Ja, ich habe gut helfen können. Ich bin immer viel am Berg und relativ fit, das hat mir natürlich geholfen in dieser Zeit. Entsprechend gut war ich für die Bauern zu brauchen. Die zwei Wochen haben mich deshalb auch ganz schön gefordert, aber das war okay. Ich habe auch viel gelernt in dieser Zeit: über die Arbeit der Bauern, übers Vieh, woher die Lebensmittel kommen und was für ein langer Weg es ist vom Heu über die Kuh bis zur Milch im Supermarkt. 

Auch die Lebenseinstellung der Bergbauern hat mich stark beeindruckt: Dass man die Arbeit einfach macht, sein Leben voll dem Hof und den Tieren unterordnet. Von außen schaut so ein Leben relativ einfach aus, dabei ist es stressig, weil die Arbeit nie aufhört, weil der Tag eng durchgetaktet ist. Luis und Katharina machen einmal im Jahr einen Tag Urlaub, dann schaut Luis Bruder nach den Tieren, sonst ginge das gar nicht. So etwas können wir uns gar nicht vorstellen. 

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Am meisten beeindruckt hat mich, wie körperlich fertig ich war. Ich habe drei bis vier Tage gebraucht, um mich an die Arbeit und die Zeiten zu gewöhnen und mit dem Rhythmus halbwegs mithalten zu können, den Luis und Katharina haben. Obwohl die viel älter sind als ich, sind sie vor mir aufgestanden und sind nach mir ins Bett gegangen. Ich war nach dem Abendessen so fertig, dass ich gleich ins Bett bin, noch vor acht Uhr!

Luis hatte zudem ein Problem mit der Hüfte, er hätte operiert werden sollen. Das ging aber nicht wegen der vielen Arbeit, die es im Sommer am Hof gibt. Da kann er nicht ausfallen. Deshalb hat er die Operation auf  den Winter verlegt, obwohl er Schmerzen hatte. Für mich unvorstellbar … So habe ich mit dem freiwilligen Arbeitseinsatz gemerkt, was die eigentliche Basis ist. Es ist die Arbeit der Bauern, die uns Lebensmittel bringt. Auch durch Corona ist mir wieder bewusst geworden, dass die Arbeit der Bauern eigentlich die Basis überhaupt ist.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Erfahrungen in einem Lied aufzuarbeiten?

Ich hatte in Südtirol natürlich auch meine Gitarre dabei und habe in den zwei Wochen immer wieder darauf gespielt. Am letzten Abend haben wir uns zu dritt zusammengesetzt und etwas von dem selbst gemachtenSchnaps getrunken. Ich habe ein paar Lieder gesungen, vor allem Mundartlieder, weil Luis mit dem Hochdeutschen nicht viel anfangen kann. Das hat den beiden so gut gefallen, dass sie angeregt haben, ich solle doch ein Lied zu diesem Erlebnis schreiben.  Das habe ich dann auch gemacht, es wurde ein langes Lied, es gab auch mehrere Versionen davon. Und es kam immer gut an, wenn ich es vorgetragen habe. Mein Vater liebt das Lied, er kriegt dabei immer ganz nasse Augen …

Und dann haben wir das Lied aufgenommen, auch das hat total Spaß gemacht. Seit 12. Juli kann man es sich anhören, auf Spotify, iTunes, Amazon Music unter „Enzian Music - Bergbauer“.

In dem Lied singen Sie auch „Bergbauer ist man, oder man losst’s“. Wieso machen die Bauern diese Arbeit, Ihrer Meinung nach?

Ich denke, das ist eine Generationengeschichte: Man wird auf dem Hof geboren, wächst in dieses Leben hinein und kennt es nur so. Von Geburt an. Luis hat für alle seine Kühe einen Namen, wenn er bei ihnen im Stall ist, redet er mit den Tieren. Er lebt für den Hof, er lebt für die Tiere. Er und Katharina haben sich eine Wohnung hergerichtet, in der sie im Alter leben möchten, um den Hof an jemanden zu übergeben, der ihn weiterführt. Sie selber haben ja keine Nachkommen. So war zumindest der Plan. Bisher ist aber immer noch alles beim Alten, sie bearbeiten den Hof, die schwere Arbeit werden sie wohl so lange machen, wie sie es schaffen. Ich glaube, ohne die Arbeit am Hof und mit den Tieren würde Luis wohl krank werden. Das ist sein Leben.

Was haben Sie außer eines unvergeblichen Erlebnisses noch mitgenommen von diesem Bergbauernhof im Ultental?

Zum einen habe ich während der zwei Wochen über die sozialen Medien viele meiner Eindrücke und viele Erfahrungen teilen können und immer ein sehr positives Feedback erhalten. Nicht nur für die Bauern, sondern auch für mich: Viele fanden einfach toll, was ich da machte.

Ich selber finde toll und zutiefst respekteinflößend, was die Bauern leisten. Ich gehe mit anderen Augen in den Supermarkt, weil ich weiß, dass hinter der Milch, die dort im Regal steht, so wahnsinnig viel steckt: an Arbeit, an Herzblut, an Verzicht.

Und ich habe eine zwar nicht enge, aber nette Freundschaft mitgenommen: Katharina und ich schreiben uns ganz selten, aber immer noch E-Mails. Auch eine Weihnachtskarte hat sie mir geschrieben nach dem Arbeitseinsatz. Sie hat ja nicht viel Zeit und schreibt nur ganz selten, den meisten nur einmal im Jahr. Mir schreibt sie zweimal.