Südtiroler Landwirt | 03.09.2020

Kein Hof ohne Hund

Für viele gehört er zu einem Hof einfach dazu: der Hofhund. Jedoch ist nicht jede Rasse für jede Aufgabe geeignet. Worauf es bei der Anschaffung, Ausbildung und ­Haltung eines Hundes ankommt, erklärt die diplomierte Hundetrainerin Giulia Morosetti. von Anna Pfeifer

Ein aktuell sehr beliebter Hund: der Border Collie. Aber Vorsicht, diese Hunde brauchen unbedingt eine Aufgabe und viel Bewegung. Foto: Katrin B., Pixabay

Ein aktuell sehr beliebter Hund: der Border Collie. Aber Vorsicht, diese Hunde brauchen unbedingt eine Aufgabe und viel Bewegung. Foto: Katrin B., Pixabay

Pluto lebte fast zwei Jahre auf einem Bauernhof in Südtirol, bis er dann ins Tierheim gebracht wurde. Er war zu einem „Problemhund“ geworden. Der Grund: Der Collie-Mischling hatte keine konkreten Aufgaben am Hof. So hat er einen starken Jagdtrieb entwickelt und ist aus Langeweile häufig ausgebüchst. Für die Familie war er nicht mehr händelbar. 

„Leider ist Pluto kein Einzelfall“, erklärt Giulia Morosetti, leitende Angestellte des Sanitätsbetriebs und tätig im Tierheim Sill. „Hätte man sich vor der Anschaffung des Hundes etwas mehr Gedanken gemacht, so hätte man dem Tier einiges ersparen können.“ Um Schicksale wie jenes von Pluto zu verhindern, ist es notwendig, sich vor der Anschaffung eines Hundes einige Grundfragen zu stellen: Was soll der Hund auf meinem Betrieb machen? Soll er mit Tieren arbeiten? Oder doch lieber das Haus bewachen? Habe ich überhaupt genug Zeit für einen Hund?

Sind diese Fragen erst einmal beantwortet, so kann eine passende Rasse identifiziert werden. Giulia Morosetti erklärt: „Jede Hunderasse hat typische Eigenschaften. Ob sich diese dann auch beim einzelnen Individuum entwickeln, hängt wesentlich von der Erziehung ab.“

Hüte- und Herdenschutzhunde

Grundsätzlich gibt es fünf Hundetypen, die als Hofhund infrage kommen: Hütehunde, Herdenschutzhunde, Personenschutzhunde, Jagdhunde und klassische Hofhunde.

Zu den Hütehunden zählen Rassen wie zum Beispiel Border Collie, Australian Shepherd und der Bergamasker Hirtenhund. Diese Hunde sind Arbeitshunde. Sie halten die Herde zusammen und führen sie. Hütehunde können nur zusammen mit einem Menschen arbeiten: Sie brauchen dessen Anweisungen und haben eine ausgeprägte Bindung zur Bezugsperson. Diese Hunde benötigen viel Bewegung und sind schnell unterfordert. Aktuell sehr beliebt sind Border Collies. Diese Hunde haben etwas längeres Fell, erreichen eine Schulterhöhe von 50 bis 60 Zentimetern und sind sehr lebhaft.

Nicht zu verwechseln mit Hütehunden sind Herdenschutzhunde. Sie sind dazu da, die Herde gegen Angreifer und Diebe zu verteidigen. 

Der bei uns bekannteste Herdenschutzhund ist wohl der Maremmano. Es gibt jedoch für jedes Gebiet eigene Rassen, die sich leicht unterschieden. So ist in Frankreich der Pyrenäen-Berghund verbreitet und in Ungarn der Kuvasz. Tiere dieser Rassen zeichnet das ruhige und selbstständige Gemüt aus. Sie halten sich in und rund um die Herde auf, bewegen sich nicht unnötig und beobachten ihr Umfeld. Nähert sich eine potenzielle Gefahr, reagieren sie aggressiv und verteidigen die ihnen anvertrauten Tiere. Maremma-Hirtenhunde sind sehr große Hunde und erreichen eine Schulterhöhe von über 70 Zentimetern und ein Gewicht von 40 Kilogramm. Das dichte zottelige Fell schützt sie vor den rauen Wetterbedingungen im Gebirge und vor Bissen durch Wölfe und andere Angreifer. 

Schäferhunde brauchen Nähe

Wiederum für ganz andere Aufgaben gezüchtet wurden Personenschutzhunde. Zu ihnen zählen neben Rottweiler und Dobermann auch Deutsche Schäferhunde, die häufig auf Höfen anzutreffen sind. Diese Tiere haben eine starke Bindung zu ihrer Bezugsperson und brauchen die ständige Nähe. Ohne die richtige Erziehung tendieren Hunde dieser Rassen, eine gewisse Schärfe gegenüber Fremden zu entwickeln. 

Jagdhunde werden ebenfalls als Hofhunde gehalten, als Wachhunde sind sie jedoch ungeeignet. Für die Tiere ist es optimal, wenn sie jagdlich geführt werden, da sie sonst unterfordert sind. Durch den jagdlichen Gebrauch neigen diese Hunde dazu, sich auch selbstständig vom Hof zu entfernen. Bekannte Rassen sind Terrier, Spaniel und Dackel. Hält eine Jägerin oder ein Jäger einen solchen Hund am Hof, gilt es, diese bereits früh an die anderen Tiere am Hof – wie Hühner und Katzen – zu gewöhnen.

Die Klassiker: Spitz und Schnauzer

Klassische Hofhunde hingegen sind sehr hoftreu und haben im Normalfall weniger Jagdtrieb. Kleinere Rassen sind Spitz und Eurasier. Diese Hunde sind sehr wachsam und tendieren dazu zu bellen. Größer Hofhunde hingegen sind der Mittelgroße und Große Schnauzer und der Leonberger. Eine bei uns eher unbekannte Rasse ist der Hovawart. Hunde dieser Rasse sind bisher vor allem in Deutschland verbreitet. Diese bis zu 70 Zentimeter hohen Tiere bestechen durch ihr ruhiges Gemüt, die Hoftreue und sind sehr gute Wächter. 

Nordische Hunde wie beispielsweise Schlittenhunde sind auf Höfen nicht geeignet – sie haben einen extrem ausgeprägten Jagdtrieb und ein sehr unabhängiges Wesen.

Bei der Haltung von Mischlingen ist laut Giulia Morosetti folgendes zu bedenken: „Bei Mischlingshunden kann man nicht sagen, welche rassetypischen Eigenschaften sich schlussendlich entwickeln. Es können sich die besten Eigenschaften von zwei Rassen ergänzen, aber im schlimmsten Fall auch die schlechtesten.“

Erste sechs Monate grundlegend

Neben der Wahl der richtigen Rasse ist auch die Sozialisierung und Ausbildung eines Hundes grundlegend. Ein Hundewelpe durchläuft verschiedene Phasen der Sozialisierung: jene gegenüber Artgenossen, jene gegenüber Menschen und jene gegenüber der Umwelt. Die primäre Phase der Sozialisierung findet vor allem in den ersten Lebenswochen statt. In dieser Zeit lernt der Welpe, dass er ein Hund ist und wie er sich gegenüber Artgenossen verhalten muss. Hier spielen die Mutter und die Geschwister die wichtigste Rolle. Aus diesem Grund dürfen Welpen nicht vor dem 60. Lebenstag von der Mutter und den anderen Welpen entfernt werden. Bei der Sozialisierung zu Artgenossen sind Hunde in der Lage zu generalisieren: Das heißt, sie müssen nicht mit jeder Hunderasse Kontakt gehabt haben um sie als Hund zu erkennen.

Bei Menschen können Hunde nicht generalisieren. Aus diesem Grund sollten Welpen im Alter von zwei bis vier Monaten möglichst viele Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen sammeln. So gilt es, den jungen Hund schon früh an den Kontakt mit verschiedenen Kindern, Frauen und Männern zu gewöhnen.

Die Sozialisierung gegenüber der Umwelt beginnt eigentlich schon im Mutterleib, ist aber besonders zwischen der zwölften und 16. Lebenswoche wichtig. In dieser Zeit sollte der Welpe alle Umgebungen kennen­lernen, in denen er sich als Erwachsener zurechtfinden soll: von der Stadt über die Berge bis hin zum Auto. Ist der Hund vier Monate alt und hat all diese Dinge nicht kennengelernt, ist ein Fehlverhalten nur mehr schwer korrigierbar. 

Auch sollte jeder Hund für eine gewisse Zeit in einem Zwinger oder Ähnlichem abgelegt werden können. Dabei sollte die Bezugsperson den Hund langsam an diesen Ort heranführen, ihn dort füttern, sodass der Aufenthalt etwas Natürlichem für den Hund wird. Es sei kontraproduktiv den Hund als Strafe im Zwinger einzusperren, erklärt Morosetti.

Im ersten halben Lebensjahr und während der Pubertät des Hundes sollte ihm sein Herrchen oder Frauchen alle grundlegenden Dinge beibringen – an der Leine laufen, das Anlegen eines Maulkorbs, einfache Kommandos, mit dem Auto mitfahren usw. Ab dem sechsten Monat kann dann mit der Ausbildung für die „Arbeit“ des Hundes angefangen werden. Auch nach der Ausbildung braucht der Hund die Nähe zum Menschen. „Schließlich sind Hunde keine Gartenzwerge“, so Morosetti. „Der tierärztliche Dienst steht Interessierten vor der Anschaffung eines Vierbeiners gerne beratend zur Seite. Unser Ziel ist es nämlich, dass die Tiere ein gutes zu Hause haben, wo sie ein Leben lang bleiben können.“ 

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Richtige Haltung

Hofhunde sollten in einem Zwinger oder einem begrenzten Bereich am Hof gehalten werden. Dabei müssen dem Tier (laut Landesgesetz Nr. 9, 2000) mindestens 20 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen und einmal täglich Auslauf geboten werden. 

Unkastrierte Weibchen dürfen keinesfalls an der Kette gehalten werden. Morosetti gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass eine tiergerechte Haltung jedoch weit über diese gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus geht. 

In Italien besteht zudem eine Leinenpflicht (ausgenommen ist der eigene Privatbesitz), und dem Hund muss – wenn dazu aufgefordert wird – im öffentlichen Raum ein Maulkorb angelegt werden. 

Dem Hund sollten ein trockener Schlafplatz und ein Rückzugsort zur Verfügung stehen. Täglich frisches Wasser und Futter sind ein Muss. Rohes Schweinefleisch und Essensreste sollten dem Vierbeiner nicht gegeben werden.