Südtiroler Landwirt | 15.10.2020

Der Hof als Lebenswerk

Am historischen Feirumhof in Unterinn haben sich Tanja und Georg Ramoser einen Traum erfüllt: Den Hof zu renovieren, durch einen Zubau aufzuwerten und mit neuem Leben zu füllen – Tür an Tür und unter einem Dach mit der Altbäuerin. von Renate Anna Rubner

Der Feirumhof in Unterinn ist nach der umfangreichen Sanierung authentisch geblieben, aber den Standards modernen Wohnens angepasst.

Der Feirumhof in Unterinn ist nach der umfangreichen Sanierung authentisch geblieben, aber den Standards modernen Wohnens angepasst.

Jonas ist ein Wirbelwind. Am Feirumhof in Unterinn hat der Zweijährige sein Reich, in dem er nach Herzenslust herumtoben kann. Am liebsten ist er draußen, heute ist das Wetter aber schlecht: Den ganzen Tag schon regnet es, es hat empfindlich abgekühlt. Drinnen aber, in der warmen Stube, lässt sich’s gut aushalten. Das war aber nicht immer so. Georg Ramoser, der Bauer am Feirumhof und Vater von Jonas, erinnert sich noch gut an die Zeiten ohne Heizung, ohne Warmwasser und ohne Kanalisierung. 

Aber beginnen wir von vorne: Denn die Geschichte des Feirumhofes ist eine, die es zu erzählen wert ist. Tanja und Georg Ramoser haben viel Arbeit und viel Herzblut in den Umbau und die Sanierung des Feirumhofes investiert. Über Jahre hinweg. „Ich würde alles noch einmal so machen“, sagt Georg Ramoser mit Überzeugung. „Das hier ist meine Heimat. Es ist der Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Und den wollte ich erhalten und für unsere Bedürfnisse herrichten.“

Der Feirumhof stammt aus dem 17. Jahrhundert, Familie Ramoser lebt in vierter Generation auf dem Hof, der neben dem historischen Wohnhaus auch einen Stall mit Stadel, etwa sechs Hektar Wiesen und acht Hektar Wald umfasst. Georg Ramoser hat zusätzlich Mähwiesen in Pacht, um die zwölf Milchkühe im Stall und etwas Jungvieh durchfüttern zu können. Auch ein halber Hektar Weingut gehört zum Feirumhof, den hat der Bauer aber inzwischen verpachtet.

Wohnen ohne Heizung und Warmwasser

Georg Ramoser hat den Feirumhof im Jahr 2009 von seinem Vater übernommen. Das Haus war in keinem guten Zustand, schon lange war nichts mehr daran gemacht worden. Die Familie, also Georgs Eltern, seine drei Schwestern und er hatten in vier Räumen gewohnt: zwei Schlafzimmern, dem Bad, einer Küche und einer Stube. Es gab keine Zentralheizung, ein Ofen in der Stube und ein Holzherd in der Küche sorgten für etwas Wärme. Wohnlich wurde es trotzdem nie, denn aus Fenstern, Türen und durchs Dach ging viel Energie verloren. Im Bad gab es zwar einen mit Holz beheizbaren Boiler, aber auch der war schon länger defekt, Warmwasser gab es im Haus deshalb nicht. Auch an die Kanalisierung war der Feirumhof noch nicht angeschlossen.

SBB-Lehrgang besucht

Das war auch der erste Schritt, den Georg Ramoser am Feirumhof umgesetzt hat. Bereits gleich nach der Übernahme des Hofes hat er sich zu informieren begonnen: in der Gemeinde und beim Denkmalamt. Dann hat er im Südtiroler Bauernbund den Lehrgang „Bauen, Sanieren und Renovieren in der Landwirtschaft“ besucht. Experten aus den verschiedensten Bereichen gaben dort einen Überblick über Finazierung, Planung und Umsetzung landwirtschaftlicher Bauvorhaben. Einer der Referenten war der Architekt Stefan Gamper. Ihn sprachen Tanja und Georg Ramoser dann auch an, als es um die konkrete Planung und Umsetzung ihres Projektes ging.

Viele Diskussionen

Am 31. Oktober 2012 konnte das fertige Projekt in der Gemeinde Ritten abgegeben werden. Bis dahin aber war es bereits ein langer Weg. „Mit dem Denkmalamt haben wir im Vorfeld schon viele Gespräche geführt und sind Schritt für Schritt langsam zu einer für beide Seiten akzeptablen Lösung gekommen“, erzählt Georg Ramoser. Denn die Beamten vom Denkmalamt waren zunächst ganz und gar gegen einen Zubau am historischen Hof. Sie hätten lieber einen Neubau neben der alten Struktur gehabt, in dem das junge Übernehmerpaar einziehen sollte, während die Eltern im alten Gebäude wohnen bleiben sollten. Das war aber für Tanja und Georg keine Option, sie wollten in ein und demselben Haus mit Georgs Eltern wohnen. Denn sie waren der Überzeugung, dass das dem Gebäude und seiner historischen Struktur und Charakteristik keinen Abbruch tun würde, für das Zusammenleben am Hof aber essenziell sei. 

Letztendlich, nach vielen Gesprächen, hat man sich im Denkmalamt dazu durchgerungen, den Zubau und die damit einhergehenden Eingriffe in die alte Bausubstanz zu genehmigen. „Das Schwierigste war, mit den Beamten eine Diskussionsebene zu finden“, erzählt Georg im Nachhinein. Denn auf beiden Seiten habe zunächst viel Skepsis geherrscht. „Wenn man aber aufeinander zugeht und akzeptiert, dass die Leute vom Denkmalamt auch nur ihre Arbeit tun und ihren Standpunkt vertreten, dann geht es zum Schluss besser, als man denkt“, ist sich der Bauer sicher.

Schritt für Schritt saniert

Die Baubewilligung erhielten Tanja und Georg Ramoser im März des Jahres 2013. Daraufhin machten sie sich gleich ans Werk. Georg, der bis dahin im Hauptberuf als  Baggerfahrer gearbeitet hatte, machte zunächst den Aushub für die Kanalisierung selber. Danach mussten die alten Grundmauern des Hauses unterfangen und trockengelegt werden, wie es im Fachjargon heißt. Das bedeutet, dass Georg die Mauern freigelegt hat, um sie dann auszubessern und zu stabilisieren. 

Der größte Eingriff war der, als im vorderen Teil des alten Hauses alle Decken herausgenommen wurden. Tanja und Georg zeigen eindrucksvolle Bilder von dem Skelett, das dadurch stehen blieb: Von ganz unten im Parterre bis hinauf zum Dachstuhl war das Haus ein einziger Hohlkörper. Die Eltern hatten sich in den hinteren Teil der Wohnung mit Schlafzimmer und Küche zurückgezogen. „Die Mama hat in der Zeit viel Geduld gebraucht“, sagt Tanja anerkennend. „Jeden Tag sind die Handwerker durch ihre Wohnung gelaufen, aber sie hat das mit stoischer Ruhe hingenommen. Hat auch nie gejammert oder sich beschwert.“

Dann wurde im Parterre weitergemacht. Hier gab es neben Keller- und Lagerräumen im vorderen Teil des Hauses eine kleine Wohnung, die zwar schon lange nicht mehr bewohnbar war. Im Zuge der Bauarbeiten kam Georg die Idee, diese kleine Wohnung wieder herzurichten und durch einen Zugang von Außen zu erschließen. „Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, sind sich Tanja und Georg einig. Denn hier konnten vorübergehend Georgs Eltern einziehen, die den Hof auf keinen Fall verlassen wolten. Das junge Paar hingegen wohnte im Dorf, bei Tanjas Eltern, bis der Umbau fertig war.

Der Heizraum und das Hackschnitzellager wurden im Herbst 2014 außerhalb des Hauses unterirdisch realisiert. Von dort aus können nun alle drei Wohneinheiten einzeln beheizt und mit Warmwasser versorgt werden. 

Dann wurde der Zubau in Angriff genommen: Auf drei Stockwerke erstreckt sich der: im Souterrain ist eine Garage untergebracht, darüber – im Parterre – sind der Eingangsbereich für die neue Wohnung, eine große Küche mit Speis und ein Tages-WC eingerichtet. Von hier aus gelangt man auch in die zweite Etage, die sich über den Zu- und den gesamten Altbau erstreckt und den ehemaligen Speicher mitnutzt. Hier liegen die Schlaf­zimmer der jungen Familie, ein Bad, ein Arbeitsraum und ein Wohnzimmer mit großer ­Fensterfront und vorgelagerter, überdachter Terrasse. Tageslicht kommt auch über zwei Dachfenster ins Obergeschoss.  

Holz aus den eigenen Wäldern

Überall duftet es nach Holz. Das hat Georg aus den eigenen Wäldern geholt und für den Umbau verwendet: etwas ist aus Zirbe, etwas aus Buchen- und Kirschholz und manches aus Fichten- oder Lärchenholz. Auch die Küche ist aus dem eigenen Holz gemacht. 

Tür an Tür mit der jungen Familie wohnt Oma Maria in der Wohnung, wo früher die ganze Familie gewohnt hatte: Das Kreuzgewölbe im Flur ist erhalten geblieben. Von dort aus geht es in die verschiedenen Räume: Die Küche, die Stube, deren gotische Holzbalkendecke und Täfelung restauriert und wieder eingebaut wurde, Bad und Schlafzimmer. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie schon im Februar 2016 in ihre Wohnung zurückgekehrt. So konnte er dort sterben, so wie er es sich gewünscht hatte: in der Stube, in der er auch geboren wurde.

Tanja und Georg zogen im September desselben Jahres ein, ein Jahr später haben sie geheiratet. Im Jahr darauf ist Jonas geboren. Der Umbau ist aber bis heute noch nicht ganz abgeschlossen: Besonders im Außenbereich gibt es noch einiges zu tun. „So einen Umbau macht man nicht von heute auf morgen, das ist ein Lebenswerk“, sagt Georg Ramoser. Deshalb müsse man solche Projekte vorsichtig und Schritt für Schritt angehen. Dieser Meinung war auch die Jury des ITAS-Preises und prämierte Familie Georg und Tanja Ramoser vom Feirumhof im Jahr 2018 für die vorbildliche energetische Sanierung.

Und Jonas? Der sieht das wohl ebenso. Er flitzt durch die Wohnung, kramt in den Spielsachen, sät die Bauklötze auf dem Boden aus. Schließlich hat er eine behagliche große Wohnung als Spielplatz ganz für sich alleine. Aber, wie lange noch? Das Zimmer für ein Geschwisterchen ist auf jeden Fall schon da …