Südtiroler Landwirt, Markt | 02.09.2020

Vorsichtig optimistisch

Die europäischen Lager waren zum Saisonsende praktisch leergekauft, nun hat in Südtirol die neue Erntesaison für Äpfel begonnen. Trotz überschauberer Mengen, guter Qualitäten und aufnahmefähiger Märkte blicken VIP und VOG mit gemischten Gefühlen auf 2020/21. von Renate Anna Rubner

Der Anteil an neuen Sorten steigt mit der diesjährigen Ernte deutlich, während die Gesamterntemenge unter den Erwartungen bleibt.

Der Anteil an neuen Sorten steigt mit der diesjährigen Ernte deutlich, während die Gesamterntemenge unter den Erwartungen bleibt.

Die europäische Erntemenge für Äpfel beläuft sich für die gerade angelaufene Erntesaison schätzungsweise auf 10.711.000 Tonnen. Das entspricht in etwa dem Erntevolumen des Vorjahres, liegt aber deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Bei der diesjährigen Prognosfruit, die eigentlich in Serbien hätte stattfinden sollen, letztendlich aber als Online-Konferenz abgehalten wurde, legte die World Apple and Pear Association (WAPA) Anfang August die geschätzten Zahlen für die diesjährige Apfelernte in den 28 EU-Staaten offen: Daraus geht hervor, dass Spätfröste und die inhomogene Blüte dieses Frühlings sowie Hagelschläge, die während des Sommers manche Gebiete stark getroffen haben, in vielen europäischen Anbauländern ihre deutlichen Spuren hinterlassen haben. 

Polen kann zwar im Vergleich zum Vorjahr mit 3.400.000 Tonnen auf eine um 17 Prozent höhere Ernte hoffen, bleibt aber unter dem Volumen einer Vollernte. Starke Einbußen im Vergleich zur Erntemenge 2019 müssen dagegen Frankreich (1.431.000 t) mit einem Minus von 13 Prozent, Österreich (121.000 t) mit einer Minderernte von 17 Prozent, Belgien (167.000 t) mit einem Rückgang von 31 Prozent und Ungarn (350.000 t) mit einem Ernteminus von 23 Prozent hinnehmen. Auch Deutschland, das für Italien einer der wichtigsten Exportmärkte ist, hat mit 951.000 Tonnen ein leichtes Minus im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen (–4 Prozent). Allerdings kommt hier zum Saisonanfang eine relativ große Menge an Äpfeln heimischer kleiner Produzenten auf den Markt, was die Absatzmöglichkeiten dort zwar nicht nachhaltig beeinflussen, aber zumindest zeitlich etwas verzögern dürfte. 
Bildschirmfoto 2020-09-03 um 07.25.50

Für Italien schätzt man ein Erntevolumen von rund zwei Millionen Tonnen (genauer 2.080.000 t) Äpfeln, das ist knapp die Menge des Vorjahres und etwa acht Prozent unter dem Durschnitt der letzten fünf Jahre (mit Ausnahme des Jahres 2017, in dem es starke Spätfröste gab). Südtirol steht mit geschätzten 912.757 Tonnen Äpfeln an der Spitze der italienischen Anbaugebiete, gefolgt vom Trentino, das eine Erntemenge von 496.783 Tonnen erwartet (–7 %), dem Piemont mit 225.281 Tonnen (+5 %), dem Veneto mit 179.334 Tonnen (+3 %) und der Emilia-Romagna mit geschätzten 149.667 Tonnen (–8 %) Äpfeln. 

Der Anteil an Bioware erreicht mit der aktuellen italienischen Apfelernte voraussichtlich eine Rekordmenge von 178.000 Tonnen, also 8,5 Prozent des gesamten italienischen Erntevolumens.

Auch der Sortenspiegel wandelt sich: Ist der Golden Delicious mit einer geschätzten Erntemenge von 1.964.000 Tonnen (–13 %) auf europäischer Ebene und in Italien mit 666.214 Tonnen (–17 %) der Spitzenreiter in der Produktion, gefolgt von Gala mit europaweit 1.490.000 Tonnen (+4 %) und in Italien 387.713 Tonnen (+10 %) sowie Red Delicious (660.000 Tonnen in Europa bzw. 238.130 Tonnen in Italien), so schlägt die Produktion von Cripps Pink in Italien mit 101.991 und einem Plus von elf Prozent im Vergleich zur Ernte 2019 zu Buche, während andere neue Sorten in Italiens Anbaugebieten einen Anstieg der Erntemenge von 34 Prozent auf 105.599 Tonnen verzeichnen können. 

Bildschirmfoto 2020-09-03 um 07.26.19

Wie sieht nun aber die aktuelle Ernteschätzung für Südtirols Apfelanbaugebiete aus? Und wie schätzen der Verband der Obstgenossenschaften Südtirols (VOG) und die Vinsch­gauer Produzenten (VIP) die Dynamik auf den Märkten ein? Um diese Fragen zu klären, hat der „Südtiroler Landwirt“ mit den Direktoren, Walter Pardatscher für den VOG und Martin Pinzger für die VIP, gesprochen. 

Südtiroler Landwirt: Lassen Sie uns zunächst einen kurzen Rückblick auf die abgelaufene Vermarktungssaison werfen: Die Lager sind – nicht zuletzt durch Corona – europaweit praktisch leergefegt. Hat sich die Ausnahmesituation im Frühjahr also vorwiegend positiv auf den Apfelmarkt ausgewirkt?

Walter Pardatscher: Es stimmt, die Situation Covid hat insgesamt zu einem stärkeren Absatz von Obst und Gemüse geführt, also auch von Äpfeln. Vor allem in den ersten beiden Monaten der Ausnahmesituation hat sich das bemerkbar gemacht, dann ist die Nachfrage wieder abgeflacht. Man muss aber berücksichtigen, dass die Apfelernte 2019 unterdurchschnittlich war. Wenn wir uns die Situation von vor einem Jahr anschauen, war das Bild ein ganz anderes. Da gab es noch relativ große Restbestände, weil die Erntemenge 2018 deutlich über dem Durchschnitt lag.

Zurück zur Situation im heurigen Frühjahr: Prinzipiell positiv war, dass das Preisniveau durch die erhöhte Nachfrage zufriedenstellend war. Andererseits gab es Schwierigkeiten in der Logistik und neue Herausforderungen in der Produktion.

Martin Pinzger: Ja, man kann aus den Statistiken seit März ein positives Konsumverhalten zugunsten des Apfels ablesen. Das hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass der Apfelmarkt in diesem Jahr in ein stabiles Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gekommen ist.

Sie haben es bereits angesprochen: Welche konkreten Herausforderungen galt es für Sie als Vermarkter, durch den Lockdown und die Corona-Krise zu bewältigen?

Walter Pardatscher: Eine der großen Herausforderungen lag in den Genossenschaften selbst: Zunächst musste die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleistet und Maßnahmen getroffen werden, damit in Produktion und Verwaltung überhaupt gearbeitet werden konnte. Diese Herausforderung wurde aber super gemeistert. An dieser Stelle möchte ich auch allen danken, die in dieser Ausnahmesituation zu den Betrieben gestanden, Verantwortung mitgetragen und außergewöhnlichen Einsatz gezeigt haben. 

Die zweite Herausforderung lag, wie bereits erwähnt, in der Logistik: Und zwar sowohl bei der Lieferung von Verpackungsmaterial als auch beim Abtransport der Äpfel zu den Kunden. Auch das hat sich aber als machbar erwiesen, wenn auch mit höheren Transportkosten.

Martin Pinzger: Unser primäres Anliegen war und ist die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als Arbeitgeber waren wir primär gefordert, diese Sicherheit auf allen Ebenen zu gewährleisten. Und das ist uns bis heute gelungen: Dank der Unterstützung unserer gesamten Belegschaft konnten Ansteckungen bisher vermieden werden. Dadurch war es uns auch möglich, unsere Kunden sogar in den schwierigsten Momenten zum größten Teil gut zu beliefern.

Laut WAPA wird für Europa in etwa dieselbe Erntemenge erwartet wie 2019, aber etwas weniger als im Durchschnitt der letzten drei Jahre. Wie groß schätzen Sie zum heutigen Stand die Erntemenge für Ihr Einzugsgebiet?

Walter Pardatscher: Für unsere zwölf Mitgliedsgenossenschaften erwarten wir eine Ernte von rund 510.000 Tonnen Tafeläpfeln. Das ist mehr als im Vorjahr, obwohl die gesamte Erntemenge 2019 höher war: Grund hierfür waren die stärkeren Qualitätseinbußen durch Frost und Hagel im Jahr 2019.

Martin Pinzger: Leider stehen die sechs Apfelgenossenschaften der VIP heuer vor einer schlechten Ausgangslage. Bereits in der Schätzung mussten wir einen Rückgang zum Vorjahr von insgesamt rund 20 Prozent einplanen. Im Detail bedeutet dies für Tafelware aus integrierter Produktion 230.000 Tonnen und 20.000 Tonnen bei Industrieware. Bei Biotafel­ware rechnen wir mit 34.000 Tonnen und bei Bioindustrieware mit 6000 Tonnen Erntemenge. Wobei es für konkrete Zahlen in unserem Fall noch viel zu früh ist, wir müssen jetzt erst die Ernte abwarten …

Kurz vor Gala-Erntebeginn hat es auch heuer in einigen Gebieten gehagelt. Mit welchen Einbußen ist dadurch zu rechnen?

Walter Pardatscher: Ja, einige Gebiete und Bauern im VOG-Einzugsbereich hat es stark getroffen, vor allem in der Meraner Gegend und im Eisacktal. Für die einzelnen Betroffenen sind die Schäden natürlich maßgeblich, auf VOG-Ebene hat es uns heuer – bisher – aber nicht so stark getroffen wie im letzten Jahr. Zum Glück haben wir über 60 Prozent der Produktion unter Hagelnetz, bei Clubsorten sind es sogar 76 Prozent. Da gibt es zwar Streuschäden, aber Schlimmeres kann so abgefangen werden. Wie die Schäden insgesamt zu beziffern sind, wissen wir heute noch nicht. Und es kann noch einiges passieren ...

Martin Pinzger: Auch wir können das konkrete Ausmaß der Schäden noch nicht abschätzen. Aber die Hagelschläge führen sicher zu einer weiteren Reduzierung der Menge an Tafeläpfeln bzw. zu einer Verschlechterung der qualitativen Ausbeute. 

Fest steht, dass jede weitere Einbuße bei der bereits vorab sehr reduzierten geschätzten Gesamternte für uns äußerst schmerzlich ist. Das gilt für die gesamte VIP-Gruppe und im speziellen für die betroffenen Mitglieds­genossenschaften sowie unsere Bäuerinnen und Bauern.

Die Ernte hat heuer etwas früher begonnen. Was ist jetzt schon im Lager?

Walter Pardatscher: Die Ernte der Sorte Gala ist im VOG-Bereich de facto abgeschlossen, lediglich in einigen höheren Lagen hängen noch Gala auf den Bäumen. Das heißt, etwa ein Fünftel der Gesamtmenge ist in den Lagern. SweeTango, ein neuer, früher Apfel für höhere Lagen um Brixen und am Ritten, ist auch bereits gepflückt und kommt jetzt auf den Markt. Bald werden die nächsten Sorten folgen, wie z.B. auch CIVM49/Redpop

Martin Pinzger: Im Vinschgau sind wir mit der Ernte heuer sechs bis acht Tage früher gestartet als im Vorjahr, mit der Sorte Gala. Derzeit sind etwa 20 Prozent der Galaernte in den Lagern unserer Genossenschaften.

Wie ist die Qualität der vermarktungsfähigen Tafeläpfel, d. h., welche Größen sind zu erwarten, wie ist die Ausfärbung, wie schätzen Sie die Lagerfähigkeit der Ernte ein?

Walter Pardatscher: Die Qualität ist heuer sehr gut. Wir haben große Kaliber, eine gute Ausfärbung und gehen von einer guten Lagerfähigkeit der Äpfel aus. Wir hatten kaum wirklich heiße Tage und kurz vor der Ernte optimale Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Ich gehe davon aus, dass es für die Qualität unserer Äpfel ein Ausmahmejahr im positiven Sinne wird. 

Martin Pinzger: Die bis dato eingefahrene Galaernte ist von guter Qualität und durchschnittlicher Fruchtgröße. Wegen des schwächeren Behanges wird die Fruchtgröße bei den meisten Sorten aber überdurchschnittlich ausfallen. Bei schwach behangenen Partien besteht dann erfahrungsgemäß die Gefahr, dass die Lagerfähigkeit leidet. 

Die neue Vermarktungssaison ist bereits angelaufen. Wie aufnahmefähig präsentieren sich die Hauptmärkte?

Walter Pardatscher: Was den deutschen Markt derzeit belastet, ist ein hohes örtliches Angebot vieler privater Betriebe aus Streuobstanbau: Dieses saisonale Angebot ist heuer drei- bis viermal so hoch wie im Vorjahr. Auf anderen Märkten findet sich noch Überseeware. Diese Situation dürfte sich aber im Laufe des Herbstes von alleine lösen und entsprechenden Schwung in den Abverkauf bringen. Sofern die Kaufkraft erhalten bleibt. Das ist nämlich die große Unbekannte in dieser Saison.

Martin Pinzger: Wie von Ihnen eingangs erwähnt, ist der europäische Apfelmarkt zwar gut geräumt, wir merken aber, dass der derzeitige Saisonstart begrenzte Dynamik aufweist. Alle Provenienzen haben gehofft, die doch guten Galaerntemengen zügig abzubauen. Das scheint nun nicht so einfach. Dazu kommt, dass speziell für den Gala einerseits durch das Coronavirus und andererseits durch konkurrierende Überseeware wichtige Exportmärkte versperrt sind. 

Wie ist derzeit die Stimmung unter den Apfelbäuerinnen und -bauern?

Walter Pardatscher: Wenn die Situation so bleibt, ist die Stimmung recht gut: Die Qualität ist hoch, die Märkte werden wohl aufnahmefähig. Bei den Hagelgeschädigten ist die Stimmung nicht so gut, das ist klar. Es bleibt aber – neben möglichen weiteren Hagelschlägen – noch die Asiatische Baumwanze als Fragezeichen: Bisher liegen uns zwar noch keine Rückmeldungen zu Schäden vor, aber das kann sich noch ändern.

Martin Pinzger: Nur sehr wenige unserer Bäuerinnen und Bauern finden in ihren Wiesen zufriedenstellende Erntemengen und -qualitäten vor. Das dämpft die Stimmung natürlich. Dazu kommt eine große Unsicherheit wegen des Coronavirus bezüglich der Erntehelfer. Das macht die Situation auch nicht einfacher. Die letzten Jahre waren schwierig, auch heuer gibt es keine Erleichterung.

Trotzdem schauen wir mit Optimismus in die neue Vermarktungssaison: Wir haben bereits in der Vergangenheit schwierige Rahmenbedingungen durchwandert, und ich bin zuversichtlich, dass auch die kommende Vermarktungssaison durch das übersichtliche Angebot ihre positiven Seiten zeigen wird.